Lektüre Oktober 2020

Meine Lektüre im Oktober 2020:

Oktober ist natürlich eigentlich der Buchmessemonat – aber 2020 ist alles anders, was aber ein mehr an Zeit für die Lektüre bedeutete. Umfangreiche Beiträge entfielen, fünf lange Messetage und die entsprechende Vor- und Nachbereitung. An drei Tagen war ich dennoch in Frankfurt – und habe euch auf Instagram ein wenig mitgenommen. Einen etwas ausführlicheren Bericht über die fast menschenleere Festhalle, die vielen tollen Lesungen im Rahmen von Openbooks und Literaturbahnhof, die schönen Online-Events der Verlage und die digitale Messe wird es beim Jahresrückblick geben.

Fürs Lesen waren also eigentlich optimale Voraussetzungen geschaffen, zumal der Oktober ja nicht allzu golden war und damit bestes Sofawetter herrschte. Ich muss zugeben, dass mich aber der erneute, dramatische Anstieg der Corona-Zahlen und die Vorboten der US-Wahl doch ein Stück weit in der Konzentration hemmten. Umso schöner war es dann, wenn das Eintauchen in Geschichten funktionierte. Sieben relativ umfangreiche Bücher sind es dann für die Lektüre im Oktober 2020 geworden – fast alle unbedingt empfehlenswert.

Minka Pradelski - Es wird wieder TagMinka Pradelski – Es wird wieder Tag

Minka Pradelski, Jahrgang 1947, ist als Tochter von Überlebenden der Shoah im Lager für “Displaced Persons” in Frankfurt Zeilsheim aufgewachsen.
In ihrem zweiten Roman – nach “Und da kam Frau Kugelmann” – erzählt sie von einer Familie wie der ihren.
Klara und Leon Bromberger haben sich nach der Befreiung auf ihrem Weg gen Westen, weg aus Polen kennengelernt. Mehr als die große Liebe ist es eine Sehnsucht nach Zugehörigkeit und Neuanfang, dass die Beiden, die ihre ganzen Familien verliren haben, zueinander treibt. Ziel ist die Emigration nach Amerika. Irgendwie bleiben sie aber in Deutschland hängen. Sehr eindrücklich schreibt Minka Pradelski von den Konflikten, die das Leben im Land der Täter hervorruft, von der “Schuld überlebt zu haben”, der Bürokratie, die den keineswegs auf einmal willkommenen Überlebenden den Alltag erschwert.
Ein zweiter Erzählstrang erzählt von Klaras Überleben in Polen, ihrem Untertauchen, ihrer Entdeckung und Inhaftierung im Lager Sackisch.
Leider, muss man sagen, fügt die Autorin diesen beiden gelungenen und wichtigen Abschnitten noch eine dritte Perspektive hinzu, die des Neugeborenen Sohns Bärel, der ab seiner Geburt kommentierend, altklug, rotzig dabei ist.
Nun ist eine solche surreale Perspektive nicht neu, sie gelingt auch in den wenigsten Fällen (finde ich), für dieses Buch stellt sie aber tatsächlich eine Hürde dar. Es gilt diese ersten 60 Seiten zu bewältigen, nicht da schon das Buch genervt zuzuklappen. Dann kann man eine wirklich wichtige, erhellende Geschichte lesen, die den unvorstellbaren Geschehnissen ein weiteres Mosaikteil hinzufügt.

 

Das Geschenk des Lebens von Sarah LeipcigerSarah Leipciger – Das Geschenk des Lebens

Auch wenn die kanadische Autorin Sarah Leipciger es nicht ganz schafft, ihre drei Erzählebenen ganz zwingend zusammenzuführen, sondern im nur weiteren Sinn das Thema Leben, Atmen bzw. nicht mehr atmen können über allem steht, ist Das Geschenk des Lebens ein sehr lesenswertes Buch. Es erzählt von der Inconnue de la Seine, die am Ende des 19. Jahrhunderts in Paris ihrem Leben ein Ende setzte, vom Entwickler der Resusci-Anne, der Puppe, an der Wiederbelebungstechniken geübt werden, und von Anouk, die an Mukoviszidose leidet und auf eine Lungentransplantation wartet. Besonders der letzte Erzählstrang hat mir sehr gefallen.

 

Michael Crummey – Die UnschuldigenMichael Crummey - DIE UNSCHULDIGEN

Ein historischer Roman aus der Zeit um 1800, in dem die See eine große Rolle spielt, ist Michael Crummeys Die Unschuldigen. Das Meer ist für die Bewohner der abgelegenen kanadischen Bucht weit oben in Neufundland Lebens- und Nahrungsquelle und Bedrohung zugleich. Zweimal im Jahr kommt ein Versorgungsschiff vorbei, ansonsten ist man auf sich selbst angewiesen, meilenweit von der nächsten Siedlung entfernt, oft genug von Eis und Schnee völlig eingeschlossen. Als in kurzem Abstand kleine Schwester, Vater und Mutter versterben, sind Ada und Evered, knapp zehn und zwölf Jahre alt, völlig auf sich gestellt. Sie lernen, mit der Natur und der anfallenden Arbeit fertigzuwerden, überstehen harte Wintee, meistern schwierige Situationen. Aber da sind auch noch die verwirrenden Gefühle der Heranwachsenden.
Michael Crummey hat es geschafft, mich auf diese abenteuerliche Reise in Raum und Zeit mitzunehmen. Das Buch ist ruhig und doch dramatisch, spannend und authentisch. Ich mochte es sehr.

 

margaret-laurence-der-steinerne-engelMargaret Laurence – Der steinerne Engel

Ein steinerner Engel wacht über das Familiengrab der Curries im fiktiven Örtchen Manawaka in Manitoba, Kanada. Ein steinerner Engel ist auch die 90jährige Hagar Shipley, deren körperliche Kräfte langsam schwinden, die aber auch immer wunderlicher wird. Aber keineswegs altersmilde. Kratzbürstig, zeitweise bösartig und vor allem stur kämpft sie sich durchs Leben, das es ihr alles andere als leicht gemacht hat. Kampf, Abwehr, das hat Hagar so verinnerlicht – nein, sie ist keine sympathische Zeitgenossin. Aber nach der Lektüre dieses tollen, von Monika Baark neu übersetzten Romans zollt man ihr doch zumindest Respekt, gerade für ihren Kampfgeist, aber auch für ihren Humor und ihre Selbstironie. Ein Frauenleben, ein Roman über eine Emanzipation und übers Altwerden. In Kanada ein Klassiker und Schullektüre. Bei uns jetzt zu entdecken.

 

Hilmar Klute – OberkampfHilmar klute - Oberkampf

Von Oberkampf war ich ein wenig enttäuscht. Der Roman verspricht ein spannendes Thema, nämlich die islamistischen Terroranschläge in Paris 2015. Jonas, ein Mann Mitte Vierzig, versucht, sich nach der Liquidierung seiner Agentur in Berlin und dem Zerbrechen seiner langjährigen Beziehung zu Corinna, neu zu orientieren. Gelegenheit bietet ihm dazu der Auftrag, eine Biografie des Schriftstellers Richard Stein zu verfassen. Dafür mietet er sich in der Rue Oberkampf ein, just im Januar 2015, als der Angriff auf die Redaktion der Satirezeitung Charlie Hebdo stattfand. Die Reaktion der Pariser, die Atmosphäre in der Stadt – leider werden sie im Roman nur zum recht blassen Hintergrund für die Selbstbespiegelung des Ich-Erzählers und eine Affäre mit der jungen Studentin Christine. Ich hatte größere Schwierigkeiten mit Jonas/dem Erzähler und konnte mich nicht wirklich auf die Geschichte einlassen.

 

Brit Bennett - Die verschwindende HälfteBrit Bennett – Die verschwindende Hälfte

Brit Bennett konnte mich bereits mit ihrem Debütroman Die Mütter überzeugen. Und auch der neue Roman hat mir gut gefallen. Darin erzählt Bennett die Geschichte der in den Fünfziger und Sechziger Jahren aufwachsenden Zwillinge Stella und Desiree im fiktiven Städtchen Mallard in Louisiana. Hier leben besonders hellhäutige Afroamerikaner, die diese Hellhäutigkeit auch besonders pflegen. Stella und Desiree brechen mit 16 Jahren aus und gehen jeweils unterschiedliche Wege: Desiree heiratet einen besonders dunkelhäutigen Mann, Stella wechselt unerkannt in die Community der Weißen und heiratet ihren wohlhabenden Chef. Die Wege der Beiden trennen sich, über ihre Töchter entsteht sehr viel später eine Art Kontakt. Wieder sehr lebendig und fesselnd geschrieben, thematisiert Brit Bennett nicht nur das Passing, also das unentdeckte Wechseln in eine andere soziale o.ä. Gruppe, sondern zeichnet auch ein differenziertes Bild Schwarzen Lebens in den USA und eine berührende Familiengeschichte.

 

Maggie O´Farrell – Judith und Hamnet

Maggie O´Farrell - Judith und Hamnet

Maggie O´Farrell hat für ihre Geschichte über die Familie von William Shakespeare den Womens Prize für Fiction 2020 zugesprochen bekommen – völlig zu Recht. Ihr sehr atmosphärischer, sinnlicher Historienroman ist frei von jeder dem Genre oft anhaftender Schwülstigkeit, spannend, ergreifend. Im Mittelpunkt steht nicht der berühmte Dramatiker, sondern seine Frau Agnes und die Kinder, besonders das Zwillingspaar Judith und Hamnet. Gleich zu Beginn erfahren wir, dass Hamnet, gerade elf Jahre alt, an der Pest sterben wird. Und dass sein Vater ihm mit seinem Drama Hamlet ein bleibendes Denkmal setzen wird. Obwohl also die Eckdaten von Anfang an klar sind, verfolgt man das Geschehen atemlos und tief betroffen. Dass so wenig vom Leben Shakespeares dokumentiert ist, lässt Maggie O´Farrell viel literarischen Spielraum, den sie für eine überzeugende Geschichte nutzt. Eine unbedingte Leseempfehlung und eines der Oktober-Highlights!

 

Das war meine sehr gelungene Lektüre im Oktober 2020, die ein wenig über die ausgefallene Buchmesse hinwegtrösten konnte. Nun trudeln tatsächlich schon die ersten Vorschauen der Verlage für den Frühling 2021 herein. Bis in den Januar werde ich aber sicher noch viel Lesestoff aus 2020 haben. Und euch noch viele tolle Titel aus den Herbstprogrammen vorstellen. Seid gespannt!

 

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