Tayari Jones – Das zweitbeste Leben

„Mein Vater, James Witherspoon, ist ein Bigamist.“ So lässt Tayari Jones ihren etwas ungewöhnlichen Familienroman Das zweitbeste Leben beginnen. Sie gibt Dana Yarboro die Stimme, einer der beiden Töchter, die James Witherspoon mit seinen beiden Ehefrauen hat. Denn Dana weiß seitdem sie klein ist, dass sie und ihre Mummy „ein Geheimnis“ sind. Jeden Mittwochabend isst der Vater mit seiner kleinen Zweitfamilie, oft begleitet von seinem Freund und Quasi-Bruder Raleigh. Er möchte zu seiner Tochter und deren Mutter stehen, Verantwortung übernehmen. Auch wenn dies in der Regel durch Geld geschieht, mit dem er den Lohn der Krankenschwester aufbessert, die Ausbildung Danas und kleine Extraausgaben bezahlt.

James Witherspoon ist Bigamist. Aber er ist eigentlich kein schlechter Mensch. Eher ein wenig bieder, langweilig, aber zuverlässig. Davon sind Dana und ihre Mutter, die gutaussehende Gwendolyn, und mit ihnen die Leserin überzeugt. James war gerade mal fünfzehn, als er die ein Jahr jüngere, naive Laverne schwängerte. Sie kannten sich eigentlich gar nicht, aber James – ein wenig gedrängt von der Mutter und das machte man 1958 einfach so – übernahm die Verantwortung und heiratete Laverne. Das Baby kam tot zur Welt, aber die Ehe hält seitdem irgendwie.

Perfekte Familie

Mit Raleigh, der, von seiner Mutter vernachlässigt, in James Familie aufwuchs, zieht James einen Limousinenservice auf, der ganz gut läuft. Laverne eröffnet einen ebenso erfolgreichen Friseursalon. Ein mehr als zufälliges Setting, denn bei den Mädchen und Frauen dreht sich sehr vieles um Haare, wie sie getragen werden, wie glatt bzw. kraus sie sind. Nach zehn Jahren kommt Tochter Chaurisse auf die Welt und alles sieht sehr nach perfekter Familie aus. Wären da nicht noch Gwendolyn und Dana, James zweite Familie. Aber davon ahnen Laverne und Chaurisse nichts.

Diese äußerst prekäre Ungleichgewicht – die einen wissen alles, die anderen nichts – schildert Tayari Jones in Das zweitbeste Leben sehr eindrucksvoll dadurch, dass sie beide Töchter zu Wort kommen lässt. Dana weiß, wie gesagt, von der offiziellen Familie ihres Vaters. Während Gwendolyn ganz gut mit der Situation umzugehen scheint, leidet Dana ganz offen darunter, ihren Vater so selten für sich zu haben, im Zweifelsfall immer zurückstecken zu müssen.

„Ich war ein frühreifes Kind. Mit vierzehn schon eine verbitterte Frau.“

via pxfuel

Aber auch ihre Mutter spielt nur die Abgeklärte. Oft muss Dana mit ihr auf „Spionagetour“ gehen, schauen, was die andere Familie so treibt. Und auch Dana zieht es mit Macht zu ihrer Halbschwester. Sie drängt sich zunächst unerkannt in deren Leben. Es ist klar, dass das nicht lange gutgehen kann.

Die abwesenheit der Väter

Tayari Jones hat mit Das zweitbeste Leben ein sehr intensives Buch geschrieben. Sie schildert sehr authentisch und psychologisch feinfühlig die Verletzungen, die das „perfekte Arrangement“ bei den betroffenen Menschen, besonders den beiden Mädchen, hervorruft. Das Gefühl, nicht zu genügen, nicht restlos geliebt zu werden. Dabei meidet die Autorin jede Eindimensionalität oder Anklage. Durch das Gegenüberstellen der zwei Perspektiven verschieben sich die Wahrnehmungen der Leser*in.

Frappant ist, wie sehr die Familien in der Schwarzen Community von der Abwesenheit der Väter geprägt sind. Dabei spielen männliche Rollenmodelle eine große Rolle, aber auch die Prekarität von Lebens- und Arbeitsbedingungen. Berührungspunkt zu Weißen scheint es nur durch Dienstverhältnisse zu geben.

Zu diesem feinfühligen Psychogramm einer ungewöhnlichen Familienkonstellation kommen viele farbige Schilderungen aus Georgia und Atlanta der 1980er Jahre, in denen der Roman spielt. Besonders die Szenen aus Lavernes turbulentem Frisiersalon rund um die sich dort regelmäßig versammelnde weiblich Schwarze Community machen die Geschichte lebendig und trotz der eher melancholischen Grundstimmung auch heiter. Stilistisch ist der Roman eher schlicht gehalten, liest sich einfach und unterhaltsam.

2018 war der vierte Roman von Tayari Jones, „An American Marriage“, auf Deutsch als „In guten wie in schlechten Tagen“ erschienen, nach der Empfehlung durch Barack Obama und Oprah Winfrey ein Riesenerfolg. Nun hat der Arche Verlag diesen früheren, 2011 erschienen Roman von Tayari Jones, „Silver sparrow“ unter dem Titel Das zweitbeste Leben veröffentlicht.

 

Beitragsbild: Barbershop Bild von David Mark auf Pixabay

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Tayari Jones - Das zweitbeste Leben.

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Tayari Jones – Das zweitbeste Leben
Aus dem amerikanischen Englisch von Britt Somann-Jung
Arche Verlag Juli 2020, 352 Seiten, Gebunden mit Schutzumschlag, 22,- € 

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