Olga Tokarczuk – Letzte Geschichten

Drei Letzte Geschichten verwebt Olga Tokarczuk durch die drei Protagonistinnen, drei Frauen, drei Generationen einer Familie. Daraus entsteht dennoch kein Familienroman. Zu lose sind die Verbindungen zwischen Großmutter, Mutter und Tochter. Zwar ist in der einen Geschichte die Mutter auf dem Weg zu ihrem Elternhaus und Postkarten der in der Welt herumreisenden Tochter werden erwähnt, aber die drei Frauen begegnen sich nicht, kommen sich nicht nahe, von ihren Beziehungen ist kaum die Rede. Und auch sonst sind die drei Episoden nur lose verbunden, spielen auf völlig anderen, bis auf die mittlere, die in 1993 verortet ist, nur vage benennbaren Zeitebenen.

In der ersten Geschichte begleiten wir Ida Marzec, 54 und von Beruf Reiseleiterin. Auf ständig in eine Richtung kreisenden Bustouren nach dem Hop-on-hop-off-Prinzip begleitet sie Touristen in die mitteleuropäischen Metropolen: Warschau, Krakau, Prag, Berlin und Wien. Sie selbst lebt in Warschau, allein, nachdem die Ehe mit Nikolin gescheitert ist und Tochter Maja, erwachsen und mittlerweile selbst Mutter, in der Welt herumreist.

Ein Unfall im Schnee

Nun hat Ida sich von ihrer Reisegruppe abgesetzt und ist unterwegs zu ihrem Elternhaus in den Bergen Südpolens, nahe der tschechischen Grenze. Es ist Winter und Ida verunglückt auf der schneeglatten Straße. Sie rettet sich selbst kaum verletzt aus dem Wagen und findet Unterschlupf bei einem alten Ehepaar. Ab hier wird das Geschehen ein klein wenig surreal. Denn anstatt Auto und Handy zu bergen oder auch nur Polizei oder Angehörige zu verständigen, bleibt Ida tagelang bei ihren Gastgebern, die sie auch nicht zum Aufbruch drängen. Visionen und Träume verfolgen Ida. Und auch das Thema Tod und Sterben, das Leitmotiv das Olga Tokarczuk über alle drei Letzte Geschichten gestellt hat, taucht hier auf.

von Hans Braxmeier auf Pixabay

Ida hat den Unfall überlebt. Ihre Mutter ist schon einige Zeit tot. Und das Gastgeberpaar betreibt eine Art Gnadenhof. Der Sohn, von Beruf Tierarzt, bringt todkranke Tiere hierher, damit sie in Ruhe sterben können. Die Hündin Ina macht ihre letzten Atemzüge quasi in den Armen von Ida. (Die Ähnlichkeit der Namen ist sicher beabsichtigt.)

In der zweiten Geschichte sind wir bei Idas Mutter, der alten Paraskiewa, genannt Parka. Zeitlich springen wir also ein wenig zurück. Im Gegensatz zu der ersten und dritten Episode, die in der personalen Perspektive verfasst sind, ist Parka hier Ich-Erzählerin. Wir lauschen ihrem inneren Monolog. Sie lebt hoch über der kleinen Stadt in einem abgelegenen Haus. Mit den Menschen unten hat sie kaum Kontakt. Auch hier ist das Land tiefverschneit, das Haus praktisch von der übrigen Welt abgeschnitten. Telefonverbindungen scheint es nicht zu geben, die Post wird unten im Tal abgegeben.

Ein Toter im Wintergarten

Parkas Mann Petro ist gestorben. Er liegt nun im kalten Wintergarten. Parka versucht zwar mit Zeichen im Schnee die Menschen im Tal auf sich aufmerksam zu machen, das scheint aber wenig aussichtsreich zu sein. In Gesprächen mit dem Toten und sich selbst erinnert sich die Alte an das Leben mit ihrem nie geliebten Mann. Als schwangere, junge Frau heiratete sie ihn, weil er für sie ein Ausweg zu sein schien.

Parkas Geschichte ist die interessanteste der drei. Und die komplizierteste. Olga Tokarczuk macht es ihren (nichtpolnischen) Leser:innen nicht einfach. Ohne ein wenig Einblick in die Geschichte Südpolens ist die Lebensgeschichte schwer nachzuvollziehen. Die Turbulenzen des 20. Jahrhunderts machen sie kompliziert.

Parka ist orthodoxen Glaubens und Ukrainerin, Petro katholischer Pole. Polen, Ukrainer und Deutsche lebten in diesem Teil Polens, wenn auch nicht reibungslos, zusammen. Wie Parka erzählt, ging sie sonntags rechts zur orthodoxen, Petro links in die katholische Kirche. Und Weihnachten feierte man eben zweimal.

Mit dem Jahr 1939 wurde alles anders. Nach dem Überfall der Deutschen Wehrmacht auf Polen, wurde das Land wechselnd aufgeteilt. Plötzlich sahen sich die Polen verfolgt. Erst die Russen, dann kamen die Deutschen. Und schließlich bekämpften die ansässigen Ukrainer ihre polnischen Mitbürger. Es kam zu Massakern. Versteckte sich Petro anfangs noch in den Wäldern, drängte er schließlich seine Frau zur Flucht. Dabei kam die kleine Tochter, Lalka, ums Leben. Das konnte Paraskiewa ihrem Mann nie verzeihen.

Während nun als die alte Frau mit ihrem toten Mann vom Schnee eingeschlossen ist, erfahren wir von ihrer Lebensgeschichte und von diesem Abschnitt der Geschichte Polens. Und von Palkas ganzer Bitterkeit und Trauer. Wie gesagt, macht es Olga Tokarczuk ihren Leser:innen hier nicht ganz einfach. Da hilft manches Mal nur googeln. Aber diese Episode ist zugleich die intensivste und faszinierendste.

via needpix
Ein Zauberer in der Südsee

Die dritte Episode führt die Leser:in nun von den Eis- und Schneelandschaften in den Dschungel einer kleinen Südseeinsel. Tochter/Enkelin Maja ist dorthin mit ihrem elfjährigen Sohn gereist. Sie zieht durch die Welt, verfasst Reiseführer. Sie scheint bindungs- und heimatlos. Auf der Insel lernen sie einen alten, dem Tode nahen Zauberkünstler kennen, der Maja abstößt, von dem ihr Sohn aber sehr fasziniert ist.

Olga Tokarczuk vermag es, den schwülen Dschungel und seine Flora und Fauna genauso intensiv zu beschreiben wie die kargen Schneelandschaften der ersten beiden Geschichten. In allen drei herrscht eine große Einsamkeit der Protagonistinnen, eine Isoliertheit, ein Gefühl des Scheiterns. Alle Drei scheinen ihren Platz im Leben noch nicht gefunden oder verloren oder nie besessen zu haben.

Die Verlorenheit, Heimatlosigkeit des Individuums und die Zeit sind immer wieder Themen in den Büchern Olga Tokarczuks. Zwischendurch hadere ich immer mal kurzfristig. Wenn sie zu viel Wissen voraussetzt, zu sehr abschweift, zu abstrakt wird. Das ist aber immer nur von kurzer Dauer. Dann zieht mich ihre dichte Sprache, die Sorgfalt und Langsamkeit ihres Erzählens, die Magie ihrer Geschichten und die Schönheit ihrer Worte jedes Mal wieder hinein. Und am Ende bin ich beglückt, angeregt, angerührt – und begeistert.

 

Olga Tokarzuks Roman Unrast habe ich auch bereits besprochen

 

Beitragbild von Jerzy Górecki auf Pixabay

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tokarczuk letzte geschichten.

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Olga Tokarczuk – Letzte Geschichten
Aus dem Polnischen von Esther Kinsky
Kampa August 2020, 304 Seiten, Gebunden, € 24,– 

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