Joachim Meyerhoff – Hamster im hinteren Stromgebiet

Joachim Meyerhoff ist ein Superstar. Sowohl auf der Bühne, als auch auf dem Buchmarkt. Selbst Talkshows im Fernsehen reißen sich um den Ausnahmekünstler, der stets ein wenig (bis ziemlich stark) unter Strom zu stehen scheint. Wer ihn einmal mit einem seiner Bücher auf der Bühne erleben durfte – bei mir war es der ausverkaufte Musical Dome in Köln mit knapp 1800 Sitzplätzen –, kann sich sehr gut vorstellen, wie aus einem kleinen Bühnenprogramm, bei dem der Schauspieler aus seinem Leben erzählte, eine extrem erfolgreiche Buchreihe werden konnte. Derart lebendig, spontan und pointenreich präsentiert er seine Vita, beginnend mit dem Austauschjahr in Amerika, über seine Kindheit und Jugend in der psychiatrischen Klinik in Schleswig – der Vater war dort Direktor, man wohnte auf dem Gelände – in Wann wird es wieder so, wie es nie war zum absoluten Höhepunkt, den Jahren bei seinen Großeltern in München, wo er die Schauspielschule besuchte. Ach diese Lücke, diese entsetzliche Lücke – eines der Bücher, die man für sein Leben ins Herz schließt. Nach den Zeiten als Liebhaber mehrerer Frauen in Die Zweisamkeit der Einzelgänger, erzählt Joachim Meyerhoff im mittlerweile fünften Band Hamster im hinteren Stromgebiet von einem kürzlich erlittenen Schlaganfall.

Zu große erzählerische Nähe

Um es gleich vorweg zu nehmen: schwächelte für mich schon der vorletzte Band und litt unter einer zu großen vielleicht zeitlichen, gewiss aber emotionalen Nähe und einer mangelnden Diskretion, so sind diese Kritikpunkt leider in noch stärkerer Ausprägung in Hamster im hinteren Stromgebiet zu finden. Dennoch ist mir dieses Buch deutlich lieber als die Zweisamkeit, was gewiss damit zu tun hat, dass mir der seine verschiedenen Affären verwaltende und sich zudem als für die Frauenwelt unwiderstehlich darstellende Meyerhoff deutlich unangenehmer war als der Patient des Allgemeinen Krankenhaus Wien.

Hier wird Joachim Meyerhoff eingeliefert, als er im November 2018, gerade 51 jährig, einen Schlaganfall erlitt. Dies geschah zum Glück zeitnah, die Folgen blieben vergleichsweise gering. Dennoch, der Schreck sitzt tief, das Wiedererlangen der Fähigkeiten ist mühsam. Die Lokalisation im hinteren Stromgebiet des Gehirns gab dem Buch seinen Titel und führte zu linksseitigen Lähmungserscheinungen. Die Zustände im österreichischen Gesundheitssystem erscheinen suboptimal. Kaum zu glauben, dass ein akuter Schlaganfallpatient gut eine Stunde mit dem Rettungswagen herumkutschiert werden muss, wegen fehlender Krankenhauszuweisung, wegen unfähiger Sanitäter, wegen ungenügend ausgeschilderten Wegen auf dem Krankenhausgelände.

Hohe Pointendichte

Gut, ein Charakteristikum eigentlich aller Meyerhoff-Bücher ist die Zuspitzung, die hemmungslose Übertreibung zugunsten der Pointendichte. Das ist in den ersten drei Bänden aber nicht so unangenehm aufgefallen. In Hamster im hinteren Stromgebiet geht aber so mancher Witz von Joachim Meyerhoff doch sehr auf Kosten anderer. Wenn das ebenfalls auf der Intensivstation liegende Mitpatient:innen sind, finde ich persönlich das gar nicht mehr so lustig. Kann man die Häme über den übergewichtigen Sanitäter, in dessen Bauchfett das Lenkrad des Notarztwagen quasi „eingewachsen“ scheint, noch weglächeln, fällt mir das bei den launigen Schilderungen eines offensichtlich schwer depressiven Mädchen schwer. Auch die Bewegungseinschränkungen seiner Schlaganfall-Mitpatienten im gemeinsamen Speisesaal zum Klamauk zu machen, hinterlässt einen unangenehmen Beigeschmack.

Diskretion ist nun einmal nicht Joachim Meyerhoffs Sache. Das war ja auch schon mit dem exzessiven Gurgelwassergebrauch seiner Großeltern nicht anders. Vielleicht war es der zeitliche Abstand oder aber die große Zugewandtheit, mit der Meyerhoff über sie berichtete, wahrscheinlich aber auch die größere Gnadenlosigkeit, mit der er sich selbst in den Blick nahm, die sein Erzählen dort so grandios machten, während man hier oft peinlich berührt ist. Darin gleicht das neue Buch leider dem Vorgänger Die Zweisamkeit der Einzelgänger. Auch so manche Indiskretion gegenüber Lebenspartnerin, Ex-Frau und Töchtern möchte man eigentlich so nicht lesen. Und dass sich eine ganze Familie von der Großmutter bis zur Pubertierenden stets mit „Mein lieber Sohn!“, „Lieber, lieber Papa“ oder „Mein Liebster!“ anreden, erscheint mir genauso übertrieben wie die stets betonte exzeptionelle Schönheit seiner Freundin.

Joachim Meyerhoff im Kölner Musical Dome 2018
Joachim Meyerhoff im Kölner Musical Dome 2018
Ungefiltert

Das ist alles zu ungefiltert, zu ausgestellt. Das Niederschreiben dieses Buchs diente ganz sicher der Aufarbeitung des Schocks, völlig unvorbereitet einen Schlaganfall erlitten zu haben. Von jetzt auf gleich dem prallen Leben entrissen zu sein. Und hat damit natürlich seine Berechtigung. Der Literatur hätte ein wenig mehr Abstand sicher gut getan.

Aus Angst, im Schlaf erneut einen Schlaganfall zu erleiden, zwingt sich Meyerhoff im Krankensaal wach zu bleiben. Und was ist dazu besser geeignet, als sich an Geschichten aus der Vergangenheit zu erinnern. Auch da ist nicht jede Geschichte wirklich stark, beispielsweise die von einem „völlig misslungenen“ Familienurlaub in einer Traumvilla mit Pool im malerischen Hinterland von Mallorca, wo doch tatsächlich im dazugehörigen Gästehaus erst auf Betreiben von Meyerhoff schnell noch eine Klimaanlage installiert werden musste (unglaublich, dabei hatte man doch im Drei-Tage-Rhythmus Gäste geladen). Auch eine Reise in den Senegal, wo es für den Asthmatiker zu heiß (welch Überraschung!) war, hätte man vielleicht besser verschwiegen. (Und die mit dem heimlich gekauften Kaninchen, das dann vereinsamt bei der Oma starb, weil sich keiner drum kümmern konnte…).

Natürlich könnte man das alles als absolute Ehrlichkeit verbuchen. Mir waren diese Geschichten eher unangenehm und hätten gerne Familienanekdoten bleiben können.

Grandioser Erzähler

Aber natürlich ist nicht alles schlecht an Hamster im hinteren Stromgebiet, dazu ist Joachim Meyerhoff ein zu begnadeter Erzähler.

Die Erinnerungen an eine Wanderung mit seinem Bruder in Norwegen sind ganz bezaubernd. Hier findet Joachim Meyerhoff zu jener wunderbaren Balance von Witz, Zärtlichkeit und Melancholie, die seine ersten drei Bücher so grandios machen. Und über etliche Anekdoten musste ich auch in Hamster im hinteren Stromgebiet herzhaft lachen. Sie wirken aber leider ein wenig aneinandergereiht. Was natürlich nicht verwunderlich ist, so funktioniert Erinnern und Memorieren, macht das Ganze aber ohne einen Plot irgendwie zu einer Nummernshow.

Joachim Meyerhoffs Witz, der immer mit einer existentiellen Melancholie unterfüttert ist und so oft nach dem Lachen einen leicht bitteren Nachgeschmack hinterlässt und der die Absurditäten des Lebens, und hier eines lebensbedrohenden Ereignisses und des darauf folgenden Krankenhaussaufenthalts, in den Blick nimmt, zündet noch immer. Als Buch funktioniert er diesmal nur bedingt. Lieber einen seiner Bühnen- oder Fernsehauftritte anschauen. Oder aber seine wunderbaren ersten drei Bücher lesen – zum dritten, vierten und meinetwegen auch fünften Mal.

 

Dem Buch sehr viel mehr abgewinnen konnte diesmal Ines auf Letteratura

Beitragsbild: Gerd Altmann auf Pixabay

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Joachim Meyerhoff – Hamster im hinteren Stromgebiet
Kiepenheuer&Witsch September 2020, gebunden, 320 Seiten, € 24,00

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