Lesejahr 2020 – Ein Rückblick

Über das vergangene Jahr möchte ich gar nicht so viele Worte verlieren. Wir alle haben es durchlebt, für einige war es ein wirklich schlimmes Jahr. Doch wie war das Lesejahr 2020?

Für mich hat sich erstaunlich wenig verändert. Natürlich fehlten die Begegnungen, den Urlaub haben wir abgesagt, Vieles konnte nicht so spontan geschehen wie sonst. Und, ja, für uns Buchmenschen war der Ausfall der Leipziger und die völlig veränderte Präsentation der Frankfurter Buchmesse, die nicht stattfindende LiblogConvention und die Absage der meisten Lesungen schon ein herber Schlag. Gerade dort finden die allermeisten persönlichen Begegnungen statt, hier wird genetzwerkt, geredet und diskutiert, gelacht, getrunken und das Gefühl einer großen Buchfamilie gepflegt.

Während das Frühjahr uns alle völlig überrannt hat, gab es im Herbst sowohl von Seite der Buchmesse, von den Verlagen, von Openbooks und etlichen anderen Veranstaltern doch ein recht großes Angebot vor Ort und natürlich digital. So dass schon ein wenig Buchmessenfeeling aufkommen konnte. Ich war vor Ort und habe einige sehr schöne Veranstaltungen besuchen können.

 

Mein Lesejahr 2020 📚
Am Ende des Jahres einen kleinen Rückblick zu halten, hilft, die Leseeindrücke des Jahres noch einmal zu sortieren. An was kann ich mich schon kaum noch erinnern? Was spukt mir noch heute im Kopf herum? Was bleibt? Welche Bücher verlieren mit dem Abstand? Welche gewinnen?
Ich finde deshalb solche Rückblicke keineswegs entbehrlich. Natürlich ist der Jahreswechsel ein vollkommen willkürliches Datum. Aber eine Orientierungsmarke braucht es.
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Autorinnen

Ich wähle meine Lektüre nicht nach dem Geschlecht der Autor:innen aus und fände so eine Art des Lesens für mich persönlich verkürzt. Vor einigen Jahren wurde ich durch eine Aktion von Kerstin Herbert  aber aufmerksam auf und sensibilisiert für eine Unterrepräsentation von Frauen in der Rezeption von Literatur. Seitdem schaue ich am Ende des Jahres auf meine Frauenquote. Die war immer ziemlich ausgeglichen. 2020 gab es einen deutlicheren Vorsprung für weibliches Schreiben. Von insgesamt 105 gelesenen Büchern waren 62 von Autorinnen. Das sind 60%. Bei meinen Top 10 sind es sogar 90%, denn dort hinein schaffte es nur ein Mann. Siehe unten. Eine ziemlich erfreuliche Quote für mein Lesejahr 2020.

 

Zwei der großen Literaturpreise in Deutschland gingen an Autorinnen – beides großartige Bücher: Streulicht von Deniz Ohde und Annette. Ein Heldinnenepos von Anne Weber. Beides hochverdiente Preisträgerinnen.
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Lieblingsschriftstellerinnen

 

Annie Ernaux - Die SchamAnnie Ernaux Eine FrauEine meiner schriftstellerischen Ikonen ist Annie Ernaux. Das erste Buch, das ich 2020 gelesen habe, war Eine Frau, später folgte noch Die Scham. Vieles, was ihr autofiktionales, soziologisch geprägtes Schreiben ausmacht, ist hier angelegt. Auch als Einstieg zu empfehlen.

Annie Ernaux – Eine Frau/Die Scham
Bibliothek Suhrkamp 1517, Gebunden,                                                       88 bzw. 110 Seiten, € 18,00
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Hanne Orstavik - Roman.MilanoHanne Ørstaviks neues, zartes Buch aus/über Mailand habe ich für den Buchmarkt im August vorstellen dürfen. Es geht um Kunst, um Liebe, um die Möglichkeit von Nähe, um die Folgen von fehlender Liebe und Nähe in der Kindheit. Große Empfehlung und auch ein gestalterisch schönes Buch.

 

Hanne Ørstavik – Roman. Milano

Aus dem Norwegischen von Andreas Donat
Karl Rauch, 368 Seiten, gebunden, mit Lesebändchen, € 24,00

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Elizabeth Strout - Die langen Abende

Eine weitere meiner Lieblingsautorinnen ist Elizabeth Strout. Jedes ihrer Bücher ist wunderbar, die Lakonie, Menschlichkeit, Wärme und doch so unerbittliche Präzision ihrer Beobachtung macht ihre Texte über die ganz “normalen” Menschen so besonders. In ihrem neuesten Roman, Die langen Abende, kommt es zu einer Rückkehr ihrer beliebten Heldin Olive Kitteridge aus Mit Blick aufs Meer.

Elizabeth Strout – Die langen Abende
Aus dem Amerikanischen von Sabine Roth
Luchterhand, Hardcover, 352 Seiten, € 20,00

 

Eine Entdeckung

 

Ein Highlight im Lesejahr 2020 waren für mich die 22 kurzen Erzählungen der bosnischen Autorin Lejla Kalamujić, die schon vor einigen Jahren erschienen sind und nun auf Deutsch vorliegen. Sie können wie ein Roman gelesen werden und handeln von der Ich-Erzählerin Lejla Kalamujić, die von ihrer Kindheit und Jugend erzählt.

Nennt mich Esteban Lejla Kalamujić Bestimmt wird diese von der Trauer über den frühen Tod der Mutter. Lejla Kalamujić war da erst zwei Jahre alt. Sie hörte von der Mutter in den Erzählungen der Verwandten, hütete deren alte Schreibmaschine wie einen Schatz. Die vier Großeltern kümmerten sich um sie, der Vater trank. Schwierig wurde die Situation, als 1992 der Krieg ausbrach. Der Vater entstammt einer bosnisch-islamischen Familie, die Großeltern der Mutter sind Serben. Zwischen diesen beiden Identitäten ist Lejla zerrissen. Als der Krieg begann, zogen die serbischen Großeltern mit Lejla von Sarajevo nach Šid zur Schwester der Großmutter.

Bei Waffenstillstand kehrte Lejla nach Sarajevo zurück, doch die Ruhe hielt nur kurz. Und auch hier fühlte sie sich schuldig. Zur Trauer um ihre Mutter kam bald die Trauer über die Großeltern hinzu. Zerrissen zwischen ihrer bosnischen und ihrer serbischen Identität, spürte sie zudem, dass sie sich zu Frauen hingezogen fühlte und sich auch in ihrer sexuellen Orientierung neu definieren musste. Verluste, Zerrissenheit, Identitätssuche, Krieg und die Absurditäten des Alltags in einem zerbrechenden Land – auch Depression ist ein Thema in den Erzählungen. Eine Erzählung ist an die Lyrikerin Elizabeth Bishop und ihr Gedicht „Die Kunst des Verlierens“ adressiert und endet mit der Frage:

„Findest du, ich beherrsche die Kunst des Verlierens?“

Literatur, das Erzählen ist für Lejla Kalamujić immer eine Möglichkeit, wenn nicht die Welt, so doch sich selbst zu retten. Das alles ist wunderbar geschrieben. Trotz der so schweren Themen ist das Buch leicht, schwebend, traurig und hoffnungsvoll. Es gehört zu meinen absoluten Highlights in diesem Lesejahr und ich kann es nur jedem ans Herz legen.

Lejla Kalamujić – Nennt mich Esteban         eta Verlag 2019, gebunden, 215 Seiten, € 17,90

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Autorinnen
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Debüts

Debütromane 2020Schon wegen des Debütpreises, b
ei dem ich in der Jury mitwirken darf, lese ich regelmäßig und einigermaßen neugierig, Debüts. In diesem Jahr waren es einundzwanzig. Nicht alle davon konnten mich überzeugen, aber ich bin immer wieder erstaunt, wie toll und reif manche Debüts schon sind.

 

Daniel Mellem Die Erfindung des CountdownsAuf dem Stapel vergessen, aber keineswegs unerwähnt bleiben soll “Die Erfindung des Countdown” von . Die Geschichte des Raketenpioniers Hermann Oberth hat mir gut gefallen. Post dazu folgt noch.

 

Thomas Hettche - Herzfaden
Jasmin Schreiber - MarianengrabenGestalterisch besonders schön gemacht ist der Debütroman von Jasmin Schreiber – Marianengraben. Ebenfalls in die Kategorie besonders schöner Bücher 2020 gehört Herzfaden von Thomas Hettche. Zweifarbig gestalteter Text, schönes geprägtes Leinen und ein passender Umschlag ergänzt die so heitere wie tiefgründige Geschichte der Augsburger Puppenkiste. Auch eines meiner Lesehighlights dieses Jahres.

 

Weitere liebste Bücher

 

Stewart O`Nan - Henry, persönlichStewart O’Nan – Henry persönlich

James Baldwin – Giovannis ZimmerJames Baldwin Giovannis Zimmer

 

 

 

 

Eugen Ruge - MetropolEugen Ruge – Metropol

Jonathan Coe – Middle EnglandJonathan Coe - England

 

 

 

Mein absolutes Lieblingsbuch im Lesejahr 2020 war Apeirogon von Colum McCann – ein ganz großartig aufgebauter Roman über den israelisch-palästinensichen Konflikt, über zwei mutige, engagierte Männer und zwei kleinen Mädchen, denen das Leben geraubt wurde. Sehr berührend, informativ und lange nachhallend.

Colum McCann - Apeirogon

 

Lesetechnisch war das Jahr 2020 also durchaus beglückend. Es gab ein paar wenige Flops, über die ich den Mantel des Schweigens breiten will. Ein Blick in die Verlagsvorschauen Frühjahr 2021 verspricht auch in den nächsten Monaten tollen Lesestoff.

 

 

 

 

 

2 Gedanken zu „Lesejahr 2020 – Ein Rückblick

  1. Hallo Petra,
    ein frohes und gesundes neues Jahr wünsche ich dir!

    Auch ich mache schon seit einigen Jahren immer einen kleinen Rückblick, in dem ich die Buch-Highlights des Jahres vorstelle, außerdem lasse ich die privaten Höhepunkte des Jahres Revue passieren. Bei diesen Rückblenden merkt man schnell, rein lesetechnisch konnte 2020 mich mehr überzeugen als mit der allgemeinen Situation und den bekannten Problemen und Einschränkungen. Die abgesagten Messen habe ich auch bedauert, denn die Treffen dort sind schöne Gelegenheiten, die virtuellen Kommentarpartner:innen auch mal live zu Gesicht zu bekommen.

    Es ist total interessant, dass du als Jurymitglied beim Debütpreis mitarbeitest. Auf Jasmin Schreibers Buch Marianengraben bin ich schon auf vielen Blogs aufmerksam geworden, das steht jetzt auf meiner Wunschliste.
    E. Strouts “Mit Blick aufs Meer” habe ich im Regal, angefangen und wegen Reziexemplaren wieder aufhören müssen, dabei ist der Erzählstil wunderbar .

    Mit Milchmann konnte ich nicht ganz warm werden, es war mir in vielem zu angedeutet und auch die politischen Hintergründe waren nicht deutlich erkennbar.

    Ich wünsche dir ein schönes und gesundes 2021 mit viel guter Lektüre!
    Liebe Grüße
    Barbara

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