Eva Schmidt – Die Welt gegenüber

Es sind die leisen Töne, in denen die 1952 geborene österreichische Schriftstellerin Eva Schmidt brilliert. Ihre Romane Ein langes Jahr und Die untalentierte Lügnerin waren 2016 und 2019 für den Deutschen Buchpreis nominiert. Und doch zählt sie in Deutschland zu den eher unbekannteren Autorinnen. Der Blick auf den Alltag ihrer zumeist tief einsamen Protagonist:innen ist so scharf wie zurückhaltend. Mit ihrem neuen Erzählungsband Die Welt gegenüber kehrt Eva Schmidt zu der kurzen Form ihrer Anfangsjahre zurück.

In zwölf Geschichten knüpft sie thematisch an Ein langes Jahr an. Wieder ist die Stadt, in der viele von ihnen spielen, unschwer als die Heimatstadt der Autorin zu identifizieren – Bregenz. Und wieder nehmen die Protagonisten meist die Rolle von Beobachtern ein. Beziehungen sind zerbrochen, die meist weiblichen Figuren im mittleren und fortgeschrittenen Alter scheinen mehr andere Leben zu begleiten, als ihr eigenes aktiv zu gestalten. Manchmal brechen sie aus, kleine Fluchten ins Ferienhaus am See oder das einst mondäne Seebad Brighton. Sie alle schleppen aber eines immer mit sich, egal wohin sie gehen – eine große Einsamkeit.

Latente Bedrohungen

In einigen Geschichten lauert eine latente Bedrohung, ein bestimmendes Gefühl der Unsicherheit. Was hat der alte Mann mit dem kleinen Jungen vor, den er vom Kinderhort fortlockt und nun auf eine abgelegene Bergalm führt? Plant der Lebensgefährte mit den im Keller versteckten Waffen einen rechtsextremistisch motivierten Anschlag? Und was treibt den verlassenen, gewalttätigen Ehemann, wenn er Abend für Abend vor dem Haus seiner Ex im Auto sitzt? Was tut die verzweifelte Mutter mit ihrem Schreikind?

Es gibt relativ wenig Handlung in diesen Prosaminiaturen. Und dennoch sind sie so dicht, dass man beim Lesen oft den Atem anhält.

Hin und wieder gibt es eine Annäherung zwischen den Figuren. Da nimmt der Außenseiter eine gestrandete Jugendliche in seinem Wohnwagen auf, da fährt die pensionierte Lehrerin mit ihrem neuen Untermieter in dessen Ferienhaus nach Dänemark. Aber man ahnt schon, dass diese Verbindungen nicht von Dauer sind. Sie scheitern ohne großes Aufhebens tragisch.

„Things you did. Things you never did. Things you dreamed. After a long time they run together.“

Eva Schmidt wählt als Motto für Die Welt gegenüber ein Motto von Richard Yates. In seiner Tradition und in der von Raymond Carver stehen ihre Kurzgeschichten. Sie haben den gleichen genauen Blick, versagen sich genauso das Urteil über ihre Figuren, erzählen im gleichen klaren, kühlen, unsentimentalen Ton, lassen genauso viele Leerstellen.

Eine der Ich-Erzählerinnen liest „Bücher, in denen es um Menschen ging, in denen ich mich selbst erkannte, die wie ich litten und kämpften und immer wieder darauf hofften, dass alles nicht vergeblich gewesen war.“

Es könnte ein Buch von Eva Schmidt gewesen sein.

 

Beitragsbild: out of my window by Martin Teschner (CC BY-ND 2.0) via Flickr

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Eva Schmidt Die Welt gegenüber.

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Eva Schmidt – Die Welt gegenüber
Jung und Jung Februar 2021, 224 Seiten, gebunden, € 22,–

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