Patrick Modiano – Unsichtbare Tinte

Die Sache mit mir und Modiano läuft schon eine ganze Weile. Das erste Buch, das ich von ihm las, war Unfall in der Nacht – bis heute eines meiner liebsten. Erschienen ist der Roman auf Deutsch 2006, ob ich ihn da direkt gelesen habe, weiß ich nicht mehr. Wie sehr er mich aber verzauberte, das schon. Seitdem habe ich nicht nur jede Neuerscheinung sehnsüchtig erwartet, sondern mich auch tief in die Backlist hineingelesen. Es gibt kaum ein Werk, bei dem dies lohnender wäre. Denn Patrick Modiano, der für seine „Kunst des Erinnerns“ 2014 mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet wurde, variiert darin stets die gleichen Motive. Das wurde und wird dem 1945 geborenen Franzosen immer wieder einmal vorgeworfen. Mehr und mehr wird aber von der Literaturkritik die Kunstfertigkeit, die darin liegt anerkannt und gewürdigt. Zumal der Autor frei bekennt, er schreibe stets „un peu le même livre“, ein bisschen das gleiche Buch. Einen neuen Roman von Patrick Modiano zu lesen, ist wie das Wiedersehen mit einem alten Freund: spannend, erwartungsvoll, ein wenig ängstlich – so auch mit dem neuesten Werk Unsichtbare Tinte.

Encre sympathique

„Encre sympathique“ – die Geheimtinte – der Originaltitel trifft es wie fast immer ein wenig besser. Wie mit Geheimtinte sind die Geschichten, die Erinnerungen in das Gesamtwerk Modianos eingeschrieben. Verblasst, vergessen, vage, geheimnisvoll, aber durch bestimmte Maßnahmen wieder hervorzuholen. Meist sind es Fotos, Briefe, Notiz- oder Tagebücher, Namen und Orte, die längst Vergangenes wieder ins Gedächtnis rufen. In Unsichtbare Tinte lässt Patrick Modiano ein altes Dossier der Auslöser sein, eine himmelblaue Aktenmappe, die der gealterte Ich-Erzähler einst von seinem Studentenjob in der Detektei Hutte hat mitgehen lassen. „Zur Erinnerung“.

Der „Fall“, das plötzliche Verschwinden einer jungen Frau, ist da bereits zu den Akten gelegt worden. Es gibt keine Hinweise über ihren Verbleib, Anzeichen für ein Verbrechen liegen nicht vor, und das Interesse des Auftraggebers, eines gewissen Georges Brainos, schien nicht besonders groß gewesen zu sein. Der junge Ich-Erzähler stellte ein paar Ermittlungen an, fand ein Notizbuch der Frau, in dem neben ein paar Terminen, Namen und Adressen auch etwas mit Geheimtinte eingetragen war. Sonst fand er nichts. Die Suche nach Noelle Lefebvre lässt ihn aber auch nach Abschluss des Falls nicht los. Immer mehr gerät er durch ihn in seine eigene Vergangenheit, denn er stammt aus derselben Stadt wie Noelle.

Annecy
Daniel Jolivet Annecy (Haute-Savoie) (CC BY 2.0) via flickr
Reise nach Annecy

Dieses Annecy in der Haute Savoie ist den Leser:innen von Patrick Modiano bereits aus früheren Werken bekannt. Der Autor hat hier selbst einige Jahre auf einem Internat verbracht. Überhaupt tauchen wieder altbekannte Motive auf. Der Erzähler heißt wie viele andere in den Romanen Modianos Jean. Die erzählte Zeit liegt wie fast immer in den 1960er Jahren. Vertraute Dinge wie ein Cabrio, eine Autowerkstatt, Cafés und Restaurants tauchen auf. Auch die Detektei Hutte spielte schon im Roman Die Gasse der dunklen Läden (1978) eine Rolle. Und natürlich ist das Verschwinden ein zentrales Thema und Paris der zentrale Handlungsort. Hier bewegen sich alle Protagonisten von Patrick Modiano, bevorzugt im 15e, 16e und 18e Arrondissement. Das genaue Aufzählen von Straßen, Plätzen, Orten ist ihm ebenso wichtig wie unzählige, meist recht exotische Personennamen. Eine gewisse Liebe zur Stadt Paris kann bei der Lektüre auf jeden Fall nicht schaden.

Bei seiner Suche quer durch Zeit und Raum folgt der Ich-Erzähler keiner Chronologie. Spuren, Erinnerungsbruchstücke, Assoziationen – es sind eher Erinnerungskreise, Schichten, die sich überlagern, auch mit früheren Büchern Modianos, zu denen es reichliche Querverbindungen gibt. Auch autobiografische Bezüge gibt es wie immer. Der Erzähler ist nicht zuletzt auch Schriftsteller geworden. Weniger als in früheren Büchern geht es zurück in die frühe Kindheit des Erzählers oder gar in die Zeit vor seiner Geburt, in die Zeit der deutschen Besatzung während des zweiten Weltkriegs, die sonst immer einen gewissen Raum eingenommen hat. Historische oder politische Bezüge findet man hier kaum.

Ein weiterer Mosaikstein

Patrick Modiano beschränkt sich in Unsichtbare Tinte auf die große Frage, was von einem Leben bleibt; nach der verschwundenen Lebenszeit; nach der (Un)Zuverlässigkeit von Erinnerungen. Es ist von daher vielleicht nicht sein drängendster Roman, vielleicht ein Alterswerk des im vergangenen Jahr 75 Jahre alt gewordenen Modiano. Sein flirrender, schwer fassbarer Inhalt fügt sich als weiterer Mosaikstein in sein großes Werk der Suche nach der verlorenen Zeit ein, das mittlerweile fast 30 dieser schmalen Bücher, oft mehr Erzählung als Roman, umfasst. Wie immer ist es in Modianos klarer, eleganter Sprache verfasst, die stets ein wenig im Kontrast zum oft rätselhaften Inhalt steht. Und wie immer ist auch Unsichtbare Tinte ein Roman der Entschleunigung, der mäandernden Erinnerungen und Eindrücke.

Gegen Ende weiß Patrick Modiano diesmal zu verblüffen. Ein überraschender Perspektivwechsel und die ewige Stadt Rom – auch in einem Alterswerk ist noch Platz für Neues. Mögen noch viele dieser kleinen literarischen Perlen folgen.

 

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Eine weitere Besprechung zu Unsichtbare Tinte auf dem Bücheratlas

 

Beitragsbild: by R Boed (CC BY 2.0) via flickr

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Patrick Modiano Unsichtbare Tinte.

Patrick Modiano – Unsichtbare Tinte
übersetzt aus dem Französischen von Elisabeth Edl
Hanser Verlag Februar 2021, Fester Einband, 144 Seiten, € 19,00

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