Alem Grabovac – Das achte Kind

Autofiktion steht hoch im Kurs. Autor:innen erzählen von ihren eigenen Leben, ihrem Er-Leben, in mehr oder weniger stark fiktionalisierter Form. Und Leser:innen fragen diese Art von Literatur stark nach. Waren es zunächst fremdsprachige Texte, beispielsweise von Annie Ernaux und Edouard Louis, beide aus Frankreich, oder Karl Knausgård, die große Beachtung fanden, nehmen auch die autofiktionalen Texte deutschsprachiger Autor:innen immer mehr zu. Dabei erlangt eine lange Zeit eher vernachlässigte Perspektive – die von Schriftsteller:innen mit Migrationserfahrung, eigener oder der der Eltern- oder Großelterngeneration – immer mehr Bedeutung. Deniz Ohde hat im letzten Jahr mit ihrem Streulicht sehr beeindrucken können und ist bis auf die Shortlist zum Deutschen Buchpreis vorgerückt. Auch Cihan Acar hat mit seinem Hawaii viel Beachtung erlangt. Beides sind ganz hervorragende Debütromane. Trotz dieser Vielzahl an bereits veröffentlichten Texten gibt es immer wieder Neuerscheinungen, die einen nochmals anderen, überraschenden Blickwinkel einnehmen und literarisch überzeugen können. Um einen solchen Roman handelt es sich beim Debüt von Alem Grabovac, Das achte Kind.

Der freie Autor Alem Grabovac, der unter anderem für Die Zeit, Welt und taz schreibt, erzählt in Das achte Kind nur leicht fiktionalisiert seine eigene Kindheits- und Jugendgeschichte. 1974 als sogenanntes „Gastarbeiterkind“ in Würzburg geboren, wuchs er mit zwei Familien, drei Vätern und mehr als einer Herkunft auf.

Das Buch Smilja

Im ersten Buch des Romans, dem „Buch Smilja“ erzählt er von seiner Mutter. Mit seiner personalen Perspektive kommt er ihr ganz nah. 1949 wird sie in dem kleinen Dorf Maovice im kroatischen Hinterland geboren. Weit weg von den sonnigen Adriaküsten, den Metropolen, jedem bescheidenen Wohlstand. Es ist ein Leben in heute kaum noch vorstellbarer Armut. Keine Elektrizität, kein Wasseranschluss, noch nicht einmal ein Plumpsklo. Die Notdurft muss man im Gebüsch verrichten. Dazu kommen ein zu Gewalt neigender Vater und nahezu keine Zukunftsperspektiven. Kein Wunder, dass Smilja bereits 1965 nach Zagreb flieht und sich dort als Küchen- und Haushaltshilfe durchbringt. In einer Zeitschrift liest sie von deutschen Firmen, die Arbeitskräfte suchen. Sie bewirbt sich und wird genommen.

Als knapp Zwanzigjährige landet sie mutterseelenallein in Würzburg, wo sie Arbeit in einer Schokoladenfabrik gefunden hat. Heimweh, Einsamkeit, ein wenig Geborgenheit in der „Gastarbeiterblase“. Hier lernt sie 1973 den charmanten, gutaussehenden Emir kennen, der um sie wirbt. Sie heiraten und im Januar 1974 kommt der kleine Alem zur Welt. Da ist Smilja schon bewusst, dass Emir keineswegs der ideale Ehemann und Vater ist. Kleinkriminalität, Alkohol, andere Frauen – spätestens als er ihr im Wochenbett das gesamte Geld klaut und sie von Krankenhaus mit dem Neugeborenen heimlaufen muss, hat sie alle Illusionen verloren. Und doch kann sie sich zunächst nicht von ihm trennen.

Eine Pflegefamilie

Eines ist ihr aber klar, Verantwortung für den Kleinen, kann sie ihm nicht übertragen. Deshalb muss eine andere Lösung her, denn der Mutterschutz beträgt nur sechs Wochen, und sie brauchen das Geld. Durch eine Kollegin erfährt sie von der deutschen Familie Behrens, die Pflegekinder aus Gastarbeiterfamilien zur Kurzzeitpflege aufnimmt. Sieben eigene Kinder sind überwiegend schon aus dem Haus, und Alem wird Teil des „vermeintlich ersten multikulturellen Laufstall der Bundesrepublik Deutschland“. Die Wochenenden verbringt er bei seinen leiblichen Eltern. Bis Emir eines Tages vor brutalen Schuldeneintreibern fliehen muss und Smilja aus Angst eine neue Arbeitsstelle in Frankfurt am Main annimmt. Smilja wird Emir nur noch ein einziges Mal sehen, und zwar auf der Gefängnisinsel Goli Otok vor der jugoslawischen Küste, wo er wegen krimineller Machenschaften einsitzt. Hier bricht sie den Kontakt zu ihm endlich ganz ab.

Aber auch ihren Sohn kann sie nicht mehr so oft sehen, zumal die Familie Behrens in die schwäbische Provinz umzieht. Marianne und Robert Behrens kümmern sich liebevoll um ihren kleinen Ziehsohn Alem Grabovac, der wird ihr „Achtes Kind“. Der Junge fühlt sich wohl, ist aber auch zerrissen zwischen seinem bürgerlichen deutschen Zuhause und der Hinterhofexistenz seiner Mutter in Frankfurt, die er einmal im Monat besucht und zu der sich bald noch ein trinkender und prügelnder “Stiefvater” gesellt.

Das Buch Alem

Lakonisch und unaufgeregt erzählt Alem Grabovac im Mittelteil, dem „Buch Alem“ von dieser schwierigen Kindheit, die aber dennoch keine unglückliche gewesen zu sein scheint. Der Rückblick ist frei von Anklage und Vorwürfen. Keine der Personen ist nur schlecht oder nur gut dargestellt, alle geben irgendwie ihr Bestes. Smilja liebt ihren Sohn, weiß sich aber nicht anders zu helfen und hat nie gelernt, Stellung zu beziehen, auch nicht für ihren Sohn, wenn dieser von ihrem neuen Partner Dušan verprügelt wird. Dušan ist zwar ein gewalttätiger Säufer, aber auch er kann zugewandt und milde sein. Pflegevater Robert ist freundlich und aufopferungsvoll zu Frau und Kindern, aber ganz tief in seine alten Naziideologien und antisemitische Ressentiments verstrickt. Selbst der völlig verantwortungslose Vater Emir wird mit einer gewissen Nachsicht behandelt.

Alem pendelt zwischen einer behüteten schwäbischen Provinzkindheit, einem prekären Großstadtelternhaus nebst in Drogengeschäfte verstricktem „Stiefbruder“ und den Sommerferien im unfassbar armen kroatischen Hinterland hin und her. Er scheint diese ganz unterschiedlichen Herkünfte erfolgreich integriert zu haben. Zumindest ist ihm ein wunderbarer autofiktionaler Roman darüber gelungen.

Am Ende besucht er sogar das Grab seines leiblichen Vaters. Ihm widmet er den letzten, kurzen Teil des Romans, „Das Buch Emir“. Nachdem er jahrelang geglaubt hat, sein Vater sei tot (Smilja wollte ihm dessen Gefängnisaufenthalt und Verschwinden verheimlichen und erfand einen tödlichen Unfall), ist dieser nun tatsächlich gestorben. In Kroatien, an seinem letzten Wohnort Belgrad und auf dem Friedhof  Novo Groblje schließt Alem ein wenig Frieden mit dem unbekannten Vater. Mit einem Strauß Rosen und fünf kleinen Schwarz-Weiß-Fotos, dem einzigen, was ihm von Emir geblieben ist.

„Ich weiß nicht, wie dein Leben verlaufen ist. Kann mir vorstellen, dass es nicht einfach war. Aber eines sage ich dir: meins auch nicht. Ein seltsames Leben hast du mir da eingebrockt. Ein wirklich seltsames Leben.“

 

Beitragsbild: Bundesarchiv, B 145 Bild-F013093-0001 / Unterberg, Rolf / CC-BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons

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Alem Grabovac - Das achte Kind.

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Alem Grabovac – Das achte Kind
hanserblau Januar 2021, 256 Seiten, Fester Einband, 22,00 €

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