Aude – Das Wanderkind

Das wunderbare an Gastlandauftritten bei der Frankfurter Buchmesse, ob sie nun stattfinden oder nicht, ist, dass Literatur aus diesen Ländern Beachtung findet, die es ansonsten vielleicht schwer hätte, übersetzt zu werden. In den vergangenen Jahren habe ich dadurch schon zahlreiche literarische Entdeckungen gemacht. 2020 und 2021 stand und steht Kanada im Fokus der Aufmerksamkeit und ich habe mich schon durch einige sehr schöne Romane hindurchgelesen. Ganz neu erschienen ist bei Alfred Kröner ein schmales Buch aus dem Jahr 1998 von der frankokanadischen Schriftstellerin Aude, Das Wanderkind.

Claudette Charbonneau, alias Aude, 1947 in Montréal geboren, zählt in Kanada zu den bekanntesten Schriftstellerinnen, mehrfach preisgekrönt. 2012 ist sie an Leukämie gestorben. In Deutschland ist sie so gut wie unbekannt. Zu Unrecht, denn Das Wanderkind ist ein ganz zauberhaftes, schmales Buch.

Eine besondere Schwangerschaft

Erzählt wird darin von der Schwangerschaft von Corinne. Nach einer Fehlgeburt erwartet sie endlich Zwillingen. Zu ihrer Bestürzung kristallisiert sich am Ende des sechsten Schwangerschaftsmonats heraus, dass einer der Zwillinge, und gerade der anfangs kräftigere, aufhört zu wachsen. Der andere Zwilling scheint sich geradezu auf dessen Kosten zu erholen. Irgendwann signalisiert man Corinne, dass es für „den Kleinen“ keine Hoffnung gibt. Die Trauer ist riesig. Und riesig auch die Überraschung, als Corinne entgegen aller Prognosen doch zwei lebende Säuglinge zur Welt bringt. Der eine groß und kräftig, der andere zart und schwach.

Hans und „der Kleine“ – er wird diesen Namen weiterhin tragen – entwickeln eine, mehr noch als das bei Zwillingen sowieso schon üblich ist, symbiotische Beziehung. Für die ältere Schwester Alexandra ist da so wenig Platz wie für die meisten anderen Menschen. Ihre besondere Verbundenheit reicht bis weit in ihr Erwachsenenleben, wobei ihre Rollen nicht so fest vorgeschrieben sind, wie man das vielleicht erwarten würde.

Ganz zart, märchenhaft, vielleicht ein wenig mystisch erzählt Aude in Das Wanderkind von dieser ganz besonderen Geschwisterbeziehung. Dabei ist ihre Sprache absolut klar, ruhig und gelassen. Ein wirklich be- und verzauberndes kleines Buch!

 

Beitragsbild: by Michael Bliefert (CC BY-NC-SA 2.0) via Flickr

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Aude - Das Wanderkind.

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Aude – Das Wanderkind
Kröner Verlag 2020, 128 Seiten, Halbleinen, 16,00 EUR

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