Roberto Camurri – Der Name seiner Mutter

Bücher über verlassene Kinder gibt es viele. Sind die Geschichten von abwesenden Vätern vielleicht etwas zahlreicher, so sind diejenigen, in denen die Mutter fehlt, oft verzweifelter. Besonders tragisch ist es meist, wenn nicht geklärt ist, warum die Eltern, der Vater oder eben die Mutter fort sind, was mit ihnen geschah, was vielleicht die Beweggründe für ihr Weggehen waren. Wenn in den Familien Schweigen herrscht. Ein solches Schweigen begleitet auch die Kindheit und Jugend des Protagonisten im neuen Roman von Roberto Camurri, Der Name seiner Mutter.

Der Name von Pietros Mutter ist in der Familie tabu. Auch die Leser:in erfährt ihn erst im allerletzten Satz – Anna. Anna verließ das kleine Städtchen Fabricco in der Emilia-Romagna still und leise, als der Vater mit seinem kleinen Sohn einen Erholungsaufenthalt in den Bergen macht, zu dem ihm der Kinderarzt wegen der schwächlichen Konstitution des Babys geraten hat. Bereits vorher erfahren wir, dass es der Mutter wohl an der nötigen Fürsorglichkeit und Verbundenheit zum Kind gefehlt hat. Nicht jedoch, woran das gelegen haben mag. Lag es an der unnahbaren, verschlossenen Art des Vaters Ettore? Eine postnatale Depression? Ein anderer Mann? Es bleibt unerklärt. Allerdings deutet der Autor einen schwierigen reizbaren, launischen Charakter der Mutter an. Da er als auktorialer Autor auftritt, erscheint mir diese Parteiname ein wenig problematisch.

Von der Mutter verlassen

Denn dass Roberto Camurri auf der Seite von Vater und Sohn steht, ist deutlich. Und das, obwohl Ettore selbst ein eher unsympathischer Charakter ist. Die ständigen Beteuerungen seiner großen Liebe zu Anna nimmt man ihm (und damit dem Autor) nicht wirklich ab. Warum sich die Eltern der Verschwundenen bedingungslos auf Ettores Seite schlagen, mag mit dem verlassenen, sehr geliebten Enkelkind zusammenhängen, bleibt aber auch ein wenig unverständlich.

Wie überhaupt der Roman sehr vieles im Vagen, die Geschehnisse meistenteils ungeklärt lässt, in lockeren Zeitsprüngen voranschreitet. Am Ende erfährt man zumindest ein wenig über die Mutter. Diese Vagheit ist aber, im Gegensatz zur einseitigen Parteinahme des Autors, kein Manko des Romans. Die Unklarheit passt zur Stimmung des Buchs und zu der Unsicherheit und Verlassenheit des kleinen Pietro. Das Schweigen über seine Mutter, das Tabu ihrer Existenz – sämtliche Fotos und Erinnerungsstücke an sie wurde sowohl in seinem als auch im Haus der Großeltern fortgeräumt – belasten ihn sehr. Auch der Vater leidet, verschließt sich aber komplett, verdrängt die Leerstelle, wenn auch nicht sehr erfolgreich.

Vater und Sohn

Pietro wird älter, entfremdet sich seinem Vater, geht fort und gründet mit seiner Kindheitsfreundin Miriam eine eigene Familie, kehrt zurück und nähert sich unter Schwierigkeiten seinem Vater wieder an. Er ist aber als erwachsener Mann auch kein Sympathieträger, so betrügt er beispielsweise seine gerade niedergekommene Frau mit einer Jugendliebschaft, während sie noch im Krankenhaus liegt. Die Art der männlichen Protagonisten und die stets männliche Sicht schmälern die Freude am Buch.

Aber es gibt auch viel Positives zu sagen. Sprachlich ist das Buch hervorragend. Dicht, drängend erfasst es sehr gut die Trauer, die in der Familie herrscht, beschreibt ihren langsamen Zerfall, aber auch den Zusammenhalt. Wie andere italienische Autorenkolleg:innen, beispielsweise Davide Longo,  wählt Robert Camurri in Der Name seiner Mutter eine dörfliche, leicht archaische Welt, in der er seinen Roman ansiedelt. Für die fehlende Mutterliebe schafft er mehrmals Bilder aus der Natur, beispielsweise beim Beobachten einer Bärin mit ihrem Jungen oder einer Hündin, der ihr Welpe weggenommen wird. Das ist vielleicht ein wenig plakativ, aber sehr stimmungsvoll. Überhaupt sind Sprache und entwickelte Stimmung das, was diesen schmalen Roman trotz der inhaltlichen Vorbehalte dann doch lesenswert machen.

 

Bei Andreas Kück gibt es eine weitere Besprechung

Beitragsbild by Tnarik Innael (CC BY-SA 2.0) via Flickr

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Roberto CamurriDer Name seiner Mutter.

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Roberto Camurri – Der Name seiner Mutter
Übersetzt von Maja Pflug
Kunstmann Februar 2021, Hardcover, 207 Seiten, 20,00 €

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