Laila Lalami – Die Anderen

„Mein Vater wurde in einer Frühlingsnacht vor vier Jahren getötet, während ich in der Ecknische eines kurz zuvor eröffneten Bistros in Oakland saß“. So lässt Laila Lalami ihren Roman Die Anderen beginnen. Lange Zeit weiß man nicht ob das Buch nun ein Familienroman, ein Krimi, eine Gesellschaftsstudie oder eine Liebesgeschichte sein wird. Am Ende ist es eine gelungene Mischung aus allem.

Ein kleines Städtchen am Rand der kalifornischen Mojave-Wüste. Driss Guerraoui hat gerade als letzter das von ihm geführte Diner an der Route 62 verlassen, als ihn ein Auto erfasst und tödlich verletzt. Der Fahrer flüchtet. Nur der Mexikaner Efraín war Zeuge, meldet sich aber zunächst nicht, da er als Einwanderer Scherereien befürchtet. Guerraouis Tochter Nora, die als Komponistin in Oakland lebt, eilt herbei und mag an einen Unfall nicht glauben. Und tatsächlich findet auch die ermittelnde Polizistin Coleman einige Ungereimtheiten. Ihr Kollege Jeremy Gorecki ist ein alter Schulfreund von Nora und unterstützt sie bei den Nachforschungen, die sie selbst anstrengt und kommt ihr dabei näher.

Alltagsrassismus und Integration

Der Plot ist relativ einfach, ein Tatverdächtiger wird auch nach ungefähr der Hälfte des Romans gefunden. Da Laila Lalami mit Die Anderen aber nicht nur einen Krimi geschrieben hat, ist die Geschichte und die Spannung damit nicht zu Ende. Die Familie Guerraoui, außer Nora gehört dazu noch die Mutter Maryam und Schwester Salma, stammt wie die Autorin aus Marokko. Driss floh 1981 als Oppositioneller mit seiner Frau und der kleinen Salma in die USA. Dort hat er sich mit dem Diner eine Existenz aufgebaut. Immer wieder hat die Familie aber den Kleinstadtrassismus zu spüren bekommen, gerade auch nach den Ereignissen des 11.September 2001. Auch ist es immer wieder zu Streitigkeiten und fremdenfeindlichen Auseinandersetzungen mit dem Besitzer der benachbarten Bowlingbahn gekommen.

Mojave Wüste
Mojave Wüste by Jim Choate (CC BY-NC-ND 2.0) via Flickr
Neun Erzähler

Erzählt wird die Geschichte von neun Erzählern. Zentral ist dabei Nora Guerraoui, aber auch ihre Mutter, ihre Schwester und sogar der verstorbene Vater erhalten das Wort. Ebenso Jeremy, Detective Coleman, Zeuge Efrain, Nachbar Anderson Baker und sein Sohn A.J. So entsteht eine multiperspektivische Sicht auf das Geschehen, auf die Kleinstadtgesellschaft, auf die Familie des Verunglückten. Denn auch dort gibt es Konflikte und Geheimnisse. Neben dem stets brodelndem Generationenkonflikt ist vor allem der Alltagsrassismus spürbar, dem auch Jeremy, Coleman und Efraín ausgesetzt sind. Schön ist, dass für die Autorin Hautfarben oder Abstammungen kein Thema sind. Beides ergibt sich erst aus der Lektüre.

Laila Lalami hat mit Die Anderen einen gut geschriebenen, packenden Roman geschrieben. Das Ende enttäuscht ein wenig, hier wirkt die Geschichte ein bisschen zu schnell abgefertigt. Auch ähneln sich die Erzählstimmen im Ton sehr. Das sind aber nur kleinere Einwände gegen ein Buch, das sehr gute, kluge und relevante Unterhaltung bietet. Laila Lalami stand damit 2019 auf der Shortlist zum National Book Award.

 

Ines von Letteratura hat auch bereits eine Besprechung des Buchs geschrieben.

Beitragsbild: Tony Hoffarth Eye of the Storm (CC BY-NC-ND 2.0) via Flickr

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Laila Lalami - Die Anderen.

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Laila Lalami – Die Anderen
Aus dem Englischen von Michaela Grabinger
Kein und Aber März 2021, Hardcover, 432 Seiten, 24,00 EUR

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