Yulia Marfutova – Der Himmel vor hundert Jahren

Mit Der Himmel vor hundert Jahren schreibt Yulia Marfutova einen ganz erstaunlichen Debütroman und erzählt mit einer ganz eigenen Sprache über einen kleinem, abgelegenen russischen Ort zu Beginn des russischen Bürgerkriegs 1918, der erfahren muss, dass auch hier eine neue Realität Einzug hält.

Ein namenloses, scheinbar vergessenes Dorf am Fluss. Der Erste Weltkrieg hat eine große Zahl der jungen Männer nicht zurückkehren lassen. In der Familie vom Dorfältesten Ilja wütete zudem eine schreckliche Seuche. Vermutlich die Spanische Grippe raffte alle vier Töchter, Schwiegersöhne und Enkelkinder dahin (wie vermutlich 3% der russischen Gesamtbevölkerung). Alle bis auf die kleine Anuschka, die fortan bei Ilja und seiner Frau Inna Nikolajewna lebt. Ilja ist nicht nur der Dorfälteste, sondern wird auch vom Großteil der Dorfbewohner regelrecht verehrt. Denn Ilja weiß, das „Röhrchen“ zu lesen. Die silbrige Flüssigkeit darin steigt und sinkt und verkündet dem, der sie interpretieren kann, das Wetter. In einer derart agrarisch geprägten Gegend wie dem Dorf sehr wichtig.

Ilja und Pjotr

Ilja hat seine Anhänger, aber auch sein Kontrahent im Dorf, Pjotr, hat die seinen. Pjotr setzt nicht auf die Wissenschaft, sondern auf altüberliefertes Brauchtum. Während Ilja stundenlang sinnend vor seinem „Röhrchen“ sitzt und nur gelegentlich unterschiedlich modulierte Arten des „Mmh“ von sich gibt, konsultiert Pjotr den Fluss und andere Naturerscheinungen, um mehr über die Zukunft zu erfahren. Eigentlich neigt Inna Nikolajewna ja eher ihrem ehemaligen Liebsten Pjotr zu, aber verheiratet ist sie ja nun mit Ilja.

Es ist eine archaische Welt, voller Aberglaube und viel Sprachlosigkeit. Die alte Marfa Iwanowa fegt durchs Dorf, immer in Eile. Ihre Schwester Warwara ist nicht mehr ganz richtig im Kopf, seitdem ihr Mann im Wald verschwand und nie mehr auftauchte. Der Waldgeist hat ihn wohl geholt. Eines Tages fällt Inna Nikolajewna ein Messer zu Boden. Und jeder weiß ja, was das bedeutet: ein Mann wird kommen. Und tatsächlich steht kurze Zeit später ein junger Soldat in zerrissener Uniform vor der Tür. Und wird im Hause aufgenommen.

Dieser Wadik redet nicht viel, er packt mit an, schnitzt aus Holz Figuren und verdreht Anuschka ein wenig den Kopf. „Der Markt“, der zu allem eine Meinung hat, praktisch der Chor der Dorfbewohner, zerreißt sich bald das Maul. Störrisch, eigensinnig, skeptisch sind die Dorfbewohner, aber auch zäh und stoisch. Sie haben schon so viel gesehen, aber geändert hat sich bisher kaum etwas.

Der Krieg der Ideen

Yulia Marfutova deutet in Der Himmel in hundert Jahren vieles nur an, lässt viele Leerstellen, die sich die Leser:innen selbst füllen müssen. Aber offensichtlich befinden wir uns am Übergang in die Moderne, die Tage des alten Russlands sind gezählt. Kaum ist der eine große Krieg vorüber, hat bereits ein neuer, undurchschaubarer Krieg begonnen. Der „Krieg der Ideen“, der Bürgerkrieg. Und da tauchen auch schon Männer am Fluss auf. Und Pjotr verschwindet spurlos.

Sehr atmosphärisch und poetisch verdichtet erzählt Yulia Marfutova von diesem russischen Dorf und seinen Bewohnern. Das Erzählte bekommt dadurch fast etwas parabelhaftes – der Einbruch neuer „Realitäten“ in eine archaische Welt, die Ablösung alter Machtverhältnisse durch (nicht unbedingt bessere) neue. Dabei verwendet Yulia Marfutova eine ganz eigene Sprache und Erzählweise – ganz feiner, etwas spöttischer Humor, Leichtigkeit, Naivität wie bei naiver Malerei. So entsteht ein ganz besonderer Text, der sich Zeit lässt, sich dem hektischen Konsumieren widersetzt und eindrücklich im Gedächtnis bleibt.

“Und dann? Was passiert dann? Und danach? Und dann nach dem Danach? Und danndanndann? Immer kommt schließlich ein Dann, immer folgt ein Wetter dem nächsten, eine Windrichtung auf die andere, gibt ein Wort das nächste. Nur das Dann, das jetzt kommt, das hat man so nicht erwartet.”⁣

 

Beitragsbild: by Hans-Michael Tappen (CC BY-NC-SA 2.0) via flickr

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Yulia Marfutova -Der Himmel vor hundert Jahren.

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Yulia Marfutova – Der Himmel vor hundert Jahren

Rowohlt März 2021, 192 Seiten, gebunden, € 22,00

2 Gedanken zu „Yulia Marfutova – Der Himmel vor hundert Jahren

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