Henning Ahrens – Mitgift

Mehr als zweihundert Jahre und sieben Generationen einer der eigenen sehr ähnlichen Familie nimmt Henning Ahrens in seinem Roman Mitgift in den Blick. Acht, zählt man den Ich-Erzähler, hinter dem sich nur sehr offensichtlich der Autor verbirgt, mit – aber der war ja noch nicht geboren, als das Buch 1962 endet.

Zweihundert Jahre Familiengeschichte vom niedersächsischen Land, aus Klein-Ilsede bei Peine, zweihundert Jahre landwirtschaftliche Tradition. Der Hof wird an den ältesten Sohn vererbt, das ist Gesetz, sozusagen die Mitgift. Dass außer diesen materiellen Dingen auch ganz anderes von Generation zu Generation weitergegeben werden, ist Thema dieses für die Longlist zum Deutschen Buchpreis nominierten Romans.

Zweihundert Jahre. Da wird vom streng pietistischen Urururururgroßvater Hans Wilhelm Leeb erzählt, der so geschickt mit der Feder ist und seinen Nachkommen ein wundervoll illustriertes religiöses Lehrbuch hinterlässt, gleichzeitig gegen die eigene Tochter unerbittlich streng ist. Oder vom Urgroßonkel August Wilhelm, der sein gesamtes Vermögen der Mission vermachte und dadurch den Fortbestand des Hofes gefährdete. Diese Geschichten sind aber nur schmückendes Beiwerk für die beiden großen Erzählstränge, auf die sich der Roman konzentriert, und die um einen Vater-Sohn-Konflikt fast biblischen Ausmaßes kreisen.

Der eine beginnt im Jahr 1962 mit der „Totenfrau“. Gerda Derking hat dieses Amt schon lange inne. Sie kümmert sich um die Verstorbenen, wäscht sie, kleidet sie ein. Eigentlich hat sie sich schon zur Ruhe gesetzt, aber einmal soll sie noch tätig werden. Der Großbauer Wilhelm Leeb, mit dem sie vor langer Zeit mal eine Romanze hatte, bittet sie um Hilfe. Wer im Hause Leeb zu Tode gekommen ist und wie, das wird im Buch lange nicht aufgedeckt, ist aber nicht wirklich schwer zu erahnen.

Unchronologisch, in Zeit und Perspektive immer wieder vor- und zurückspringend, werden in eher kurzen Kapiteln nun Episoden aus der Vergangenheit in diese Rahmenhandlung eingeschoben. Neben den weiter zurückliegenden, historischen sind das vor allem Geschehnisse aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs. In diesen zog der Bauer Wilhelm Leeb – Narzisst, Muttersöhnchen, Familientyrann – ohne Not. Er hätte sich als Landwirt vom Kriegsdienst zurückstellen lassen können. Überzeugter Nationalsozialist, SA-Mann und klassischer „Herrenmensch“ fühlte er sich aber berufen, als „Landwirtschaftsführer“ die „Ostgebiete“ in der Ukraine für das Deutsche Reich bestmöglich auszubeuten und folgte der Armee bis an die Front.

Zuhause hielt die Ehefrau Käthe mit den alten Eltern Kruse, der Mutter Leeb und dem ältesten Sohn Willem den Hof am Laufen. Die beiden anderen Kinder, Grete und Bruno, waren fürs Helfen noch zu klein. Keine einfache Aufgabe, zumal Wilhelm bei Kriegsende in Gefangenschaft geriet und erst 1949 zurückkehrte. Hier hatte man dann das, wovon viele Nachfahren von Kriegsheimkehrern berichten: Der Vater war durch Krieg und Gefangenschaft schwer traumatisiert. Er fiel aber nicht wie andere in Schweigen und Abkehr, sondern trägt Härte, Kälte, Gewalt in die Familie hinein. Die bekommen seine Frau und besonders der älteste Sohn, der Hoferbe, zu spüren. Dieser kann es dem Vater nie recht machen, ist auch selbst zornig, dass der Vater die harten Jahre, in denen er mit seiner Mutter allein für den Hof verantwortlich war, nicht anerkennen mag.

Klug und spannend entwickelt Henning Ahrens seine Geschichte von dieser bitteren Mitgift, die in vielen Nachkriegsfamilien weitergegeben wurde. Persönliche Schuld wird vom Vater nie eingestanden, seine „Herrenmenschen“-Hybris dauert auch nach dem Krieg an. Diese Vater-Sohn-Konflikte führten in den 1970 und 1980er Jahren schon einmal zu einer Welle von anklagenden Romanen der Söhne. Henning Ahrens ist eine Generation weiter. Bewusst hat er das zentrale Ereignis in seiner Familie im Roman von 1989 auf 1962 vorverlegt. Wie er im Gespräch sagte, wollte er seine Person, geboren 1964, bewusst aus der Geschichte herauslassen.

Das hat dem Buch gut getan. Eine gewisse Distanz, die durch die ergänzende Außenperspektive der „Totenfrau“ Gerda Derking unterstützt wird, und eine Schonungslosigkeit ohne Wut zeichnen ein fesselndes Porträt einer deutschen Familie. Völlig zu Recht stand der Roman auf der Longlist zum Deutschen Buchpreis und hätte auch eine Platzierung auf der Shortlist durchaus verdient gehabt.

 

Beitragsbild: by Hans-Michael Tappen (CC BY-NC-SA 2.0) via flickr

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Henning Ahrens - Mitgift.

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Henning Ahrens – Mitgift  
Klett-Cotta August 2021, 352 Seiten, Gebunden, € 22,00

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