Javier Cercas – Terra alta

Der Spanier Javier Cercas ist bekannt für seine essayistischen Romane, die zeithistorische Ereignisse thematisieren, vor allem den Spanischen Bürgerkrieg und dessen Nachwehen. In Deutschland wurden vor allem seine beiden Romane Soldaten von Salamis und Anatomie eines Augenblicks breiter wahrgenommen. In letzterem schildert er den missglückten Versuch eines Staatsstreichs rechter Militärs vom 23. Februar 1981 in Spanien. Das Buch wurde ein großer Erfolg. Überraschend hat Javier Cercas nun, zumindest vordergründig, das Genre gewechselt und legte 2019 mit Terra alta den ersten Teil einer geplanten Krimireihe vor, der nun in der Übersetzung von Susanne Lange auf Deutsch erschienen ist. In Spanien ist bereits Teil 2 veröffentlicht, in Deutschland ist das für den Sommer 2022 geplant.

Eine Bluttat

Es beginnt blutig, brutal und mit einer überraschend drastisch geschilderten Bluttat, die an die schlechteren der skandinavischen Krimis denken lässt. Unnötig, meiner Meinung nach, denn hier wäre ich als Leserin fast schon ausgestiegen.

Melchor Márin ist Ermittler bei der Polizei in Terra alta, der südwestlichen, landwirtschaftlich geprägten Provinz Kataloniens. Hierher wurde er aus Barcelona versetzt – die Leser:innen erfahren das in den ausgedehnten Rückblicken auf Márins Vorgeschichte -, weil er bei den (tatsächlich stattgefundenen) islamistischen Terroranschlägen 2017 in Cambrils, bei denen 15 Menschen ums Leben kamen, fünf der Angreifer erschoss. Man wollte ihn damit aus der Schusslinie eventueller Vergeltungsmaßnahmen ziehen.

In Terra alta schiebt die Polizei für gewöhnlich eher eine ruhige Kugel. Hier ist alles kleiner, langsamer, friedlicher als in der Metropole Barcelona. Gewöhnlich. Denn die Tat, zu der Melchor Márin in ein abgelegenes Landhaus gerufen wird, sucht an Brutalität ihresgleichen. Das reiche und hochbetagte Unternehmerehepaar Adell wurde vor seiner Ermordung aufs Grausamste gefoltert. Javier Cercas erspart den Leser:innen nicht die grausigen Details. Die rumänische Hausangestellte wiederum wurde „nur“ erschossen. Es handelt sich offensichtlich nicht um einen Raubüberfall, vielmehr vermutet Márin, und mit ihm die geschulten Krimileser:innen, eine emotionsgeladene Hass- und Rachetat.

Fehlende Spuren

Unternehmer Adell hatte offensichtlich nicht nur Freunde in der Region, aber ein wirkliches Motiv ist zunächst nicht zu erkennen. Oder hat vielleicht der Schwiegersohn seine Hände im Spiel, weil er um sein Erbe fürchtet? Bald werden die Ermittlungen mangels Indizien und Spuren eingestellt, was einigermaßen verwundert. Aber nun kommt Melchor Márin erst richtig zum Zug, verbeißt sich geradezu in den schon ad acta gelegten Fall.

Neben den typischen Kompetenzrangeleien mit den hinzugezogenen Kollegen aus Tortosa, den Reibereien und Freundschaften zwischen den Kollegen und der zähen Ermittlungsarbeit, nehmen die Rückblenden in Márins Vorleben, die seinen Charakter beleuchten sollen, einen breiten Raum ein.

Márin wurde in Barcelona als Sohn einer Prostituierten in prekäre Verhältnisse hineingeboren. Früh kam er in Kontakt mit Drogenhändlern, wurde selbst straffällig, landete in Gefängnis. Dort erfuhr er von der Ermordung seiner Mutter. Dort schwor er sich Rache an den Tätern, deren Verfolgung allzu bald eingestellt wurde. (Deshalb Márins Verbissenheit im Fall Adell). Hier im Gefängnis erwachte auch seine Liebe zur Literatur, ganz besonders zu Viktor Hugos Roman Die Elenden. Der dort von der Justiz verfolgte Jean Valjean wurde für ihn zu einer Art Idol und literarischem Alter Ego. Aber auch dessen Verfolger, Inspektor Javert, begegnet er mit einem gewissen Respekt. Die Bezüge auf diesen Roman aus dem 19. Jahrhundert sind zahlreich. Márin beschloss noch in Haft, den Schulabschluss nachzuholen und sich an der Polizeischule zu bewerben, was ihm mit der hilfe eines befreundeten Anwalts trotz seiner Vorstrafen gelang.

In Terra alta lernt er die Bibliothekarin Olga kennen. Ihre Liebesgeschichte, Heirat und Ehe führen dazu, dass sich Márin dauerhaft hier niederlässt…

Die Schatten des Bürgerkriegs

Die Krimihandlung entwickelt sich nun recht spannend und auch deutlich weniger blutrünstig als anfangs befürchtet. Der Landstrich rund um Gandesa ist bekannt durch die Ebroschlacht, eine der blutigsten Schlachten des Spanischen Bürgerkriegs. Und wenn man die vorherigen Bücher von Javier Cercas kennt, ahnt man, dass dieser auch in Terra alta eine Rolle spielen wird. Ferner werden die aktuellen spanisch-katalanischen Auseinandersetzungen thematisiert.

Es ist ein wenig viel, was der Autor in seine Krimihandlung hineinverwebt. Überraschenderweise geht das aber über die meiste Zeit gut. Der Roman liest sich spannend und interessant. Ein bisschen weniger Machismo wäre gut gewesen, ein bisschen weniger Liebäugelei mit dem Rache- und Selbstjustiz-Motiv, weniger grausige Details zu Anfang und ein paar Rückblenden weniger. Aber letzteres erübrigt sich ja vielleicht in einem zweiten Teil, da der Charakter dann bereits eingeführt ist. Literarisch ist Javier Cercas vielleicht kein Schwergewicht – ob Terra alta den mit 600.000 Euro höchstdotierten spanischen Premio planeta dafür zurecht erhielt ist zumindest diskussionswürdig -, aber es ist ein guter Krimi mit Hintergrund und zum zweiten Teil der Melchor Márin-Serie würde ich auf jeden Fall greifen.

 

Beitragsbild: Angela Llop, CC BY-SA 2.0, via Wikimedia Commons

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Javier Cercas - Terra alta.

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Javier Cercas – Terra alta
Übersetzt von: Susanne Lange
S. FISCHER Juli 2021, 448 Seiten, gebunden, € 24,00

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