Kim Thúy – Großer Bruder kleine Schwester

Kim Thúy war zehn Jahre alt, als sie 1978 mit ihren Eltern als sogenannte „Boat People“ aus Vietnam nach Kanada floh. Dort studierte sie Recht und Sprachwissenschaften, arbeitete als Rechtsanwältin, Übersetzerin und als Gastronomin, wovon ihr wunderbar persönliches Kochbuch Das Geheimnis der vietnamesischen Küche zeugt. Und Kim Thúy begann 2009 schmale, zarte, autobiografisch inspirierte Romane zu schreiben, Der Klang der Fremde (2009), Der Geschmack der Sehnsucht (2013) und Die vielen Namen der Liebe (2016). Bereits 2019 konnte ich die Autorin in Leipzig treffen und bin seitdem ein großer Fan dieser herzlichen, klugen und engagierten Frau. Anlässlich des Gastlandauftritts Kanadas zur diesjährigen Frankfurter Buchmesse war Kim Thúy mit ihrem neuen Buch Großer Bruder kleine Schwester Mitglied der Delegation vor Ort.

Im geringen Umfang, der wunderschönen grafischen Gestaltung des Buchs und in seinem autobiografischen Bezug ähnelt Großer Bruder kleine Schwester seinen Vorgängerromanen. Aber auch wenn es ebenfalls die Gattungsbezeichnung „Roman“ trägt, hat Kim Thúy hier doch etwas Anderes geschaffen. Ausgehend von einem Foto, das die Autorin entdeckt hat und das zwei Waisenkinder während des Vietnamkriegs auf den Straßen von Saigon zeigt, recherchierte sie über die Waisenkinder dieser Krieges und diese beiden im Besonderen. Die Spur des kleinen Mädchens, das auf dem Foto noch ein Baby war und in einem Pappkarton lag, konnte sie finden.

Em Hồng und Louis

Emma-Jade nannten sie ihre amerikanischen Adoptiveltern. Em Hồng nannte sie der Straßenjunge Louis, der das ausgesetzte Baby fand, sich seiner annahm, sie beschützte und ernährte, bis die Leiterin des örtlichen Waisenhauses, Schwester Naomi, die beiden fand. Em Hồng – Ich bin Rosa oder Rosa Schwester, weil das Baby so schön gerötete Wangen besaß.

– Kleiner Einschub: Ich wünschte mir, Deutschsprachige Verlage würden sich trauen, wie die kanadischen, französischen, englischen Verlage die Originaltitel – hier „Em“ – zu verwenden. Immer wieder werden diese für den deutschen Buchmarkt in unsägliche, meist verkitschte, vermeintlich die Leser:innen mehr ansprechende Titel verhunzt. –

Em Hồng wurde zu Emma-Jade, da sie Teil der Operation Babylift war, bei der die US-Streitkräfte in der Endphase des Vietnamkriegs im April 1975 mehr als 2000 bis 3000 Kindern, oft auch Kinder US-amerikanischer Soldaten, aus Südvietnam ausflogen. Die meisten dieser Kinder haben nie erfahren, wer ihre leiblichen Eltern waren. Ich persönlich wusste bisher nichts über diese Aktion und das schreckliche Unglück, das sie einleitete. Darüber aufzuklären, ein eindrückliches, oft auch drastisches Bild des Vietnamkrieges zu zeichnen, die fiktionalisierten Geschichten der Kinder zu erzählen und die Grausamkeit und Sinnlosigkeit des Krieges anzuprangern, gelingt Kim Thúy meisterhaft.

Dazu verwebt sie in die erzählenden, kurzen Passagen fast reportageartige Abschnitte und meldet sich auch als Schreibende immer wieder zu Wort. Ihre Bilder sind knapp, aber eindrücklich, die Sprache lakonisch, aber auch poetisch, ihre eingestreuten Informationen kurz, aber erhellend. Das daraus entstehende Mosaik kleiner Erzählfragmente würde ich nicht unbedingt als Roman bezeichnen. Absolut lesenswert ist es aber in jedem Fall.

 

Bei Sandra Falke – Literarische Abenteuer gibt es eine weitere Besprechung

Beitragsbild: Operation Babylift by manhhai (CC BY 2.0) via flickr

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Kim Thúy - Großer Bruder, kleine Schwester.

Kim Thúy – Großer Bruder, kleine Schwester
Übersetzt von Brigitte Große 
Kunstmann September 2021,155 Seiten, gebunden, 20,00 € 

 

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