Andreas Moster – Kleine Paläste

„Es ist nicht das erste Mal, dass der Hund versucht, mich zu ermorden.“ Was für ein erster Satz, der sofort auf den neuen Roman von Andreas Moster, Kleine Paläste, neugierig macht. Und es ist nicht gespoilert, wenn ich verrate, dass es Lupus, sollte es wirklich seine Absicht gewesen sein, gelingt. Schon zu Beginn liegt Sylvia zerschmettert am Fuß der Treppe, die sie, über den dort liegenden Bullmastiff stolpernd, hinuntergestürzt ist, während ihr dementer Mann Carl im Wohnzimmer vor dem Fernseher im Rollstuhl sitzt.

Und ja, die Ich-Erzählerin ist Silvia und sie ist nur eine von zahlreichen Geistern, die Andreas Moster in Kleine Paläste auftreten lässt. Denn bei ihm sind die Verstorbenen noch sehr präsent, zumindest solange sie noch Angehörige haben. Die ahnen allerdings nicht von den sie umgebenden Geistern, außer vielleicht Carl, der ihrer Welt vielleicht schon ein wenig näher ist.

Geister

Die Verstorbenen sind allerdings keine Spukgestalten, und es geht auch alles andere als übersinnlich oder magisch zu. Sie können den Leser:innen vielmehr ein wenig leidtun, wie sie da um die Nähe zu ihren Lieben bemüht sind, von diesen nicht wahrgenommen werden und vor allem auch nicht eingreifen können ins Geschehen. In ihren Gedanken und Empfindungen sind sie so menschlich und keineswegs allwissend. Sie tragen eigentlich die gleichen Sorgen und Nöte mit sich herum wie die noch Lebenden. Auch Geltungssucht, Neid und Misstrauen verschwinden nicht mit dem Tod.

Um Silvia und ihre Mitgeister geht es aber nur am Rande. Andreas Moster nimmt Hanno in den Blick, Sylvias und Carls Sohn. Dieser ist vor mehr als dreißig Jahren von Zuhause fort und nie wieder zurückgekehrt. Sein Zimmer wartet dennoch fast unverändert auf ihn. Trotzdem er nun Mitte Vierzig ist, erscheint er doch immer noch nicht wirklich erwachsen. Ungebunden, reichlich ziellos, kehrt er nach dem Tod seiner Mutter ins Elternhaus zurück. Für die Beerdigung, aber auch, um sich um den pflegebedürftigen Vater zu kümmern. Kleine Paläste ist auch ein Roman, der sich intensiv und recht schonungslos mit der Pflege beschäftigt, mit der Care-Arbeit, die so oft von den Angehörigen, und hier zunächst jahrelang von Sylvia und nun von Hanno übernommen wird.

Trauma

Aber nicht sehr lange. Sehr bald springt Susanne Dreyer ein, die Nachbarstochter und Kindheitsfreundin Hannos, während der relativ planlos mit Renovierungsarbeiten im Haus beginnt. Schon sehr bald ahnt man, dass mit Susanne etwas nicht stimmt. Sie lebt nach dem Selbstmord des Vaters und dem Krebstod der Mutter ziemlich isoliert nebenan. Das Fernglas, mit dem sie die Nachbarn beobachtet, ist ihr steter Begleiter. Zunächst war ich etwas enttäuscht, dass sich die schon sehr früh vermutete Begebenheit, die hinter Susannes Verstörung versteckt, tatsächlich zu bewahrheiten schien. Andreas Moster gelingt es aber, die Schraube noch ein klein wenig weiter zu drehen. Alles ist sogar noch schlimmer als befürchtet.

Außerdem ist der Roman wirklich gut komponiert, die Schilderungen so einfühlsam und menschlich und die Ebene der Geister so gelungen, dass man bis zum Ende sehr gerne dabeibleibt. Es gibt Ereignisse, die ein Leben, und nicht nur eines, völlig verändern. Traumata, die so schnell nicht vergehen und nicht nur die unmittelbar Beteiligten betreffen, sondern auch die, die einfach nur weggesehen haben. Und sogar die, die nicht einmal etwas davon geahnt haben. Das greifbar zu machen, gelingt Andreas Moster in seinem sehr empfehlenswerten Roman Kleine Paläste aus Trefflichste.

 

Beitragsbild by truthseeker08 via pixabay

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Andreas Moster - Kleine Paläste.

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Andreas Moster – Kleine Paläste
Arche Verlag, 304 Seiten, Gebunden mit Schutzumschlag, € 22,00 

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