Hervé Le Tellier – Die Anomalie

Der Franzose Hervé Le Tellier hat mit seinem 2020 mit dem Prix Goncourt ausgezeichneten und seitdem enorm gut verkauften Roman Die Anomalie wahre Begeisterungsstürme in der Literaturkritik ausgelöst, stellt diese aber auch vor eine schwere Aufgabe: Wie einen Roman besprechen, der von seiner äußerst ungewöhnlichen Idee lebt, ohne zu spoilern, gleichzeitig aber auch die Leserschaft ausreichend neugierig zu machen, damit diese auch zum Buch greift? Ich persönlich fand es recht schade, dass ich schon im Voraus ziemlich genau wusste, um was es sich bei Die Anomalie handelt. Ich kann sagen, dass die Lektüre sich auch mit dem Vorwissen absolut lohnt. Wer aber das komplette Lesevergnügen möchte und sich auf dieses philosophisch-intellektuelle Experiment, das zudem sehr unterhaltsam und auch witzig ist, unvoreingenommen einlassen möchte, sollte möglichst weder Klappentext noch irgendwelche Rezensionen lesen. Leider auch nicht meine. Deshalb möchte ich mich hier zunächst von allen wagemutigen Leser:innen verabschieden.

Wer jetzt noch weiterliest, hat sich dem Medienecho nicht entziehen können, hat das Buch bereits gelesen oder möchte sich schlau machen, auch ohne das Buch zu lesen. Für Letztere möchte ich kurz zusammenfassen, um was es geht.

Menschen an bord

Hervé Le Tellier stellt im ersten Teil von Die Anomalie eine Reihe von Personen vor, vorderhand ganz im Sinne von klassischer Unterhaltungsliteratur. Erst beim genauen Hinschauen (oder nachdem der Autor sein Projekt bei einer Lesung vorgestellt hat) merkt man, dass jeder Figur ein etwas anderer Stil, ja ein anderes Genre zugeordnet wird. Ein formal ehrgeiziges Projekt, dass aber nicht sehr verwundert, wenn man weiß, das Hervé Le Tellier führendes Mitglied der Künstlergruppe OuLiPo ist, der einst auch Georges Perec, Raymond Queneau und Italo Calvino angehörten, Sprachavantgardisten, die die Befreiung der Literatur durch das Einhalten strenger formaler Regeln propagieren.

Es geht los mit Blake. Blake ist Auftragskiller und seine einleitenden Kapitel haben daher natürlich etwas von einem Noir. Der depressive Schriftsteller Viktor Miesel, der zudem im Roman ein Buch namens Die Anomalie schreibt, bringt die metafiktionale Ebene ein. Es gibt auch etwas fürs Herz, etwa durch die Geschichte der afroamerikanischen Erfolgsanwältin Joanna Woods, die sich für ihren langjährigen Partner Aby entscheidet, eine scheiternde Beziehung bei André und Lucie, eine tödliche Erkrankung bei Pilot David Markle, eine Missbrauchsgeschichte bei der kleinen Sophia Klaffmann und etwas künstlerisch-amüsantes durch den nigerianischen Sänger Slimboy. All diese Figuren haben, da sie Teil eines spielerischen Projekts sind, wenig Tiefenschärfe. Sollen sie aber wohl auch nicht haben.

Was sie alle acht und weitere 235 Menschen verbindet, ist ihr Flug mit Air France AF006 am 10. März 2021 (Achtung! Wir befinden uns literarisch in der Zukunft, das Buch erschien 2020). Die Boeing 787 gerät in starke Turbulenzen. Eine Cumulonimbus-Front lässt sie in Luftlöcher stürzen und bombardiert sie mit Hagelkörnern. Es gelingt dem Piloten dennoch, die Maschine sicher zu landen.

Cumulonimbus
Cumulonimbus by Fir0002/ flagstaffotos (CC BY-NC 3.0) via Wikimedia Commons  

Die Anomalie

Noch in diesem ersten Abschnitt lässt Hervé Le Tellier eine weitere Boeing 787 im Anflug auf New York in Turbulenzen kommen – sie ist die Anomalie. Denn auch sie ist Flug Air France AF006, an Bord dieselben 243 Passagiere, am Steuer derselbe David Markle – wir schreiben allerdings den 24. Juni 2021. Alarmiert durch diesen unglaublichen Vorgang werden FBI, namhafte Wissenschaftler, Psychologen und Religionsvertreter rekrutiert und das gelandete Flugzeug auf einem Luftwaffenstützpunkt abgeschirmt. Es wird das Protokoll 42 aktiviert. Kenner von Per Anhalter durch die Galaxis merken hier vielleicht auf; ist „42“ doch die Antwort, die der dortige „Supercomputer“ nach Millionen Jahren Rechenzeit auf die Frage „nach dem Leben, dem Universum und dem ganzen Rest“ ausspuckt.

Hervé Le Tellier wäre kein OuLiPo, wenn er nicht auch mit Intertextualität arbeiten würde. So lässt er – und dass ist mir tatsächlich nur an einer ganz besonders deutlichen Stelle aufgefallen – seine Kapitel mit abgewandelten Zitaten berühmter Bücher beginnen. „Der Waschkessel“ beginnt so:

„Alle ruhigen Flüge sind einander ähnlich. Jeder turbulente Flug ist es auf seine Weise.“

Formale Spielereien

Na, erkannt? Ja, natürlich, hier stand Anna Karenina Patin. Doch zurück zur Handlung. Im zweiten Teil von Die Anomalie lässt Hervé Le Tellier nun die versammelten Fachleute nach Erklärungen für die Dopplung suchen – Wurmloch/Einstein-Rosen-Brücke?, Aliens?, Produkt eines gigantischen 3D-Druckers? oder, am erschreckendsten, ein Fehler in der Simulation, die unser aller Leben darstellt? Ein atemraubendes Gedankenexperiment, dem ich (fast) genauso unzureichend folgen kann wie der darüber in Kenntnis gesetzte Präsident der USA, der (wie schön, dass sich Le Tellier in diesem Punkt getäuscht hat) „starke Ähnlichkeiten mit einem fetten Barsch unter blonder Perücke“ aufweist. Der Autor, studierter Mathematiker, vermag es, die Theorien vor der staunenden Leser:in auszubreiten.

Air France
Air France by darkellysio (CC BY-NC-ND 2.0) via Flickr

Im Hangar der Luftwaffenbasis, in der die Passagiere festgehalten werden, gilt es aber nicht nur, das Phänomen zu erklären, sondern auch Strategien für das weitere Vorgehen zu entwickeln und – besonders heikel – die Menschen mit ihren Doubles zu konfrontieren. Dabei ist Double kein wirklich treffendes Wort, denn sie sind einerseits vollkommen identisch, genetisch, optisch, in ihrer Geschichte, ihrem Empfinden, andererseits fehlen den einen dreieinhalb Monate Leben. Hier menschelt es nach all der anstrengenden Theorie wieder kräftig. Denn hier ist jeder mit sich selbst konfrontiert. Und nicht jeder kann das so „elegant“ lösen wie Killer Blake. Oder ist so „fein raus“ wie Viktor Miesel, dessen März-Identität im April Selbstmord beging, nicht ohne vorher den Bestseller „Die Anomalie“ zu veröffentlichen.

Reaktionen

Da muss sich die Karriere, der Mann oder das Kind „geteilt“ werden, da ist eine Beziehung in die Brüche gegangen, eine Schwangerschaft eingetreten. Wie die Figuren mit dieser Situation umgehen, ist sehr verschieden und wird von Hervé Le Tellier in all seinen möglichen Facetten durchgespielt. Ebenso die Reaktion der Öffentlichkeit, als die Sache publik wird. Das hat natürlich etwas Schematisches, was aber den Charme nicht mindert. Dass sich die Menschen nach solch einschneidenden Erkenntnissen ändern könnten, daran glaubt der Autor allerdings wohl so wenig wie sein Protagonist Viktor Miesel.

„Nichts wird sich ändern. Wir werden morgens aufwachen, wir werden arbeiten gehen, weil wir weiterhin unsere Miete bezahlen müssen, wir werden essen, trinken, Liebe machen wie vorher. Wir werden weiterhin so handeln, als wären wir real. Wir sind blind für alles, was beweisen könnte, dass wir uns irren.“

Hervé Le Tellier ließ sich von den Theorien des schwedischen Philosophen Nick Bostrom zu den Risiken von Superintelligenz und seiner Simulationshypothese inspirieren. Erfreulicherweise liegt die Wahrscheinlichkeit, dass wir alle nur Teil einer Simulation sind, auch nach neueren Berechnungen (wer berechnet so etwas?) bei unter 50 %. Wenn auch nicht weit darunter.

Das klingt jetzt alles sehr theorielastig und formal. Das Schöne an Die Anomalie ist, das Hervé Le Tellier das alles durchaus humorvoll, spannend, unterhaltsam und wirklich leicht lesbar verpackt. Auch ohne den formalen und theoretischen Hintergrund zu kennen, macht das Buch Spaß. Als philosophisches Gedankenspiel ist es komplex und durchaus herausfordernd. Eine wirklich nicht allzu häufige Kombination. Gerne mehr davon!

 

Eine weitere Besprechung gibt es beim Bücheratlas

Beitragsbild by Simon G.Bradley Roberts (CC BY-NC-ND 2.0) via flickr

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Hervé Le Tellier – Die Anomalie
Aus dem Französischen von Romy Ritte, Jürgen Ritte
Rowohlt, Hardcover mit Schutzumschlag, 352Seiten, € 22,00

 

 

2 Gedanken zu „Hervé Le Tellier – Die Anomalie

  1. Liebe Petra,
    dir hat der Roman also auch ausgesprochen gut gefallen. Ist mir auch so gegangen, obwohl ich die Idee der Romanhandlung erst einmal ziemlich verschroben fand und dacht, dass ich den Roman mal auslasse. Und dann habe ich die Szene im Cockpit gelesen gehört und war gleich ganz begeistert von der Spannung, die dort aufgebaut wurde. Und die Szenen auf dem Militärflughafen haben mich dann sehr erinnert an die “Unheimliche Begegnung der dritten Art”, wenn Militär und Wissenschaft und Politik die Ankunft der Außeriridischen vorbereiten und alle wild durcheinander entscheiden. Wunderbar.
    Viele Grüße und einen schönen vierten Advent, Claudia

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