Lektüre November 2021

Auch mit meinem Rückblick auf die Lektüre im November bin ich 2021 spät dran. Irgendwie hechte ich dieses Jahr den Daten immer ein wenig hinterher. Wie passend, dass ich erst im November das Sommer Buch von Ali Smith gelesen habe. 😉 Aber natürlich ist gute Lektüre sowieso zeitlos.

Zumindest ermöglichst mir das späte Posten meines Lektüreüberblicks, euch schon einmal Frohe Feiertage zu wünschen. Macht es euch so schön wie eben möglich in diesen doch ziemlich verstörenden Zeiten.

Frohe Weihnachten!

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Ali Smith - Sommer

Ali Smith – Sommer

Ich liebe die Jahreszeiten-Tetralogie von Ali Smith, die dieses Jahr mit “Sommer” auch in der deutschen Übersetzung (wie immer wunderbar von Silvia Morawetz) abgeschlossen wurde.
Bei jedem Band wundere ich mich so die ersten 50 bis 100 Seiten, was mich denn so an den vorangegangenen Bänden fasziniert hat, ist doch der Einstieg immer ein wenig sperrig, muss man sich immer erst ein wenig an den ganz besonderen Erzählton gewöhnen, an die Flut an Referenzen, Querverweisen, Assoziationen anpassen. Aber jedes Mal hat es irgendwann “Klick” gemacht und ich war wieder drin in dieser hochintelligenten, anregenden, bereichernden Welt. Und habe jedes Mal das Buch regelrecht beglückt zugeschlagen.
Das gilt auch und ganz besonders für Sommer. Denn hier gelingt es Ali Smith auf großartige und völlig ungezwungene Weise, alle vier Bände, die recht eigenständig waren, zu einem großen Ganzen zu verknüpfen.

 

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Hervé Le Tellier – Die Anomalie

Viel wurde schon über dieses Buch geschrieben, dabei ist es eines der Bücher, über die man eigentlich vor der Lektüre möglichst wenig wissen sollte. Mir ging es zumindest so, dass ich eigentlich schon viel zu sehr gespoilert wurde, vorher. Manche Literaturkritiker: innen sind da gnadenlos. Und auch das von mir geschaute Gespräch mit Hervé Le Tellier und selbst der Klappentext verriet zu viel.
Dennoch war es ein spannende Leseerfahrung, ein Gedankenexperiment, dass mich auch nach dem Zuklappen des Buches noch lange beschäftigt. Verdienter Prix Goncourt-Preisträger. Und eine unbedingte Empfehlung für alle Leser:innen (ganz ohne Spoiler). Wer mehr erfahren will, muss  den Blogpost nachlesen. 😉

 

Natascha Wodin - Nastjas Tränen

Natascha Wodin – Nastjas Tränen

Als sie wegen Rückenproblemen eine Haushaltshilfe benötigt, macht die Erzählerin, hinter der sich Autorin Natascha Wodin verbirgt, die Bekanntschaft mit der Ukrainerin Nastja. Diese hält sich nach Ablauf ihres Touristenvisums illegal in Berlin auf und verdient sich mit diversen Putzstellen das wenige Geld, das sie benötigt. Der Großteil ihres Verdienstes fließt zurück ins Heimatland, zum Enkel, den sie mit ihrem mageren Verdienst als Bauingenieurin in Kiew kaum ernähren konnte und der nun bei ihre Ex-Mann lebt. Falsche Papiere, eine Heirat, Nastjas Versuche, Aufenthaltsrecht zu erlangen sind vielfältig. Glücklich wird sie nicht und steht doch stellvertretend für so viele Arbeitsmigrant:innen aus Osteuropa, die im Westen ihr Glück versuchen und hier mittlerweile fast unentbehrlich sind. Die Erzählerin, deren Eltern auch aus der Ukraine stammen, nimmt Nastja bei sich auf. Unbelastet ist die Freundschaft nicht.
Ich mag Natascha Wodins sachlichen, kühlen und doch empathischen Erzählstil. Auch wenn Nastjas Tränen nicht ganz so dicht und fesselnd ist wie ihre beiden Eltern-Bücher.

 

Roy Jacobsen - Die Kinder von Barrøy

Roy Jacobsen – Die Kinder von Barrøy

Roy Jacobsens Insel-Saga wird mit dem vierten Teil – Die Kinder von Barrøy – fortgesetzt. Im Sammelband “Die Unsichtbaren” konnten die Leser: innen die Norwegerin Ingrid und ihr Leben zwischen den beiden Weltkriegen kennenlernen. Die raue Natur der kleinen Insel Barrøy vor der norwegischen Westküste, das entbehrungsreiche Leben der Familien dort, die gefährlichen, jährlichen Fischfangfahrten zu den Lofoten – es hat sich wenig verändert dort. Die Kinder sind groß geworden, die kleine Kaja bekommt einen gleichaltrigen Adoptivbruder. Für alle, die Die Unsichtbaren mochten, ein unbedingtes Muss. Allen, die die Insel-Saga noch nicht kennen, seinen Die Unsichtbaren wärmstens empfohlen.

 

Andreas Moster - Kleine Paläste

Andreas Moster – Kleine Paläste

“Es ist nicht das erste Mal, dass der Hund versucht, mich zu ermorden.”
Ich bin mir ziemlich sicher, dass es nicht die Absicht des alten Lupus war, dass Silvia auf der Treppe über in stolpert und schon zu Beginn von Kleine Paläste zerschmettert am Fuße derselben liegt. Aber Silvia ist eben nicht allwissend, ihr Denken und Fühlen, ihr Horizont – alles allzu menschlich, auch wenn sie nun aus dem Jenseits spricht, ihren hochbetagten, dementen Mann Carl und ihren Sohn Hanno als Geist begleitet, ohne in das Geschehen eingreifen zu können. Es spukt erfreulicherweise nicht im Roman von Andreas Moster. Er erzählt vielmehr sehr empathisch von Familie, Bindungen, Traumata, die auch die Zeit nicht heilt. Und – lobenswert, da in unserer Gesellschaft viel zu oft delegiert und verdrängt – ganz handfest von der Pflege. Dabei wahrt sein Text viel Respekt, zeigt aber auch einen schönen Humor. Ein sehr empfehlenswerter Roman.

 

Kim Thúy - Großer Bruder, kleine Schwester

Kim Thúy – Großer Bruder, Kleine Schwester

Die Kanadische Autorin Kim Thúy schreibt kleine, eindringliche Romane. Der neueste, Großer Bruder, kleine Schwester, ist vielleicht gar kein Roman, aber dennoch sehr berührend und schön.
Es geht um den Vietnamkrieg, die Gräuel, die dort geschahen, um Agent Orange und die vielen Waisen, die der Krieg hinterließ. Aber auch um Liebe und Menschlichkeit. Und um die sehr dubiose Operation Babylift, mit der die US-Army 1975, gegen Ende des Krieges, 2000 bis 3000 vietnamesische Babys und Kleinkinder “evakuierten”. Die Kinder wurden in den USA zur Adoption gegeben und haben größtenteils nie erfahren, wer ihre leiblichen Eltern waren. Repotageartige Abschnitte wechseln mit erzählenden Passagen. Kim Thúy zählt zu den bekanntesten französischsprachigen Autor:innen Kanadas und war in diesem Jahr Teil der Gastlanddelegation zur Frankfurter Buchmesse. Hierzulande wünsche ich ihr noch viel mehr begeisterte Leser:innen.

 

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