Douglas Stuart – Shuggie Bain

Im vergangenen Jahr erhielt ein Debütroman den begehrten Booker Prize, die wohl bedeutendste Auszeichnung für englischsprachige Literatur. In seinem autofiktionalen Roman Shuggie Bain erzählt Douglas Stuart vom Aufwachsen in einem Glasgower Randgebiet mit alkoholkranker Mutter in den 1980er Jahren. Das ist erschütternd, warmherzig und trotz seines traurigen, entsetzlichen Inhalts oft sogar locker und heiter erzählt. Ob es literarisch tatsächlich diesem Preis gerecht wird, verglichen beispielsweise mit den Preisträger:innen der Jahre 2017 und 2018 (George Saunders/Lincoln im Bardo, Anna Burns/Milchmann) darf zumindest angezweifelt werden. Lesenswert ist das Buch aber unbedingt.

Zu Beginn ist Shuggie fünf Jahre alt. Seine äußerst attraktive Mutter Agnes hat ihre Reise nach unten bereits angetreten. Lebenshungrig und hedonistisch hat sie ihren katholischen Ehemann Brendan McGowan – wenig attraktiv, ein wenig langweilig, aber solide und ihr ergeben – für den protestantischen Taxifahrer Hugh Bain, genannt Shug, verlassen. Dieser ist ein Weiberheld, betrügt Agnes nach Strich und Faden und bietet auch sonst keinerlei Sicherheiten. Aus finanziellen Gründen lebt die Familie mit zwei Kindern aus ihrer ersten Ehe und dem kleinen Shuggie nun in der beengten Wohnung der Großeltern Lizzie und Wulli. Nicht ganz klar wird, ob Agnes auch schon vorher dem Alkohol zugeneigt war oder ob sie erst aus Kummer über ihr beengtes, trostloses Leben und die Untreue ihres Mannes immer häufiger zur Flasche greift.

Ein brutaler Dreckskerl

Shug Bain ist ein brutaler Dreckskerl, andere Lesarten lässt das Buch nicht zu. Zunächst von der Attraktivität seiner Frau beeindruckt, nervt ihn diese zunehmend durch ihre Ansprüche. Agnes legt sehr viel Wert nicht nur auf ihr Äußeres, ist immer „wie aus dem Ei gepellt“, sondern träumt auch von einer anderen Umgebung als dem Zimmerchen bei den Eltern im trostlosen Sighthill Hochhausgebiet. Umso mehr freut sie sich, als Shug endlich eine eigene Wohnung besorgt. Auch wenn sie außerhalb von Glasgow in einer heruntergekommenen früheren Zechensiedlung liegt. Die Zeche ist schon lang geschlossen, die meisten Männer arbeitslos, die Familien mehr oder weniger zerrüttet, Alkohol und häusliche Gewalt stete Begleiter.

Shug Bain ist, wie gesagt, ein brutaler Dreckskerl. Und so verlässt er seine Familie direkt nach dem Umzug und zieht zu seiner neuen Freundin. Douglas Stuart, der sich nur wenig hinter Shuggie versteckt, formuliert es so:

„Sie hatte ihn geliebt, und er hatte sie vollkommen brechen müssen, bevor er sie endgültig verließ. Agnes Bain war ein zu kostbares Exemplar, um sie der Liebe eines anderen zu überlassen. Er durfte nicht mal Scherben übrig lassen, die ein anderer später einsammeln und kleben könnte.”

Castlemilk, Glasgow 1983 by Glenluwin, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons

Agnes rutscht, alleingelassen und in dieser trostlosen Umgebung, völlig in ihre Alkoholsucht ab. Für ihre beiden fast erwachsenen Kinder Alexander, genannt Leek, und Catherine schlimm genug, für den kleinen Shuggie eine Katastrophe. Während Catherine irgendwann durch Heirat dem Elend entkommt und Leek sich eine gewisse Unabhängigkeit bewahrt, ist Shuggie seiner Mutter und ihren Stimmungen komplett ausgeliefert. Diese hat durchaus auch liebevolle Momente, schreckt aber nicht davor zurück, ihren Sohn emotional restlos zu missbrauchen. Und der Alkohol steht immer an erster Stelle.

Shuggie

Fasziniert von ihrer Schönheit, ihrer geschmackvollen Kleidung, dem sorgfältigen Makeup (man wird den Eindruck nicht los, dass hier Douglas Stuarts spätere Laufbahn mitbegründet liegt – er ist Modedesigner für renommierte Marken wie Calvin Klein, Ralph Lauren oder Gap) vergöttert Shuggie seine Mammy, versucht sie zu schützen, ihre Würde zu wahren, auch wenn die unschönen Momente immer mehr zunehmen, oft das letzte Geld für Alkohol draufgeht, der Junge Hunger hat und nicht zur Schule geschickt wird. Besonders schlimm wird es, als Agnes nach einem Jahr „trocken sein“ wieder rückfällig wird und auch Leek von zuhause auszieht.

Douglas Stuart erzählt die Geschichte von Shuggie Bain als personaler Erzähler aus wechselnden Perspektiven. Dieser Wechsel geschieht oft auch innerhalb eines Kapitels und verhindert tatsächlich ein wenig die Identifikation nur mit Shuggie. Dennoch ist klar, wem die Empathie des Autors gilt. Es ist sein junges, verzweifeltes, ehemaliges Ich. Das junge Alter bedingt die recht geringe Reflektiertheit des Erzählten. Shuggie ist überfordert von der Verantwortung, die er schließlich ganz allein tragen zu müssen glaubt.

Anderssein

Dabei bemerkt er zwar sein „Anderssein“, auch in Bezug auf seine sexuelle Orientierung, wirklich beleuchtet oder analysiert wird das aber nicht. Aber auch die anderen Protagonisten entwickeln sich kaum weiter. Agnes bleibt mit ihrer Lebensgier enttäuscht von der Eintönigkeit ihres Alltags und der fehlenden Liebe ihres Mannes. Dieser bleibt der egoistische Mistkerl, der er von Anfang an war. Auch die Nachbarn und Freunde bleiben in ihrer vorwiegenden Niedertracht und ihrer Resignation angesichts ihrer Lebenssituation gefangen. Das ist ein deutliches Defizit unter dem der Text ein wenig leidet.

Die Not, in die viele Menschen infolge des knallharten Kapitalismus von Margaret Thatcher gerieten, die Konflikte zwischen Katholiken und Protestanten, die in den 1980ern noch heftig schwelten, Probleme durch Arbeitslosigkeit, der Chauvinismus, der jegliche Abweichung von der Norm in der Gesellschaft unerbittlich straft, die Unsolidarität in weiten Teilen der Gesellschaft– all das sind Dinge, die Douglas Stuart in Shuggie Bain anspricht, aber leider nur streift. Zu sehr ist er auf das persönliche Drama fokussiert.

Dennoch sind ihm eine eindrückliche Sozialstudie und ein berührender autofiktionaler Text gelungen. Sophie Zeitz übersetzt seinen „Glasweger Dialekt“ in ein überzeugendes fiktives, norddeutsch geprägtes Idiom.

 

Weitere Besprechungen beim Bookster HRO, Letteratura und Sandra Falke

 

Beitragsbild by jon jordan (CC BY 2.0) via flickr

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Douglas Stuart Shuggie Bain.

Douglas Stuart – Shuggie Bain
übersetzt aus dem Englischen von Sophie Zeitz
Hanser Berlin August 2021, Fester Einband, 496 Seiten, 26,00 €

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