Annie Ernaux – Das Ereignis

Annie Ernaux ist die Grande Dame der französischen Literatur, die Meisterin der soziologisch geprägten Autofiktion und darin Lehrmeisterin ihrer jüngeren Kollegen wie Didier Eribon oder Edouard Louis. Seit der Übersetzung ihres Buchs Die Jahre 2017 erlebt sie auch in Deutschland eine begeisterte Rezeption. Der Suhrkamp Verlag veröffentlicht nach und nach ihr Werk in den wunderbaren Übersetzungen durch Sonja Finck. Nach dem Buch über einen sexuellen Übergriff in ihrer Jugend (Erinnerung eines Mädchens), ihrer Texte über die Eltern (Der Platz, Eine Frau) und über ihre eigene schambesetzte Loslösung von der Gesellschaftsschicht, aus der ihre Eltern stammen (Die Scham) erscheint nun ein im Original bereits 2000 erschienenes Memoir, das zugleich noch unerschrockener und  noch schmerzerfüllter als ihre bisher übersetzten Bücher ist. Annie Ernaux erzählt in Das Ereignis von einem Schwangerschaftsabbruch, den sie 1964 durchführen lassen hat.

Anders als in vielen Ländern ist in Frankreich der Schwangerschaftsabbruch heute ausdrücklich Frauenrecht. Bei ungewollter Schwangerschaft können Frauen ohne Angabe von Gründen bis zum Ende der 12. Woche abtreiben. Die Bedingung einer „Notlage“ wurde 2014 ebenso gestrichen wie eine obligatorische Bedenkzeit. Diese Legalisierung geschah aber erst 1975. Davor waren Schwangerschaftsabbrüche illegal und sowohl die Durchführung als auch deren Unterstützung ein Straftatbestand.

Ein einsamer Weg

Als die 23 jährige Studentin Annie von ihrer Schwangerschaft erfuhr, begann für sie eine Horrorzeit. Wer Ernauxs vorangegangenen Werke kennt, weiß, wie wichtig für sie, aber auch für die Eltern der soziale Aufstieg war. Annie wollte raus aus dem schambesetzten Arbeitermilieu und war durch ihr Lehramtsstudium in Rouen auf dem besten Weg dazu. Die lockere Beziehung zu einem Mann in Bordeaux und die daraus resultierende Schwangerschaft drohte dies nun zu beenden. Wie völlig unbeteiligt sich der entsprechende Mann an Annies Lage fühlt, macht schlicht sprachlos.

Aber auch sonst hat die junge Frau in dieser schwierigen Situation niemanden, dem sie sich anvertrauen kann. die Eltern kommen nicht in Frage, Kommiliton:innen, denen sie sich anvertraut, schwanken zwischen Hilflosigkeit, Sensationslust oder Desinteresse. Aufgesuchte Ärzte wollen oder können nicht helfen, ohne sich strafbar zu machen. Nach einigen erfolglosen Selbstversuchen mit Stricknadeln und Extremwanderungen, nimmt Annie Kontakt zu einer Hilfskrankenschwester auf, die zuhause Abtreibungen vornimmt. Es ist gerade einmal fünfzig Jahre her, dass solche „Engelmacherinnen“ ihr fragwürdiges Geschäft verrichteten.

Für Annie Ernaux, der es in ihren autofiktionalen, oft sehr persönlichen Texten aber nie nur um eigene Erfahrungen geht, sondern die diese immer in einen gesellschaftspolitischen, soziologischen Zusammenhang stellt, ist die Position dieser Frauen, die einerseits die Notlage ungewollt schwangerer Frauen finanziell ausnutzten, andererseits für diese oft nur die einzige Rettung bedeuteten, vergleichbar der heutiger Schlepper, die Migranten nach Europa bringen. Und natürlich droht jederzeit ein Rückfall in voremanzipatorische Zeiten. Man mag sich nur die Gesetzesänderungen in manchen Bundesstaaten der USA oder in Polen bzgl. des Rechts auf Schwangerschaftsabbruch anschauen. Oder auch abtreibungsfeindliche Tendenzen in Frankreich oder anderswo in Europa.

Fast verblutet

Für Annie bedeutete der Eingriff, der mit einer Sonde in die Gebärmutter durchgeführt wurde, fast den Tod. Der Abgang des Fötus geschah im Studentenwohnheim, durch ein bloßes Durchtrennen der Nabelschnur verblutete die junge Frau fast. In der Notaufnahme begegnete ihr nur Verachtung und Herablassung durch das Personal und die Ärzte, was sich etwas besserte, als bekannt wurde, dass sie Studentin ist. In dem Vorurteil ungewollte Schwangerschaft=Prekariat sind aber nicht nur die Ärzte verfangen.

«Ich stellte eine vage Verbindung her zwischen meiner Klassenherkunft und dem, was mir passiert war, die unvermeidliche Weitergabe der Armut, deren Symbol die unverheiratete Schwangere war, im selben Masse wie der Alkoholiker.“

Fehlende Informationen, fehlende Unterstützung, gesellschaftliche Tabuisierung und Strafverfolgung forderten fast das Leben von Annie. Und damit stand sie in einer traurigen Tradition. Ihre gnadenlos präzise, stellenweise sehr drastische Schilderung der Ereignisse, fordert den Leser:innen einiges ab. Die von Annie Ernaux bekannte Distanziertheit und nüchterne Genauigkeit im Erzählen und Analysieren findet man auch in Das Ereignis. Die unbedingte Wahrheitssuche und die hohe Reflektiertheit der Autorin, immer wieder wird von der Kritik der Begriff der „Ethnologin ihrer Selbst“ verwendet, verdienen größte Achtung.

„Etwas erlebt zu haben, egal, was es ist, verleiht einem das unveräußerliche Recht, darüber zu schreiben. Es gibt keine minderwertige Wahrheit. Wenn ich diese Erfahrung nicht im Detail erzähle, trage ich dazu bei, die Lebenswirklichkeit von Frauen zu verschleiern, und mache mich zur Komplizin der männlichen Herrschaft über die Welt.“

 

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Annie Ernaux - Das Ereignis.

Annie Ernaux – Das Ereignis
Aus dem Französischen von Sonja Finck
Bibliothek Suhrkamp 1525 September 2021, gebunden, 104 Seiten, € 18,00

 

 

 

 

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