Stephan Thome – Pflaumenregen

Taiwan ist weithin bekannt als technologisch hochentwickelter Industriestaat, als demokratischer Inselstaat vor der Küste Chinas, irgendwie dazugehörend, irgendwie aber auch nicht. Amtlich nennt sich das Land „Republik China“, in Abgrenzung zur Volksrepublik China, die das Land im Rahmen ihrer „Ein-China-Politik“ niemals anerkannte. Tatsächlich tun das mittlerweile (Stand 2021) weltweit nur noch dreizehn Staaten sowie der Vatikan. Die wirtschaftlichen Beziehungen zu China sind zu wichtig, um sie dadurch zu gefährden. Dennoch unterstützt der Westen, vor allem die USA die Unabhängigkeit Taiwans als Gegengewicht zur Supermacht China. Der seit der Spaltung 1949 schwelende Konflikt ist aktuell wieder aufgeflammt. Welche historischen Entwicklungen dahinterstecken, dürfte nur wenigen genauer bekannt sein. Stephan Thome, Sinologe, erfolgreicher Autor und seit über zwölf Jahren in Taiwan beheimatet, trägt mit seinem neuen Roman Pflaumenregen sehr zum Verständnis der Lage bei.

Thome schreibt aber kein Sachbuch. Sein breit angelegter, epischer Familienroman kommt keineswegs didaktisch daher. Dennoch möchte der Autor Kenntnisse über die komplizierte Geschichte Taiwans vermitteln und weiß, dass er meist nur begrenzt Vorwissen voraussetzen kann. Zugleich bezieht er politisch klar Stellung und vermittelt das in seinem kurzen, aufklärenden Vorwort.

„Heute ist Taiwan eine ebenso lebendige wie gefährdete Demokratie, denn das Regime von Peking betrachtet die Insel – die nie zur Volksrepublik gehört hat – als Teil seines Staatsgebiets und strebt eine notfalls gewaltsame Vereinigung an. In Taiwan will das so gut wie niemand.“

Wechselvolle Geschichte Taiwans

Stephan Thome breitet die wechselvolle Geschichte Taiwans von den 1940er Jahren bis heute anhand der Geschichte des Mädchens Umeko aus – ihr Name bedeutet in etwa „Pflaumenkind“ und gibt dem Roman Pflaumenregen seinen Titel. Umeko wächst mit ihrem älteren Bruder Keiji im Norden Taiwans, in der kleinen Stadt Kinkaseki (heute Jinguashi) auf. Ihr Vater, Herr Ri, arbeitet in der dortigen Goldmine.

Taiwan ist nach dem von China verlorenen Ersten Chinesisch-Japanischen Krieg, der durch Streitigkeiten um den politischen Status Koreas ausgebrochen war, von Japan besetzt. Die Schlüsselstellen in Handel und Verwaltung nehmen Japaner ein. Auch wenn Umekos Großvater noch chinesisch geprägt ist, hat sich die Familie mit den Kolonisatoren gut eingerichtet, verfolgt einen japanischen Lebensstil. Als Mutterland gilt Japan, der Tenno wird gottgleich verehrt, man spricht Japanisch. Der Großteil der Chinesen auf Taiwan wird aber von den Kolonialherren unterdrückt.

Jinguashi Schrein
Jinguashi (Kinkaseki) Schrein by weichen_kh (CC BY-NC-ND 2.0) via flickr

Das ändert sich schlagartig, nachdem das an der Seite des deutschen Reichs kämpfende Japan im September 1945 endgültig kapituliert. Zunächst war auf Taiwan von den Kampfhandlungen des Pazifikkrieges, der mit dem Zweiten Chinesisch-Japanischen Krieg bereits 1937 begann und durch die Allianz Japans mit den Deutschen Reich nahtlos in den Weltkrieg mündete, wenig zu spüren. Erst mit dem Angriff auf Pearl Harbor am 7. Dezember 1941 durch das Kaiserreich Japan wurde die Region in die Kampfhandlungen hineingezogen. In Kingaseki wurde ein Gefangenenlager errichtet.

Nachkriegszeit

1945 fällt Taiwan wieder an die Chinesen. Diese verfolgen eine repressive Politik, die die Taiwanesen erneut unterdrückt. Auch alles Japanische ist fortan verboten, selbst die Namen. Umeko wird nun zu Hsiao Mei, ihre geliebte japanische Lehrerin Honda muss das Land verlassen. Das Leben wird komplett umgekrempelt.

Im neuen Mutterland China tobt bereits seit 1927 ein Bürgerkrieg zwischen der Nationalen Volkspartei Chiang Kai-sheks und den Kommunisten unter Mao Zedong. Nach dem Sieg Letzterer fliehen Chiang Kai-shek und seine Anhänger auf die Insel. Die dort errichtete Einparteien-Diktatur und das verhängte Kriegsrecht unterdrücken die Einheimischen und ihre Sprache nun noch rigider, Geheimpolizei verfolgt (vermeintliche) Staatsfeinde. 1947 wird eine Rebellion blutig niedergeschlagen, das 228-Massaker vom 28. Februar und die folgenden Säuberungsaktionen kosten geschätzt 10.000 bis 20.000 Zivilisten, vorwiegend Mitglieder der taiwanesischen Oberschicht und Intellektuelle, das Leben.

Auch in Umeko bzw- Hsiao Meis Familie gibt es Opfer. Während ihr Vater nur seine Arbeitsstelle verliert und zwei ihrer Onkel mit ihrem Kohlebergwerk weitermachen können, verschwindet „der dritte Onkel“ spurlos. Auch der Bruder Keiji muss für zehn Jahre in ein Arbeitslager. Dieser staatliche Terror sollte noch bis 1987 andauern. Erst dann entwickelt sich Taiwan zu einer Demokratie.

Familiengeschichte

Stephan Thome erzählt diese Zeitgeschichte sehr geschickt im Spiegel von Umekos Familie, er begleitet Umeko/Hsiao Mei in Pflaumenregen von ca. 1943 bis 2017. Die Kindheits- und Jugendepisoden werden mit solchen aus der Jetztzeit geschnitten. Zum 80. Geburtstag Umekos reiset neben den zwei älteren Söhnen auch der jüngste, Hua-Li, aus den USA an. Dieser lebt als Professor Harry Chen schon lange fern von Taiwan und hat dort mit seiner amerikanischen Frau Helen eine Familie gegründet. Sohn Paul, der schon kaum mehr Chinesisch spricht, kommt mit zur Geburtstagsfeier seiner Großmutter. In diesen aktuellen Episoden verschiebt sich die Perspektive von Umeko auf Julie, Enkelin und Tochter ihres ältesten Sohns Hua-rong und Harry.

Jinguashi Kronprinzenpalast
Jinguashi Kronprinzenpalast by Lian Chang (CC BY 2.0) via Flickr

Julie lebt mit dem Engländer Dave in Hongkong zusammen, plant mit ihm vielleicht eine Familie in London. Neben seiner geschichtsgesättigten, epischen Familiengeschichte thematisiert Stephan Thome mit diesen „Entwurzelten“ in Pflaumenregen auch Fragen nach Heimat, Herkunft, Identität und Zugehörigkeit. Trotz der vielen historischen Fakten und Ereignisse wirkt das Buch nie didaktisch.

Thome erzählt leichthändig, atmosphärisch dicht, klug und empathisch. Kleinere Längen in der Mitte des Buchs verzeiht man gern. Etwas weniger Baseball hätte es auch getan, aber dieser Sport scheint für Japan und das kolonialisierte Taiwan (und vielleicht auch für den Autor?) ziemlich wichtig zu sein. Glücklicherweise lässt der Autor in seiner Geschichte ansonsten genügend Leerstellen, erzählt nicht alles aus, lässt den Figuren auch ihre Geheimnisse.

Nachforschungen

Harry plant ein Buch über die Geschichte Taiwans, forscht auch während seines Aufenthalts nach. Seine Mutter hat über diese Zeit meist geschwiegen. Nun fahren sie mit ihr zurück nach Kinkaseki. Aber auch hier schweigt Umeko.

„Mit seiner Mutter über die Vergangenheit sprechen ist wie ein scheues Tier zu füttern. Eine falsche Bewegung und…”.

Trotzdem erfahren Harry und Julie doch so manches über das Leben der Mutter und Großmutter, über das Leben unter der Kolonialmacht Japan, die rigide Sinesierung nach Kriegsende, den Weißen Terror Chiang Kai-sheks und die Resilienz einer tapferen Frau. Möglich, dass die Aufzeichnungen Harrys und Pflaumenregen von Stephan Thome ein und dasselbe Buch sind.

Auf jeden Fall haben wir Leser:innen nicht nur eine Menge über Taiwan erfahren, sondern einen mitreißenden, empathischen, stilistisch brillanten Roman gelesen.

In Gott der Barbaren hat Stephan Thome bereits einen spannenden Roman aus der Geschichte Chinas vorgelegt.

 

Auf dem Bücheratlas gibt es eine weitere Besprechung

Beitragsbild via Pixabay

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Stephan Thome - Pflaumenregen.

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Stephan Thome – Pflaumenregen
Suhrkamp September 2021, Fester Einband, 526 Seiten, € 25,00

2 Gedanken zu „Stephan Thome – Pflaumenregen

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