Ariane Koch – Die Aufdrängung

Ariane Koch - Die AufdrängungAriane Koch – Die Aufdrängung

Verlagstext:

Eine junge Frau fristet ihr Dasein in einem zu großen Haus in einer zu kleinen Stadt neben einem dreieckigen Berg. Als dort ein Gast auftaucht, nimmt sie ihn kurzerhand bei sich auf. Der Gast ist ihr so vielversprechend neu wie fremd und wird schnell zum einnehmenden Mittelpunkt, aber auch Opfer inquisitorischer Machtfantasien. Bis er den Fängen der zunehmend obsessiven Hausherrin schließlich entkommt und sie selbst, wieder allein, eine lang ersehnte Reise antritt und nun ihrerseits zur Gästin wird.

Die Aufdrängung ist ein wunderbar eigensinnig erzählter Roman, der Fragen nach dem Bekannten und Unbekannten, nach Herkunft und Heimat, nach Assimilation und Integration, nach Privatsphäre und Gastfreundlichkeit stellt. Ein Debüt, dessen Lust am Fabulieren und Fantasieren mitreißt.

Meine Meinung:

Was für ein merkwürdiger (im Wortsinn) und eigenartiger (ebenfalls im Wortsinn) Text der bisher mit Theater- und Performancetexten und Hörspielen hervorgetretenen Schweizer Autorin! Auch das Format des schmalen Buchs ist außergewöhnlich für einen literarischen Debütroman, erscheint er doch als Broschur in der kleinformatigen edition surkamp mit Schutzumschlag.

Ariane Koch lässt eine Ich-Erzählerin berichten, wie sie einen den ganzen Text hindurch nur als “Gast” bezeichneten Menschen auf dem Bahnhof trifft und ihn bei sich aufnimmt. Sie lebt nach dem Auszug der Eltern im alten Familienhaus, misstrauisch beäugt von den Geschwistern. Sie bewohnt neun Zimmer, im zehnten lagert eine Armada ausrangierter Staubsauger. Hier bringt sie den Gast unter, der ihr mehr und mehr als Projektionsfläche für eine Auseinandersetzung mit sich selbst und ihrer Familie dient. Sie erzählt in radikalem Subjektivismus von der Entwicklung ihrer Beziehung zum Gast. Die durchläuft verschiedene Stadien, vom Misstrauen, der Reibung, der Annäherung und letztlich wieder hin zur Entfremdung, und wird in sehr skurrilen Episoden und mit einer abgründigen Komik erzählt. Die Sätze sind präzise und von fast bürokratischer Nüchternheit. Sie funkeln vor Klugheit und Absurdität. Den Leser:innen bieten sie eine Fülle von Interpretationsmöglichkeiten. Verweise an Großmeister Kafka, philosophische Fragestellungen, eine Allegorie auf die Entwicklung von Beziehungen, ein Nachdenken über Gastfreundschaft, sogar eine Anspielung auf unsere Überflussgesellschaft, auf Migration und Willkommenskultur oder auch nur das Psychogramm einer Frau, die den Absprung ins Erwachsenenleben noch nicht geschafft hat – da ist vieles möglich, wenn man sich auf den Text einlässt. Man kann sich aber auch einfach an den teils grandiosen Sätzen und ihrer Absurdität erfreuen.

Mir hat Die Aufdrängung zumindest viel Spaß gemacht. Und sie lädt zur Relektüre ein, um wieder andere Aspekte des Textes zu erfassen. Die Aufdrängung ist ein Buch, mit dem man sich trotz seines geringen Umfangs lange beschäftigen kann.

 

Ariane Koch – Die Aufdrängung
Suhrkamp August 2021, Broschur mit Schutzumschlag, 179 Seiten, € 14,00

 

Dieser Text ist Teil meiner Beurteilung und Bewertung zum Bloggerpreis für Literatur Das Debüt 2022. Die Punktebewertung und die Platzierung der Texte folgt am 1. Februar.

Weitere Beiträge dazu von mir:

Jessica Lind – Mama

Thomas Arzt – Die Gegenstimme

 

Beitragsbild via Pixabay:

Blogbeiträge anderer Jurymitglieder zu Mama:

Leckerekekse

Mikkaliest

Schiefgelesen

2 Gedanken zu „Ariane Koch – Die Aufdrängung

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.