Claire Keegan – Kleine Dinge wie diese

Die irische Autorin Claire Keegan hat mit Kleine Dinge wie diese ein schmales, erstaunliches Buch geschrieben und der Steidl Verlag daraus ein kleines bibliophiles Schmuckstück gemacht. Mit wenigen Worten thematisiert die Autorin ein dunkles Kapitel irischer Geschichte und lässt einen Mann einen Gewissenskonflikt austragen. Ein wenig erinnert die Atmosphäre an Charles Dickens und seine Weihnachtsgeschichte. Und tatsächlich spielt Claire Keegan darauf auch verschiedentlich direkt an.

Dezember 1985, New Ross im County Wexford im Südosten Irlands. Die Arbeitslosigkeit ist hoch, ebenso die Hoffnungslosigkeit, besonders im ländlichen Raum. Reihenweise schließen die Fabriken und Läden, wer kann wandert aus, nach London, aufs europäische Festland oder nach Amerika. Der Katholizismus ist strikt und mächtig. Bill Furlong hat es dennoch zu etwas gebracht. Als unehelicher Sohn hatte er das Glück, dass er und seine sechzehnjährige Mutter bei der protestantischen Witwe Wilson, wo diese als Hausangestellte arbeitete, bleiben durften und nicht, wie so oft üblich, vor die Tür gesetzt wurden. Das Haus der Witwe wurde auch sein Zuhause, während die Familie die junge Mutter regelrecht verstieß.

Klatsch, Anfeindungen und regelrechtes Mobbing war er allerdings von klein auf gewohnt. Ihm gelang aber der Aufstieg, trotzdem er nach dem frühen Tod der Mutter allein stand und nur die Witwe und ihren Angestellten Ned zur Unterstützung hatte. Nun lebt er als Kohle- und Holzhändler mit seiner Frau Eileen und fünf Töchtern ein bescheidenes, aber ruhiges, zufriedenes und auskömmliches Leben.

Weihnachten 1985

Der Winter 1985 ist hart und die Tage vor Weihnachten voller Arbeit, da jeder an den Festtagen genug Heizmaterial zuhause haben will. Allerlei Vorbereitungen müssen noch getroffen, Geschenke besorgt, Mince Pies gebacken werden. Die Atmosphäre hat hier tatsächlich mehr von einem Dickens-Roman als von den Achtzigern des vorigen Jahrhunderts. Und Bill Furlong wünscht sich zu Weihnachten eine Ausgabe von David Copperfield, hat selbst als Kind Dickens Christmas Carol geliebt. Manchmal ist man als Leser:in richtig erstaunt, wenn von Lego oder Tesafilm die Rede ist, so sehr fühlt man sich in eine frühere Zeit versetzt.

Auch wie aus den dunklen Ecken des 19. Jahrhundert scheint eine Institution in New Ross zu sein, mit der Bill plötzlich konfrontiert wird. Weil die Zeit knapp und die Arbeit immens ist, verlegt der Händler eine Kohlenfuhre an das Kloster auf den Sonntagmorgen. Eine ungewöhnliche Lieferzeit. Und Bill bekommt prompt etwas zu sehen, dass er lieber nicht hätte sehen sollen.

Die Magdalenenwäschereien

Das Kloster betreibt eine sogenannte Magdalenenwäscherei. Seit dem Mittelalter gab es solche Einrichtungen für „gefallene Mädchen“, die sich hauptsächlich um Prostituierte kümmerten. Seit dem 19. Jahrhundert betrieben der irische Staat, die Kirche und verschiedene Ordensgemeinschaften entsprechende Einrichtungen gemeinsam, die sich nicht nur um Prostituierte „kümmerten“, sondern in die vor allem ledige Mütter, schwangere Vergewaltigungsopfer und „auffällige“ Frauen aufgenommen wurden. Da sie häufig rentable Wäschereien betrieben, etablierte sich der Name „Magdalenenwäscherei“. Die Frauen lebten dort unter menschenunwürdigen Bedingungen, wurden meist gezwungen, ohne Lohn harte körperliche Arbeit zu verrichten, mussten strikten Gehorsam leisten und wurden teilweise extremen Züchtigungen unterworfen. Die unehelich geborenen Babys wurden den Müttern weggenommen und zur Adoption regelrecht verkauft. Die rigiden Moralvorstellungen der streng katholischen irischen Gesellschaft tolerierten diese Einrichtungen allerdings weitgehend trotzdem.

Die letzte solche Magdalenenwäscherei in Irland wurde erst 1996 geschlossen. Die Autorin Frances Finnegan vermutet: „Möglicherweise war das Aufkommen der Waschmaschine ein ebenso wichtiger Grund für die Schließung dieser Wäschereien wie die veränderten Moralvorstellungen.“

Mich haben die Zustände, die Claire Keegan in Kleine Dinge wie diese schildert, indem sie Bill Furlong im Kohlenkeller des Klosters ein völlig verwahrlostes, misshandeltes Mädchen antreffen lässt, an die Vorgänge in den kanadischen Residential Schools erinnert. Auch diese wurden erst in neuerer Zeit bekannt, auch dort rückten die Einrichtungen erst ins Medieninteresse als auf deren Gelände massenweise verscharrte Leichen entdeckt wurden.

Zwickmühle

Bill Furlong ist erschüttert vom Zustand des Mädchens, die Nonnen des Klosters tun allerdings so, als wäre es auf eigene Faust fortgelaufen. Als Bill Furlong das als Täuschung entlarvt, steckt er in der Zwickmühle: Soll er sich mit der mächtigen Institution Kirche anlegen? Soll er das einflussreiche Kloster, einer seiner guten Kunden, anklagen? Die Karriere seiner Töchter, die alle die dem Kloster angegliederten Schule besuchen, gefährden? Sein kleines Glück gegen den dringenden Rat seiner Frau aufs Spiel setzen?

Knapp und lakonisch, niemals pathetisch oder kitschig, und damit so ganz anders als ihre Referenz Charles Dickens, schreibt Claire Keegan mit Kleine Dinge wie diese ein bewegendes Buch über ein mir bis dahin so nicht bekanntes Kapitel irischer Geschichte und ein moralisches Dilemma. Wie es am Ende ausgeht, bleibt ein wenig offen. Hoffnung ist aber durchaus angebracht. Schließlich ist es nicht nur „der Dezember der Krähen“ (siehe den wunderschönen Leineneinband), sondern auch Weihnachten.

 

Beitragsbild via Pixabay

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Claire Keegan - Kleine dinge wie diese.

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Claire Keegan – Kleine Dinge wie diese
Übersetzt durch Hans-Christian Oeser
Steidl März 2022, 112 Seiten, Leineneinband, € 18,00

 

5 Gedanken zu „Claire Keegan – Kleine Dinge wie diese

  1. Ich lese deine Rezensionen ja immer sehr gern, liebe Petra, und über diese habe ich mich ganz besonders gefreut, denn ich finde, in Deutschland ist Claire Keegan immer noch zu wenig bekannt und wird viel zu wenig gelesen. Ihre längere Erzählung “Foster” (2009) liebe ich sehr, aber auch “Walk the Blue Fields” (2007), eine Sammlung kürzerer Erzählungen. Im vergangenen Herbst kam nun endlich das neue Buch heraus. Ich habe die englische Version gelesen (“Small Things Like These”) und war wiederum begeistert. Wie Keegan so ganz allmählich den inneren Konflikt des Kohlenhändlers entwickelt, das ist schon sehr kunstvoll. Die deutsche Übersetzung kenne ich nicht, aber ich hoffe, es ist gelungen, den kargen Stil, der für Keegan so charakteristisch ist, ins Deutsche zu retten. Die Sätze scheinen so einfach, sind aber reich an Klang und Rhythmus. Der Titel liest sich fast wie ein Motto für Keegans Erzählweise, denn sie ist Meisterin darin, wenige kleine Details mit sicherer Hand so zu platzieren, dass sie große Resonanzräume eröffnen. Ein wunderbarer Text!

    1. Liebe Sabine! Für mich war dies das erste Buch von Claire Keegan. Ich hatte mir mal Das dritte Licht gekauft, bin aber irgendwie nie zum Lesen gekommen. Das werde ich jetzt unbedingt nachholen, denn ich war auch sehr begeistert. Ich kenne natürlich das Original nicht, aber ich denke, die Übersetzung ist gelungen. Das, was du als für Keegan so typisch empfindest, habe ich in der Übersetzung auch so gefunden.
      Ich wollte mich auch schon längst bei dir melden. Das russische Rätsel vom Verlag ist leider bei mir nie angekommen, aber ich habe es mir vor einiger Zeit gekauft. Es stehen noch einige andere Titel in der Leseliste davor, aber ich werde es auf jeden Fall vor dem Sommer lesen und dir dann schreiben. Liebe Grüße, Petra

      1. Liebe Petra,
        “Das dritte Licht” (“Foster”) ist ein Meisterwerk, das du unbedingt lesen musst!
        Es ist so kurz und umfasst doch das ganze Universum eines irischen Kinderlebens – kein Wort zu viel, keines fehlt. Den deutschen Titel verstehe ich nicht im Zusammenhang mit der Geschichte, aber das geht mir oft so mit deutschen Übersetzungstiteln.
        Liebe Grüße
        Sabine

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