Stewart O’Nan – Ocean State

Von Beginn an ist klar, wie Ocean State, der neueste Roman des amerikanischen Autors Stewart ONan enden wird:

„Als ich im achten Schuljahr war, half meine Schwester dabei, ein anderes Mädchen zu töten. Sie sei verliebt gewesen, sagte meine Mutter, als wäre das eine Entschuldigung. Sie habe nicht gewusst, was sie tat.“

Damit ist auch die Handlung grob umrissen, die Stewart ONan wie üblich in einem kleinen Ort an der amerikanischen Ostküste ansiedelt. Ashaway, ein etwas heruntergekommener Ort, dessen Garnfabrik schon lange geschlossen ist, im Jahr 2009. Die dreizehnjährige Ich-Erzählerin Marie Oliveira lebt mit ihrer Mutter Carol und der 5 Jahre älteren Schwester Angel in einem überschuldeten Haus am Fluss, direkt gegenüber der leerstehenden Fabrik. Diese ist Abenteuer- und Rückzugsort für das Mädchen, das seine Schwester so sehr bewundert wie es mit dem eigenen Erwachsenwerden kämpft. Der Vater hat sich schon längst davongemacht, die Mutter hält sich und die Mädchen mit einem Job als Hilfspflegerin in einem Altenheim über Wasser. Sie liebt ihre Kinder, aber sie sucht auch Liebe für sich. Bei immer wieder wechselnden und meist falschen Männern.

Die große Liebe

Jetzt scheint aber mit dem gutsituierten Russ ein wenig mehr Ruhe in ihr Leben einzukehren. Dennoch sind die Mädchen viel zu oft allein oder müssen zur ruppigen Großmutter übersiedeln. Für Angel ist das kein Problem. Sie ist erwachsen, selbstbewusst und mit dem reichen, gutaussehenden Schulkameraden Myles liiert. Die anderen Mädchen beneiden sie, sie genießt die Anerkennung. Für sie ist Myles nicht nur die große Liebe, sondern auch eine Tür in eine andere, bessere, da wohlhabendere Welt.

Es ist für sie daher eine Katastrophe, als sie über die sozialen Medien erfährt, dass Myles ein Verhältnis mit einer anderen Schulkameradin hat. Beatriz (Birdy) Alves ist eine Latina wie sie und auch aus eher weniger privilegierten Kreisen stammend. Eigentlich ist sie schon länger mit dem ein wenig langweiligen Hector zusammen, der die Sympathie ihres Familienclans besitzt. Aber nun ist sie fast ein wenig besessen von Myles und ihren Stelldicheins im Strandhaus der Familie unten am Strand von Westerly. Auch für sie ist die Aufdeckung der Liebschaft eine Katastrophe, denn Myles scheint sich von ihr abzuwenden, Angel reagiert auf sie brutal, die Mitschüler schneiden sie. Einmal soll es aber noch zu einem Treffen mit Myles am Strand kommen. Entscheidet er sich vielleicht doch noch für sie?

Strandhaus
by JERRYE & ROY KLOTZ, M.D., CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons
Ein tragisches Ende

Wir wissen es besser, wir kennen von Beginn an das tragische Ende, verfolgen aber dennoch gespannt den Entwicklungen, die in den wechselnden personalen Perspektiven der vier Frauen/Mädchen (Marie, Angel, Carol, Birdy) geschildert werden. Wir sind ganz dicht dran, denn dieser Erzählstrang wird im Präsenz geschildert. Das zieht sich bis zu den Ermittlungen und dem darauffolgenden Prozess. Die Tat selbst wird im Ungefähren gelassen. Bis zum Ende erfährt die Leserin nicht, was genau geschehen ist, warum und wie. Es bleiben wie im Prozess nur die Indizien. Denn man einigt sich auch vor Gericht auf einen Deal, bei dem die Beteiligten nicht aussagen müssen. Und natürlich kommt der gutsituierte Myles bei diesem Deal besser davon.

Stewart ONan gelingt es auch in Ocean State wieder großartig, die Atmosphäre amerikanischer Kleinstädte einzufangen, die sozialen Diskrepanzen in der dortigen Gesellschaft aufzuspüren, das Alltagsleben zu beleuchten. Dabei sind wieder die „typisch“ amerikanischen Orte zentral, Parkplätze, Diner, High School, Supermärkte. Das Strandhaus mit Fensterfront zum Atlantik wirkt dagegen schon fast ein wenig surreal. Dieses Gesellschaftsbild und der tiefe Blick in die Alltagskultur mit ihren Marken und Ritualen sind das interessanteste an Ocean State. Die Teenager-Liebeswirren und Passionen sind mir dagegen schon manchmal ein wenig auf die Nerven gefallen. Auch wenn sie in ihrer Unbedingtheit und Naivität absolut authentisch sind. Darüber hinaus entfaltet ONan eine ziemliche Spannung.

Ein Rückblick

Ein zweiter Erzählstrang gehört dann Marie als Ich-Erzählerin, die das Geschehen rückblickend erinnert. Sie ist eine deutlich subjektive Erzählerin. Überhaupt wird der Tat, gerade auch von Angels Familie sehr viel Verständnis entgegengebracht. Wie schon im Eingangszitat, „Sie sei verliebt gewesen.“ Dennoch verschieben sich durch die Perspektivwechsel im einen Erzählstrang und dem im Imperfekt gehaltenen Rückblick die Wahrnehmungen, was dem Erzählten ebenso wie das Auslassen der eigentlichen Tat etwas Ungefähres, Schwebendes gibt. Das letzte Kapitel gibt einen Ausblick, was nach der Tat mit den handelnden Personen geschehen ist.

Stewart ONan erzählt auch in Ocean State intensiv und tiefgründig vom Leben in amerikanischen Kleinstädten, von Familien, sozialen Kontexten und Abgründen. Die Liebeswirren werden manchmal ein wenig zu ausführlich, auch redundant geschildert. Das ist ein kleiner Einwand gegen ein in der Gesamtheit sehr gelungenes und spannendes Buch.

 

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Beitragsbild by Rhododendrites, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

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Stewart O′Nan - Ocean State .

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Stewart ONan – Ocean State
Übersetzt von: Thomas Gunkel
Rowohlt März 2022, 256 Seiten, gebunden, € 24,00

 

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