Sigrid Undset – Kristin Lavranstochter Die Frau

Nachdem Kristin Lavranstochter im ersten Teil der Trilogie, für die die Autorin 1928 den Literaturnobelpreis erhielt, als junge eigenwillige Frau ihre Ehe mit dem angebeteten Erlend Nikulaussohn durchgesetzt hat, führt Sigrid Undset die Geschichte in Die Frau fort. Gegen den Willen ihres geliebten Vaters Lavrans Bjørgulvssohn hat sich Kristin diese Ehe ertrotzt. Ihre voreheliche Schwangerschaft konnte dadurch gerade noch legitimiert werden. Der schlechte Ruf Erlends, der zuvor mit einer anderen Frau in unehelicher Gemeinschaft lebte, aus der zwei gemeinsame Kinder stammen, erholt sich durch Kristins sorgsames Haushalten und erfolgreiche Geschäfte ihres Mannes langsam.

Wir bewegen uns in diesem zweiten Teil der Mittelalter-Trilogie bis um die Mitte des 14. Jahrhunderts in Norwegen. Wieder erzählt Sigrid Undset historisch präzise, mit viel Detailgenauigkeit für das Alltagsleben, aber mit einem verblüffend modernen psychologischen Blick auf das Innenleben ihrer Protagonistin, ohne ihre Gedanken und Gefühle zu „modernisieren“. Sie ist dabei den politisch-psychologischen Geschichtsromanen einer Hilary Mantel deutlich näher als den üblichen opulenten Historienromanen, ohne dabei aber den einzelnen historischen Ereignissen übermäßig viel Raum zu geben. Die Politik mit den wechselnden Bündnissen des Adels, den Rivalitäten zwischen Norwegen, Dänemark und Schweden und deren Königen bildet lediglich ein Hintergrundrauschen, das oft nur kurz in Dialogen der Protagonisten ein wenig lauter wird, auch wenn es diesmal Kristin und ihre Familie direkt betrifft.

Alltagsleben im mittelalter

Sigrid Undsets Augenmerk gilt mehr dem alltäglichen Leben auf den Gutshöfen, vor allem auch dem der Frauen dort. Kristin ist in sich aneinander reihenden Schwangerschaften genauso gefangenen wie im mühsamen Wirtschaften im nicht gerade üppigen Mittelnorwegen. Dazu kommen ihre religiös motivierten Gewissensqualen wegen ihrer vorehelichen sexuellen Kontakte zu ihrem jetzigen Ehemann Erlend und der ihr von manchen vorgeworfenen Mitschuld am Selbstmord der Mutter seiner unehelichen Kinder. Die Inbrunst, mit der sie sich zeitweise in ihre Seelenqualen stürzt, hat meine Lesegeduld hin und wieder gefordert, rückblickend nehmen sie aber glücklicherweise nicht so viel Raum ein wie beispielsweise im ersten Teil. Weshalb ich diesen zweiten Teil von Sigrid Undset, Kristin Lavranstochter Die Frau, insgesamt stärker finde als Der Kranz.

Das alltägliche Leben auf Gut Husaby, ihre Liebe zu Erlend und ihren schließlich sieben Söhnen und die allgemeinen Gegebenheiten im ländlichen, nur wenig besiedelten Norwegen des 14. Jahrhunderts hat Sigrid Undset wieder in einen dichten, atmosphärischen, psychologischen Roman gegossen. Auch diesmal kommt einiges an Spannung auf. Und man ist als Leser:in gespannt, wie es im dritten und letzten Teil, Das Kreuz, weitergehen mag.

 

Einen weiteren Beitrag findet ihr bei Birgit Böllinger

Beitragsbild: West front of Nidaros Cathedral, Trondheim, Norway. Etching by August Meyer, 1839, via Wikimedia Commons

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Kristin Lavranstochter. Der Kranz.

Sigrid Undset – Kristin Lavranstochter. Die Frau
Band II. Übersetzt von Gabriele Haefs 
Kröner Verlag Oktober 2021, 550 Seiten, Halbleinen mit Lesebändchen, € 24,00

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