Sarah M Broom – Das gelbe Haus

Am 28. August 2005 braut sich auf der extrem aufgeheizten Meeresoberfläche des Golfes von Mexiko ein verheerender Sturm zusammen und zieht Richtung New Orleans an der Küste Louisianas. Ray Nagin, der Bürgermeister der Stadt, ordnet eine Zwangsevakuierung an. Geschätzt eine Million Menschen machen sich auf völlig verstopften Straßen nach Norden auf, weg von der Küste. Die, die nicht fliehen wollen oder können, werden im Superdome der Stadt untergebracht. Am Morgen des 29. August 2005 erreicht Hurrikan Katrina New Orleans mit einer sechs Meter hohen Bugwelle und drängt sich durch ein Netz von Wasserstraßen und künstlichen Kanälen bis ins Herz der stellenweise unter Normalnull liegenden Stadt. Entlang dieser Kanäle brechen Deiche und Flutmauern, ganze Stadtteile stehen teilweise bis zu den Dachfirsten unter Wasser. 1836 Menschen sterben, Unzählige verlieren ihr Zuhause. Darunter die Familie der Autorin Sarah M Broom, die diese Ereignisse in ihr Memoir Das gelbe Haus einfließen lässt.

Behördliches Versagen

Dass sich die Deiche und Flutmauern als völlig unzureichend erwiesen, war nur das erste einer ganzen Reihe von behördlichen Versagen. Die Stadt wist nicht in der Lage, ihre Bevölkerung in den Tagen der Flut vor Plünderungen und Gewaltverbrechen zu schützen und ausreichend mit Nahrung und Medikamenten zu versorgen. Kein Strom, kein Licht, manche Stadtteile stehen wochenlang unter Wasser. Während das berühmte French Quarter recht glimpflich davonkommt und die wohlhabenderen, meist „weißen“ Gebiete relativ bald wiederhergestellt sind, kommen viele der ärmeren Nachbarschaften nicht wieder auf die Beine. Viele der afroamerikanischen Bevölkerung kehren nicht wieder zurück nach New Orleans.

Sarah M. Broom erhielt 2019 für ihr Memoir den renommierten National Book Award. Sie holt dafür weit aus, erzählt von ihrer Großmutter Amelia, die 1915 oder 1916 auf der Ormond Plantage in St. Rose, etwas außerhalb von New Orleans, zur Welt kommt. Drei Kinder bekommt sie von einem verheirateten Mann, die Familienverhältnisse sind etwas undurchschaubar, das Geld stets knapp. Ivory Mae, die Mutter der Autorin, ist stets bemüht, Ordnung und Schönheit in ihr Leben zu lassen. In der zehnten Klasse wird sie von Edward Webb schwanger. Damit endet für sie der Traum vom College. Als Edward Webb 1960 zum Militär geht, ist der kleine Eddie erst ein paar Monate alt und Ivory Mae bereits wieder schwanger. Ein halbes Jahr nach Michaels Geburt, Ivory Mae ist ein drittes Mal schwanger, stirbt Edward bei einem Autounfall.

Ziemlich direkt danach nimmt ein neuer Mann, Simon Broom, seinen Platz ein. Man munkelt, dass das Kind bereits von ihm stammt. Simon bringt drei eigene Kinder mit in die Partnerschaft, sechs gemeinsame Kinder folgen. Sarah M Broom, die diese Geschichte vor uns in Das gelbe Haus ausbreitet, ist die Jüngste.

Die Geschichte des gelben Hauses

1961 kauft Ivory Mae mit der Lebensversicherung ihres ersten Mannes das gelbe Haus am „kurzen Ende der Wilson Avenue“ in New Orleans East. Ein etwas heruntergekommenes Viertel, das sich noch weiter im Niedergang befindet. Aus dem Trailerpark gegenüber wird über die Jahre eine Müllkippe. Sarah und ihre Geschwister verbringen hier aber eine weitestgehend gute Kindheit. Der Familienzusammenhang ist groß. Armut und Rassismus sind stets nicht weit entfernt, aber Sarah hat gute Schulnoten, studiert schließlich in Kalifornien und Texas und zieht als Journalistin nach New York. Hier lebt auch ihre Schwester Lynette und von hier aus erleben sie auch die Katastrophe, die Katrina über ihre Familie bringt. Bis auf den Bruder Carl verlassen alle Familienmitglieder New Orleans. Dieser „bewacht“ Das gelbe Haus, kann aber nicht verhindern, dass es eines Tages von den Behörden einfach abgerissen wird.

Nach einiger Zeit in Burundi zieht Sarah M. Broom ins French Quarter, um New Orleans auch einmal von dieser, der privilegierten Seite aus, zu erleben. Sie schreibt die Geschichte ihrer afroamerikanischen Familie nieder, verbindet sie mit soziopolitischen Betrachtungen und historischen Recherchen. Das ist manchmal ein wenig zu detailliert und ausufernd, bringt aber interessante Aspekte wie den strukturellen Rassismus in den USA, die eklatante Vernachlässigung bestimmter Bevölkerungsgruppen und Stadtteile, Polizeigewalt und Behördenversagen auf eindrückliche Weise in den Fokus. Und ist auch eine Liebeserklärung an ihre ungewöhnliche afroamerikanische Familie.

 

Beitragsbild: The U.S. National Archives CC0

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Sarah M. Broom - Das gelbe Haus.

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Sarah M Broom – Das gelbe Haus
Leben und Überleben einer Familie in New Orleans
Hanser Berlin April 2022, 432 Seiten, Fester Einband, 26,00 €

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