Djaïli Amadou Amal – Die ungeduldigen Frauen

Munyal, munyal – wie ein stetig wiederkehrender Refrain durchzieht dieses Wort das Buch der kamerunischen Autorin und Frauenrechtsaktivistin Djaïli Amadou Amal, das im Original auch den Titel „Munyal, les larmes de la patience“ (Munyal, die Tränen der Geduld) trägt und in der deutschen Übertragung von Ela zum Winkel als Die ungeduldigen Frauen im Orlanda Verlag erschienen ist. Geduld trifft es nur unzureichend, dieses Munyal, das von den Frauen im Buch und mit ihnen mit Millionen Frauen Westafrikas und vieler anderer Gebiete der Welt ständig eingefordert wird. Geduld mit dem ihnen aufgezwungenen Schicksal, das allzu oft aus Ohnmacht, Unterdrückung, Ausbeutung und Gewalterfahrungen besteht.

Drei Frauen lässt Djaïli Amadou Amal in Die ungeduldigen Frauen das Wort ergreifen. Drei Geschichten, die eng miteinander verwoben sind. Da ist zum einen Ramla, die einigermaßen unbeschwert in einer gutsituierten kamerunischen Großfamilie aufgewachsen ist. Großfamilie bedeutet hier, dass der Vater, der Patriarch und das bewunderte Familienoberhaupt mehrere Frauen und von diesen eine Schar von Kindern besitzt. Keine Seltenheit in den muslimischen Familien der Filbe und deswegen auch von Ramla nie groß in Frage gestellt, auch wenn sie durchaus mitbekommt, dass ihre Mutter auch unter der Situation leidet. Aber nach außen hin ist unbedingt Harmonie zu wahren, Klagen sind verpönt, ein Zeichen von Schwäche und Niederlage.

Ramla

Ramla träumt von einem Pharmaziestudium und die Chancen stehen gut, denn anders als viele ihrer Geschlechtsgenossinnen darf Ramla die höhere Schule besuchen, ihre Leistungen sind gut. Und ein Bräutigam, und das ist wichtig, denn ohne einen Mann an ihrer Seite zählt eine Frau in der kamerunischen Gesellschaft nichts, ist auch in Aussicht. Einer, der sie mag und achtet, und für den Ramla auch zärtliche Gefühle hegt.

Doch dann hält der über 50jährige Alhadji Issa um Ramlas Hand an, ein alter Geschäftsfreund des Vaters in einflussreicher Position. Ramlas Vater zögert keinen Augenblick, erwägt nicht einmal, seine Tochter dazu anzuhören und drängt sie in eine Zwangsheirat mit dem alten, ungeliebten Mann, der seine junge und gebildete Frau nur als Prestige- und Sexualobjekt benutzt. Ramla ist verzweifelt, aber sie glaubt auch ein wenig an das ihr stets vorgebetete Ideal der „Munyal“, der Geduld, des sich Hineinfügens ins Schicksal.

Hindou und Safira

Mindestens genauso verzweifelt ist die ebenfalls siebzehnjährige Halbschwester Hindou, deren Hochzeit zusammen mit der Ramlas stattfindet. Auch sie wird zwangsverheiratet, zwar nicht mit einem alten Mann, aber dafür mit ihrem trunksüchtigen, schlüpfrigen und gewaltbereiten Cousin Moubarak, der sie aufs brutalste vergewaltigt. Aber in Kamerun gibt es in der Ehe keine Vergewaltigung. Hindou wird sehr krank, verweigert das Essen.

Die dritte Frau ist Safira. Safira ist Mitte Dreißig und war zwanzig Jahre lang die einzige Frau von Alhadji Issa. Nun fürchtet sie um ihre Stellung, ist eifersüchtig auf Ramla und versucht mit allen Mitteln, ihrer jungen Nebenfrau zu Schaden, durch magische Rituale der Marabouts und durch ganz handfeste Intrigen und Komplotte gegen die Jüngere. Hier gibt es keinerlei weibliche Solidarität. Safira agiert voller Boshaftigkeit. Die Erkenntnis, dass sie damit nur dem Machterhalt der Männer dient, so wie auch die Mütter, die ihre Mädchen ohne Widerstand in das gleiche Schicksal, das sie von sich selbst kennen, entlassen, kommt ihr nicht.

Djaïli Amadou Amal 2012 by aritan, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons

Das Patriarchat von seiner übelsten Seite, Zwangsheirat, Polygamie, Gewalt gegen Frauen, sexuelle Ausbeutung – das zeigt Djaïli Amadou Amal in Die ungeduldigen Frauen aufs erschütterndste. Dabei bleiben die betroffenen Frauen im Widerspruch zum Romantitel vielfach viel zu geduldig. Munyal, dieses allesbestimmende Prinzip der Selbstbeherrschung, dem im strengen Moralkodex der Fulbe, dem pulaaku, eine zentrale Bedeutung zukommt, zwingt die Frauen, ihr Schicksal stillschweigend zu erdulden. Keine Klagen, sondern Unterwerfung unter die gottgewollte Ordnung, die immer eine patriarchale Ordnung ist. Scheitert eine Ehe, ist immer die Frau schuld. Der Mann hat das Recht diese dreimal zu „verstoßen“, danach ist eine Scheidung zwingend. Eine so geächtete Frau hat in der Gesellschaft der Fulbe keine Chancen mehr.

Teufelskreis Tradition

Diese Gesellschaftsordnung wurde stets weitergegeben. Stillschweigen über alles, was in einer Ehe oder einer Familie nicht rund läuft, ist quasi verboten. Die Mütter geben diese Tradition an ihre Töchter weiter, obwohl sie selbst vielleicht darunter litten. Einen Ausweg, das macht Djaïli Amadou Amal klar, gibt es nur über Bildung, und sei es über Fernsehen, Internet oder Social Media, und dadurch wachsende Unabhängigkeit der Frauen. Durch Bildung und Öffnung nach außen kann der Teufelskreis aus Patriarchat, Zwangsehe, Polygamie, Unterdrückung und Gewalt vielleicht durchbrochen werden.

Djaïli Amadou Amal hat diesen Teufelskreis selbst beschritten. Die 1975 im Norden Kameruns geborene Fulbe wurde selbst als 17jährige zwangsverheiratet, floh nach sechsjähriger Ehe, ging eine zweite polygame Ehe mit einem gewalttätigen Mann ein und befreite sich schließlich aus dieser als eine ihrer Töchter zwangsverheiratet werden sollte. 2012 gründete sie den Verein Femmes du Sahel. Dieser setzt sich für die Ausbildung von Frauen und Mädchen in der Sahelzone ein und soll sie für das Thema Zwangsehe und Gewalt sensibilisieren. 2017 erschien „Munyal, les larmes de la patience“, erhielt den Prix Orange du Livre en Afrique und wurde ein großer internationaler Erfolg, nachdem er in angepasster Form in Frankreich auf die Shortlist des wichtigsten französischen Literaturpreises Prix Goncourt gelangte und den Prix Goncourt des lycéens gewann. Mittlerweile ist er Pflichtlektüre für die Oberstufe in Kamerun.

 

Eine weitere Besprechung findet ihr bei Seitenhinweis

Beitragsbild: Fulani Caravan by Jeremy Weate (CC BY 2.0) via Flickr

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Djaïli Amadou Amal - Die ungeduldigen Frauen.

Djaïli Amadou Amal – Die ungeduldigen Frauen
aus dem Französischen von Ela zum Winkel
Orlanda März 2022, 176 Seiten, Klappenbroschur, € 18,00 

 

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