Anna Burns – Amelia

2018 erhielt Anna Burns für ihren fulminanten Roman Milchmann den Booker Prize, Grund genug für ihren deutschen Verlag, Tropen, nun auch ihr Debüt Amelia zu veröffentlichen. Nicht immer ist das Ausgraben von Frühwerken von plötzlich erfolgreichen Autoren wirklich ein Gewinn. Hier handelt es sich um einen ausgesprochenen Glücksfall. Denn schon in dem 2001 erschienenen Roman, Original No bones, zeigt Anna Burnes ihren ganz eigenen und sehr eigenwilligen Ton.

Thema sind auch dieses Mal die etwas euphemistisch als „The Troubles“ bezeichneten schweren und extrem gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen Unionisten und Loyalisten , die aus historischen Gründen hauptsächlich Protestanten aus Ulster und für den Verbleib im Vereinigten Königreich waren, und Irischen Nationalisten und Republikanern, die größtenteils Katholiken waren und wollten, dass Nordirland das Vereinigte Königreich verlässt und sich einem vereinigten Irland anschließt. Dem sich von 1969 bis 1998 hinziehenden Konflikt fielen an die 4000 Menschen zum Opfer. Er spielte auch als Hintergrund des Geschehens in Milchmann eine wichtige Rolle.

„Die Unruhen begannen an einem Donnerstag.“

Amelia Boyd Lowett ist zu Beginn der Auseinandersetzungen sieben Jahre alt und lebt in Ardoyne, einem von der Arbeiterklasse bewohnten und hauptsächlich katholischen und irisch-republikanischen Bezirk in Nord-Belfast. Wie viele Familien rundherum ist auch die von Amelia ziemlich dysfunktional. Viele Kinder, viel Alkohol, wenig Arbeit, wenig Geld und wenig Zuwendung sind ihre Charakteristika. Die politischen Auseinandersetzungen verschärfen die latente Gewaltbereitschaft und führen dazu, dass funktionierende Nachbarschaften zerbrechen und Familien und Freundschaften sich entzweien. Es gibt, dass machte schon Milchmann deutlich, kein Sowohl-als-auch, keine Zwischentöne, sondern lediglich ein „Die“ und ein „Wir“. Abweichlern macht man schnell den Prozess. Das muss auch ein Vetter der Familie Lowett erfahren, der in England lebt und nun als britischer Soldat in Nordirland stationiert seine Familie im katholischen Stadtteil besuchen will. Naiv, müsste man sagen, wenn er das nicht so bitter mit seinem Leben bezahlen müsste.

Mit der Schärfe der „troubles“ nimmt auch die Gefahr zu, der man auf den Straßen Nordirlands ausgesetzt ist. Und leider ist es wie immer: Gewalt erzeugt neue Gewalt, Kinder die hier aufwachsen und weitgehend vernachlässigt werden, leben ganz selbstverständlich mit ihr, stumpfen ab.

„Amelia fasste sie am Arm. „Komm, wir raten, was in die Luft geflogen ist, Lizzie“, flüsterte sie. Lizzies Interesse war geweckt, und sie hörte sofort auf mit dem Wütendsein.“

Troubles
by Fribbler, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons

Bomben explodieren, Menschen werden erschossen oder verschwinden. So auch Amelias großer Bruder Mick. Schon lange scheint er für eine der vielen Gruppierungen im Bürgerkrieg zu arbeiten. IRA, INLA, RUC, UDA und USC – alle bekämpfen sich gegenseitig aufs blutigste und führen auch innerhalb Kriege gegen „Untreue“. Eine ganze Gesellschaft zerfällt.

Das bleibt natürlich auch bei den Menschen nicht ohne Folgen. Abgestumpftheit, Gleichgültigkeit, Hass, Gewaltbereitschaft, Teenagerschwangerschaften und Misogynie grassieren.

„Mary Dolan hatte ihr Baby gekriegt, erzählte irgendwer. Das Rauskommen war schwierig gewesen, vielleicht weil sie so jung war. Ihr Pa tat immer noch so, als hätte er damit nichts zu tun, und ihre Ma bekam immer noch nichts mit. Niemand holte den Arzt.“

So lapidar und kurz wird das Schicksal der kleinen, missbrauchten Mary umrissen. Vincent, ein weiterer Schulkamerad, erkrankt schwer psychisch, Schwester Lizzie wird drogensüchtig und begeht schließlich Selbstmord. Und auch Amelia kämpft, mit Magersucht, Alkoholismus und psychischem Zusammenbruch, auch wenn sie, kaum erwachsen, nach London entkommt.

Harter Stoff. Wäre da nicht dieser ganz besondere Tonfall, den Anna Burns bereits in Amelia hat. Voll schwarzem Humor, beißender Ironie, vernichtender Schärfe schaut sie auf den Wahnsinn einer selbstzerstörerischen Gesellschaft. Der Witz ist befreiend, und auch wenn es fast im Halse steckenbleibt, bahnt sich das Lachen sehr oft den Weg. In wunderlichen Episoden, unregelmäßig, aber chronologisch voranschreitenden, datierten Kapiteln, erzählt Anna Burns atmosphärisch stimmig, mit sehr überzeugenden, oft flapsigen Dialogen von dem Irrsinn, der sich über so lange Zeit in Nordirland abspielte. Und der seit den Brexit-Streitigkeiten plötzlich wieder eine so überraschende Aktualität erlangt hat. Das ist oft krass, unsentimental und vernichtend. Und brachte der Autorin bei der Veröffentlichung in Nordirland auch so manche Kritik ein.

Anna Bruns lässt Amelia 1994 enden. Amelia ist mit einigen Jugendfreunden auf so etwas wunderlichem wie einem „Tagesausflug“. Eigentlich etwas für andere Schichten, für andere Gegenden. Die Freunde landen eher zufällig auf der gottverlassenen Insel Rathlin vor der Nordküste Nordirlands. Die Bewohner begegnen den Neuankömmlinge mit Misstrauen und offener Ablehnung. Einer verfolgt sie.

„“Es reicht einfach nicht, zu erkennen, dass er verrückt ist, und ihm so gut wie möglich aus dem Weg zu gehen. Leute wie er kommen einem immer wieder hinterher. Nirgendwo ist man in Sicherheit. Was machen wir denn jetzt?“ „Das ist eine Einstellungssache“, sagte Amelia. „Ehrlich gesagt hab ich die richtige Einstellung auch noch nicht gefunden. Aber ich bin sicher, dass es um die Einstellung geht und man die richtige in Zukunft irgendwie, irgendwo herbekommen kann.““

Ein geradezu hoffnungsvolles Ende. Das doch bitte nicht durch die jüngsten (Fehl)Entscheidungen zunichte gemacht wird.

„Was, wenn sie nicht wieder hätten gehen können? Oder wenn sie gar nicht wieder hätten gehen wollen? Was, wenn Rathlin Island ihre Heimat gewesen wäre? Wie hätten sie dort leben und nicht andauernd auf Angriff gepolt sein sollen, wenn immer wieder Leute wie Ambrose Gray auftauchten? Die Frage war schwierig und angsteinflößend, und bisher hatte keiner der Tagesausflügler eine Antwort darauf. Aber es war mutig von ihnen, sie sich zu stellen, und so saßen sie beieinander und zankten sich nicht, kein einziges Mal, den ganzen Weg zurück zum Festland.“

Der eigenwillige, anspruchsvolle Ton von Anna Burns wurde wieder großartige und mehr als überzeugend von Anna-Nina Kroll ins Deutsche übersetzt.

 

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Beitragsbild by MORRISON, P., AP, NTB scanpix. (https://ndla.no/article/5861). CC BY-NC-ND 4.0.

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Anna burns - Amelia.

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Anna Burns – Amelia
Aus dem Englischen von Anna-Nina Kroll
Tropen 2022, 384 Seiten, Gebunden mit Schutzumschlag, € 25,00

 

 

 

 

 

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