Mohamed Mbougar Sarr – Die geheimste Erinnerung der Menschen

Diese Besprechung von Die geheimste Erinnerung der Menschen von Mohamed Mbougar Sarr ist vielleicht die subjektivste Rezension, die ich je geschrieben habe. Ich meide sonst zu viele „für mich“, „ich finde/denke“, „meiner Meinung nach“. Aber was schreiben über einen von seinen Leser:innen fast durchweg geliebten und bewunderten Roman, in dessen Besprechungen am häufigsten die Worte „groß“, „überwältigend“ und „funkelnd“ zu finden sind und der von Anlage und Themen (Kolonialismus, Migration, Literatur(betrieb), eine Kontinente umspannende Suche) her eigentlich genau passen müsste – und der mich dennoch als Ganzes kaum erreicht hat.

Nicht, dass einzelne Teile mir nicht durchaus gefallen haben. Wer als Literaturliebhaber:in liest nicht gern über die Macht des Geschriebenen, den Zauber von Literatur? Wie Mohamed Mbougar Sarr die verschiedenen Ebenen seines Romans verschränkt, ohne Absatz und Übergang den senegalesischen Schriftsteller Diégane Latyr Faye sich von der Schriftstellerin Siga D. in Paris erzählen lässt, was diese sich Jahrzehnte zuvor von einer haitianischen Schriftstellerin in Argentinien und einer französichen Literaturkritikerin über den afrikanischen Schriftsteller T.C. Elimane, der seit den Plagiatsvorwürfen zu seinem erfolgreichen Roman von 1938 verschwunden ist, berichten ließ, lässt schwindeln und liest sich doch so flüssig, dass man wirklich von großer (hier ist wieder dieses Adjektiv) Kunst sprechen muss. Und von einer gewissen Kühnheit.

„Je mehr wir über einen kleinen Teil der Welt erfahren, desto eher erkennen wir, wie unermesslich das Unbekannte und unsere Unwissenheit sind; diese Gleichung würde meine Gefühle gegenüber Elimane jedoch nur unvollständig wiedergeben. Hinsichtlich der Möglichkeit, eine menschliche Seele überhaupt zu kennen, erfordert sein Fall eine radikalere, das heißt pessimistischere Formel. Seine Seele ähnelt einem dunklen Stern, der alles, was sich ihm nähert, anzieht und verschlingt.“

Ein Buch als Obsession

Diégane folgt dem verschollenen Elimane und seinem Buch „Das Labyrinth des Unmenschlichen“ mit Obsession. Worum es in diesem „grundlegenden“ Buch geht, wird nur kurz skizziert: ein brutaler, nach absoluter Macht gierender afrikanischer König lässt seine Widersacher verbrennen, düngt mit ihrer Asche die Bäume auf seinem Land, die dadurch zu einem großen, machtvollen Wald heranwachsen. Eine Geschichte, die nach ihrem Erscheinen 1938 in Frankreich gefeiert, ihr Autor als „der Schwarze Rimbaud“ bejubelt und dann von verschiedenen Seiten vehement angegriffen wurde. Es handle sich um ein Plagiat einer alten Volkserzählung hieß es. Die Vorwürfe stellten sich später als falsch heraus, aber da ist T.C. Elimane bereits verunglimpft und abgetaucht, der ausbrechende Zweite Weltkrieg tut sein Übriges, um seine Spuren zu verwischen.

In einem modernen „Handbuch der schwarzafrikanischen Literatur“ stößt der junge Diégane zum ersten Mal auf den Autor, der später zu seiner Obsession werden sollte. Dort steht:

„Sein Buch war zu pessimistisch und nährte die koloniale Ansicht eines finsteren Afrikas, eines Afrikas der Gewalt und der Barbarei. Ein Kontinent, der schon so sehr gelitten hatte und immer noch litt und weiter leiden würde, durfte von seinen Schriftstellern zu Recht erwarten, dass sie ein positiveres Bild von ihm zeichnen.“

Kritischer Blick auf den Literaturbetrieb

So lautet das mit einer gewissen Ironie zitierte moderne Urteil über „Das Labyrinth des Unmenschlichen“. Damals wie heute verfemt. Die Auswirkungen von Kolonialismus und Rassismus auf den Literaturbetrieb und die Literaturkritik sind es dann auch, die Mohamed Mbougar Sarr in Die geheimste Erinnerung der Menschen in den Blick nimmt. Er lässt dort gegen Journalisten, Kritiker und Autor:innen wettern,

„die Bücher nicht mehr bewerteten, sondern sie nur noch nacherzählten, weil sie die Idee begrüßten, dass alle Bücher gleich gut seien, dass subjektive Geschmacksurteile das einzige Unterscheidungskriterium bildeten und es daher keine schlechten Bücher gebe, nur Bücher, die man nicht möge; und die Schriftsteller, die jeglichen Anspruch an Sprache oder Schöpfungskraft aus ihrer Arbeit verbannt hatten und sich mit einem platten Abklatsch der Wirklichkeit begnügten, der von der omnipotenten und tyrannischen Abstraktion, die sich „Der Leser“ nennt, keine eingehendere Anstrengung verlangt“

Das ist natürlich elitärer Quatsch, genauso wie das Geraune von dem einen „grundlegenden Buch“, oder folgende Behauptung:

„Ein bedeutendes Buch erzählt immer nur von nichts, und doch steckt alles in ihm. (…) In Wahrheit, Diégane, handelt nur ein mittelmäßiges, schlechtes oder banales Buch von etwas. Ein bedeutendes Buch hat kein Thema und spricht von nichts (…)“

Ein grundlegendes Buch?

Ironie, Arroganz oder Größenwahn?  Das wird mir nicht so ganz klar. Gefühlt steckt in jeder Zeile von Die geheimste Erinnerung der Menschen der Wunsch des Erzählers Diégane (oder des Autors Mohamed Mbougar Sarrs?), ein solches „bedeutendes“ Buch zu schreiben. Und wie steht es mit T.C. Elimanes Auffassung, dass man

„als Schriftsteller zudem alles tun muss, um niemals ganz verstanden zu werden.“?

Dem kommt Die geheimste Erinnerung der Menschen zumindest ziemlich nahe. Mir, die nicht dieser Auffassung ist, raubt das zumindest einen großen Teil des Lesevergnügens. Vielleicht um noch mehr Bedeutung auf die Geschichte zu legen, wird ein jüdischer Verleger Elimanes eingebaut, der während der Besatzung Frankreichs durch die Deutschen verraten wird. Was auch zum Vergessen des Autors beigetragen habe und im Buch zu einer wenig überzeugenden Verfolgungsjagd über die Kontinente führt.

Interessanter ist für mich die Auseinandersetzung mit der Rezeption französischsprachiger schwarzafrikanischer Autor:innen. Der „Ritterschlag durch die französische Literaturszene“, den diese – und sei es nur wegen des größeren Absatzmarkts – erstreben und den ein befreundeter weißer Übersetzer abtut:

„Natürlich kann es vorkommen, dass das bourgeoise Frankreich für sein gutes Gewissen einen von euch krönt, und bisweilen trifft man auf einen Afrikaner, der Erfolg hat oder zum Vorbild erhoben wird. Doch glaub mir, was auch immer eure Werke wert sein mögen, ihr seid und bleibt Fremde.“

Ob nun „Das Labyrinth des Unmenschlichen“ Plagiat war, zu westlich oder aber „nicht negrid genug“ um von einem Afrikaner zu stammen – die Anerkennung und Würdigung bleibt aus. Gewidmet ist das Buch Yambo Ouologuem, der 1968 mit seinem Roman Das Gebot der Gewalt einem ähnlichen Vorwurf und Schicksal wie der fiktive T.C. Elimane ausgesetzt war.

Zufall ist immer nur ein Schicksal, das man nicht kennt

Schicksal. Ein zentraler Satz im Buch ist

„Zufall ist immer nur ein Schicksal, das man nicht kennt, ein Schicksal, dessen Schrift unsichtbar ist.“

Auch in Die geheimste Erinnerung der Menschen häufen sich die Zufälle. So entpuppt sich die Schriftstellerin Siga D., die Diégane zufällig in einer Bar trifft und die zur Freundin und Geliebten wird, nicht nur als Besitzerin eines der verschollenen Exemplare von „Das Labyrinth des Unmenschlichen“, sondern auch als Cousine (oder aber Schwester) von Elimane. Was eine detaillierte (und durchaus gelungene) Nacherzählung von dessen Familiengeschichte nach sich zieht. Siga D.s Freundin, „die haitische Dichterin“, wiederum kennt Elimane aus ihrer Zeit in Argentinien persönlich. Zufälle, ach nein, Schicksal, und ein bisschen afrikanische Magie. Für meinen Geschmack zu viel davon.

Am Ende wird es dann unerwartet politisch. Eine Aktivistin verbrennt sich in Dakar, revolutionäre Studentenunruhen flammen auf, Diégane gerät in eine aktivistische Gruppe und trifft eine verflossene Liebe wieder. So recht passt dieser letzte Teil, der von Diéganes Rückkehr in den Senegal handelt, nicht. Und so enthält für mich das ganze Buch zwar eine Fülle interessanter Themen und Denkanstöße und der Autor vermag die vielen Ebenen meistenteils gekonnt zu verweben. Irgendwie wird aus all dem aber keine runde Geschichte, soll es vielleicht auch nicht. Mir ist alles zu verkopft (besonders am Beginn häufen sich Unmengen an Begriffen, die gegoogelt werden müssten, wollte man sie unbedingt verstehen; das hört zum Glück irgendwann auf, als hätte dort ein kluger Lektor zu Mäßigung geraten), zu sehr um Bedeutung bemüht, vielleicht aber auch nur voller mir sich nicht gänzlich erschließender Ironie.

Mir hat das Buch zumindest keine Freude bereitet, ich musste mich regelrecht durchquälen. Und ein „formensprengender Roman“, eine völlige Innovation ist es irgendwie auch nicht. Es gab schon etliche Romane, die Rückblicke, Monologe, Briefe, Zeitungsausschnitte etc. kombiniert haben, labyrinthisch angelegt waren. Auch die afrikanischen Kindheitsgeschichten habe ich so ähnlich schon gelesen, ebenso wie die Studentengeschichten, Migrationsgeschichten, detaillierte (gänzlich belanglose) Sexszenen. Die gegenwärtige Situation im Senegal, da wo es unerwartet politisch und relevant wird, wird dagegen viel zu kurz abgehandelt. Aber das ist, siehe oben, nur meine ganz subjektive Meinung.

Der Lobeshymnen gibt es hingegen viele. Die Leser:innen schwärmen von der Vielfalt der Bedeutungsebenen, dem Stil, der Originalität. 2021 erhielt Die geheimste Erinnerung der Menschen den Prix Goncourt. So war es wohl einfach für mich nicht das richtige Buch. Es ist eines, das man für sich ausprobieren muss.

 

Auch ein wenig kritisch besprochen hat das Buch Alexander @Schreibgewitter

 

Beitragsbild via Pixabay

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Mohamed Mbougar Sarr - Die geheimste Erinnerung der Menschen.

Mohamed Mbougar Sarr – Die geheimste Erinnerung der Menschen
übersetzt aus dem Französischen von Holger Fock, Sabine Müller
Hanser Verlag November 2022, 448 Seiten, Fester Einband, 27,00 €

 

 

 

 

 

 

3 Gedanken zu „Mohamed Mbougar Sarr – Die geheimste Erinnerung der Menschen

    1. Aber sehr gerne. Ehrlichkeit ist bei Besprechungen doch immer das Wichtigste. Manchmal ist es nicht so leicht, die richtigen Worte zu finden. Jedes Buch hat ja doch seinen eigenen Wert. Aber manchmal passt es nicht. Oder (seltener) ist es einfach nicht gut. Danke dir für deine lieben Worte!

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