Helga Flatland – Die Resonanzen

Als 2009 Alexander Rybak mit seiner Hardangerfiedel den ESC für Norwegen gewann, war dieses nordische Streichinstrument, das der Violine ähnelt, neben den vier Spielsaiten aber noch unter dem Griffbrett verlaufende Resonanzsaiten besitzt, hierzulande wenig bekannt. Für Norwegen ist es so etwas wie ein Nationalinstrument. Neben der Volksmusik, gibt es auch klassische Musik, die dafür komponiert wurde, so etwa auch Edward Grieg, dessen Peer Gynth-Suite ich im Sommer von der Geigerin Ragnhild Hemsing auf der Hardangerfiedel gespielt habe genießen können. Resonanzsaiten werden nicht direkt gespielt, sondern schwingen bei bestimmten Tonhöhen mit und variieren dadurch den Klang. „Etterklang“, der Nachhall, so ist der Roman von Helga Flatland im Original betitelt, Die Resonanzen trifft es in der deutschen Übersetzung von Ina Kronenberger und Elke Ranzinger aber auch ganz wunderbar. Resonanzen, die auch im menschlichen Miteinander entstehen, auch wenn sie nicht beabsichtigt waren.

Die Städterin Mathilde zieht aufs Land und mietet sich in die Region Telemark ein kleines Häuschen auf dem Hof der Brüder Andres und Johs. Andres, der als Kind ein begabter Hardangerfiedel-Spieler und der ganze Stolz seines Vaters war, führt die große Milchwirtschaft mit seiner verwitweten Mutter und dem Bruder Johs, der stets unter der Zurückweisung durch seinen Vater gelitten hat und nun allein im alten Elternhaus lebt. Neben seiner Hilfe auf dem Hof gibt Johs Fiedelunterricht, auch wenn er zu seinem Bedauern nie die Begabung seines Bruders gezeigt hat, der wiederum die Musik bereits als Jugendlicher endgültig aufgegeben hat.

Aufs Land

Es ist nicht nur die Pandemie, während der Helga Flatland Die Resonanzen ansiedelt, die Mathilde aus Oslo forttreibt. Sie hat dort als Aushilfslehrerin gearbeitet, bis sie wegen einer Affäre mit einem Oberstufenschüler entlassen wurde. Mathilde, der neben Johs eine der beiden Erzählstimmen gehört, erzählt von einer großen Liebesbeziehung, die vom 18-jährigen Jakob initiiert wurde und für beide eine schöne Erfahrung war. Je mehr wir Leser:innen allerdings über Mathilde und Jakob erfahren, umso mehr beginnt das Bild Risse zu bekommen. Besonders nachdem man hört, dass Jakob das Verhältnis beendet und Mathilde sogar beim Schuldirektor angezeigt hat, weil diese ihn weiter bedrängt und kontaktiert hätte.

Zunächst ist man noch ein wenig empört über Jakob, auch wenn bereits zu Beginn Mathilde nicht unbedingt eine Sympathieträgerin ist.

„Ich weiß auch nicht, wie ich mir das Gefühl, dass sich ein tiefer Abgrund unter meinen Füßen auftut, aberziehen soll, die Angst, die mich packt, sobald ich glaube, jemand will mich verlassen. Alle Instinkte fordern mich auf, dagegen anzukämpfen, ich büße jegliche Form von Rationalität und Impulskontrolle ein (…)“

Ihr Verhalten mag damit zusammenhängen, dass Mathilde ohne Eltern, die bei einem Autounfall ums Leben kamen, aufgewachsen ist. Zwar hat sich die Tante, liebevoll „Mama“ genannt, rührend um ihre Nichte gekümmert, aber immer schwebt das Bild der Mutter, die eine erfolgreiche Schriftstellerin war, über allem. Auch Mathilde will eigentlich literarisches Schreiben studieren.

Hardangerfiedel
Musik- och teatermuseet, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons
Stadt und Land

Auf dem Hof in Telemark prallen Mathildes städtische und eigensinnige Lebensweise auf das traditionsverhaftete Leben der Landbevölkerung. Der recht naiv erscheinende Johs himmelt die hübsche, selbstbewusste Frau an, die auch sofort mit allen Männern rundum zu flirten beginnt. Schließlich ist es der Familienvater Andres, mit dem sie, zunächst unbemerkt, eine Affäre anfängt. Als dieser mit ihr Schluss machen will, kommt Mathilde wieder das mit der mangelnden Impulskontrolle in den Weg.

Helga Flatland erzählt in Die Resonanzen , wie bereits in ihren wunderbaren vorherigen Romanen Eine moderne Familie und Zuunterst immer Wolle, von verfehlten Beziehungen, dysfunktionalen Familien und ambivalenten Protagonist:innen. Ohne zu werten überlässt es die Autorin dabei ihren Leser:innen, sich ein Bild zu machen. Das ist äußerst gelungen, ebenso wie das offene Ende.

Bokmål und Nynorsk

Ein wenig gehadert habe ich mit der Sprache der deutschen Übersetzung. Das liegt aber weniger an den Übersetzerinnen als an einer Besonderheit der norwegischen Sprache. Bokmål und Nynorsk sind die zwei schriftlichen Varianten der norwegischen Sprache, beide sind offiziell Landessprache. Gesprochen wird meist in lokalen Dialekten, die mehr oder auch weniger mit einer der beiden Schriftsprachformen übereinstimmen. 90% der Bevölkerung tendieren zu Bokmål, aber die Familie von Andres und Johs, besonders der Vater war davon ein Gegner.

Die beiden Arten zu sprechen resultieren daraus, dass überhaupt erst im 19. Jahrhundert eine eigene norwegische Sprache „erfunden“ wurde. Bis dahin sprach man Dänisch. Und ob nun Bokmål oder Nynorsk der Vorzug gegeben wurde, war auch eine politische Entscheidung. Viele Menschen aus der Arbeiterklasse und die Landbevölkerung bevorzugten Nynorsk, und das will Helga Flatland sicher in ihrem Roman zum Ausdruck bringen. Dies in ein überzeugendes deutsches Idiom zu übertragen ist schwierig und meiner Meinung nach hier nicht sehr gelungen. Zumindest muss man sich an Johs eigentümliche Sprechweise zunächst gewöhnen. Das soll aber bitte niemanden davon abhalten, diesen gelungenen, psychologisch überzeugenden und gekonnt konstruierten Roman zu lesen. Er oder sie würde etwas verpassen.

 

Auf Literaturleuchtet findet ihr eine (weniger überzeugte) Besprechung des Buchs

Beitragsbild von D. Max (CC BY-NC 2.0 Deed)  via Flickr

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Helga Flatland - Die Resonanzen.

Helga Flatland – Die Resonanzen
Aus dem Norwegischen von Ina Kronenberger und Elke Ranzinger
Ecco Verlag Oktober 2024, Gebunden mit Lesebändchen, 320 Seiten, € 24,–

 

 

 

 

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