Vigdis Hjorth – Die Wahrheiten meiner Mutter

Die Autorin Vigdis Hjorth zählt in ihrem Heimatland Norwegen zu den bekanntesten und mit fast 30 Veröffentlichungen auch zu den produktivsten literarischen Stimmen. In Deutschland gilt es die 1959 in Oslo geborene Schriftstellerin erst noch zu entdecken. Zwar sind einige ihrer Romane bereits ins Deutsche übersetzt in verschiedenen Verlagen erschienen, aber keiner davon wurde so richtig beachtet. Was vielleicht an den mit Verlaub ziemlich dämlichen deutschen Titeln gelegen haben könnte. Im Osburg Verlag fand sie dann ein Zuhause, das ihre Werke ernst nahm. Und nun sorgt hoffentlich der Wechsel in den renommierten S. Fischer Verlag dafür, dass sie auch einem breiteren Publikum bekannt wird. Hier erschien unlängst der neueste Roman von Vigdis Hjorth, Die Wahrheiten meiner Mutter. Er mor død (Ist Mutter tot?) heißt er im Original. Und um eine komplexe, schwierige Mutter-Tochter-Beziehung geht es.

Bruch mit der Familie

Johanna ist Malerin und um die Sechzig. Vor dreißig Jahren ließ sie ihr Leben in Norwegen – eine unlängst geschlossene Ehe, eine Karriere als Juristin, Eltern und Schwester – Knall auf Fall hinter sich, um mit ihrem Zeichenlehrer Mark nach Amerika zu gehen. In Utah gründete sie mit ihm eine Familie, bekam ihren Sohn John und entwickelte sich zu einer anerkannten Künstlerin. Nachdem Mark gestorben ist und eine große Retrospektive ihrer Werke in Norwegen geplant, verkauft sie ihr Haus dort und zieht in ihre Heimatstadt Oslo, mietet sich zudem eine Hütte am Fjord.

„Wenn man wüsste, wenn man in jungen Jahren verstünde, wie entscheidend die Kindheit ist, würde man niemals wagen, selbst Kinder zu bekommen.“

Eltern und Schwestern haben nie akzeptiert, dass Johanna damals fortgegangen ist. Sie überzogen sie mit Unverständnis und Vorwürfen. Für Johanna war es ein Befreiungsschlag von einer unglücklichen Kindheit, geprägt von der Kälte und der Verachtung des Vaters und der fehlenden Loyalität der Mutter. Für Johannas Träume, ihr Talent fürs Zeichnen und Malen verwirklichen zu können, hatte hier niemand Verständnis. Auch die sehr erfolgreichen Gemälde, die in Amerika entstanden, empfanden die Eltern und die Schwester immer wieder als Angriff auf sich selbst und als Verleumdung. „Was werden nur die Leute dazu sagen?“ Als der Vater stirbt, kommt Johanna nicht zur Beerdigung, fühlt sich nicht erwünscht. Der Kontakt bricht komplett ab.

Zurück in norwegen

Nun ist Johanna zurück in Norwegen. Allein, isoliert und in Trauer sucht sie erneut die Nähe zur Mutter. Diese lehnt sowohl ein Telefonat als auch eine Begegnung ab. Bei Johanna kommen  Erinnerungen an Kindheit und Jugend hoch. Der Wunsch nach einer Kontaktaufnahme, nach einer Klärung des Verhältnisses zur Mutter wird zur Obsession. Und Johanna immer mehr zu einer Art Stalkerin. Sie beobachtet die Mutter, lauert ihr auf, dringt einmal in ihre Wohnung ein. Ihre Besessenheit bekommt etwas sowohl Skurriles als auch Bedrohliches.

Durch die strikte Konzentration auf Johannas Verhältnis zur Mutter (und in geringerem Maß zu Vater und Schwester) verleiht Vigdis Hjorth ihrem Roman Die Wahrheiten meiner Mutter etwas Kammerspielartiges. Das Draußen, Gesellschaft, Alltag, Politik und dergleichen werden fast vollständig ausgeblendet. Dadurch wird das Erzählte sehr intensiv. Ungeklärtes und Unausgesprochenes hängt zwischen den Beteiligten. Johanna versucht, Antworten zu finden, zu ordnen. Vieles bleibt dabei ein weißes Blatt. Und das wird auch im Buch durch zeitweise viel Luft zwischen den einzelnen Textausschnitten deutlich.

Johannas Kampf um Verstehen, um Wahrhaftigkeit, um den eigenen Platz im Leben und die Loslösung von alten Verletzungen spiegelt sich in der Natur. An Johannas Hütte am Fjord kommt immer wieder ein einzelner Elch vorbei. Eines Spätherbstabends wird Johanna Zeuge eines grausam erscheinenden Rituals. Um vor dem Winter sein altes Geweih loszuwerden und so in den kargen Monaten Energie zu sparen, rammt der Elch sein Geweih immer wieder voller Wucht in einen Baumstamm, bis sich dieses blutig von ihm löst. So sieht auch Johanna schließlich ihren Weg.

„Ich musste alle Hoffnung fahren lassen, mein Geweih abwerfen, das zu schwer gewesen war, um es zu tragen, ich musste selbst für das sorgen, was ich brauchte.“

 

Weitere Besprechungen bei DenkzeitenSandra Falke und bei Literatur leuchtet

Beitragsbild von TimOve (CC BY 2.0 Deed) via flickr

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Vigdis Hjorth - Die Wahrheiten meiner Mutter.

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Vigdis Hjorth – Die Wahrheiten meiner Mutter
Übersetzt von: Gabriele Haefs
S.Fischer September 2023, 400 Seiten, € 24,00

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