Inger-Maria Mahlke – Unsereins

Das Jahr 1890, gediegene Bürgerhäuser, Tee- und Abendgesellschaften und „der kleinste Staat des Kaiserreichs“ – auch wenn Letzteres, die Autorin von Unsereins Inger-Maria Mahlke gibt es gerne zu, ein wenig gefuddelt ist. Jedem, der literarisch unterwegs ist, fällt da natürlich sofort Thomas Manns Nobelpreisroman Die Buddenbrooks ein. Und es kommt keine Buchbesprechung (natürlich auch diese nicht) ohne damit aus, das zu erwähnen. Der Roman bezieht sich auch expliziert auf den berühmten Gesellschaftsroman über das Lübecker Bürgertums am Ende des 19. Jahrhunderts, zitiert ihn, ironisiert ihn, spielt damit. Aber auch wenn die Autorin den Ton des frühen Thomas Mann wunderbar adaptiert, ist Unsereins ein moderner Roman und so viel mehr als nur eine Referenz auf die Geschichte der berühmten Kaufmannsfamilie.

Das beginnt mit dem dritten Satz des Romans.

„Wäre dies ein Film und wir die Zuschauer, die erste Einstellung wäre mit einer Drohne aus der Perspektive eines Regentropfens gedreht: als würden wir durch seine vom Luftwiderstand abgeflachte Seite auf die Erde herabblicken.“

Die Lübecker Gesellschaft zur Buddenbrook-Zeit

Inger-Maria Mahlke will mit Unsereins eben keinen klassischen historischen Roman schreiben, in den wir Leser:innen uns hineinfallen lassen können, uns in die Figuren „hineinfühlen“ und uns dort gemütlich einrichten. Obwohl sie durch gründliche Recherche und eine ungeheure Detailfreudigkeit die damalige Atmosphäre perfekt einfängt und für ihren Roman das einladende, Unmittelbarkeit schaffende Präsenz wählt. Wir bleiben distanziert, schauen wie die Drohne von oben auf die Lübecker Gesellschaft, die Mahlke anders als der Nobelpreisträger auch für die sogenannten „unteren Stände“ öffnet und das Panorama dadurch erweitert.

Dafür mischt sie reale, fiktive und von den Buddenbrooks (die sich ja ihrerseits auf reale Personen beziehen) entliehene Protagonisten. So ist die im Roman zentrale Familie Lindhorst an die dortige Familie Hagenström angelehnt, die wiederum in der realen Familie Fehling ihr Vorbild fand. Bereits kurz nach Erscheinen der Buddenbrooks 1901 kursierten wohl in Lübeck regelrecht Listen, auf denen das Romanpersonal mit Bürgern der Stadt abgeglichen wurde. Zumindest wenn man Inger-Maria Mahlke Glauben schenken darf, wurde das eine Art Gesellschaftsspiel. Und man kann das heute dank Internet perfekt weiterspielen. In Unsereins treten aber auch völlig reale Personen mit Klarnamen auf, beispielsweise der Gewerkschafter und sozialdemokratische Politiker Theodor Schwartz oder der Freund Thomas Manns, Otto Grautoff. Der Dichter selbst spielt allerdings nur eine sehr kleine Rolle, zunächst als 15-jähriger eitler Schüler Tomy samt Entourage, später (das Erzählte reicht bis ins Jahr 1906) als etwas arroganter Jungschriftsteller.

Buddenbrookhaus Lübeck
Buddenbrookhaus Lübeck by Fred Romero CC BY 2.0 Deed
Die Lübecker Gesellschaft

Neben der Familie Lindhorst, die einen jüdischen Familienhintergrund besitzt und aus Rechtsanwalt  Friedrich mit seiner Frau Marie und acht Kindern besteht, rückt die Familie des Wasserbauingenieurs Konrad Schilling mit der um gesellschaftliche Anerkennung und Aufstieg bemühten Frau Elisabeth und deren Kinder in den Mittelpunkt des Romans. An ihr wird die Abgeschlossenheit der „besseren“ Lübecker Gesellschaft mit ihren engen Regeln, Normen und Hierarchien („erst die Ostelbischen und Senatorenfamilien“) deutlich, die damalige fast Undurchdringlichkeit von Klassenschranken. Tochter Henriette bringt gleichwohl eine neue, freiere und unabhängigere Denkweise hervor. Wie überhaupt die Frauenfiguren in Unsereins von Inger-Maria Mahlke eine besondere Aufmerksamkeit erhalten. Was nicht bedeutet, dass sie mit mehr Sympathie auf sie schaut. Die Autorin führt ihr Personal aber nie vor, sondern entwickelt auch, was zu ihrem Verhalten geführt haben könnte. Marie Lindhorst, die Tochter des „berühmtesten Dichters der Welt, Keitel“, ist dafür ein Beispiel.

Diesen an Emanuel Geibel angelehnten Dichter, der auch der tatsächliche Vater des Romanvorbilds Ada Marie Fehling war, überschüttet Mahlke mit allerlei bissiger Ironie. Geibel galt als erfolgreichster Dichter seiner Zeit, heute kennt man allenfalls noch sein Lied „Der Mai ist gekommen“ oder den Ausspruch „Und es mag am deutschen Wesen / einmal noch die Welt genesen“. Überhaupt sind Ironie, Humor und doppelte Böden wichtige Stilmittel des Romans. Dabei bleibt Mahlke aber stets wertfrei, überlässt das Urteil ihren Leser:innen. Ebenso wie sie diesen überlässt, Bezüge zu entdecken, Andeutungen zu verstehen und Leerstellen zu füllen. Diese vielschichtige Komposition fordert ein genaues Lesen, ist aber auch sehr unterhaltsam.

Stadt- und zeitporträt

Neben dem Panorama einer Gesellschaft mit ihren Normen und Regeln sind der Konservatismus, die aufstrebende Sozialdemokratie, Industrialisierung, Emanzipation, Patriarchat, Antisemitismus und Klassismus Themen. Das Dienstmädchen Ida Stuermann, das ihrem Dienstverhältnis durch Stenografie-Kurse zu entfliehen sucht, der Lohndiener Charlie Helms, dem seine Homosexualität zum Verhängnis wird, und der Ratsdiener Johann Isenhagen sind wichtige Protagonist:innen des Romans. Ein Personenregister erleichtert, bei der Fülle der Figuren nicht die Orientierung zu verlieren.

Inger-Maria Mahlke ist selbst in Lübeck aufgewachsen, hat dieselbe Schule wie Emanuel Geibel, Thomas Mann und ihr gutbürgerliches Romanpersonal besucht. Mit Unsereins ist ihr auch ein schönes Stadtporträt gelungen. So werden beispielsweise die Veränderungen des Stadtbildes durch den Bau des Elbe-Trave-Kanals geschildert (auch durch die beiden Karten im Buchvor- und –nachsatz). Der Roman endet mit einem Herauszoomen aus der Totalen der Lindhorst-Kinder durch die Kameradrohne, mit Schumanns Kinderliedern und dem verheißungsvollen

„Aber vielleicht ist dies nicht das Ende, sondern nur der Anfang.“

In einem Interview hat Inger-Maria Mahlke angedeutet, dass sie ihrem Unsereins eine Fortsetzung folgen lassen möchte. Ich würde mich sehr darüber freuen.

 

Weitere Besprechungen bei Buch-Haltung und dem Bücheratlas

Beitragsbild: Lübeck ca. 1900-1920, via picryl

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Inger-Maria Mahlke - Unsereins.

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Inger-Maria Mahlke – Unsereins
Rowohlt November 2023, gebunden, 496 Seiten, € 26,00

 

 

 

 

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