Vigdis Hjorth – Ein falsches Wort

Über 100 norwegische Autoren waren bei der Frankfurter Buchmesse 2019 im Rahmen des Gastlandauftritts anwesend und haben mit viel Leidenschaft ihre Bücher und die Literatur ihres Landes einem sehr interessierten Publikum vorgestellt. Das Medienecho war groß. Und doch haben einige Bücher nicht die Aufmerksamkeit erhalten, die sie verdienen oder die man erwarten konnte. Vigdis Hjorth ist mit ihrem Roman Bergljots Familie ein solches Beispiel. Wie wunderbar, dass der S.Fischer Verlag mit der Veröffentlichung des neuesten Hjorth-Romans Vigdis Hjorth – Die Wahrheiten meiner Mutter auch die Veröffentlichung älterer Werke der Autorin in Angriff genommen hat. Unter dem Titel Ein falsches Wort erscheint nun auch der Roman über Bergljots Familie, die sich über Erbstreitigkeiten völlig verliert.Erschienen ist das Buch bereits 2017 auf Deutsch und war kein besonders großer Erfolg. Im englischsprachigen Raum hingegen sorgte es unter dem Titel Will and testament für einige Furore und stand auf der Longlist zum National Book Award 2019 für übersetzte Bücher. In Norwegen erschien es als Arv og miljø bereits 2016 und zählt zu den am besten verkauften und am meisten diskutierten Romanen der letzten Jahre. Vigdis Hjorth erhielt dafür sowohl den Buchhandels- als auch den Kritikerpreis.

Die Ich-Erzählerin Bergljot, um die 50, geschieden, drei erwachsene Kinder und in einer festen Beziehung lebend, wird in heftige Turbulenzen ihrer Familie hineingezogen. Einer Familie, der sie schon länger den Rücken gekehrt hat, zu der sie bis auf sehr seltene Telefonate mit ihrer Schwester Astrid jeden Kontakt abbrach. Nun verständigt einer dieser Anrufe sie über den missglückten Selbstmordversuch der Mutter. Im Rahmen der Nachlassregelung der vermögenden Eltern, haben diese den beiden jüngeren Schwestern Astrid und Åsa zwei Ferienhütten überschrieben und den Bruder Bård mit einem viel zu niedrig angesetzten Verkaufswert ausbezahlen wollen. Diesem, der im Gegensatz zu Astrid und Åsa auch nur wenig Kontakt mit den Eltern pflegt, geht das sehr gegen den Strich und er fordert eine gerechte Aufteilung der Hütten auf alle vier Kinder. Der Eklat, der darauf folgte, trieb die Mutter anscheinend zu ihrem dramatischen Schritt.

Vigdis Hjorth FBM 2023
Vigdis Hjorth auf der FBM 2023

Bergljot will sich eigentlich nicht in diese Familienstreitigkeiten hineinziehen lassen, sie will Abstand zur Familie, und das bereits seit 23 Jahren. Damals, Bergljot war noch mit ihrer Dissertation über das moderne deutsche Drama beschäftigt, hatte schon Kinder, einen „lieben“ Mann und ein renovierungsbedürftiges Haus, brach etwas lang Verdrängtes sich plötzlich Bahn. Als Bergljot ein kleines Mädchen war, missbrauchte ihr Vater sie sexuell. Wie konnte das so lange bei ihr verschüttet bleiben? Bergljot erleidet einen Zusammenbruch, nimmt psychotherapeutische Hilfe in Anspruch. Ihre Familie – der Vater, die Mutter, die Schwestern – alle leugnen, glauben ihr nicht, bezeichnen sie gar als „Psychopathin“. Lediglich der Bruder, der selbst unter dem Vater litt, verhält sich neutral. Bergljot bricht daraufhin mit ihrer Familie, lässt sich scheiden, hat eine Affäre mit einem verheirateten Professor, bemüht sich, zu vergessen.

Nun versuchen die Geschwister, Bergljot in der Hüttenfrage auf ihre jeweilige Seite zu ziehen. Und plötzlich sind die alten Kränkungen wieder da, die Erinnerungen, die Verleugnungen, die zerbrochene Loyalität. Und Bergljot versucht, endlich wieder die Deutungshoheit über ihre eigene Geschichte zurückzuerlangen, sich der Vergangenheit zu stellen. Auch und gerade, als der Vater überraschend stirbt.

Geschrieben ist das schnörkellos und klar, ausschließlich auf Bergljots Perspektive beschränkt, die immer wieder zurückblendet, sich mit ihren Freunden Klara, Karen und Bo, mit ihrem Lebenspartner Lars und ihren drei Kindern austauscht, über Briefe, E-Mails, SMS und Telefonate. Es wird viel getrunken und wir werden tief in die Familie hineingezogen, in das Leiden der Ich-Erzählerin, die ihre Ecken und Kanten hat.

Vigdis Hjorth nimmt Bezug auf die Psychoanalyse Freuds und vor allem C.G.Jungs und auf den dänischen Film „Das Fest“ von Thomas Vinterberg (1998), der ein ähnliches Thema verhandelt. Auch schweift die Erzählerin immer wieder mal in abstrakte Betrachtungen ab. Eine gewisse Redundanz ist dem hohen Leidensdruck Bergljots zuzuschreiben, dabei bleibt sie aber stets hochreflektiert. Es geht ihr um Gerechtigkeit und um das gehört werden. Der Familie geht es um ihre blanke Existenz, die wohlgehüteten Lebenslügen.

Vigdis Hjorth stieß mit der Veröffentlichung des Romans 2016 eine schon bekannte Debatte erneut an: gewisse biographische Parallelen, Briefe, ein Gedicht der Mutter und der Ablauf der Beerdigung des Vaters wiesen auf nur wenig verhülltes autobiographisches Material hin. Hjorth wurde der Vorwurf gemacht, die Privatsphäre ihrer Familie zu verletzen. Ihre Schwester Helga „antwortete“ sogar mit einem Gegenroman, der vor allem auch die Missbrauchsvorwürfe vehement zurückwies. Die Debatte, was Autofiktion darf, ist ja spätestens seit Karl Ôve Knausgård prominentes Thema, nicht nur in Norwegen. Ein falsches Wort hat diesen Skandal gar nicht nötig, um als überraschendes, spannendes literarisches Werk zu bestehen.

 

Beitragsbild: Asmaløy, Hvaler by jorn_pettersen (CC BY-NC 2.0) via Flickr

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Vigdis Hjorth – Ein falsches Wort
Aus dem Norwegischen von Gabriele Haefs
Osburg Verlag März 2024, 397 Seiten, gebunden, 25,00 €

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