Paul Murray – Der Stich der Biene

War es bereits dieser verfluchte Stich der Biene, die sich ausgerechnet auf der Fahrt zum Traualtar unter Imeldas Schleier verfangen hat und unglücklich das Auge traf, so dass sich die Braut nur noch verschleiert zeigen konnte? Oder war es überhaupt diese weithin verurteilte Heirat von Imelda mit dem Bruder ihrer erst kürzlich tödlich verunglückten großen Liebe Frank, den sie eigentlich ehelichen wollte? Oder begann das ganze Unglück von Imelda und Dickie und ihrer beiden Töchtern schon viel früher, in Kindheit und Jugend?  Paul Murray untersucht in seinem für die Shortlist des Booker Prize 2023 nominierten Roman Der Stich der Biene die Tragik und Komik, die im Leben der Familie Barnes stecken.

2008 erschüttert die Finanzkrise die ganze Welt. Besonders heftig trifft es u.a. Irland. Das  in der irischen Provinzgelegene Autohaus von Dickie Barnes, das dieser von seinem Vater Maurice übernommen hat als es noch glänzend lief, hat es auch mächtig erwischt. Die Geschäfte laufen nicht, keiner kann und will sich in diesen Zeiten ein kostspieliges Auto leisten. Vater Maurice, der sich zum süßen Nichtstun an die portugiesische Küste zurückgezogen hat, wird unruhig. Besonders treffen der gesellschaftliche Abstieg, die plötzlich beschränkten Geldmittel und die schiefen Blicke der Nachbarschaft aber Ehefrau Imelda.

Die schöne Imelda

Die schöne Imelda stammt aus sogenannten „ganz kleinen Verhältnissen“. Aufgewachsen mit einer Schar ungehobelter Brüder und einem zu Gewalt neigenden Vater – die Mutter ist früh verstorben -, trifft sie bereits als Teenager den umschwärmten Sonnyboy Frank Barnes. Es ist Liebe auf den ersten Blick und Imelda kann es kaum fassen, dass dieser wohlsituierte, aus angesehener Familie stammende, gutaussehende und allseits beliebte Mann sich ausgerechnet für sie interessiert. Wenig später steht für Beide fest, dass sie heiraten wollen. Die Vorbereitungen laufen auf Hochtouren, da passiert das Unglück: Frank verunglückt tödlich mit dem Auto.

Imelda und Franks Familie sind vor Gram zerbrochen. Der ältere Bruder Dickie, der gerade am Trinity College studiert und der erklärte Thronerbe fürs Autohaus ist, kehrt aus Dublin zurück. In seiner ruhigen, pragmatischen Art ist er trotz seiner persönlichen Trauer ein Hafen für alle. Irgendwie, wahrscheinlich als Trost, kommen sich Dickie und Imelda näher und Imelda wird schwanger. Obwohl man kaum von Liebe sprechen kann, beschließen sie zu heiraten. Ein Entschluss, der in ihrer Umgebung Unverständnis oder sogar Ärger hervorruft.

Eigentlich läuft alles ganz gut, zumindest nach außen. Das Autohaus läuft gut, Imelda führt ein reges Gesellschaftsleben mit den Damen der Stadt, Tochter, Cass und Sohn PJ kommen auf die Welt. Wir Leser:innen erfahren davon in Rückblicken die jeweils den einzelnen Familienmitgliedern gewidmet sind. Hervorzuheben ist, dass sie alle vier einen ganz eigenen Tonfall erhalten. So gibt es in den der nervösen, immer etwas überdrehten Imelda gewidmeten Kapiteln zum Beispiel keine Interpunktion.

2008

Wir begegnen der Familie Barnes erst, als ihre fragile Familienkonstellation droht, zusammenzubrechen. 2008.

Nicht nur Imelda und Maurice überschütten Dickie mit Vorwürfen, das Autohaus und die Familie ruiniert zu haben, auch Tochter Cass, die kurz vor dem Schulabschluss steht und von einem Studium am Trinity College zusammen mit ihrer Freundin Elaine träumt, reagiert ihrem Vater gegenüber äußerst gereizt. Riskiert er doch ihre Stellung innerhalb der intriganten Mädchenclique, an der Schule und später am College. Nur der zwölfjährige PJ verhält sich noch solidarisch mit Dickie.

Dieser flieht, anstatt die Ärmel hochzukrempeln, wie das Maurice und Imelda erwarten, in den Wald. Jede freie Minute verbringt er hier mit seinem Bekannten Victor beim Bau eines privaten Schutzbunkers, entwickelt sich zu einem richtigen Prepper. Dass diese Flucht ein verzweifeltes Verdrängen von Dingen aus der Vergangenheit, die ihn nun wieder einholen, bedeutet, und dass das Geschäft nicht nur wegen der Finanzkrise in Not geraten ist, erfahren die Leser.innen erst nach und nach.

Aber auch Imelda flieht – in eine Affäre mit Big Mike, einem Bauunternehmer, den Maurice zur Sanierung des Autohauses vor Dickies Nase setzt. Cass flieht ganz konkret, ans College nach Dublin, und immer mehr auch in einen ungesunden Alkoholkonsum. Am einsamsten und verletzlichsten ist PJ, um den sich nun kaum noch jemand kümmert, und der auch wenig Freunde hat. Zum Glück ist da aber noch der Internet-Freund Ethan aus dem Chatroom, der sich endlich mal mit ihm treffen will.

Rasant steigendesTempo

Paul Murray nimmt sich in Der Stich der Biene 700 Seiten Zeit, uns die Familie Barnes mit all ihren Schatten-, aber auch liebenswerten Seiten nah zu bringen. Er tut das unterhaltsam, witzig, ironisch, trotz aller Tragik, die immer mitschwingt. Perspektiv- und Zeitenwechsel und ein stetig gesteigertes Tempo, das nach einem epischen Anfang mit ausgedehnten Rückblicken immer mehr anzieht, immer kürzere Kapitel produziert und beim Lesen am Ende fast den Atem stocken lässt, sorgen dafür, dass keine dieser 700 Seiten langweilig wird. Dazu kommen aktuelle Themen wie z.B. Klimawandel, Finanzkrise, Internetkriminalität.

Das Unglück dieser Familie geht mir als Leserin nahe, auch wenn mit Ausnahme von PJ, eine kleine Lichtgestalt, kaum eine(r) der Protagonist:innen wirklich sympathisch ist. Aber sie alle versuchen, ein irgendwie glückliches, sogar anständiges Leben zu führen und fahren doch alle den Karren an die Wand. Und wie das Buch beabsichtigt, beginnt man sich zu fragen, wo diese berüchtigte Abzweigung war, an der falsch abgebogen wurde. Ob es die überhaupt gibt. Oder ob das Unglück wie ein Damoklesschwert über jedem Leben hängt. Und manchmal eben zuschlägt.

Das Ende ist erschreckend offen. Auch wenn es so endet:

„Aus Liebe. Du tust es aus Liebe.“

Ein tolles Buch!

 

Beitragsbild by Lutz Blohm (CC BY-SA 2.0 Deed) via Flickr

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Paul Murray Der Stich der Biene.

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Paul Murray – Der Stich der Biene
Übersetzt von Wolfgang Müller
Antje Kunstmann März 2024, gebunden, 700 Seiten, € 30,00

 

 

 

 

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