Corinna Krenzer – Eine einfache Wahrheit

Eine komplexe DDR-Geschichte, eine Familiengeschichte, die sich um Schuld und Schweigen dreht und um die Rückkehr an den Ort der Kindheit: Corinna Krenzer hat mit Eine einfache Wahrheit einen Debütroman geschrieben, den ich sehr gern gelesen habe. Und doch hat mich etwas irritiert, was ich zunächst nicht näher benennen konnte. Dann habe ich gelesen, dass der Roman eigentlich einen männlichen Protagonisten hatte und dass die Autorin dann auf Anraten ihres Verlegers daraus kurzfristig Janna machte, Schriftstellerin Mitte 40, verheiratet mit ihrem Literaturagenten Hannes und in eine heimliche Affäre mit Marie verstrickt. Seitdem überlege ich, ob diese Änderung – die nicht wirklich spürbar und professionell umgesetzt ist – diese Irritation auslöste.

Zurück nach Osten

Janna steckt in einer Krise, die wie so oft in der Literatur dazu führt, an den Ort der Kindheit zurückzukehren. Ein handgreiflicher Streit mit Marie und deren Partnerin Nike, die Vorwürfe, ihre aus der Kindheit stammenden Schuldgefühle nicht aufzuarbeiten, und das Zusammentreffen mit ihrem 44. Geburtstag, dem Alter, in dem sich ihr Vater das Leben nahm, veranlasst sie dazu, ins mecklenburg-vorpommerische (fiktive) Kohltal aufzubrechen. In einer Nacht-und-Nebel-Aktion ist die Familie als Janna 14 war, in den Westen geflohen. Janna hat das ihrem Vater nie verziehen, zumal sie sich nicht einmal von ihrem besten Freund Oskar verabschieden konnte. Klären konnte sie das aber auch nie, denn kurz nach der Flucht erschoss sich der Vater, in der Hand einen Zettel, auf dem nur ein Wort stand: Janna.

Dieser Selbstmord und seine Umstände ist einer der Punkte, die ich in diesem beachtlichen Debüt kritisch sehe. Auch wenn sich für viele Suizide nicht unbedingt rationale Gründe finden lassen, fühlt sich dieser irgendwie falsch an. Ein liebender Vater, der wissentlich lebenslange Schuldgefühle auf seine Tochter ablädt? Denn natürlich macht sich Janna für diesen Tod verantwortlich, hat sie ihre Wut über die für sie so plötzlich kommende Ausreise aus der DDR ihm gegenüber doch sehr deutlich gemacht.

Von West nach Ost

Der aus Westdeutschland stammende Vater Ulli hatte Bea einst bei einem Bulgarienurlaub kennen und lieben gelernt. Für sie siedelte er in die DDR über. Dort arbeitete er als Lehrer, was mich auch kurz irritierte – durften solche aus dem Westen stammenden Menschen tatsächlich den Lehrberuf ergreifen? Zumindest dürfte das nicht ganz einfach gewesen sein. Zumal Ulli an Kritik am Staat nicht hinter dem Berg hielt. Schließlich verliert er seine Anstellung auch und betätigt sich fortan an Schriftsteller. Der Ulli war, so bekommt es Janna bei ihrem Besuch in Kohltal gleich vermittelt, ein Außenseiter, ein Querulant. Er konnte, auch wenn Bea ihn bat, seinen Mund nicht halten. Das brachte ihn ins Visier der Partei und der Stasi. Ausgerechnet Oskars Vater war SED-Ortsparteisekretär.

In Kohltal trifft Janna auch heute auf Ablehnung, vor allem aber auf ein Schweigen, das auch in ihrer Familie geherrscht hat. Selbst Oskar will nicht mit ihr reden. Als sie vor Jahren die Urnen ihrer Eltern auf deren Wunsch nach Kohltal überführte, hat sie ihn noch nicht einmal angetroffen. Und auch jetzt ist er abweisend. Dass alles damals ganz anders war, als Janna immer gedacht hat, erfährt sie erst aus den Tagebüchern ihres Vaters, die sie im alten Bootshaus der Familie entdeckt.

Corinna Krenzer gelingt es gut, die Atmosphäre in Kohltal und die ungute dörfliche Dynamik einzufangen, sowohl die Enge und das Misstrauen zu DDR-Zeiten als auch das Schweigen und die Trostlosigkeit im Heute. Man folgt ihren Protagonist:innen gern, trotz der oben angesprochenen Einwände. Sie hält ihren Spannungsbogen bis zum Ende aufrecht. Die Beziehungsprobleme sowohl zu Ehemann Hannes als auch zu Marie wirken hingegen ein wenig aufgesetzt und sind für den eigentlichen Plot entbehrlich.

 

Beitragsbild via pxhere

 

Corinna Krenzer - Eine einfache Wahrheitx

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Corinna Krenzer – Eine einfache Wahrheit
Kjona Juli 2026, 240 Seiten, Gebunden, € 24,00

 

 

 

 

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