Lukas Rietzschel – Sanditz

Einer der am häufigsten (und kontrovers) diskutierten Romane des Frühjahrs 2026 und ein heißer Kandidat für den Deutschen Buchpreis – Lukas Rietzschel hat mit seinem Roman Sanditz ziemlich viel Aufmerksamkeit bekommen. „Ein großes Bild der deutschen Gesellschaft von der DDR bis in die jüngste Gegenwart“ verspricht der Klappentext und von den meisten Rezensenten wird er als der „ersehnte Wenderoman“ gelesen.

Ich frage mich tatsächlich, wer noch einen Wenderoman „ersehnt“. Es gibt mittlerweile so viele davon, sehr gute bis ziemlich schlechte. Sanditz ist ein richtig guter. Die Zeitspanne, die das Buch umfasst, reicht von den späten 1970ern bis 2022 und der fiktive Ort wird von seinem Autor zwar nur diffus im Osten platziert, erinnert aber doch Ortkundige sehr an Görlitz in der Oberlausitz, wo auch Lukas Rietzschel lebt. Provinz, ein Personal, das oft gern als „abgehängt“ bezeichnet wird, eine Region, in der es viele Umbrüche zu verkraften gab – selten waren es positive.

Familien- und Generationenroman

So wurde auch die Familie Wenzel, die im Zentrum des Buchs, das noch viel mehr als ein Wende- oder DDR-Roman ein Generationenroman ist, steht, umgesiedelt, um einer Braunkohlegrube Platz zu machen. In den vier Bungalows, die den verdrängten Familien etwas abseits von Ort zur Verfügung gestellt wurden, wohnen nun Marion und ihre Tochter Maria und im Nachbarhaus Marions Mutter Erika und Bruder Dirk. Dirk ist wie Marion auch schon in mittleren Jahren, hat aber nie den Absprung von zu Hause geschafft und hat mit seiner Mutter ein etwas ungesund enges Verhältnis. Relativ früh im Buch stirbt Erika und Dirk muss nun allein zurechtkommen.

In vielen Zeitsprüngen geht die Romanhandlung von dieser Anfangszeit im Coronajahr 2021, das mit seinen Einschränkungen und Protesten eine besondere Rolle einnimmt, zurück in die Kindheit und Jugend von Marion und Dirk. Vater Norbert, ein Orgelbauer, der wegen seiner Arbeit die Erlaubnis für Westreisen hatte, und gleichzeitig dem verborgenen Widerstand gegen das DDR-Regime angehörte, schmuggelte regelmäßig verbotene Schriften und Bücher ins Land. Mutter Erika war in der Kirchengemeinde engagiert. Und auch Marion ist gläubig aufgewachsen, wird als junge Frau von einem Superintendenten er Kirche schwanger. Als offizieller Vater benennt sie ihren Freund Roland Moschnick. Die beiden heiraten, bekommen ein weiteres Kind.

Roland ist eigentlich schwul, ihm dient die Heirat als Fassade. Nach der Wende arbeitet er auf Montage im Westen, sieht seine Kinder selten und entfremdet sich von ihnen und Marion. Er lebt zeitweise in einer etwas toxischen Beziehung zum schillernden Achim, bis der eines Tages verschwindet. Tochter Maria arbeitet nach einem Studium in Kassel mittlerweile wieder in Sanditz als Lokalreporterin, Sohn Tom hat seinen Job als Polizist als entschiedener Gegner der Coronamaßnahmen gekündigt. Nun versackt er allmählich, steigert sich immer mehr in Schwurbeleien hinein.

Viele Themen

Lukas Rietzschel erzählt in Sanditz multiperspektivisch mit häufigen, zur besseren Orientierung gekennzeichneten Zeit- und Ortswechseln. Er spricht viele Themen an, darunter auch das Ende der DDR, die Bürgerrechtsbewegung, der (kirchliche) Widerstand, der Mauerfall. Es geht daneben aber auch um dysfunktionale Familienverhältnisse, Freundschaft, Verrat, den Aufstieg der AfD, den Rechtsruck, die Coronapandemie und ihre Auswirkungen auf die Gesellschaft. Und schließlich bewegt sich der Text noch bis zum Jahr 2022, hin zum russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine im Februar. Tom meldet sich als freiwilliger Kämpfer auf Seiten der Ukraine und wir Leser:innen begleiten ihn in diesen Krieg, in die Kämpfe, in die Gräben. Das ist manchmal recht schwer auszuhalten.

Lukas Rietzschel erschafft sehr lebendige Charaktere. Charaktere, die auf den ersten Blick wenig zur Identifikation einladen, sehr ambivalent, zum Teil sogar recht abstoßend gestaltet sind. Es dauert auch eine Weile, bis man sich bei ihnen und ihren Beziehungen zueinander so richtig zurechtfindet. Lukas Rietzschel wertet und verurteilt sie nicht. Auch moralische Kommentare oder Thesen spart er sich. Er gibt genaue, detaillierte Beschreibungen in einer klaren, gut lesbaren Sprache. Das Mosaik setzt sich daraus langsam zusammen. Dann ist man Sanditz und seinen Bewohnern sehr nah. Das Ganze ist lebendig und nach dem Einlesen auch unterhaltsam.

Düsterer Prolog

In einem etwas vernebelten Prolog treten 10 schwarze Vögel auf, die sich im Flug schmerzhaft in Menschen verwandeln, auf die Erde geschickt, um ein Bismarckdenkmal zu stürzen. Ein umgekehrtes Krabat-Motiv also. Hat der Müller seine Burschen als Raben ihrer Identität und Menschlichkeit berauben wollen, befreien diese sich nun. Krabat, als Verführbarkeit durch den Faschismus gedeutet, und die Befreiung, ist im Buch das einzige, wenn man so will, politische Moment, das man auf das Ende der DDR-Diktatur, aber auch als Warnung vor rechtsextremen Tendenzen im Heute deuten kann. Dieser Prolog steht etwas isoliert und wird erst ganz am Ende wieder aufgenommen, wo über dem ukrainischen Schlachtfeld zehn schwarze Drohnen auftauchen. Diese schwere Symbolik ist für die klare, realistische Gestaltung des restlichen Romans ungewöhnlich.

Das Buch steht auf der Longlist des Deutschen Buchpreis 2026.

 

Beitragsbild: by Jérôme, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons

 

Lukas Rietzschel - Sanditz.

x

Lukas Rietzschel – Sanditz
DTV März 2026, Hardcover, 480 Seiten, € 26,00

 

 

 

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert