Der August startete wunderbar mit der Lektüre des Romans Pulver. Ein weitgespanntes, multiperspektivisches Panorama von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis in die Nachkriegszeit. Ein ähnlich breites Panorama aus dem Riesengebirge/Böhmen war mein erstes Buch zum diesjährigen Gastland der Frankfurter Buchmesse Tschechien: Geteiltes Haus von Alice Haoracková. Gleich ein absolutes Highlight! Im September will ich mich ganz der Lektüre tschechischer Literatur widmen, mit Emma Kausc und Dora Kaprálová habe ich im August schon zwei andere Texte dazu gelesen.
Enttäuscht hat mich tatsächlich eines der am höchsten gehandelten Bücher dieses Leseherbstes, nominiert für den Deutschen Buchpreis, jetzt auch für die Shortlist, aber einfach nicht meins: Anton und Alma. Vielleicht auch meinem immer sehr kritischen Blick auf Liebesgeschichten geschuldet. Wer weiß. Die Stimmen zum Buch sind vorwiegend begeistert.
JOHANN REISSER – PULVER
Die Geschichte des Fabrikanten Max Duttenhöfer, der mit seiner Pulverfabrik und der Erfindung rauchlosen Schießpulvers im 19. Jahrundert zu enormem Reichtum gekommen ist und seiner Nachfahren. Ein wunderbar erzählender Historienroman, der nach sozialer Verantwortung fragt und den Bogen in unsere heutige Zeit und die neuerdings geforderte „Kriegstüchtigkeit“ spannt.
Dana Vowinckel – Anton und Alma
Die Liebesgeschichte von Anton und Alma, die als jüngere Ichs mal zusammen auf Schüleraustausch waren, aber erst später zusammen fanden, angesiedelt zwischen Berlin und New York, erinnerte mich sehr an amerikanische Collegeromane. Ein ständiges Hin und Her, mir unverständliche Dramatisierungen, viel Emotionen, omnipräsenter Sex und dafür sehr viel Zeit und hunderte Seiten – trotz der unbestrittenen Könnerschaft Dana Vowinckels als Autorin habe ich mich fast 400 Seiten lang mehr oder weniger durch die Geschichte gelangweilt.
Mit dem 13. Oktober 2023 (Anton ist Jude und Alma nähert sich im Verlauf der Religion stark an) bekommt der Roman dann auf Seite 384 einen neuen Aspekt, der ihn für mich dann deutlich interessanter machte. Und Dana Vowinckel baut schließlich noch eine überraschende Wendung ein. Das alles konnte meine Enttäuschung über dieses von mir sehr sehnsüchtig erwartete Buch kaum mindern. Die meisten Leser- und Kritiker:innenstimmen sind aber positiv bis begeistert, so dass es einfach für mich nicht das richtige Buch war.
Alice Horáčková – Geteiltes Haus
Eine breit angelegte Familiengeschichte, die von Ende des 19. Jahrhunderts bis zur Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg reicht und in der Riesengebirgsgegend angesiedelt ist, erzählt die Autorin in diesem wunderbaren Roman. Das nicht immer spannungsfreie, aber mögliche Zusammenleben von Tschechen und Deutschstämmigen im kleinen Gebirgsort Benezko wird durch sich verschärfenden Nationalismus und schließlich durch die deutsche Besatzung gründlich zerstört. Trennlinien laufen durch den Ort und auch die Familien. Alice Horáčková erzählt basierend auf der eigenen Familiengeschichte multiperspektivisch und entwickelt großartige Figuren. Die tschechischen Freundinnen, die zwei „deutsche“ Brüder heiraten und ein ganz unterschiedliches Leben führen, stehen dabei im Mittelpunkt. Großes Kino!
Dora Kaprálova – Die Mariborhypnose
Das mehrfach ausgezeichnete Buch Die Mariborhypnose in der Übersetzung von Nataša von Kopp ist ein ganz ungewöhnlicher Text. Die Erzählerin reist in die slowenische Stadt Maribor im Gepäck das Buch „Nordlicht“ von Drago Jančar und eigentlich mit dem Auftrag, einen literarischen Reiseführer der Stadt zu schreiben. Folgendes berichtet sie:
Ein seltsamer Mangel an Stubenfliegen, ein Metal-Festival in der Stadt, ein der Levitation zugeneigter Hypnotiseur, der eine Zeitlang mit Josip Broz Tito und Jaroslav Hašek in russischer Lagerhaft verbringt, der Unterschied von Pokopališče und Kopališče (Freibad ist kein Friedhof), ein Museum für einen einzigen Besucher und das Massengrab von Tezno, einem der größten Gräberfelder Europas, wo ab Mai 1945 zehntausende Menschen durch die jugoslawische Armee (Partisanen) hingerichtet wurden – ein wilder Ritt auf nur 150 Seiten. Ganz schön schräg, aber ich mochte es wirklich.
Emma Kausc – Handlungsstörung
Es sind gleich zwei Leerstellen, die die Ich-Erzählerin Emma, um die 30 und bei einer Organisation namens „Missing Persons“ in London mit der Aufklärung von Vermisstenfällen beschäftigt, treffen. Ihre aus Tschechien stammende Mutter Zuzana ist an einer Krebserkrankung verstorben und ihre Geliebte Alyona ist auf unerklärliche Weise von einem Tag auf den anderen spurlos verschwunden. Beides lässt sie den Halt verlieren, sie weiß nicht mehr, wohin mit sich. Eine Art Flucht führt sie nach Los Angeles, in eine Beziehung zu der Künstlerin Anne sowohl wie in eine Affäre mit dem bekannten Schriftsteller John. Zwischen Erinnerungen an ihre Kindheit und die nicht unbelastete Beziehung zu ihrer Mutter, zwischen Partys und Vernissagen drängen sich die verheerenden Waldbrände in Kalifornien. Die Welt ist im Inneren wie im Äußeren in Gefahr, überall lauern Katastrophen.
Emma Kausc erzählt sehr ambitioniert, mit vielen kulturellen Anspielungen, mit nicht immer treffsicheren Bildern und ohne einen tragenden Erzählfluss. Mir kam leider keine(r) der Protagonist:innen nahe und am Ende musste ich scharf nachdenken, was ich da überhaupt gelesen habe (Verlust, Trauer, Haltlosigkeit?)
Alexandra Stahl – Tschikago
Frangfodd is schlimmer als Tschikago! Mehr als einmal stänkert so der grummelige Großvater gegen die im Nachbarbundesland gelegene nächste Großstadt. Er ist der „Held“ im ersten Teil von Alexandra Stahls Buch, das „Roman“ zu nennen mir schwer fällt. Sicher nimmt er sich vielleicht ein paar erzählerische Freiheiten und wir wissen ja alle, dass Erinnerungen manchmal trügerisch sind, aber dieser Text ist in seiner Klarheit und Lakonie eher eine Sammlung von Anekdoten, hier in Teil 1 aus der Kindheit und über das enge Verhältnis zu den Großeltern. 57 Jahre waren sie insgesamt verheiratet, bis der Großvater starb. Liebevoll und anrührend erzählt Alexandra Stahl von so manchen Schrullen, von Kabbeleien und stets wiederholten Sprüchen und das zum Teil im „Sound meiner Kindheit“ aus dem Grenzgebiet von Hessen und Unterfranken.
Mit viel Liebe und trockenem Humor, manchmal ein kleines bisschen redundant wird hier von den Großeltern erzählt. Und dass man viel zu spät daran denkt sie als Menschen außerhalb dieser Funktion zu erkennen. Für Alexandra Stahl war diese Einsicht einer der Beweggründe, als ehrenamtliche Mitarbeiterin im Seniorenheim zu arbeiten. Biografiearbeit und Gedächtnistraining – die Autorin erzählt von den Menschen in der von ihr geleiteten Gruppe mit viel Witz und feiner Ironie. Das geschieht manchmal auf eine etwas zu „drollige“ Art.
Stärker ist dann wieder der dritte Teil. Hier erzählt sie von ihrer hochbetagten Großmutter in der Gegenwart und von ihrer Arbeit als Autorin, wie sie die richtige Form für ihre Erzählung zu finden sucht. Vom „Winken bis zum Schluss“ ist mehrfach die Rede und darauf bezieht sich auch das Buchcover, das eine Fotografie des wunderbaren Fotoprojekts „Leaving and Waving“ von der Fotografin Deanna Dykeman zeigt. Die Fotoserie zeigt Abschiede von ihren Eltern über einen Zeitraum von 27 Jahren (1991–2017) und dokumentiert damit das Altern, die Vergänglichkeit und schließlich den endgültigen Abschied. Unbedingt mal reinschauen!
Christiane Hoffmann – Die Träume, die wir hatten
Meine Freundin, Russland, die Ukraine und ich
Am 24. Februar 2024 begann der neuerdings „Vollinvasion in die Ukraine“ genannte Angriffskrieg Putins auf das Nachbarland. Am selben Tag erfuhr Christiane Hoffmann vom Suizid ihrer engen Studienfreundin, mit der sie auch eine enge Verbindung zu Russland teilte. Nun führt sie die Analyse der Vorgeschichte der Entwicklungen in der Sowjetunion und in Russland, der Mentalität der jetzigen Regierung und der Folgen parallel mit der Geschichte ihrer Freundschaft und der Lebensgeschichte ihrer Freundin. Im Hintergrund steht bei beidem die Frage: Hätte man es verhindern können? Was hätte man tun können?
Für mich ist das leider ein wenig zu konstruiert. Der Teil, der sich den Entwicklungen in Russland widmet, ist der gelungenere und sehr aufschlussreich. Christiane Hoffmann erzählt sehr anschaulich und stilsicher. Die Lebens- und Krankheitsgeschichte ihrer Freundin (sie war manisch-depressiv) hätte vielleicht ein eigenes Buch gebraucht. Die abwechselnde Fokusierung und Engführung ist für mich nicht stringend und die Wechsel vom einen zum anderen waren für mich eher störend. Die konsequente Benennung „meine Freundin“ – nie ein Namen(skürzel) und selten das Pronomen „sie“ – hat mich stilistisch gestört. Dennoch ist Die Träume, die wir hatten lesenswert und gewinnbringend.
Ilko-Sascha Kowalczuk – Freiheitsschock
Eine andere Geschichte Ostdeutschlands von 1989 bis heute
Ilko-Sascha Kowalczuk schreibt ein wütendes Buch. Aufgewachsen in einem staatstreuen Elternhaus in der DDR, war er aktiv in der Bürgerrechtsbewegung und seit dem Mauerfall ein streitbarer Beobachter der gesamtdeutschen Gesellschaft. Die Entwicklungen der letzten Jahre und der Rechtsruck besonders in den ostdeutschen Bundesländern treibt ihn um. Als glühender Verfechter der Freiheit als höchsten Wert für das Zusammenleben benennt er die Schwäche der Zivilgesellschaft, die Passivität großer Bevölkerungsteile, falsches Anspruchsdenken und ein unzureichendes Verständnis für Demokratie als grundlegende Ursachen für die große Attraktivität, die autoritäre, rechtsgerichtete Parteien besonders, aber nicht nur in Ostdeutschland besitzen.
Große Teile der ehemaligen DDR-Bürger waren 1989 nicht vorbereitet auf Freiheit und Demokratie. Wie auch? „Der Westen“ war für viele einfach nur Konsum, ein falsch verstandenes Paradies. Enttäuschungen waren vorprogrammiert. Die Zumutungen, die Freiheit und Demokratie bedeuten, werden bis heute nicht verstanden und akzeptiert. Auf der anderen Seite standen und stehen westliche Überheblichkeit, falsche Versprechungen und kapitalistische Gier. Wie kann das überwunden werden? Kowalczuk hat keine einfachen Lösungen. Seine Überlegungen, die manchmal recht zugespitzt und vor allem manch andere Stimmen aus Ostdeutschland harsch angehend sind, zu lesen, ist auf jeden Fall bereichernd.






