Jaroslav Rudiš – Wo die Toten sprechen

Sie fahren in einem weißen Sarg durch Mitteleuropa und besuchen die Gräber verstorbener Dichter. Das klingt schräg und ist es auch ein wenig. Aber der neue Roman von Jaroslav Rudiš Wo die Toten sprechen ist nicht nur ein komisches Buch, sondern auch ein melancholischer Roadtrip, ein Blick in die oft düstere Geschichte Mitteleuropas und ein Plädoyer für: „Mehr Liebe. Oder nichts.“ Und es ist ein Text voller literarischer Verweise, schließlich besuchen die drei Protagonist:innen nicht einfach nur berühmte Friedhöfe, sondern sie übernachten dort, oft auf den Grabstellen der Verstorbenen, reden mit ihnen – und hören ihnen zu. Denn das ist etwas, das die drei Protagonist:innen eint: sie hören die Toten sprechen.

Der „Sarg“ ist ein alter weißer Saab, so einer wie ihn auch der Autor fährt – wenn er nicht mit der Bahn unterwegs ist. Das ist er häufig und leidenschaftlich. Eine Gebrauchsanweisung fürs Zugfahren hat er verfasst und bereits in seinem letzten Roman Winterbergs letzte Reise lässt er seine Protagonisten einen Roadtrip von Berlin nach Sarajevo machen – allerdings auf Schienen.

Im weißen Saab durch Mitteleuropa

Der weiße Saab gehört Miss Detroit. Er ist ein Erbstück ihres kürzlich verstorbenen Vaters, der ihn und zwei „Brüder“ in seiner Werkstatt in der Berliner Bergmannstraße liebevoll aufgearbeitet hatte. Miss Detroit streunte schon als Kind gern auf den benachbarten Friedhöfen herum, begann, die Toten sprechen zu hören.

„Schon als Kind liebte Miss Detroit die Einsamkeit. (…)Sie fühlte sich wohl unter den Toten, viel wohler als unter den Lebenden.“

Wie passend daher ihr Beruf: Friedhofsgärtnerin. Und wie traurig ihre unerwiderte Liebe zu Marko, dem Totengräber.

San Michele Venedig
Friedhof San Michele Venedig (eigenes Foto)

Miss Detroit, Lorenzo und Caspar treffen sich zufällig in Venedig. Nicht irgendwo natürlich, sondern auf der Friedhofsinsel San Michele, am Grab des russischen Dichters und Nobelpreisträgers Josef Brodzky. Sofort spüren sie die Nähe zwischen sich und brechen zusammen auf, um die Gräber der von ihnen so verehrten Poeten zu besuchen. Eine weitere Gemeinsamkeit teilen die drei, die gerade in Mitteleuropa nicht ganz so selten ist wie das Hören der Stimmen der Toten. In all ihren Familien wurde viel geschwiegen, vor allem über die Vergangenheit. Und so kommt auch die düstere Geschichte der von ihnen durchfahrenen Landstriche hinein ins Buch. Und immer wieder kommt Nebel auf, auch von (symbolischen) Schneestürmen ist die Rede.

Die dunkle Vergangenheit

Lorenzo, der kleine, über und über tätowierte Mann, der hin und wieder wie ein Wolf heult – Hui…Huii…Huiii – hatte eine geliebte jüdische Großmutter, die in Prag zurückblieb, als Lorenzos Eltern im August 1968 nach der gewaltsamen Niederschlagung des Prager Frühlings durch Truppen des Warschauer Pakts nach Österreich flohen. Die Großmutter sprach nicht viel, nicht über ihre Kindheit in Vinohrady, das in der Zwischenkriegszeit die größte jüdische Gemeinde in der gesamten Tschechoslowakei beherbergte, nicht über den „grauen Schneesturm“, der ihr während des Krieges die Familie nahm, nicht über die Gedankenlosigkeit, mit der man ihr nach ihrer Rückkehr aus dem Grauen eine Wohnung mit Blick auf den Prager Bahnhof Bubny zuteilte. Zwischen 1941 und 1945 diente er den Nationalsozialisten als Sammel- und Deportationsort für rund 50.000 jüdische Bürger. Aus dem Fenster dieser Wohnung stürzt sich die Großmutter viele Jahre später in den Tod.

Lorenzo hört seine tote Großmutter sprechen. Und er startet eine „Gerechtigkeitsmission“, macht Raubüberfälle, raubt seinerseits NS-Raubkunst, wird geschnappt und landet für viele Jahre in Österreichs größter Strafvollzugsanstalt in Stein bei Krems an der Donau. Keine ganz schlechte Zeit für ihn, denn dort lernt er den „Professor für Weltliteratur“ kennen (einen Mithäftling), der den Knast für ihn zur Universität macht. Die Gefängnisbibliothek liefert die Bücher, die Lorenzo fortan im wahrsten Sinne des Wortes verschlingt. Hierher rührt seine Leidenschaft für die Dichter. Gerade aus der Haft entlassen, trifft er auf dem Friedhof in Bayreuth auf Miss Detroit. Das ist der Beginn einer Liebesbeziehung.

Eine skurrile Reise

Caspar, dessen Vater schon die Toten hörte, wurde nach einer Gewaltattacke beurlaubt und zur Psychologin geschickt. Er versinkt in einer Depression. Mit seiner Frau Hana (mit der er am Bahnhof Bubny wohnt!), fährt er nach Venedig. Sie wollen dort Ruhe finden, ihre Beziehung überdenken. Aber Caspar flieht, mit Lorenzo und Miss Detroit, die er dort trifft (siehe oben). Gleich zu Beginn verliert der „fast Blinde“ seine Brille und sieht nun alles wie durch Milchglas. Es entsteht eine Ménage-à-trois.

Jüdischer Friedhof Mikulov/Tschechien
Jüdischer Friedhof Mikulov/Tschechien(eigenes Foto)

Und es beginnt eine skurrile Reise. Nach Triest (Italo Svevo, Johann Joachim Winckelmann), Slowenien (Srečko Kosovel), Linz (Adalbert Stifter), Wien (Thomas Bernhard, Heimito von Doderer, Robert Michel, Ödön von Horváth, Franz Grillparzer, Karl Kraus), Mikulov (Wunderrabbi Schmelke von Nikolsburg), Lipnice (Jaroslav Hašek), Hradištko u Sadské (Bohumil Hrabal), Prag (Franz Kafka) und viele mehr. Sie fahren auch nach Theresienstadt/Terezín. Ihr Ziel aber ist Berlin.

Neben den toten Dichtern begegnen ihnen auf der Reise immer wieder auch „Kreuzspinnen“ – Rechtsradikale, Nazis. Sie lauern in ganz Mitteleuropa, aber hier in Berlin erfahren die drei Reisenden schließlich von einem Plan. Die Gebeine des „Henkers von Prag“ (so wird der SS-Obergruppenführer, Chef des Reichssicherheitshauptamtes und stellvertretende Reichsprotektor in Böhmen und Mähren Reinhard Heydrich, einer der Hauptorganisatoren der Judenvernichtung, genannt) sollen aus dem Invalidenfriedhof in Berlin-Mitte geraubt und von rechtsextremen Anhängern in einen „Schrein“ verbracht werden. Das Grab des NS-Verbrechers wurde nach Kriegsende extra eingeebnet, um jeglichem Kult vorzubeugen. Im Dezember 2019 öffneten Unbekannte tatsächlich das Grab und versuchten vergeblich, Skelettteile zu entwenden.

Miss Detroit, Lorenzo und Caspar beschließen, den Grabräubern zuvorzukommen, doch die „Kreuzspinnen“ sind ihnen auf den Fersen.

Das Böhmische Paradies

Der Roman endet im Böhmischen Paradies, woher auch Jaroslav Rudiš stammt, und zwar ordnungsgemäß mit Bier und Gulasch. Die Gegend um Jičín war auch eine der Landschaften, wo im Sommer 1866 einige der blutigsten und strategisch wichtigsten Gefechte im Preußisch-Österreichischer Krieg stattfanden, der mit der Schlacht bei Königgrätz in Rudiš Roman Winterberg letzte Reise eine wichtige Rolle spielt.

Skurril und etwas schräg, melancholisch und auch witzig, mit liebenswerten Figuren und wenig Handlung, vielen literarischen Verweisen, die aber nur kurz angetupft werden, hat mir der Roman mit seinen meist sehr kurzen Abschnitten und dem typischen Rudiš-Sound (rhythmisch, leitmotivisch, dialogisch) viel Spaß gemacht. Wie es sich für einen richtigen Roadtrip gehört, kann man das Buch mit einer Playlist begleiten (die man sich aber wohl selbst zusammenstellen muss; habe ich getan und meine Lektüre damit intensiviert) – überwiegend düsterer Post-Punk.

 

Beitragsbild: Friedhofsinsel San Michele, Venedig (eigenes Foto)

 

Jaroslav Rudis - Wo die Toten sprechen.

Jaroslav Rudiš – Wo die Toten sprechen 
Luchterhand Literaturverlag August 2026, Hardcover, mit Schutzumschlag, 240 Seiten, € 24,00

 

 

 

 

 

4 Gedanken zu „Jaroslav Rudiš – Wo die Toten sprechen“

      1. Kenn „Die Gebrauchsanweisung fürs Zugfahren“ von ihm, hab ich vor einer ganzen Weile gelesen und mochte ich. Aber ich mag eher melancholisch-schräg (zB die Filme von Aki Kaurismäki) aber nicht gern hektisch-schräg aus irgendeinem Grund. Mal schauen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert