Die hohe Kunst des Laberns – niemand beherrscht sie wohl so gut wie Frank Lehmann, sein Bruder Freddie und all die Typen, die Sven Regener seit seinem ersten Roman der Reihe (Herr Lehmann 2001) im West-Berliner Kiez rund um die Wiener Straße – meist ein wenig hyperaktiv – auftreten lässt. Sieben Bücher sind es mittlerweile, erschienen im Abstand von jeweils vier bis fünf Jahren. Und das Faszinierende an ihnen ist, dass die Figuren bei jedem neuen Bad gleich wieder so vertraut sind.
An eine Chronologie der Romane hält sich Sven Regener hingegen nicht. Spielt der „Ur“-Lehmann-Roman in der Nacht des Mauerfalls 1989, springen die folgenden Romane lustig hin und her, vor und zurück. Sie alle sind eine große Liebeserklärung an und ein augenzwinkerndes Porträt von West-Berlin, das alte, das vor der Grenzöffnung. Es ist dieses besondere Milieu von (Lebens)Künstlern und Versagern, von Studenten, „Eingeborenen“ und Zugereisten, das Regener in seinem ganz eigenen, flapsigen Ton, in endlosen und oft scheinbar weitgehend sinnbefreiten Dialogen vor uns ausbreitet.
Frank und Manfred (Freddie) aus Bremen, die Konzeptkünstler Karl Schmidt und H.R. Ledigt, der Nachbar Marco und Kneipenbesitzer Erwin Kächele mit seiner Nichte Chrissie, die Jungs von der Band Glitterschnitter – sie alle bevölkern seit Jahren nicht nur die Romane von Sven Regener, sondern auch die Herzen seiner Leser:innen. (Es soll tatsächlich (einige wenige) Leser:innen geben, die das alles Quatsch finden 😉 ) Die Handlung in den Romanen ist meist sehr überschaubar, es wird vorwiegend geredet. Gelabert halt.
Auf der Jagd nach der Tasche
In Frankie und Freddie geht es um eine Tasche. Weil Frankies alter Opel Kadett mitten im kalten Winter nicht anspringen will, hilft Karl mit seiner Kastenente aus, um Freddie wie versprochen aus seinem „Pillenhotel“ am Kudamm abzuholen. Freddie hat sich als Probant für eine stationäre Antidepressiva-Studie zur Verfügung gestellt und leidet nun ein wenig an Nebenwirkungen. Artsy Fartsy, den Freddie noch von der HdK kennt und der auch an der Studie teilgenommen hat, hängt sich an die Brüder dran. Blöd nur, dass er später zufällig Freddies Tasche einsteckt und dann in Karls Ente vergisst.
Karl wiederum ist beim Schneeräumen irgendwo in Schöneberg im Außeneinsatz. Der Rest vom Buch dreht sich nun mehr oder weniger darum, diese Tasche wiederzubekommen, denn darin befinden sich die Flugtickets, die Freddie für seine bevorstehende Reise nach New York braucht. Klingt einfach, ist aber in der Lehmann Welt nicht ganz so leicht. Schließlich befinden wir uns im Jahr 1980 – Mobiltelefonie ist noch unbekannt. Es entspinnt sich eine richtige Odyssee durch Berlin – nicht umsonst spielt der Roman gleich zu Beginn auf Homer an.
Frankie und Freddie
Es entspinnt sich eine Handlung, die gewohnt turbulent, voller absurder, mäandernden Dialoge und Regener eigenem Witz ist. Im Mittelpunkt steht noch mehr als in den anderen Romanen die Brüderbeziehung zwischen Frankie und Freddie. Die ist trotz des schnodderigen Umgangs miteinander zart und durch die zeitliche Verortung am 23. Dezember, also direkt vor Weihnachten, auch emotional aufgeladen. Freddies Umsiedlung in die USA steht bevor. Auch das war im Jahr 1980 eine andere Nummer als heute. Immer wieder ruft auch die Mutter der Brüder aus Bremen an, will ja nicht drängen, wünscht sich aber spürbar, ihre „Jungs“ an Weihnachten zu sehen.
Und Frankie ist unausgesprochen verliebt in Chrissie, die in Sven Regeners doch sehr männlich dominiertem Personal eine der wenigen, aber wichtigen Frauengestalten ist. An diesem 23. Dezember 1980 ist sie durchweg stark erkältet ist und hält sich nur durch das Wundermittel Grippoflex plus C auf den Beinen.
So witzig und schräg die Lehmann-Romane sind, ein wenig melancholisch sind sie immer auch. Es ist eine verschwundene Zeit, die der Jugend, aber auch die von West-Berlin, seinem speziellen Vor-Wende-Klima, seiner Künstler-Szene, der besonderen Atmosphäre der ummauerten, etwas heruntergekommenen Stadt. Sie wieder heraufzubeschwören, ohne in tumbe Nostalgie zu verfallen, und die so vertrauten Figuren wieder liebevoll in ihr zu bewegen, ist Sven Regener auch in Frankie und Freddie wieder wunderbar gelungen.
Beitragsbild: Bundesarchiv, B 145 Bild-F079009-0032 / CC-BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons
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Sven Regener – Frankie und Freddie
Galiani-Berlin September 2026, gebunden, 288 Seiten, € 24,00







