Ein Haus in Alleinruhelage – ein Traum von Idylle oder doch nur eine Umschreibung für „irgendwo im Nirgendwo“. Gelegen an einem kleinen See, der aber immer mehr verlanded, von Schilf überwuchert wird und modrigem Grund aufweist. Gelegen ist das Ganze in der ostdeutschen Provinz – inklusive überwiegend unfreundlicher, misstrauischer und abweisender Nachbarn unklarer (mittlerweile leider allzu klarer) politischer Neigungen. Die Alleinruhelage, die vor zwanzig Jahren für die Berliner Intellektuellenfamilie mit drei Kindern ein traumhafter Rückzugsort vom Großstadtleben war, wird für die nun alleinlebende Erzählerin, die große Ähnlichkeit mit ihrer Autorin Eva Menasse besitzt, zunehmend zur Belastung. Gleich im ersten Satz beschließt sie: „ Haus, ich verkaufe dich.“
Die Ehe ist gescheitert, die Kinder schon groß und eine neue leidenschaftliche Verliebtheit durch Verschwinden des „Habibi“ beendet – Zeit für eine Zwischenbilanz. Als die Patchworkfamilie – beide Partner hatten bereits Kinder aus einer ersten Ehe und einen gemeinsamen Sohn – nach Vogelsang in die ehemalige Waldschänke einer Datschensiedlung zog, waren die Erwartungen groß. Zwar beäugten die Alteingesessenen die „Städter“ von Anfang an misstrauisch, aber noch gab man sich der Illusion hin, irgendwann akzeptiert und integriert zu werden. Auch wenn eine vorsichtige Annäherung an den Nachbar Paul Woitek, einen ehemaligen DDR-Funktionär und selbsternannter „König“ der Siedlung gelang, blieb die Familie isoliert, wurde auch Besuch aus der Großstadt nicht gern gesehen.
Glückliche Zeiten am See
Als die Kinder noch klein und die Liebe groß war, nahm man das nicht schwer. Der See war kühl, der Garten groß und die Ruhe für das Schriftstellerpaar ein auch produktiver Segen. Die Erzählerin stürzte sich in Gartenarbeit und renovierte das Haus liebevoll. Selbst die überlastete Sickergrube, bei der jeder Liter Abwasser zuviel zum Horror werden konnte, war irgendwie tragbar. Es waren glückliche (Aus)Zeiten im Haus am See.
Die Erzählerin erinnert sich gerne und mit einer gewissen Wehmut daran, auch wenn sie nun einen klaren Schlussstrich ziehen will. Nach der Trennung von ihrem Mann hatte sie schon einmal einen Anlauf zum Verkauf genommen. Aber wer lange in einem Haus gewohnt hat, weiß, wie viele Erinnerungen, Momente des Glücks und Lebenspuren so ein Gemäuer (und ein Garten) beherbergt. Da kann ein Abschied schon schwer fallen. Aber die Renovierungsarbeiten sind kaum noch zu stemmen, Handwerker sind (überall) rar. Wie gut, wenn man dann osteuropäische Helfer hat. Alla, die „Baufrau“ aus Moldawien und ihr Freund Bolek aus Polen übernehmen alles. „Geht nicht gibt`s nicht.“ Die beiden Kettenraucher kommen gar nicht oft im Buch vor, sind aber unbedingte Sympathieträger, auch durch das schöne Idiom, das Eva Menasse ihnen zukommen lässt.
„Mit Scheise Handschuhe keine Gefühl.“
Abschied vom Haus
Eine Erinnerungssammlung, ein Tagebuch, Essay – irgendwo dazwischen bewegt sich Eva Menasse mit Alleinruhelage. Es ist ein Buch voller Ironie und Selbstironie, auch der Wut, über die Nachbarn, die von der Erzählerin gerne in Anspielung auf den französischen Erfolgsfilm „Sch´tis“ genannt werden, und die politischen Entwicklungen gerade in der ostdeutschen Provinz. Der Blick als Österreicherin nach Deutschland, insbesondere Ostdeutschland ist dabei nochmal ein ganz spezieller, quasi „von außerhalb“, obwohl sie schon lange in Berlin lebt.
Die Erzählerin spricht auch immer mal mit ihrem Haus, adressiert ihren Text an es. Es ist ein fließendes, ein unaufgeregt leichtes Buch voller kleiner Abschweifungen, Erinnerungen, Beobachtungen. Die Erinnerungen, die munter und assoziativ die Zeitebenen wechseln, reichen manchmal bis in die eigene Kindheit, Erinnerungen an Sommerurlaube mit den Eltern, mit Tante Hupfi und Onkel Walter, manchmal noch weiter zurück in die dunkle NS-Zeit. Menasse und ihre Erzählerin stammen aus jüdischen Familien.
Eva Menasse schreibt wie immer sehr sprachbewusst und elegant. Weniger eine chronologische Erzählung als einzelne Episoden aus einem Leben. Ein wenig Wehmut schwingt mit, es geht schließlich auch um die Flüchtigkeit von Glück, am Ende ist es aber ein bewusster Abschied – und ein Aufbruch.
Beitragsbild via pxhere
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Eva Menasse – Alleinruhelage
Kiepenheuer&Witsch August 2026, gebunden, 224 Seiten, € 23,00







