Gastland der Frankfurter Buchmesse 2026
In genau einer Woche, vom 7. bis 11. Oktober 2026 findet die Frankfurter Buchmesse statt und hochgeschätzte Tradition ist wie seit 1988 jedes Jahr der Gastlandauftritt. Nachdem Italien eine ausgesprochen enttäuschende Vorstellung ihrer Literaturlandschaft geboten hat und die philippinische Literatur im vergangenen Jahr zwar mit viel Leidenschaft und ausgesprochener Herzlichkeit vorgestellt wurde, mir aber leider nur wenig Anknüpfungspunkte bot, ist in diesem Jahr ein Land Mittelpunkt der Messe, das sich nicht nur bereits 2019 in Leipzig auf ganz wundervolle Art präsentiert hat, sondern das auch aktuell eine Fülle an spannender, neugierig machender Texte anzubieten hat.
Im Juni durfte ich einige Journalist:innen, Blogger:innen und Mitarbeiter:innen der Frankfurter Buchmesse in die zweitgrößte Stadt Tschechiens, nach Brno in Mähren begleiten und nicht nur Brno, Mikulov und das herrliche Weinbaugebiet rund um Pavlov, sondern auch einige tschechische Autor:innen kennenlernen. Das hat mein Interesse am Gastlandauftritt natürlich nochmals befeuert. Deshalb möchte ich hier – nach ähnlichen Beiträgen zu Norwegen 2019, Kanada 2021/21 und Spanien 2022 – wieder ein Themenspezial anbieten, das in die tschechische Literatur einführt, Autor:innen und Bücher vorstellt und auf Veranstaltungen hinweisen möchte. Ich hoffe, ich kann euch damit ein wenig neugierig machen auf ein wirklich spannendes Literaturland, auf tolle Autor:innen und tschechische Neuerscheinungen in deutscher Übersetzung.
Tschechien – Ein Land an der Küste
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Weitere InformationenOffizielles Video von Czechia 2026 entworfen von Regisseur und Grafiker Jakub Kouřil
Der Gastlandauftritt Tschechiens steht unter dem Motto: „Tschechien – Ein Land an der Küste“. Das mag auf den ersten Blick irritieren, ist Tschechien doch ein klassisches Binnenland, hat aber einen weit zurückreichenden literarischen Bezug. William Shakespeare ließ in seinem 1611 uraufgeführten Stück „Das Wintermärchen“ den eifersüchtigen sizilianischen König Leontes die neugeborene Tochter Perdita, die er verdächtigte nicht von ihm, sondern vom böhmischen König Polixenes gezeugt worden zu sein, an „der wilden böhmischen Küste“ aussetzen. Er folgte darin der Vorlage von Robert Greene, der den Stoff zuvor bearbeitete.
„Thou art perfect, then, our ship hath touch’d upon the deserts of Bohemia?“ lässt Shakeapeare den mit der Kindsaussetzung beauftragten Lord Antigonus den Kapitän fragen.
Ob es nun dem blinden Vertrauen auf die Vorlage, der geografischen Unkenntnis des großen englischen Dramatikers oder einer bewussten Verfremdung geschuldet war, die böhmische Küste wurde fortan Metapher für einen imaginären Traumort, ein utopisches Ideal, beispielweise bei Ingeborg Bachmann, die es in ihrem Gedicht „Böhmen liegt am Meer“ verwendet.
Böhmen liegt am Meer
Sind hierorts Häuser grün, tret ich noch in ein Haus.
Sind hier die Brücken heil, geh ich auf gutem Grund.
Ist Liebesmüh in alle Zeit verloren, verlier ich sie hier gern.
Bin ich’s nicht, ist es einer, der ist so gut wie ich.
Grenzt hier ein Wort an mich, so laß ich’s grenzen.
Liegt Böhmen noch am Meer, glaub ich den Meeren wieder.
Und glaub ich noch ans Meer, so hoffe ich auf Land.
Bin ich’s, so ist’s ein jeder, der ist soviel wie ich.
Ich will nichts mehr für mich. Ich will zugrunde gehn.
Zugrund – das heißt zum Meer, dort find ich Böhmen wieder.
Zugrund gerichtet, wach ich ruhig auf.
Von Grund auf weiß ich jetzt, und ich bin unverloren.
Kommt her, ihr Böhmen alle, Seefahrer, Hafenhuren und Schiffe
unverankert. Wollt ihr nicht böhmisch sein, Illyrer, Veroneser,
und Venezianer alle. Spielt die Komödien, die lachen machen.
Und die zum Weinen sind. Und irrt euch hundertmal,
wie ich mich irrte und Proben nie bestand,
doch hab ich sie bestanden, ein um das andre Mal.
Wie Böhmen sie bestand und eines schönen Tags
ans Meer begnadigt wurde und jetzt am Wasser liegt.
Ich grenz noch an ein Wort und an ein andres Land,
ich grenz, wie wenig auch an alles immer mehr,
ein Böhme, ein Vagant, der nichts hat, den nichts hält,
begabt nur noch, vom Meer, das strittig ist, Land meiner Wahl zu sehen.
Der aus Böhmen stammende Schriftsteller Franz Fühmann verwendete das Motiv in seinem Herkunftsroman „Böhmen am Meer“. Auch der Maler Anselm Kiefer benannte eines seiner Kunstwerke „Böhmen liegt am Meer“. Der literarischen und künstlerischen Verweise gibt es also viele. Die Idee hinter dem Motto für den Gastlandauftritt ist auch die Verbundenheit der tschechischen Literatur mit dem „Ozean der Geschichten“ weltweit. Auch das Überwinden von Grenzen durch Literatur ist eine schöne Idee, die das Motto wunderbar passend macht.
Ahoj
Während des Gastlandauftritts werden wir oft mit einem gutgelaunten „Ahoj“ begrüßt werden – Ahoj mit „j“ am Ende. „Ahoj Leipzig!“ war auch das Motto 2019 auf der dortigen Buchmesse. Dieser ungezwungene Gruß ist in Tschechien üblich für „Hallo“ oder auch „Tschüss“. Unter der kommunistischen Partei stand „Ahoj“ für oppositionelle Kreise als Abkürzung für „Aj hriesˇnych ochranˇuje jezˇisˇ“, „Jesus schützt auch die Sündigen“ oder auf Latein „Ad honorem jesum“ – „Jesus zur Ehre“. Demonstrativ benutzten es katholische Jugendliche untereinander. Eine ähnliche Zweckentfremdung gab es wohl schon früher während der Nazi-Okkupation, als „Ahoj“ im Widerstand als „Adolfa Hitlera oběsíme jistě“ (Adolf Hitler hängen wir sicher auf) verwendet wurde. Tatsächlich stammt der Gruß aber aus den zwanziger Jahren, als das Kanufahren unter tschechischen Jugendlichen und Studenten enorm populär war und die Kanuten eine Art Wandervogelbewegung bildeten. Das maritime Ahoj passt wunderbar zum diesjährigen Gastlandmotto.







Prag
Wer an Tschechien denkt, hat oft zuerst Prag vor Augen, Hauptstadt und bevölkerungsreichste Stadt mit über 1,3 Millionen Einwohner:innen. Prag ist die historische Hauptstadt Böhmens und sein geschlossenes, von Gotik und Barock geprägtes Stadtbild UNESCO Weltkulturerbe. Prag ist eine Stadt, in der sich tschechische, deutsche und jüdische Kultur begegneten, Karl IV. gründete hier 1348 die erste deutschsprachige Universität Europas. Tschechien und Deutschland verbindet eine lange gemeinsame Literatur- und Kulturgeschichte. Man denke an Franz Kafka, Max Brod, Franz Werfel und Rainer Maria Rilke, alles geborene Prager. Seit 2017 ist hier das Tschechische Literaturzentrum (CzechLit) als Sektion der Mährischen Landesbibliothek ansässig. Seine Hauptaufgabe ist die weltweite Förderung und systematische Verbreitung der tschechischen Buchkultur
Brno, Brünn, die zweitgrößte Stadt Tschechiens ist das historische Zentrum Mährens, heute der südmährischen Region. Die Universitätsstadt ist Sitz der bedeutenden Mährischen Landesbibliothek. Ich durfte sie und ihr Umland im Juni auf einer Pressereise besuchen.
Auf Instagram habe ich eine kleine Zusammenfassung erstellt. Vielleicht mögt ihr mal schauen, wie schön es war 😉
https://www.instagram.com/p/Dd4jLFYszLc/?hl=de
Der tschechische Buchmarkt
zeichnet sich mit jährlich rund 13.000 Neuerscheinungen und einem Umsatz von etwa 340 Millionen Euro aus. Seit dem Jahr 2024 gibt es keine Mehrwertsteuer mehr auf Bücher (vorher 10%), was den Markt um ca. 6 % gegenüber dem Vorjahr wachsen ließ. Jedes Jahr erscheinen ca. 12.000 bis 13.000 neue Titel. (Deutschland 50.000 bis 70.000) Der Anteil übersetzter Literatur liegt bei rund 40 %, vorwiegend aus dem Englischen und Deutschen. Das Verhältnis der Übersetzungen ist dabei sehr ungleich verteilt. Während bis zu 1.000 Buchtitel jährlich aus dem Deutschen ins Tschechische übersetzt werden (inklusive Sach- und Fachliteratur), sind es in der Gegenrichtung normalerweise nur bis zu 20 tschechische Titel, die ins Deutsche übersetzt werden. Im Gastlandjahr steigt dies erfreulicherweise auf über 120 Titel (2024-2026). Hier gibt es viel zu entdecken. Schaut in den nächsten Tagen gerne wieder vorbei, ich werde euch einige davon vorstellen.


Die Verlagslandschaft ist sehr lebendig. Eine stark konzentrierte Spitze bei den kommerziellen Verlagen, dem größten Verlag des Landes, Albatros mit zahlreichen Imprints, der Euromedia Group und Grada Publishing stehen zahlreiche kleine, leidenschaftlich geführte Verlage gegenüber. Renommierte literarische Verlage sind z.B. Argo, Host (den wir auf unserer Pressereise nach Brno besuchen durften) und Paseka. Insgesamt sind über 2000 Verlage aktiv. Zentren der Verlagstätigkeit sind Prag und Brno (Brünn).
Die staatliche Literaturförderung
erfolgt hauptsächlich über das Kulturministerium der Tschechischen Republik (Ministerstvo kultury ČR) sowie nachgeordnete Fachinstitutionen wie das Czech Literary Centre in Prag (CzechLit), als Sektion der Mährischen Landesbibliothek ((Moravská zemská knihovna) in Brno) agiert. Beide Institutionen unterstützen mit ihren Direktoren Martin Krafl und Prof. PhDr. Tomáš Kubíček den Gastlandauftritt engagiert und tatkräftig.






Die Mährische Landesbibliothek in Brünn (Brno) beherbergt seit April 2023 einen speziellen Leseraum und ein Archiv: die Milan-Kundera-Bibliothek. Sie enthält über 3.000 Publikationen, persönliche Korrespondenzen und den privaten Buchnachlass des weltberühmten, aus Brünn stammenden Autors, die wir während unserer Pressereise besuchen durften. Um tschechische Literatur international sichtbarer zu machen, bezuschusst der Staat ausländische Verlage bei den Kosten für Übersetzungen, Druck, Lektorat und Werbung, vergibt gezielt Arbeits- und Residenzstipendien, Reisebeihilfen für tschechische Autoren zu internationalen Auftritten und Festivals und betreibt aktive Kulturvermittlung für den weltweiten Buchmarkt.
Wichtige Literaturpreise in Tschechien
Der wichtigste und populärste Literaturpreis des Landes, der seit 2002 alljährlich vergeben wird, ist der Magnesia Litera. Er zeichnet Werke in elf Kategorien aus (darunter Prosa, Lyrik und Übersetzung). Das „Buch des Jahres“ ist die begehrteste literarische Auszeichnung Tschechiens, 2025 ging sie an Miroslav Hlaučo für „Letnice“. Dotiert ist er mit 200.000 Kronen (ca. gut 8000€)
Ein vom Kulturministerium verliehener Preis für ein herausragendes belletristisches Gesamtwerk oder eine bedeutende Neuerscheinung ist der seit 1995 verliehene Tschechische Staatspreis für Literatur (Státní cena za literaturu) wird jährlich vom Kulturministerium der Tschechischen Republik für ein neu erschienenes Werk der tschechischen Literatur oder für das bisherige Schaffen eines Autors verliehen. Der Preis ist mit 300 000 Kronen (gut 12.000€) dotiert. 2025 erhielt ihn Zdena Salivarová (für ihr Lebenswerk / in memoriam).
Der Cena literární kritiky (Literaturkritikpreis) ist ein ganz junger Literaturpreis, der 2025 erstmals an Emma Kausc für ihren Roman „Narušení děje“ (Handlungsstörung) und an Iryna Zahladko (Lyrik) verliehen wurde. Dotiert ist er mit 50.000 Kronen. Er wird von wird von einem Zusammenschluss der Literaturzeitschriften A2, Host, Souvislosti, Prostor und Tvar verliehen, ihm gehen öffentliche Podiumsdiskussionen der Jury des Literaturkritikpreises voraus. Preisträger 2026: Petr Borkovec: Nějaká Cécile a jiné (Prosa) und Aleš Kauer: Lebka hoří neonovým snem (Lyrik)
Jiří-Orten-Preis: Diese Auszeichnung rückt den literarischen Nachwuchs in den Fokus. Er wird an Autorinnen und Autoren vergeben, die zum Zeitpunkt des Erscheinens ihres Werkes nicht älter als 30 Jahre sind.
Franz-Kafka-Preis: Ein internationaler Literaturpreis, der von der Franz-Kafka-Gesellschaft in Prag vergeben wird und sowohl tschechische als auch weltbekannte ausländische Autoren für ihr Lebenswerk ehrt.
Die wichtigste Buchmesse Tschechiens ist die Svět knihy Praha (Die Welt des Buches), die im Mai in Prag stattfindet.
Tschechien als Gastland auf der Frankfurter Buchmesse 2026
Der tschechische Gastauftritt wird von der Mährischen Landesbibliothek in Zusammenarbeit mit Fachleuten aus den Bereichen Literatur, Kulturmanagement und Übersetzungswesen geleitet. Ziel ist es, „die Veröffentlichung tschechischer Literatur im Ausland zu fördern und ihre Übersetzung in die wichtigsten Weltsprachen wie Englisch, Deutsch, Spanisch, aber auch in weniger verbreitete Sprachen sicherzustellen. Wir möchten die Zahl der ausländischen Verlage, die tschechische Werke veröffentlichen, erhöhen und Kreativität, Innovation und moderne Formate fördern. Eine ebenso wichtige Aufgabe ist die Stärkung der Bohemistik an den Universitäten, die Förderung der Zusammenarbeit mit Bibliotheken und Gedächtnisinstitutionen sowie die Präsentation der Tschechischen Republik als kulturell hochentwickeltes, demokratisches Land, das fest in der EU verankert ist. Gleichzeitig werden wir uns darauf konzentrieren, die Rolle der Übersetzerinnen und Übersetzer hervorzuheben, die die tschechische Literatur mit der Welt verbinden.“
Prof. PhDr. Tomáš Kubíček von der Mährischen Landesbibliothek, Direktor des Projekts Czechia 2026, Ing. Martin Krafl (Mährische Landesbibliothek / Tschechisches Literaturzentrum), Programmdirektor des Projekts Czechia 2026, Jana Hájková, Projektmanagerin des Projekts Czechia 2026 und Jiří Sedlák, PR-Koordinator des Projekts Czechia 2026 haben uns auf der Pressereise begleitet und zeichnen für den Gastlandauftritt verantwortlich. Betont werden muss, dass schon zahlreiche Veranstaltungen in unterschiedlichen kulturellen Disziplinen deutschlandweit stattfanden und auch noch bis Ende des Jahres stattfinden werden. Ein wahres Jahr der tschechischen Kultur.
Begleitende Ausstellungen
In Frankfurt und Umgebung begleiten einige Ausstellungen den Gastlandauftritt. stellvertretend sollen zwei genannt werden:
Samizdat: Worte der Freiheit in der Tschechoslowakei 1939-1989
vom 14.08.2026 – 24.01.2027 imMuseum für Kommunikation Frankfurt
Aus der Mitte Europas. Tschechische Buchkunst von 1900 bis zur Gegenwart
vom 05.09.2026 – 29.11.2026 im Klingspor Museum, Offenbach am Main
75 Autor:innen
75 tschechische Autor:innen werden zur Messe anreisen, neben großen Namen wie Radka Denemarková, Jáchym Topol, Kateřina Tučková, Alice Horáčková und Alena Mornštajnová auch junge, in Deutschland noch eher unbekannte Autor:innen und dazu uns sehr bekannte, in Deutschland lebende wie Jaroslav Rudiš. Über 100 Neuübersetzungen seit 2024 werden vorgestellt werden. Neben Romanen werden besonders auch die Lyrik und Comics präsent sein. Im Ehrengastpavillon finden auf zwei Bühnen Gespräche und Lesungen statt, es gibt Musikauftritte und ein Café. Das Programm findet ihr auf Czechia2026.com
Die offizielle Seite Czechia2026.com bietet noch mehr Informationen, auch zu den Übersetzer:innen.
Ich hoffe, ihr seid jetzt ein wenig neugierig geworden. Vielleicht sehen wir uns ja in Frankfurt im tschechischen Pavillon. Vorher gibt es aber hier noch ein wenig tschechische Literaturgeschichte und natürlich viele Buchtipps. Würde mich freuen, wenn ihr wieder vorbeischaut.












Was für ein wunderbarer Bericht und so viele schöne Erlebnisse. Zu den Büchern aus Tschechien müssen wir uns in Frankfurt unbedingt austauschen! Vielleicht direkt im Ehrengast-Pavillon.
Ohja, unbedingt. Wann wirs du denn in Frankfurt sein?
Ja, ich bin auf jeden Fall am 7. und am 9. Oktober auf der Messe. Und du?
Ich bin eigentlich die ganze Woche da. Ich schicke dir per Mail mal meine Handynummer, falls wir uns nicht sowieso über den Weg laufen. Freue mich. LG
Unbedingt und ich freu mich auch!