Tschechische Literatur – Klassiker

Wer ist der/die berühmteste tschechische Klassiker? Spontan würden (zumindest hierzulande) sicher die meisten „Franz Kafka“ antworten. Das liegt wahrscheinlich daran, dass viele bzw. alle Schüler:innen im Deutschunterricht mit Werken Kafkas zu tun bekommen haben. Und da liegt natürlich aber auch der Haken: Zwar schmückt sich z.B. Prag mit dem berühmten, 1883 dort geborenen Schriftsteller, fast überall stößt man hier auf ihn. Aber Franz Kafka schrieb auf Deutsch. Er gehörte zu der deutschsprachigen Bevölkerung in Böhmen, die ca. 1/3 der Gesamtpopulation ausmachte, und wird deshalb wegen deren Zugehörigkeit zu Österreich-Ungarn auch gerne als Österreicher vereinnahmt. Nach Zerfall der Habsburgermonarchie 1918 bis zu seinem Tod 1924 war er aber dann tatsächlich sechs Jahre lang tschechoslowakischer Staatsbürger. Während der kommunistischen Ära galt er allerdings als verboten, stand auf einer schwarzen Liste. Wie Rainer Maria Rilke, Max Brod, Franz Werfel und Egon Erwin Kisch aus dem sogenannten „Prager Kreis“ zählt Franz Kafka als „deutschsprachiger Autor aus Prag“.

Aber natürlich gibt es auch die “echten“ tschechischen Klassikern, die auch auf Tschechisch verfasst wurden.

Eine kleine Literaturgeschichte Tschechiens

Einer der berühmtesten frühen Texte ist die Chronik des Cosmas von Prag, die im 12. Jahrhundert die Geschichte Böhmens in lateinischer Sprache erzählte. Erst langsam entwickelte sich eine tschechische Schriftsprache. Im 14. Jahrhundert, während der Blütezeit Prags unter Karl IV., wurde die Stadt zu einem geistigen Zentrum Europas. Die Gründung der Universität von Prag im Jahr 1348 brachte Gelehrte, Bücher und neue Ideen zusammen. Gleichzeitig entstand eine tschechische Literatur, die nicht mehr nur vom Glauben, sondern auch vom Alltag und von der Gesellschaft erzählte.

Jan Hus, Prediger und Kirchenreformer, machte die tschechische Sprache zu einem Werkzeug religiöser und gesellschaftlicher Kritik. Seine Schriften wurden zu einem wichtigen Teil der tschechischen Sprach- und Kulturgeschichte. Er führte das Häkchen (háček) und den Akut (čárka) ein

Im 17. Jahrhundert, nach der Niederlage der böhmischen Stände am Weißen Berg während des Dreißigjährigen Kriegs geriet Böhmen sunter die Herrschaft der Habsburger. Die Gegenreformation prägte das Land, und die tschechische Schriftsprache verlor an öffentlicher Bedeutung.

Im 19. Jahrhundert erwachte die tschechische Literatur neu. Die nationale Wiedergeburt machte die Sprache selbst zu einer politischen und kulturellen Frage. Dichter und Schriftsteller sammelten Volkslieder, schufen neue Wörter und suchten in der Vergangenheit nach einer tschechischen Identität.

Božena Němcová und Jan Neruda

Karel Hynek Mácha schrieb mit Máj ein Gedicht voller Einsamkeit, Liebe und Vergänglichkeit.

Božena Němcová erzählte in Babička vom ländlichen Böhmen und machte die Erinnerung an eine vergangene Welt zu Literatur.

original daguerrotype by Jan Maloch (1825-1911),, Public domain, via Wikimedia Commons

In Deutschland weitgehend unbekannt, kennt in Tschechien jeder „Babička“ („Großmütterchen“). Das Buch gehört zum Kanon der Schulliteratur und wurde auch verfilmt. Die Autorin Božena Němcová  (1820–1862) schrieb den autobiografisch geprägten Roman 1855. Sie beschreibt darin ein idyllisches und idealisiertes Bild ihrer Kindheit. Der Roman ist der größte Erfolg der Autorin, die auch Märchen schrieb. Eines davon diente als Vorlage für den Film „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“. Unlängst erschienen zwei Romane, die sich (auch) mit Božena Němcová beschäftigen: „Schokoladenblut“ von Radka Denemarková und „Im Licht des neuen Tages“ von Jarka Kubsova.

 

Deutsche Ausgabe:

Božena Němcová – Großmütterchen

Übersetzt von Kamill Eben
Mit Illustrationen von Adolf Kašpar, zahlreichen Anmerkungen und einem Nachwort von Kamill Eben

Vitalis Verlag, 384 Seiten, Softcover

 

Zu den bekannten Realisten der tschechischen Literatur zählt Jan Neruda (1834-1891), vor allem mit den „Geschichten von der Prager Kleinseite“. Nerudas Erzählungen, die zwischen 1867 und 1877 einzeln in verschiedenen Prager Zeitschriften erschienen, kamen 1878 gesammelt in Buchform heraus. Darin erzählt der Autor von den kleinbürgerlichen Bewohnern der Prager Kleinseite, wie er sie von seiner Kindheit und Jugend in den 1840er Jahren kannte.

 

Deutsche Ausgabe:

Jan Neruda – Kleinseitner Geschichten

Aus dem Tschechischen von Franz Jurenka
Mit Illustrationen von Karel Hruška
Vitalis Verlag

344 Seiten, Klappenbroschur mit Reliefprägung

.

Um die Jahrhundertwende wurde Prag  zu einer literarischen Stadt, in der tschechische, deutsche und jüdische Kultur eng nebeneinander existierten.

Jaroslav Hašek

Weitaus bekannter als Němcová und Neruda ist Jaroslav Hašek (1883 – 1923) mit seinem legendären Buch „Die Abenteuer des braven Soldaten Schwejk“ (1921-1924)

Es ist das meistübersetzte tschechische Buch überhaupt: in 58 Sprachen. Mit einem anti-österreichischen Unterton erzählt er in lockerer Umgangssprache vom Ausbruch des Ersten Weltkriegs, absurden Episoden in der Armee, Eskapaden voller Alkohol und reichlich anderen Zwischenfällen, in die der naive, liebenswürdige Schwejk verwickelt wird und in denen Obrigkeitshörigkeit und Militarismus eine lächerliche Rolle spielen. Eigentlich ist der so heitere Roman aber ein Anti-Kriegsroman. Er gilt auch als ein Symbol für eine (besonders tschechische?) Weise des Widerstands: mit Witz und Klugheit überleben.

drawing of Josef Švejk: Josef Lada (1887-1957) photo: Wolfgang Sauber; CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commo

 

Hašek starb jung im Alter von nur 40 Jahren, der Roman blieb unvollendet und wurde doch zum Kult. In Prag findet man mehrere Restaurants, die Schwejk in ihrem Namen tragen.

 

 

 

Deutsche Ausgabe (Beispiel):

Jaroslav Hašek – Die Abenteuer des braven Soldaten Schwejk

Übersetzt von Grete Reiner
Anaconda Verlag,

800 Seiten, Hardcover

 

.

.

Karel Čapek

Auch sehr bekannt aus der Zeit der sogenannten Nationalen Wiedergeburt, also der Unabhängigkeit von Ungarn-Österreich ist der Autor Karel Čapek (1890 – 1938). Sein wohl bekanntester Roman ist „Der Krieg mit den Molchen“ (1935) – eine Dystopie über Fortschrittswahn, Globalisierung und Ausbeutung der Natur. Ein Kapitän findet auf einer Südseeinsel eine intelligente Art Molche, beginnt, mit ihnen zu handeln, sie als billige Arbeitskräfte auszunutzen und sie auf der ganzen Welt zu verbreiten. Mit der Zeit beginnen die Molche die Menschen mehr und mehr zu verdrängen.

Man konnte das als eine Allegorie auf den erstarkenden Faschismus interpretieren, aber auch als universelle Warnung an die Menschheit. einer der schärfsten Beobachter der Lage im Europa zwischen den beiden Weltkriegen. Der Text ist als Collage unterschiedlichster Stile gestaltet, Reisebericht, Zeitungsartikel, wissenschaftliche Traktat bis hin zum Märchen.

In seinem Schauspiel R.U.R. prägte er den Begriff „Roboter“ für künstliche Arbeitskräfte, eine weitere Dystopie ist der Roman „Das Absolutum oder Die Gottesfabrik“, wo er sich mit Atomkraft auseinandersetzt. „In seinen Werken warnt Čapek vor kommenden Katastrophen. Zudem sieht er die Macht der Diktaturen voraus, prangert die Übermacht von Industriekonzernen an und mahnt ganz allgemein einen Platz für den Einzelnen an.“ (Wikipedia) Der Gestapo galt er als „Staatsfeind Nr.2“ nach dem tschechischen Präsidenten).

 

Deutsche Ausgabe (besonders schöne Büchergilde-Ausgabe):

 

Karel Čapek – Der Krieg mit den Molchen

übersetzt von Eliška Glaserová
mit Illustrationen von Hans Ticha
336 Seiten, Hardcover

Čapek war insgesamt sieben Mal vergeblich für den Nobelpreis für Literatur nominiert.

.

Hana Hamplová, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons

Den bekam allerdings erst 1984 der Poet Jaroslav Seifert (1901–1986). In seinen Gedichten lässt er Prag lebendig werden, allerdings abseits der klassischen Postkartenmotive. Außerdem äußerte er sich nach 1968 sehr kritisch über das kommunistische Regime der Tschechslowakei.

Seine Bücher sind im Moment nur noch antiquarisch zu erhalten.

.

.

Nach der Gründung der Tschechoslowakei 1918 erlebte die Literatur eine neue Freiheit. Doch die Geschichte blieb unruhig. Die deutsche Besetzung, der Zweite Weltkrieg und später die kommunistische Herrschaft veränderten das literarische Leben. Manche Schriftsteller schrieben im offiziellen Rahmen, andere wurden verboten, verfolgt oder gingen ins Exil.

.

Weniger bekannt ist hierzulande Jiří Weil (1900 – 1959). Nach dem Studium der slawischen Philologie und vergleichenden Literaturwissenschaft arbeitete er bis 1931 als Übersetzer für die Presseabteilung der sowjetischen Vertretung in Prag. Weil war überzeugter Kommunist und lebte von 1933 bis 1935 in der Sowjetunion. 1937 erschien Moskau – Die Grenze, in dem er sich kritisch mit der stalinistischen Herrschaft und dem politischen Terror auseinandersetzte. In der Folge schloss man ihn aus der Partei aus. Als Juden drohte ihm fortwährend die Deportation, 1942 bis 1945 ging er in den Untergrund. Auch nach dem Krieg erhielt er immer wieder Publikationsverbot. Sein Werk gilt als wegweisend für die moderne Prosa. Dankenswerterweise hat der Wagenbach Verlag neben den Romanen „Leben mit dem Stern“ und „Mendelssohn auf dem Dach“ den Debütroman Moskau – Die Grenze unlängst veröffentlicht.

 

Deutsche Ausgabe:

Jiří Weil – Moskau – Die Grenze

Übersetzt von Reinhard Fischer / Mit einem Nachwort von Bettina Kaibach
Wagenbach

Quartbuch, 384 Seiten

 

 

Vacláv Havel

 

Ondřej Sláma, CC BY-SA 3.0 , via Wikimedia Commons

Nach dem Prager Frühling von 1968 wurde die Zensur erneut verschärft. Schriftsteller wie Václav Havel schrieben Theaterstücke und Essays, die Macht, Sprache und Verantwortung untersuchten. Havel wurde zum Symbol einer Literatur, die nicht nur erzählen, sondern auch öffentlich widersprechen konnte. Vaclav Havel (1936–2011), Dramatiker, Dissident und späterer Staatspräsident der Tschechoslowakei sowie Tschechiens war Mitbegründer der Bürgerrechtsbewegung Charta 77, saß jahrelang im Gefängnis. Als Dramatiker war er Vertreter des Absurden und politischen Theaters. Sein Stück Das Gartenfest (1963), Satire auf den bürokratischen Apparat und den Opportunismus seiner Vertreter, wurde zu einem sensationellen Erfolg und gilt heute als Meilenstein der tschechischen Theatergeschichte. Die Manipulation von Sprache, um Machtstrukturen aufrechtzuhalten, war sein Thema.

Havel war wie der 1980 ausgebürgerte  Pavel Kohout und Nobelpreisträger Jaroslav Seifert Teil der sogenannten Samizdat, was wörtlich „selbst herausgegeben“ bedeutet). Diese heimliche Anfertigung und Verbreitung von verbotener Literatur war in der Tschechoslowakei ein verbreitetes Mittel, um die staatlichen Zensur zu umgehen.

Zu Zeit läuft im Frankfurter Museum für Kommunikation eine sehenswerte Ausstellung über Samizdat (bis 24. Januar 2027)

Bohumil Hrabal

 

Von Hana Hamplova – Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0

Zu den bekanntesten tschechischen Autoren gehört Bohumil Hrabal (1914 – 1997). Sein Stil ist von einer Nähe zur mündlichen Sprache und Ironie geprägt. In seinem wohl bekanntesten Roman „Ich habe den englischen König bedient“ (1978 in Samizdat, 1988 auf Deutsch, 1989 in Tschechien offiziell) erzählt Hrabal die Geschichte von Dítě, der als 15-Jähriger beginnt in einem Hotel zu arbeiten. Er ist fasziniert vom dortigen Luxus und lernt, die Wünsche der Gäste möglichst früh zu erkennen. Das ist ihm später nützlich, als die Nazis die Macht erhalten. Nach dem Krieg kommt Dítě in ein Arbeitslager. Dort blickt er auf sein Leben zurück.

Ab dem Jahr 1970 galt für Bohumi Hrabal ein Publikationsverbot. Er schrieb in Samizdat- oder Exil-Zeitschriften. Im Jahr 1975/1976 gab Hrabal eine regierungskonforme, „selbstkritische“ Erklärung ab, danach durfte er unter strenger Zensur wieder veröffentlichen. Das brachte ihm heftige Kritik ein.

Weitere Romane u.a.: „Die Schur“, „Schöntrauer“, „Harlekins Millionen“ bilden die autobiografische Trilogie Das Städtchen am Wasser

In der Siedlung Kersko, 16km von Nymburk entfernt, kann man in seinem ehemaligen Wochenendhaus ein kleines Hrabal Museum besuchen.

Deutsche Ausgabe:

Bohumil Hrabal – Ich habe den englischen König bedient

Übersetzt von Karl-Heinz Jähn
Suhrkamp Verlag

300 Seiten, Taschenbuch

.

.

Mit der Samtenen Revolution von 1989 fiel die kommunistische Herrschaft. Die Literatur gewann ihre Freiheit zurück und öffnete sich stärker der Welt.

Milan Kundera

 

Elisa Cabot, CC BY-SA 2.0 , via Wikimedia Commons

Milan Kundera (1929 – 2023) ist sicher der berühmteste moderne Klassiker tschechischer Herkunft. Seine Heimatstadt ist Brno (Brünn), die südmährische Metropole, wo sich die Milan-Kundera-Bibliothek in der Mährischen Landesbibliothek befindet. Auch er erhielt mehrfach Publikationsverbot und nutzte 1975 die Möglichkeit zur Ausreise nach Frankreich, das zu seiner neuen Heimat wurde. Ab 1984 schrieb Kundera in französischer Sprache.

„Der Scherz“ erschien 1967 in einer Phase politischer Entspannung in der damaligen Tschechoslowakei.

Ich-Erzähler Ludvík Jahn, Anfang der 1950er Jahre Student und eifriger Kommunist, wird ein harmloser Scherz zum Verhängnis. Er verfasst er auf einer Postkarte dem ironischen Text „Optimismus ist das Opium der Menschheit! Ein gesunder Geist mieft nach Dummheit! Es lebe Trotzki! Ludvik.“, die er an eine Kommilitonin schickt. Er wird vorgeladen und aus der Partei ausgeschlossen und in ein Strafbataillon in einer Kohlegrube geschickt. Eine spätere Rache scheitert.

 

Das noch berühmtere „Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins“ (1984) erzählt eine Liebesgeschichte vor dem Hintergrund des Prager Frühlings und stellt philosophischen Fragen. Es gilt als Meilenstein der postmodernen Literatur.

 

Deutsche Taschenbuchausgaben bei S.Fischer, gebunden bei Kampa

 

 

 

Beitragsbild: Screenshot aus dem offiziellen Video von @czech2026.com/de

 

2 Gedanken zu „Tschechische Literatur – Klassiker“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert