Der Gastlandauftritt bei der Frankfurter Buchmesse bietet einem Land immer die Möglichkeitt, seine Literatur intensiv zu bewerben. Eine Rekordmenge an Titeln wird neu übersetzt und veröffentlicht, Autor:innen werden präsentiert und Veranstaltungen angeboten. Für uns deutsche Lese:innen öffnet sich jedes Jahr eine Buch-Wunderkammer. Schon lange gehört deshalb der Ehrengastauftritt in jedem Jahr zu einem meiner Höhepunkte der Messe. Tschechien hat ganz besonders viel zu bieten. Das hat das Land bereits 2019 auf der Messe in Leipzig bewiesen, als es schon einmal hieß: Tschechien ahoj!
Dieses Jahr sind weit über 100 Titel neu erschienen und auch wenn ich mich voller Eifer und Leidenschaft in die tschechischen Neuerscheinungen gestürzt habe, habe ich doch noch längst nicht alle mich interessierenden Bücher gelesen. Deshalb versteht diesen Beitrag als einen Appetizer, der euch Lust machen soll, das Gastland Tschechien literarisch kennenzulernen. Die Auswahl ist wie immer subjektiv, unbeauftragt und beschränkt sich auf Neuerscheinungen von 2024 bis heute. Die Kurzvorstellungen bedienen sich alle der Verlags- und Klappentextangaben – auch bei denen, die ich bereits gelesen habe. Ausführliche Besprechungen folgen dann nach und nach. Den Anfang hat Jaroslav Rudiš gemacht, in Kürze folgen Alice Horáčková und Eli Beneš.
Ich wünsche euch viel Spaß beim Stöbern, Entdecken und Lesen. Und vielleicht bis auf ein „Ahoj!“ auf der Buchmesse.
Aktuelle Neuerscheinungen aus Tschechien
Michal Ajvaz – Die andere Stadt
In einem Prager Antiquariat kauft der Erzähler ein sonderbares Buch. Es ist in einer obskuren Schrift verfasst und scheint aus einer unbekannten, anderen Stadt zu stammen, die sich in einer undurchsichtigen Symbiose mit Prag befindet. Langsam dringt der Erzähler in diese Stadt ein, die sich an Rändern, in Schatten und Spiegelungen des Alltags, gleichzeitig an bekannten Orten Prags befindet. Der Namenlose müht sich, das Wesen dieser Stadt zu ergründen und in ihr Zentrum vorzudringen. Dieses jedoch scheint zurückzuweichen, je ungestümer er sich ihm zu nähern versucht. Je tiefer er in die Geheimnisse der anderen Stadt eintaucht, desto mehr wird er selbst zum Getriebenen, Wahrnehmungen und Gewissheiten lösen sich auf; schließlich gerät seine nackte Existenz ins Wanken.
Allee Verlag 208 Seiten
Dorota Ambrožová – Göre
Hanka geht aufs Gymnasium und ist bis zur Besessenheit verliebt in ihren Nachbarn, den Doc. Das Problem: Der Doc ist achtzehn Jahre älter als sie und vergeben. Auch sonst läuft es nicht besonders gut. Von der Schule und ihrer besten Freundin ist sie genervt, mit ihrer Mutter streitet sie sich erbittert, mit dem Vater redet sie kaum. Und was soll die Zukunft schon bringen? Immerhin gibt es den Literaten, einen jungen Studenten, der sich wirklich für sie interessiert, und ihre Liebe zur Malerei. Doch dann trifft den Doc ein Schicksalsschlag, und Hanka scheint endlich zu bekommen, was sie will. Mitreißend und mutig erzählt Göre von Auflehnung und innerer Leere, von unbändiger Wut und der quälenden Sehnsucht nach einer echten Verbindung. Wie soll man seinen eigenen Weg finden, wenn sich alles um einen herum falsch anfühlt?
Arche Verlag 192 Seiten
Bianca Bellova – Der unsichtbare Mann
Wie so oft bleibt auch in Bellovás Prosa der zeitlich-räumliche Hintergrund vage und unbestimmt. Es könnte heute sein, es könnten die 1960er- oder 1930er-Jahre sein; es könnte in der Türkei spielen, in Griechenland, vielleicht in Spanien – oder an einem ganz anderen Ort und zu einer anderen Zeit. Diese Ungewissheit spiegelt sich in der Erzählerin selbst – der Hauptfigur, die sich eines Tages aus einer unglücklichen Ehe befreit und „auf den Weg“ macht. Sie kehrt dorthin zurück, wo alles begann – in ihr Heimatdorf und versucht herauszufinden, wer sie wirklich ist und was in den Generationen ihrer Eltern und Großeltern schiefgelaufen ist.
Wie ihr Vater, der titelgebende „unsichtbare Mann“, auf tragische Weise ums Leben kam und warum ihre Mutter dreißig Jahre lang verstummte. Sie vergleicht damals und heute und stellt die Vergangenheit der Gegenwart gegenüber – all dies vor dem Hintergrund einer dramatischen, zugespitzten Atmosphäre eines namenlosen Krieges. Trotz aller Unbestimmtheit wird am Ende klar, wofür die Autorin steht: für das Weibliche, für Gefühle, für Heimat und Nachkommenschaft – gegen die immer wiederkehrende menschliche Dummheit und Ignoranz, gegen Neid und Hass, die den Menschen und seine Seele ersticken.
Wieser Verlag 200 Seiten
Eli Beneš – Unmerklicher Verlust der Einsamkeit
»Ich war nur eine Woche nicht bei uns zu Hause, trotzdem hatte ich das Gefühl, es sei sehr viel länger gewesen. Die Zeit dehnt und zieht sich zusammen, wie es einem gerade nicht passt.«
Prag nach Ende des Zweiten Weltkriegs – Siegesfreude und Aufbruch. Als Auschwitz-Überlebender kehrt der siebzehnjährige Petr in seine Heimatstadt Prag zurück. Doch scheint die Gesellschaft zwischen Zukunftsoptimismus und verordneter Vergangenheitsverdrängung keinen Platz für ihn und jüdische Schicksale zu haben. Gegen äußere Widerstände und das eigene Trauma beginnt Petr den Weg zurück ins Leben. Er begegnet dabei Ilse, einer jungen Prager Jüdin, und verliebt sich. Die tschechoslowakischen Behörden stufen Ilse jedoch als Deutsche ein – sie wird ausgewiesen. Für Petr beginnt daraufhin eine Odyssee durch das Nachkriegseuropa nach Palästina, wo Ilse auf ihn wartet.
Karl Rauch Verlag 688 Seiten
Tereza Boučková – Das Haus in der Matoušova-Straße
1927 erwarb der jüdische Rechtsanwalt Eduard Schwarz ein Haus in der Matoušova-Straße im Prager Stadtteil Smíchov – als Zuhause für sich und seine Familie. Er starb noch vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs. In ihrem Roman entfaltet Tereza Boučková die fast hundertjährige Geschichte seiner Nachkommen und der weiteren Hausbewohner. Ihre Recherchen zu jüdischen Familien führen nach Auschwitz, zu dem berüchtigten Lagerarzt Josef Mengele und zum Kindertransport von Sir Nicholas Winton. Sie erzählt zudem vom Schicksal der Schauspielerin Zita Kabátová, deren Karriere unter dem kommunistischen Regime zerbrach. Auch der spätere Präsident Václav Havel ging hier ein und aus, um seine Geliebte Anna Kohoutová zu besuchen. So wird jede Wohnung des Hauses zu einem eigenen, bewegenden Kapitel tschechischer Geschichte.
Morio Verlag 216 Seiten
Anna Bolavá – Bis zum Grund
In Řečovice, einem südböhmischen Städtchen zwischen Fluss und Moor, erschüttert der Fund einer toten Lehrerin die scheinbar intakte Ordnung. Während Gerüchte wachsen und ein ehrgeiziger Journalist die Stimmung weiter anheizt, legen Misstrauen und alte Konflikte die verborgenen Risse der Gemeinschaft frei. Zur gleichen Zeit kehrt Hanka mit ihrer Mutter in das verfallene Haus einer verstorbenen Verwandten zurück – an einen Ort, den sie einst verlassen musste. Zwischen Erinnerung und Gegenwart, Realität und innerer Bedrohung gerät sie in den Sog einer Vergangenheit, die sich nicht länger verdrängen lässt.
Mit präziser psychologischer Beobachtung und dichter, atmosphärischer Sprache erzählt Anna Bolavá von Schuld und Verlust, von Körper und Landschaft – und von den Abgründen unter der trügerischen Ruhe einer Gemeinde. Der Kleinstadtkrimi vermischt sich auf eindrucksvolle Weise mit einer südböhmischen Version des magischen Realismus.
Aus dem Tschechischen von Katharina Hinderer
Morio Verlag 364 Seiten
Helena Černohorská – Ida
Der Bauer František stemmt sich gegen die sozialistische Kollektivierung. Er möchte Herr auf seinem Hof und seinem Grund bleiben, auch wenn ein Nachbar nach dem anderen vor den neuen politischen Bedingungen kapituliert. Sein Sohn Venoušek ist fast noch ein Kind und eine Frau fehlt.
Als ihm für die schwere Feldarbeit nicht der erhoffte junge Mann zugeteilt wird, sondern die schmächtige 29-jährige Ida, ist das seitens der neuen politischen Führung der erste Versuch, ihn in die Knie zu zwingen.
Aber Ida ist nicht nur äußerst tüchtig und eine verlässliche Stütze bei allen folgenden Schikanen, sie haucht Haus und Hof auch ein helleres Leben ein, es wird wieder gelächelt. Zärtliche Gesten dringen kaum sichtbar in den harten Alltag, und beide Männer finden an ihr Halt. Doch beim Dorftanz kommt es zum Eklat, František erfährt von Idas Vergangenheit und zeigt sich dem nicht gewachsen – ein Tiefpunkt; dazu scheint der Verlust der Eigenständigkeit und damit seines Selbstverständnisses unabwendbar, František sieht sich aus seiner traditionellen Lebenswelt stürzen und mit einem Mal in der gleichen Lage wie Ida. Liegt darin sogar eine Chance?
Helena Černohorskás ungewöhnlicher Roman fesselt durch seine unprätentiöse, stille und genaue Sprache
Aus dem Tschechischen von Kristina Kallert
Wallstein Verlag Verlag 112 Seiten
Radka Denemarková – Schokoladenblut
Mitte des 19. Jahrhunderts sitzt die Schriftstellerin Božena Němcová in ihrer kleinen Schreibstube und verfasst mit schwerer Hand ein patriotisches Märchen, an dessen Botschaft sie selbst nicht glaubt. George Sand, ihre französische Zeitgenossin, konnte sich den Zwängen der Konventionen widersetzen und schreibt mit leichter Feder Romane. Auf der anderen Seite des Atlantiks gründet J.D. Rockefeller, der erste Milliardär der Weltgeschichte, sein Imperium auf einem dickflüssig-braunen Rohstoff. In ihrem neuen Meisterwerk erzählt Radka Denemarková auf fulminante Weise die Geschichte des 19. Jahrhunderts und seiner Protagonisten: weltumspannend, hochaktuell, brillant.
Aus dem Tschechischen von Eva Profousová
Hoffmann & Campe 576 Seiten
Lucie Faulerová – Ich habe den Tod gerettet
Im Zugabteil sitzt eine junge Frau, das Ziel ihrer Reise ist unbekannt. Die Stirn gegen die Scheibe gelehnt, legen sich Maries Erinnerungen an ihre Familie über das Bild der vorbeiziehenden Landschaft.Fröhlichen Momente mischen sich mit quälenden Schuldgefühlen; Marie hegt eine seltsame Faszination für Statistiken, die auch mit der Beziehung zu ihrer geliebten Schwester zu tun hat, die unfreiwillig beendet wurde. Marie will ihren frühen Tod ausblenden, ihre Erinnerungen aber, die sich nach und nach kunstvoll zusammensetzten, zeigen das Bild einer an der Gewalt der Umstände zerbrochenen Familie. Doch auf ihrer Reise versteht Marie, dass sie eine Zukunft hat.
Aus dem Tschechischen von Julia Miesenböck
Frankfurter Verlagsanstalt 256 Seiten
Jiří Hájícek – 370m über NN
Von der Schönheit einer Welt, die im Begriff ist, unterzugehen.
Hana kehrt nach 15 Jahren zu den Resten ihrer Heimat zurück. Das Dorf, in dem sich aufgewachsen ist, musste dem Wasser weichen. An seiner Stelle wurde ein See aufgestaut, der das Kernkraftwerk Temelín mit Kühlwasser versorgt. Hanna will jedoch nicht die Ruinen ihrer Jugend besichtigen, sondern einem Ereignis auf den Grund gehen, das ihre Familie damals entzweit hat. Können die blinden Flecken der Familiengeschichte ausgeleuchtet werden?
Karl Rauch Verlag 400 Seiten
Jiří Hájícek – Der Drache auf dem Feldweg
Die Musiklehrerin Kristýna kehrt nach Jahren in Prag in ihr Heimatdorf zurück. Mit fünfunddreißig versucht sie, die Fäden zu ihrer Familie wiederaufzunehmen.
Mit Tomáš, der auf dem alten Hof seiner Familie lebt, verbindet sie eine lebenslange Bekanntschaft – und bald mehr als das. Doch nach und nach treten Spannungen auf – leise Unstimmigkeiten, die aus den Gegensätzen zwischen Stadt- und Landleben erwachsen.
Plötzlich tauchen im Dorf schwarze Autos auf, aus denen junge Männer in Anzügen steigen und Geld für Anteile an den Höfen anbieten. Was wie ein verlockendes Angebot klingt, entpuppt sich als Angriff. Und Tomáš begreift, dass ihm eine weit größere Krise bevorsteht als seine persönliche.
Karl Rauch Verlag 240 Seiten
Miroslav Hlaučo: Pfingsten. Erinnerungen an ein Ende der Welt
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts ist das abgeschiedene Bergdorf St. Georg ein Ort, an dem Wunder Alltag sind: Man spricht mit Heiligen, geht über Wasser, pfeift Steine entzwei. Doch langsam ahnen die Bewohner, dass die Zeit der großen technischen Veränderungen gekommen ist, die ihre traditionellen Wunder ersetzen werden. Der aus dem Dorf stammende Odysseus, der bisher als tot galt, kehrt zurück und hilft dem Dorf, sich auf die bevorstehenden Umwälzungen vorzubereiten. Aufregung bringt jedoch eine Verwaltungskontrolle in Gestalt von Franz Rechnitz aus der Hauptstadt mit sich. Während der junge K.u.K-Notar St. Georg „ordnungsgemäß“ ins neue Jahrhundert führen will, müssen die noch funktionierenden Wunder vor ihm geheim gehalten werden.
Hlaučo spielt mit Motiven des magischen Realismus. Mit Lust am Detail und feinem, bisweilen trockenem Humor erzählt er vielstimmig von einer Welt an der Schwelle zur Moderne und den großen Erzählungen der Vergangenheit.
Anthea Verlag 426 Seiten
Alice Horáčková – geteiltes Haus
Diogenes Verlag 880 Seiten
Ondřej Hübl – Der Vorhang
Als Josef Kaarls Tochter – er ein erfolgreicher Unternehmer und großzügiger Mäzen der Prager Philharmonie – als vermeintliche Linksextremistin festgenommen wird, sieht er nur eine Chance: Sie soll erfahren, was es heißt, im Arbeiterparadies zu leben. Da kommt ihm das Angebot einer ehemaligen Filmproduktionsfirma und jetzigen Reiseagentur gerade recht: »Ausflug in den Kommunismus! Erleben Sie die Fünfzigerjahre am eigenen Leib!«
Was als harmlos inszeniertes Experiment beginnt, wird für seine Familie schnell zum Verhängnis. Die akribische Rekonstruktion der Fünfzigerjahre in der Tschechoslowakei kippt in ein beklemmendes Szenario aus Macht, Manipulation und Angst.
Ein packender, schwarzhumoriger Roman mit internationaler Strahlkraft.
Voland & Quist 400 Seiten
Dora Kaprálová – Die Mariborhypnose
Die Erzählerin reist in die slowenische Kleinstadt Maribor, um einen Reiseführer zu schreiben, beschließt jedoch stattdessen, die Stadt aus der Perspektive einer Fliege kennenzulernen.
Gestalten der Gegenwart wie der Gitarrist Jim, der US-amerikanische Hofnarr Timo oder die 80-jährige Hostesse Daša, die Putin als einen Retter sieht, sowie historische Figuren des 20. Jahrhunderts treten auf, insbesondere Josip Broz Tito, der umstrittene »wohlmeinende Diktator«, der Schriftsteller Hašek und der Dramatiker Wedekind. Die kaleidoskopische Perspektive aus der Sicht eines Insekts ermöglicht eine originelle Erzählweise, in der sich Fakten und Fiktion miteinander verflechten und eine hypnotische Wirkung erzeugen.
Mikrotext Verlag 160 Seiten
Emma Kausc – Handlungsstörung
Protagonistin des Romans ist die 33-jährige Emma. Wohnhaft in London versucht sie, ihre tschechische Herkunft zu verstehen, den Tod ihrer Mutter zu verarbeiten und Antworten auf die Fragen rund um das Verschwinden ihrer Partnerin zu finden. Sie beginnt zu reisen: Tschechien, USA… Die Geschichten, die sie auf ihrer Suche erlebt, sind nie geradlinig, sondern brechen immer wieder ab und zwingen Emma zur Neuorientierung. Hierin gleicht sie einer modernen Heldin auf der Quest.
Zeitkind Verlag 316 Seiten
Jarka Kubsova – Im Licht des neuen Tages
Als Elli Hajek sich zum Schreiben in ein abgelegenes Haus zurückzieht, erinnert sie sich an eine Figur, von der ihr einst ihre tschechische Großmutter erzählte: Viktorka, die junge Frau, die nach einem schwerwiegenden Ereignis für wahnsinnig erklärt wurde und fortan allein im böhmischen Wald lebte. Als Elli erfährt, dass Viktorka wirklich existierte, reist sie in das Land, aus dem sie selbst als Kind geflohen ist. Elli will mehr erfahren – doch tief im Wald, zwischen leuchtendem Farn und reißendem Fluss, wartet eine andere Aufgabe auf sie: Bevor sie die Wahrheit über Viktorka erfährt, muss Elli sich ihrer eigenen verdrängten Geschichte stellen.
S. Fischer Verlag 304 Seiten
Alena Mornštajnová – Zeit der Wespen
Alena Mornštajnová, eine der erfolgreichsten Stimmen der tschechischen Gegenwartsliteratur, erzählt in Zeit der Wespen eine leise,
eindringliche Geschichte über die Macht der Vergangenheit. Im Mittelpunkt stehen Bára und der rätselhafte „Ptáčník“, ein Einzelgänger, der sein Leben den Vögeln widmet. Während er gelernt hat, mit dem Vergangenen zu leben, ist Bára überzeugt, dass ein Eingriff ihr Leben einst aus der Bahn geworfen hat – und sucht nach einem Weg, die Erinnerung umzuschreiben. Was beide verbindet, liegt lange im Verborgenen: eine gemeinsame Vergangenheit, die ihre Lebenswege geprägt hat. Mornštajnová entfaltet diese Beziehung mit psychologischer Feinheit und großer erzählerischer Ruhe. Ein atmosphärischer Roman über Schuld, Verlust und die leise Hoffnung auf Veränderung – und über die kleinen Dinge, die Halt geben und neues Leben ermöglichen.
Wieser Verlag 316 Seiten
Jan Novák – Stierkampf in Böhmen
In seinem Roman „Stierkampf in Böhmen“ erinnert sich Jan Novák an das Leben seiner Großeltern – an den „Opa Betonherz“ und die „Oma Königskobra“. Als böhmische Bauern erlebten sie die Umbrüche des Kommunismus schmerzhaft und verloren nach dem Krieg ihre kleine Landwirtschaft. Mit Liebe und Bewunderung schildert Novák ihre letzten Lebensjahre. Als Junge aus einem Dorf an der Elbe besuchte er sie oft – und kann bis heute das Bild seines Großvaters nicht vergessen, der in stiller Verzweiflung zusehen musste, wie sein sorgsam bestelltes Land von neuen Machthabern zerstört wurde.
Ohne Effekthascherei und fern literarischer Experimente erzählt Novák klar und schnörkellos – und gerade darin liegt die eindringliche Kraft dieses Romans. Ein berührendes Buch gegen das Vergessen, ausgezeichnet 2007 mit dem renommierten Josef-Škvorecký-Preis.
Morio Verlag 264 Seiten
Jaroslav Rudiš – Wo die Toten sprechen
Lorenzo, Caspar und Miss Detroit sind unterwegs im alten Saab. Drei Freunde, irgendwo zwischen Lebensmitte und Lebensmüdigkeit. Ihr Ziel: die Friedhöfe Mitteleuropas. Während sich Lorenzo durch Bücher frisst und versucht, eine Doktorarbeit über die toten europäischen Dichter zu schreiben, träumt Miss Detroit hinter dem Lenkrad davon, Friedhofsbotanikerin zu werden und durch die Blumen mit den Toten zu sprechen. Und der fast blinde Caspar denkt an seinen Vater im Böhmischen Paradies, dessen verstorbene Freunde noch immer durch seine Stammkneipe geistern. Mit jedem gefahrenen Kilometer rücken die drei näher aneinander und hören die Stimmen der Toten von Grab zu Grab deutlicher: Wovon sprechen sie, wenn man ihnen zuhört? Und wem hört man besser nicht zu? Als sie auf einem Berliner Friedhof plündernden Reichsbürgern zuvorkommen und die Knochen eines NS-Verbrechers entwenden, beginnt eine absurde Verfolgungsjagd entlang der Grenzen der europäischen Mitte.
Luchterhand Verlag 240 Seiten
Zdena Salivarová – Ein Sommer in Prag
Ein heißer Sommer im Prag der Fünfzigerjahre: Jana Honzlová, eine junge Sängerin in einem Folklore-Ensemble, darf nicht mit auf Tournee ins Ausland reisen, da sie im kommunistischen System als politisch unzuverlässig gilt. Stattdessen soll sie im Büro des gähnend leeren Betriebsgebäudes die Stellung halten, wo sie ihre Langeweile einzig mit der freundlichen Putzfrau teilen kann und heimlich internen Intrigen nachforscht. Das allgegenwärtige Spitzelwesen, aber auch ihre verwickelte Familiensituation und die Wiederbegegnung mit einem früheren Verehrer halten Jana in Atem – die sich trotz aller Widrigkeiten ihre Chuzpe und ihren Straßenwitz bewahrt.
Zdena Salivarová ließ viele eigene Erfahrungen in diesen mitreißenden, witzigen und frischen, aber auch tragischen Roman einfließen, den sie in der Tschechoslowakei begann und nach der Niederschlagung des Prager Frühlings im Exil beendete. Für viele Kenner der tschechischen Literatur gehört er zum Besten, was diese in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts hervorgebracht hat. Nun ist er erstmals auch auf Deutsch zu entdecken.
Mit einem Nachwort von Michael Špirit.
Mitteldeutscher Verlag 352 Seiten
Tereza Semotamová – Radikale Bedürfnisse
Hana ist Bildhauerin, Mitte dreißig, und gerade erst mit ihren verdrängten Bedürfnissen aus dem inneren »Schrank« in die Welt gestolpert. Auf ihrer Suche nach einem Weg ins Leben pendelt sie zwischen der Prager Intellektuellenbubble und einem mährischen Dorf, zwischen internationaler Kunstszene und städtischer Peripherie. Dabei entsteht ein reißender Strom aus Gedanken, Eindrücken und intimen Bekenntnissen, durchzogen von Anspielungen auf Literatur, Popkultur und gesellschaftliche Debatten. Tereza Semotamovás Journal ist ein treffendes Generationsporträt — und eine Ermutigung, sich den eigenen Bedürfnissen zu stellen.
Voland & Quist 256 Seiten
Petr Šesták – Ausgebrannt
Die Erzählung eines Fahrrad-Kuriers, der sich täglich einen Weg durch den Wahnsinn des Straßenverkehrs bahnt, um den Kunden pünktlich das Essen zu liefern. Er kurvt um Hindernisse, duckt sich unter Beschimpfungen weg, teilt selbst welche aus und denkt ständig über die Welt nach. Im Bürgerkrieg der Straße führt er einen unversöhnlichen Kampf für seine Idee von Gerechtigkeit und greift zu immer extremeren Mitteln.
Ausgebrannt ist auch ein Text über Ungerechtigkeit, nicht nur auf der Straße, sondern auch in der Arbeitswelt. Über die ungerechte Verteilung von Reichtum und Macht in unserer Gesellschaft. Zugleich ist Ausgebrannt ein Pamphlet und klagt die Fetischisierung des Autos als Symbol für Fortschritt, Unabhängigkeit, Macht und die Privatisierung der Welt an. Alle Autos sind nämlich allegorisch.
Parasitenpresse 142 Seiten
Jakub Stanjura – Da war doch nichts
Anthea Verlag 216 Seiten
Jáchym Topol – Die Hölle gibt es nicht
Prag, am 24. Februar 2022, dem Tag des russischen Großangriffs auf die Ukraine. Tom, ein alternder Journalist, bricht mit seiner Geliebten zu einem Ausflug in die Umgebung auf. Ein südböhmisches Barockkloster verspricht Ablenkung von innerer und äußerer Konfusion: Seine Ehe ist kaputt, der Job hängt am seidenen Faden, der schwule Sohn macht ihm Sorgen. Da meldet sich die Redaktion – Point, ein angesagtes Organ, finanziert von einem undurchsichtigen Geschäftsmann mit Verbindungen nach Russland. Man braucht sofort einen Artikel über das Vertrauen der Tschechen in die Nato
Suhrkamp Verlag 480 Seiten
Marek Torčík: Was die Zeit nicht nimmt
Ein nächtliches Gespräch mit der Mutter führt Marek wieder in seine Jugend. Zurück in eine Familie mit dysfunktionalen Mustern und in ein Umfeld, das Andersartigkeit bestraft. Als queerer Junge in einer konservativen Industriestadt ist Mobbing Mareks ständiger Begleiter. Und die politischen und wirtschaftlichen Umbrüche von 1989 belasten nicht nur ihn, sondern die ganze Familie – in Form von Armut, Alkoholismus und Gewalt.
Melancholisch, fragil, vor allem aber hoffnungsvoll beschreibt Torčik die Identitätssuche eines jungen Mannes mit dem Mut, zu sich selbst zu stehen.
Anthea Verlag 320 Seiten
Kateřina Tučková – Gerta. Das deutsche Mädchen
Das Mädchen Gerta wächst in der zweisprachigen Familie Schnirch im mährischen Brünn auf. Die Mutter ist Tschechin, der Vater ist Deutscher und wie der Bruder ein Anhänger Hitlers. Mit der Errichtung des deutschen Protektorats 1938 zerfällt die Familie wie die Gesellschaft in einen tschechischen und einen deutschen Teil. Die Mutter stirbt und Gerta wird vom eigenen Vater schwanger. Wie tausende Deutsche wird die junge Frau nach dem Krieg zum Staatsfeind erklärt, ausgebürgert, und in der Nacht vom 30. zum 31. Mai 1945 im sogenannten „Brünner Todesmarsch“ vertrieben. Gerta und ihre Tochter überleben mit anderen deutschen Frauen bei der Zwangsarbeit auf dem Land. Jahre später kehren sie in die fremde Heimatstadt zurück und leben, als Deutsche stigmatisiert, am Rande der kommunistischen Gesellschaft in der Tschechoslowakei.
In einem atemberaubenden Roman erzählt Tučková das Schicksal dieser Frauen und spricht schmerzhafte Fragen von Schuld, Rache und Vergebung zwischen Tschechen und Deutschen an. Sie verdichtet offizielle Quellen und Zeitzeugenaussagen zu einer packenden literarischen Fiktion.
Klak Verlag 548 Seiten
Klára Wang Tylová – Die Geister von Taipeh
Die Geister von Taipeh lassen die Erzählenden nicht los – ob in verwunschenen Villen und verlassenen Krankenhäusern, im neuen Hochhaus-Apartment oder in den Höhen des Yangmingshan-Nationalparks. Sechs sehr verschiedene Stimmen. Wie weit sind sie bereit, für Ihre Sehnsüchte zu gehen? Wie wirkt sich der Geisterglaube auf den Immoblilienmarkt aus? Eng miteinander verwoben zu einem beunruhigenden Reigen, erzeugen die sechs Geschichten einen atmosphärischen Sog.
Parasitenpresse 104 Seiten
Klára Vlasáková – Die Kugel
Urplötzlich schwebt sie nahe einer tschechischen Kleinstadt über der Erde: eine Kugel, die nichts weiter zu tun scheint und einfach milchig vor sich hin schimmert. Bei den Stadtbewohnern aber, die sie vor ein enormes Rätsel stellt, löst sie allerhand aus. Auch die Familie von Ema und Oto kann sich der allgemeinen Faszination nicht entziehen. Doch ihr gemeinsamer Besuch der Kugel hat mehr fragwürdige Folgen, als dass er irgendetwas erklären würde … Was nur steckt hinter der Kugel?
Harper Collins 288 Seiten
Jiří Weil – Moskau – Die Grenze
Moskau in den dreißiger Jahren. Die Pragerin Ri muss sich entscheiden: Will sie das kleine luxuriöse Glück in ihrer Wohnung im Ausländerpalast – oder doch einen eigenen Weg gehen in der fremden Gesellschaft? Nach »Mendelsohn auf dem Dach« und »Leben mit dem Stern« nun Jiři Weils umstrittener Debütroman: vom Zusammenleben in politisch wirren Zeiten. Ri ist aus Prag nach Moskau gekommen, wo ihr Mann Robert als Vertragsingenieur arbeitet, um den Sozialismus aufzubauen. Früher ist sie fast täglich ins Kaffeehaus gegangen, jetzt lebt sie in diesem merkwürdigen, schmutzigen Land, wo die Menschen keinen Kaffee trinken und keine Automobile besitzen, sondern sich rempelnd durch die Menge drücken, um einen Platz in der Straßenbahn erkämpfen. Zuhause, das steht fest für Ri, würde sie ein europäisches Leben haben. Wofür hatte sie schließlich die ganzen Dinge samt der roten Porzellantassen mitgebracht?
Aber nach und nach begreift sie, dass ein Leben außerhalb der Gesellschaft nur schwer möglich ist: Sie beginnt, den politischen Zirkel für Ausländer zu besuchen, fängt als einfache Arbeiterin in der Fabrik an und macht dort schnell Karriere. Wieder geht es um Privilegien, aber auch um Loyalität, etwa gegenüber dem von der Kommunistischen Partei ausgeschlossenen Freund Jan Fischer. Wie wird sie entscheiden? »Moskau – die Grenze«, erschienen 1937 in Prag, wurde nach 1945 als zersetzendes Werk aus den Bibliotheken entfernt.
Wagenbach Verlag 384 Seiten
Jonáš Zbořil – Flora
Auf einem nächtlichen Spaziergang finden Adam und Sára am Stadtrand ein kleines, stilles Wesen. Das junge Paar entscheidet sich, das Geschöpf, das sie Flora nennen, erst einmal zu sich zu nehmen. Sie bringen es in die nahegelegene Datsche von Adams verstorbener Großmutter, die mitten in einem dystopischen, von der Stadtverwaltung abgesperrten Areal liegt. Sara entwickelt sofort Muttergefühle für das schnell wachsende Wesen und will in der
Datsche bleiben, um es vor der Welt zu schützen, während Adam eine wachsende Distanz verspürt. Das Kleine wird ihm zunehmend unheimlich. Als seltsame Dinge geschehen, regt sich bei Adam ein furchtbarer Verdacht — doch was steckt wirklich dahinter?
Kommode Verlag 182 Seiten
Böhmen, Ende des 19. Jahrhunderts. Die fünfzehnjährige Kristina behauptet, der Jungfrau Maria begegnet zu sein. Pilgerscharen strömen ins Dorf, die Kirche bleibt skeptisch – und Kristinas Mutter Aloisie zweifelt im Verborgenen, ob ihre Tochter wirklich gesehen hat, was sie sagt. Als Jahrzehnte später ein Todesurteil gefällt wird, stellt sich Aloisie dieselbe Frage, die sie nie losgelassen hat: Hat sie ihrer eigenen Tochter geglaubt? Hätte sie es sollen? Die Unerhörte erzählt von Glauben und Misstrauen, von Müttern und Töchtern, von Frauen, die in einer patriarchalen Gesellschaft zäh um Würde und Selbstbestimmung ringen – und von einer Frage, auf die es keine einfache Antwort gibt.
Anthea Verlag 400 Seiten

Sára Zeithammerová – Die Unerhörte



