Jonas Hassen Khemiri – Die Vaterklausel

Bereits mit seinem letzten, 2017 auf Deutsch erschienenen Roman Alles was ich nicht erinnerte konnte mich der schwedische Autor Jonas Hassen Khemiri durch seine multiperspektivische Erzählart überzeugen, die er auch in Die Vaterklausel wieder wählt. Ein Familienkonflikt steht hier im Zentrum, besonders das Verhältnis Vater-Sohn. Und wieder ist es eine schon lange in Schweden lebende Familie mit Wurzeln im arabischen Raum. Diesmal ist das Herkunftsland aber nicht ganz so eindeutig als Tunesien, aus dem auch Khemiris Vater stammt, zu identifizieren wie im Vorgängerroman. Weiterlesen “Jonas Hassen Khemiri – Die Vaterklausel”

Christoph Peters – Dorfroman

Dorfroman – im neuen Buch von Christoph Peters ist drin, was draufsteht. Und noch so viel mehr. Es ist nicht nur die hinreißende Geschichte einer Kindheit auf dem Land in den Siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts, sondern auch eine melancholische Liebesgeschichte im Schatten der Anti-AKW-Bewegung der Achtziger und ein nachdenklicher Versuch über das Vergehen der Zeit, die Veränderung der Welt und über Verantwortung.

„Roman“ ist das Buch überschrieben, und tatsächlich gibt es leichte Verfremdungseffekte, so etwa bei den Ortsnamen, wo etwa das niederrheinische Kalkar mit altertümlichem C geschrieben wird. Auch den Heimatort des Protagonisten, Hülkendonck, findet man auf keiner Karte. Und doch ist es sehr einfach ihn als den Heimatort des Autors, Hönnepel, zu identifizieren. Die Kirche im Roman nennt sich Verafredis, in Hönnepel heißt sie Regenfledis. Es ist also ganz eindeutig, dass Christoph Peters im Dorfroman seine eigene Kindheit und Jugend erzählt, sich dabei aber erzählerische Freiheiten erlaubt. Weiterlesen “Christoph Peters – Dorfroman”

Stephan Lohse – Johanns Bruder

Johanns Bruder ist der zweite Roman des Autors und Schauspielers Stephan Lohse. Gemeinhin gilt der zweite Roman immer als der schwierigste, besonders wenn das Debüt so viel Aufmerksamkeit erhielt und so gelungen war wie Ein fauler Gott von 2017. Stephan Lohse stellt sich der Herausforderung und wagt einiges. Zwar ist auch Johanns Bruder – der Name verrät es – eine Brüdergeschichte, diesmal packt der Autor aber noch eine schwere zeitgeschichtliche Last in seinen Text. Weiterlesen “Stephan Lohse – Johanns Bruder”

Santiago Amigorena – Kein Ort ist fern genug

Kein Ort ist fern genug, um dem Grauen der Judenverfolgung während der Nazidiktatur in Europa zu entkommen – das schildert Santiago Amigorena sehr eindrucksvoll in seinem autobiografisch geprägten, gleichnamigen Roman.

Es ist der Großvater des Autors, der Vorbild war für Vicente Rosenberg, Möbelhändler in Buenos Aires. Als Wincenty in Polen geboren, hat er schon lange keinen Bezug mehr zum Judentum. 1928 verließ er sein Heimatland, um in Argentinien ein neues, freieres Leben zu beginnen. Und auch ein klein wenig, um seiner besitzergreifenden Mutter zu entkommen. Dem Einvernehmen nach ist die jüdische „Mamme“ besonders fürsorglich, wenn nicht gar einengend. So war es für Wincenty auch ein Befreiungsschlag, als er hier in Buenos Aires als Vicente mit der temperamentvollen Rosita eine eigene Familie gründen konnte. Weiterlesen “Santiago Amigorena – Kein Ort ist fern genug”

Ingo Schulze – Die rechtschaffenen Mörder

Es beginnt wie eine Novelle aus dem 19. Jahrhundert, ein wenig altmodisch, behäbig fast und märchenhaft. Doch damit narrt der Autor Ingo Schulze die Leser*innen seines neuen Romans „Die rechtschaffenen Mörder“ ganz gehörig.

„Im Dresdner Stadtteil Blasewitz lebte einst ein Antiquar, der wegen seiner Bücher, seiner Kenntnisse und seiner geringen Neigung, sich von den Erwartungen seiner Zeit beeindrucken zu lassen, einen unvergleichlichen Ruf genoss.“ Weiterlesen “Ingo Schulze – Die rechtschaffenen Mörder”

Dirk Kurbjuweit – Haarmann

Die Geschichte, die Dirk Kurbjuweit in seinem Kriminalroman „Haarmann“ erzählt, ist eine ungeheuerliche und noch dazu eine wahre. Kein Wunder, dass sie seit fast einhundert Jahren eine riesige (negative) Popularität besitzt und in unzähligen Adaptionen in Theater, Kino, bildender Kunst, Musik und Literatur aufgenommen wurde. Fritz Langs berühmter Film „M-Eine Stadt sucht einen Mörder“ von 1931 ist an sie angelehnt, ebenso „Die Zärtlichkeit der Wölfe“ von 1973. 1995 entstand „Der Totmacher“ von Romuald Karmakar mit Götz George in der Rolle des Serienmörders Fritz Haarmann. Der österreichische Maler und Bildhauer Alfred Hrdlicka schuf einen Haarmann-Zyklus und einen Haarmann-Fries. Das Lied „Warte, warte nur ein Weilchen“ wurde ein echter Gassenhauer und existiert auch in einer etwas makabren beschwingten Jazz-Version von Hawe-Schneider. Weiterlesen “Dirk Kurbjuweit – Haarmann”

Anne Tyler – Der Sinn des Ganzen

Anne Tyler – Der Sinn des Ganzen – Rezension

In mittlerweile 23 Romanen hat die 1941 geborene Anne Tyler immer wieder leise, heitere Kammerspiele des Alltäglichen geschaffen. Vielleicht ist ihr deshalb trotz zahlreicher Nominierungen für die ganz großen Buchpreise und dem Gewinn des Pulitzer für „Atemübungen“ der ganz große Ruhm, zumindest hier bei uns in Deutschland, versagt geblieben. Vielleicht liegt es auch daran, dass sich die Autorin recht konsequent dem literarischen Betrieb entzieht, kaum Interviews gibt, keine Lesereisen macht. Für ihren neu erschienenen Roman „Der Sinn des Ganzen“ wollte Anne Tyler eine Ausnahme machen und im März zur LitCologne nach Köln reisen, dann kam Corona. Weiterlesen “Anne Tyler – Der Sinn des Ganzen”

Giuseppe Tomasi di Lampedusa – Der Leopard

Ein italienischer Klassiker, ja als „Jahrhundertroman“ gilt das 1958, ein Jahr nach dem Tod des Autors erschienene erste und einzige Buch von Giuseppe Tomasi di Lampedusa, „Der Leopard“. Und das, obwohl es zuvor von den bedeutenden Verlagshäusern Italiens abgelehnt wurde und erst der Schriftsteller und damalige Lektor von Feltrinelli Giorgio Bassani seinen Wert erkannte.

Es waren die tief im 19. Jahrhundert verankerte Thematik und Erzählweise, die zu einer Zeit, in der man eher von der Avantgarde fasziniert war, von der Moderne, dem Experimentellen, wenig Interesse weckte. Beim Publikum wurde der Roman allerdings gleich ein großer Erfolg und 1963 von Luchini Visconti legendär mit Burt Lancaster, Claudia Cardinale und Alain Delon verfilmt. Weiterlesen “Giuseppe Tomasi di Lampedusa – Der Leopard”