Aude – Das Wanderkind

Das wunderbare an Gastlandauftritten bei der Frankfurter Buchmesse, ob sie nun stattfinden oder nicht, ist, dass Literatur aus diesen Ländern Beachtung findet, die es ansonsten vielleicht schwer hätte, übersetzt zu werden. In den vergangenen Jahren habe ich dadurch schon zahlreiche literarische Entdeckungen gemacht. 2020 und 2021 stand und steht Kanada im Fokus der Aufmerksamkeit und ich habe mich schon durch einige sehr schöne Romane hindurchgelesen. Ganz neu erschienen ist bei Alfred Kröner ein schmales Buch aus dem Jahr 1998 von der frankokanadischen Schriftstellerin Aude, Das Wanderkind. Weiterlesen “Aude – Das Wanderkind”

Verlagsvorschauen Herbst 2021 – Neuerscheinungen

Dieses Jahr erscheint das übliche Vorschauen-Spiel besonders merkwürdig. Wir sehnen uns gerade nach dem Frühling, der einfach nicht kommen will. Die passende große Bücherschau in Form der Leipziger Buchmesse wurde ganz weit in diesen Frühling hinein verschoben, nur damit sie coronabedingt als Präsenzveranstaltung dann doch abgesagt werden musste. Zwar werden einige Veranstaltungen von Leipzig liest zwischen dem 26. und 30. Mai auch analog vor Ort stattfinden, die meisten davon werden aber wieder ins Netz verlegt. So wie etliche Buchpremieren, Autorengespräche, Bloggerveranstaltungen und Zoom-Lesungen. Einen wirklichen Überblick über die Frühjahrsneuerscheinungen zu bekommen, war dementsprechend schwer und ist vielleicht auch noch nicht ganz gelungen. Dennoch flattern bereits die Herbstvorschauen der Verlage ins Haus und machen auf ein neues Programm neugierig. Darin ähnelt die diesjährige späte LBM dann schon fast der Schwesterveranstaltung in Frankfurt, bei der auch bereits die neuen Programme kursieren, während doch eigentlich die Herbsttitel präsentiert werden. Ich habe mich bereits in die einzelnen Verlagsvorschauen zum Herbst 2021 vertieft und eine wiederum völlig subjektive Auswahl der interessantesten, spannendsten, wichtigsten Neuerscheinungen zusammengestellt. Weiterlesen “Verlagsvorschauen Herbst 2021 – Neuerscheinungen”

Lektüre April 2021

Das Jahr rast voran und das erste Drittel ist bereits vergangen. Während der Frühling uns bisher nur kleine Lichtblicke schenkt, zeichnet sich zumindest in der uns alle belastenden Pandemie ein gewisser Hoffnungsschimmer ab. Im Gegensatz zu den nur zögerlich besser werdenden Nachrichten bleibt der Literaturfrühling bisher auf hohem Niveau. Meine Lektüre im April war auch 2021 sehr gelungen. Eine schwere Enttäuschung und ein Buch, von dem ich schon ahnte, dass es nicht meines sein dürfte (das aber der Lesekreis lesen mochte) waren die Ausnahmen von ansonsten durchweg sehr guten Leseerfahrungen. Weiterlesen “Lektüre April 2021”

Dmitrij Kapitelman – Eine Formalie in Kiew

„Joa, üm den Ümgang mid den ukrainisch’n Behörd’n beneide ich Sie ooch nisch“ verabschiedet sich die Sachbearbeiterin Kunze von der Ausländerbehörde Leipzig von Dima, dem augenscheinlichen Alter-Ego von Dmitrij Kapitelman in Eine Formalie in Kiew. Dima hat sich nach fünfundzwanzig Jahren entschieden, die deutsche Staatsbürgerschaft zu beantragen und braucht dafür „lediglich“ noch eine mit einer amtlichen Bestätigung, einer Apostille, versehene Geburtsurkunde. Die bekommt er aber nur vor Ort, in seiner Geburtsstadt Kiew. Weiterlesen “Dmitrij Kapitelman – Eine Formalie in Kiew”

Alem Grabovac – Das achte Kind

Autofiktion steht hoch im Kurs. Autor:innen erzählen von ihren eigenen Leben, ihrem Er-Leben, in mehr oder weniger stark fiktionalisierter Form. Und Leser:innen fragen diese Art von Literatur stark nach. Waren es zunächst fremdsprachige Texte, beispielsweise von Annie Ernaux und Edouard Louis, beide aus Frankreich, oder Karl Knausgård, die große Beachtung fanden, nehmen auch die autofiktionalen Texte deutschsprachiger Autor:innen immer mehr zu. Dabei erlangt eine lange Zeit eher vernachlässigte Perspektive – die von Schriftsteller:innen mit Migrationserfahrung, eigener oder der der Eltern- oder Großelterngeneration – immer mehr Bedeutung. Deniz Ohde hat im letzten Jahr mit ihrem Streulicht sehr beeindrucken können und ist bis auf die Shortlist zum Deutschen Buchpreis vorgerückt. Auch Cihan Acar hat mit seinem Hawaii viel Beachtung erlangt. Beides sind ganz hervorragende Debütromane. Trotz dieser Vielzahl an bereits veröffentlichten Texten gibt es immer wieder Neuerscheinungen, die einen nochmals anderen, überraschenden Blickwinkel einnehmen und literarisch überzeugen können. Um einen solchen Roman handelt es sich beim Debüt von Alem Grabovac, Das achte Kind. Weiterlesen “Alem Grabovac – Das achte Kind”

Patrick Modiano – Unsichtbare Tinte

Die Sache mit mir und Modiano läuft schon eine ganze Weile. Das erste Buch, das ich von ihm las, war Unfall in der Nacht – bis heute eines meiner liebsten. Erschienen ist der Roman auf Deutsch 2006, ob ich ihn da direkt gelesen habe, weiß ich nicht mehr. Wie sehr er mich aber verzauberte, das schon. Seitdem habe ich nicht nur jede Neuerscheinung sehnsüchtig erwartet, sondern mich auch tief in die Backlist hineingelesen. Es gibt kaum ein Werk, bei dem dies lohnender wäre. Denn Patrick Modiano, der für seine „Kunst des Erinnerns“ 2014 mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet wurde, variiert darin stets die gleichen Motive. Das wurde und wird dem 1945 geborenen Franzosen immer wieder einmal vorgeworfen. Mehr und mehr wird aber von der Literaturkritik die Kunstfertigkeit, die darin liegt anerkannt und gewürdigt. Zumal der Autor frei bekennt, er schreibe stets „un peu le même livre“, ein bisschen das gleiche Buch. Einen neuen Roman von Patrick Modiano zu lesen, ist wie das Wiedersehen mit einem alten Freund: spannend, erwartungsvoll, ein wenig ängstlich – so auch mit dem neuesten Werk Unsichtbare Tinte. Weiterlesen “Patrick Modiano – Unsichtbare Tinte”

Emilie Pine – Botschaften an mich selbst

Was für ein Buch! Selten noch habe ich derart radikal offene, intelligente, völlig ungekünstelt geschriebene Texte gelesen wie die sechs Essays von Emilie Pine in Botschaften an mich selbst. Die 1977 geborene irische Autorin, die in Dublin modernes Drama unterrichtet und mit Notes to self ihren erste nichtakademische Veröffentlichung hatte, erzählt von schwierigen Lebensaspekten, die meist zudem noch gemeinhin tabuisiert und äußerst schambesetzt sind. Sie sollten Botschaften an sich selbst sein, waren aber in Irland so erfolgreich, dass sie umgehend zum Buch des Jahres wurden. In Deutschland sind sie seit Anfang März veröffentlicht, haben aber bisher in der Literaturkritik bedauerlicherweise kein allzu großes Echo hervorgerufen. Weiterlesen “Emilie Pine – Botschaften an mich selbst”

Matthias Jügler – Die Verlassenen

„Zärtlich, traurig, schmerzhaft, schön.“ So wird auf dem Cover des neuen Romans von Matthias Jügler, Die Verlassenen, geworben. Und so skeptisch man solchen Blurbs in der Regel gegenüber stehen mag, hier treffen alle vier Adjektive zu einhundert Prozent zu.

Der 1984 geborene Matthias Jügler erzählt in Die Verlassenen eine Geschichte aus der DDR und der Nachwendezeit, die so spannend wie berührend ist. Es geht darin, wie so oft in Erzählungen aus dem sozialistischen Deutschland, um stille Ungeheuerlichkeiten, um Verrat, um zerstörte Familien und Freundschaften. Es ist ein schmales Buch von gerade einmal 170 Seiten, äußerst dicht, komprimiert, intensiv. Weiterlesen “Matthias Jügler – Die Verlassenen”

Leila Aboulela – Minarett

Glaube als einziger Ausweg aus Desorientierung, Kultur- und Identitätsverlust? Religion als Zufluchtsort? Westliche Leser:innen, vor allem säkular lebende oder gar atheistische, werden mit diesem Ansatz ihre Schwierigkeiten haben. Das geht mir nicht anders. Dennoch habe ich den bereits 2005 im Original erschienenen Roman Minarett von Leila Aboulela, die dieses Modell unzweifelhaft unterstützt, mit viel Gewinn gelesen. Weiterlesen “Leila Aboulela – Minarett”

Maryse Condé – Mein Lachen und Weinen

Maryse Condé erzählt in ihrem im Original bereits 1999 erschienenen Memoir Mein Lachen und Weinen „wahre Geschichten aus meiner Kindheit“. Vor dem Erfolg ihrer Autobiografie Das ungeschminkte Leben, in der sie über ihr Studentenleben in Paris und den Weg als alleinerziehende Mutter nach Westafrika schreibt, zeichnete sie darin das Leben der Schwarzen Oberschicht auf den französischen Antillen in den 1940er und 1950er Jahren auf. Weiterlesen “Maryse Condé – Mein Lachen und Weinen”