Lektüre August 2026

Der August startete wunderbar mit der Lektüre des Romans Pulver. Ein weitgespanntes, multiperspektivisches Panorama von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis in die Nachkriegszeit. Ein ähnlich breites Panorama aus dem Riesengebirge/Böhmen war mein erstes Buch zum diesjährigen Gastland der Frankfurter Buchmesse Tschechien: Geteiltes Haus von Alice Haoracková. Gleich ein absolutes Highlight! Im September will ich mich ganz der Lektüre tschechischer Literatur widmen, mit Emma Kausc und Dora Kaprálová habe ich im August schon zwei andere Texte dazu gelesen.

Enttäuscht hat mich tatsächlich eines der am höchsten gehandelten Bücher dieses Leseherbstes, nominiert für den Deutschen Buchpreis, jetzt auch für die Shortlist, aber einfach nicht meins: Anton und Alma. Vielleicht auch meinem immer sehr kritischen Blick auf Liebesgeschichten geschuldet. Wer weiß. Die Stimmen zum Buch sind vorwiegend begeistert.

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Lukas Rietzschel – Sanditz

Einer der am häufigsten (und kontrovers) diskutierten Romane des Frühjahrs 2026 und ein heißer Kandidat für den Deutschen Buchpreis – Lukas Rietzschel hat mit seinem Roman Sanditz ziemlich viel Aufmerksamkeit bekommen. „Ein großes Bild der deutschen Gesellschaft von der DDR bis in die jüngste Gegenwart“ verspricht der Klappentext und von den meisten Rezensenten wird er als der „ersehnte Wenderoman“ gelesen. Weiterlesen „Lukas Rietzschel – Sanditz“

Corinna Krenzer – Eine einfache Wahrheit

Eine komplexe DDR-Geschichte, eine Familiengeschichte, die sich um Schuld und Schweigen dreht und um die Rückkehr an den Ort der Kindheit: Corinna Krenzer hat mit Eine einfache Wahrheit einen Debütroman geschrieben, den ich sehr gern gelesen habe. Und doch hat mich etwas irritiert, was ich zunächst nicht näher benennen konnte. Dann habe ich gelesen, dass der Roman eigentlich einen männlichen Protagonisten hatte und dass die Autorin dann auf Anraten ihres Verlegers daraus kurzfristig Janna machte, Schriftstellerin Mitte 40, verheiratet mit ihrem Literaturagenten Hannes und in eine heimliche Affäre mit Marie verstrickt. Seitdem überlege ich, ob diese Änderung – die nicht wirklich spürbar und professionell umgesetzt ist – diese Irritation auslöste. Weiterlesen „Corinna Krenzer – Eine einfache Wahrheit“

Miriam Carbe – Unerwünschte Töchter

Miriam Carbe wurde 1967 als Tochter einer deutschen Mutter und eines nigerianischen Studenten geboren. Gewiss keine leichte Situation für ihre 22-jährige Mutter Monika, zumal sowohl der Vater des Kindes als auch ihre Mutter sie zu einer Abtreibung drängten. Unverheiratet und dem Rassismus einer deutschen Gesellschaft ausgesetzt, die die während des Nationalsozialismus „erlernten“ Einstellungen nur sehr zögerlich ablegte (wenn überhaupt), muss eine Zukunft mit diesem Kind für sie unvorstellbar gewesen sein. Obwohl sie einer Abtreibung zunächst zustimmte, entschied sich Marion schließlich aber doch für das Kind. Miriam Carbe wird damit eine weitere „unerwünschte Töchter“ ihrer Familie. In ihrem autofiktionalen Debütroman erzählt die arte-Redakteurin von gleich drei ihr vorangegangenen Frauengenerationen, die immer wieder an den gesellschaftlichen Erwartungen und Hindernissen zu scheitern drohten, sich aber tapfer dagegen stemmten. Weiterlesen „Miriam Carbe – Unerwünschte Töchter“

Michael Riepl – Ferne Heimat Altmontal

Altmontal – was so pittoresk und heimelig klingt und man vielleicht irgendwo in Bayern oder Baden-Württemberg verorten würde befindet sich in Wahrheit mehr als 2000 Kilometer entfernt und existiert schon lange nicht mehr. Samoschne heißt der Ort heute, gelegen zwischen Dnipro und Asowschem Meer in der Südukraine und seit dem Angriffskrieg Putins von Russland besetzt und in unmittelbarer Frontnähe. Von den deutschen Einwanderern, die zu Beginn des 19. Jahrhundert vom russischen Zar eingeladen wurden, sich hier – ca. 100 Kilometer südlich von Saporischschja – niederzulassen und das Land zu bestellen, sind nahezu alle Spuren verschwunden. Bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts war der von den meist protestantischen Siedlern bewirtschaftete Fleck Erde wohlhabend und blühend. 1919 wurde dort Hedwig Krämer, die Großmutter von Michael Riepl, Autor von Ferne Heimat Altmontal. Das Leben meiner Großmutter zwischen Schwarzem Meer und Kaukasus, geboren. Weiterlesen „Michael Riepl – Ferne Heimat Altmontal“

Johann Reißer – Pulver

Wer kennt schon (außerhalb seiner Geburtsstadt Rottweil) Max Duttenhofer? Eine Internetrecherche ergibt außer dem obligatorischen Wikipedia-Eintrag einen Treffer zu einer Ausstellung in Stuttgart im Jahr 2021 und einen zu der fragwürdigen Seite all4shooters. Letztere präsentiert Testberichte zu Schusswaffen aller Art, erstere trug den Titel „Gier – was uns bewegt“. Damit ist scheinbar schon einiges gesagt, zum „Pulver-König“ aus dem Neckartal, dem Begründer eines Fabrikimperiums für Schießpulver, Kunstfasern und Zelluloseprodukte, dem der Autor Johann Reißer einen äußerst gelungenen historischen Roman widmet, der uns bis ins Jahr 2020 führt. Weiterlesen „Johann Reißer – Pulver“

Natasha Korsakova – Quartett

Spätestens seitdem Donna Leon ihren Brunetti in den (zumindest vorübergehenden) Ruhestand geschickt hat, ist Commissario Dionisio Di Bernardo für mich der unangefochtene König der literarischen Ermittler. In bereits vier Fällen lässt die international renommierte Violinistin Natasha Korsakova Di Bernardo in Rom ermitteln, jedes Mal handelt es sich um Verbrechen in der Musikszene, so auch im jüngsten Quartett. Weiterlesen „Natasha Korsakova – Quartett“

Lektüre Juli 2026

Der Juli – und damit fast der Sommer – ist vorüber. Viele von euch haben unter der Hitze gestöhnt und tun es immer noch und die Natur leidet unter dieser Dürre. Ich als Gartenbesitzerin leide auch. Ich als Sommerkind liebe die Hitze, das beständig gute Wetter. Und verzweifle dennoch an der Untätigkeit gegenüber dem Klimawandel. Lesen lässt es sich ganz vortrefflich auch bei diesem Wetter, sofern man dafür ein kühles, schönes Plätzchen findet. Auch da bin ich als Gartenbesitzerin klar im Vorteil.

Schöne Bücher gab es im Juli, die meine Lektüre in 2026 klar bereichert haben. Allen voran Michael Riepl mit Ferne Heimat Altmontal, seinem Buch über die Großmutter, das mich sehr berührt, aber auch literarisch angesprochen hat. Ähnliches gilt für Unerwünschte Töchter von Miriam Carbe. Elizabeth Strout liebe ich sowieso (wenn auch Erzähl mir alles ein klein wenig weniger als die Vorgänger) und über ein Wiedersehen mit Commissario Di Bernardo von Natasha Korsakova habe ich mich sehr gefreut. Bald werden schon die Longlist-Titel des Deutschen Buchpreises bekanntgegeben. Ich habe mich da beim beliebten Tippen ganz rausgehalten, denn gerade die Longlist lässt sich sehr schwer vorhersagen. Und außerdem wartet ein größeres Projekt. Davon bald mehr. Ich wünsche euch einen tollen Lese-August! Weiterlesen „Lektüre Juli 2026“

Shelly Kupferberg – Stunden wie Tage – Kurz vorgestellt

Berlin Schöneberg, Ende der 1990er Jahre. Ein alte Frau, leicht abgerissen, mit schlohweißem, verfilztem Haar und abgetretenen Pantoffeln läuft durch den Kiez und scheint überall bekannt und beliebt zu sein. Shelly Kupferberg, die dort selbst nach einer Wohnung sucht, fällt diese Frau auf. Obdachlos? In dem Alter? Sehr bald erfährt sie, dass die Frau Martha heißt und millionenschwere Hausbesitzerin sein soll. Gerüchte sagen ihr nach, das Vermögen im Krieg durch eine Affäre mit einem ranghohen Nazi erschlichen zu haben. Die Neugier der Journalistin Shelly Kupferberg, die Jahre später an einem Buch schreibt über ihren reichen Urgroßonkel Isidor, Kommerzialrat, Berater des österreichischen Staates, Multimillionär und Kunstsammler, der 1938 von den Nationalsozialisten enteignet, verfolgt und in den Tod getrieben wurde, ist geweckt. Mit Stunden wie Tage schreibt Shelly Kupferberg nun die berührende Geschichte von Martha auf. Es ist auch eine großartige Berlingeschichte. Weiterlesen „Shelly Kupferberg – Stunden wie Tage – Kurz vorgestellt“

Lukas Bärfuss – Königin der Nacht

Der Schweizer Autor und Georg Büchner Preisträger von 2019 Lukas Bärfuss hat seiner vor einigen Jahren verstorbenen Mutter mit Königin der Nacht ein kurzes, aber eindrückliches Buch gewidmet. Es vermeidet jede Genrebezeichnung, ist aber am ehesten als persönlicher Essay zu charakterisieren. Lukas Bärfuss ist bekannt als (auch) politischer Autor, der seinem Heimatland Schweiz kritisch gegenübersteht. Und so beinhaltet auch sein neuestes Werk eine gehörige Portion Gesellschaftskritik. Weiterlesen „Lukas Bärfuss – Königin der Nacht“