Jacqueline Woodson – Alles glänzt

Die 1963 geborene US-amerikanische Autorin Jacqueline Woodson ist vor allem für ihre Kinder- und Jugendbücher bekannt und vielfach preisgekrönt. 2016 (dt. 2018) veröffentlichte sie mit Ein anderes Brooklyn erstmals einen Roman, der sich an ein älteres Publikum wendet. Dabei blieb sie vielen ihrer Themen wie Coming of age, Rassismus, Klassismus, Gender und Homosexualität treu. Auch in ihrem neuesten Roman, der auf Deutsch unter dem Titel Alles glänzt erscheint, konzentriert Jacqueline Woodson diese Themen in Familiengeschichten. Weiterlesen “Jacqueline Woodson – Alles glänzt”

Lektüre Mai 2021

Ein wenig erfreulicher Mai ist zu Ende gegangen. Viel Regen, wenig Sonne, kühl bis kalt. Der Juni hat bereits viel freundlicher begonnen. Neben ein paar Sommertagen bringen auch positive Entwicklungen bei der Corona-Lage hoffnungsvolle Gefühle. Nur meine Lektüre war im Mai 2021 wirklich sehr zufriedenstellend.

Auch die Leipziger Buchmesse hat das Beste aus der nun schon zweiten Absage gemacht und mit Leipzig liest ein wirklich umfangreiches Programm auf die Beine gestellt, das neben digitalen Veranstaltungen Dank der Lockerungen auch einige Vor-Ort-Veranstaltungen bieten konnte. Leider spielte das Wetter wohl nicht so ganz mit. So habe ich es tatsächlich ein wenig genossen, viele Veranstaltungen von Donnerstag bis Samstag vom heimischen Sofa aus mitverfolgen zu können. Shida Bazyar, Mithu Sanyal, Matthias Jügler, Sharon Dodua Otoo und Christoph Hein waren einige der Autor:innen, denen ich so zuhören konnte. Auch die Verleihung des Preises der Leipziger Buchmesse habe ich so verfolgt. War irgendwie auch schön. Aber bitte, bitte, nächstes Jahr wieder vor Ort!

Aber nun zu meiner Lektüre im Mai 2021.

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Jurica Pavicic - Blut und WasserJurica Pavičić – Blut und Wasser

Ein spannender Roman des kroatischen Autors, den ich mit seinen Erzählungen Fremde Helden kennengelernt habe.

Im September 1989 verschwindet ein junges Mädchen von einem Sommerfest in einem kleinen Städtchen nahe Split. Die Suche verläuft ergebnislos, Zeugen wollen sie am internationalen Busbahnhof gesehen haben. Nur die Familie, besonders ihr Zwillingsbruder geben die Hoffnung nicht auf, suchen weiter, stellen Nachforschungen an. Zwischenzeitlich zerbricht die Jugoslawische Föderation, Kriege überziehen das Land, der Tourismus zerstört langsam die Küstenregion. Die Handlung erstreckt sich bis in die unmittelbare Gegenwart und behält ihre Spannung. Krimiplot, Familienroman und Geschichte Kroatiens verbinden sich auf interessante Weise. Sehr empfehlenswert!

 

helga-schubert-vom-aufstehenHelga Schubert – Vom Aufstehen

In 29 kurzen Texten erzählt Helga Schubert vom Leben. Mit der letzten, titelgebenden Geschichte gewann sie 2020 als bereits 80jährige den Ingeborg Bachmann Preis in Klagenfurt. Eine Sensation.
29 Texte über ihr Leben als Kriegs- und Flüchtlingskind und Kind der deutschen Teilung. Übers vaterlose Aufwachsen, die schwierige Beziehung zur Mutter, Sommer bei der liebenden Großmutter, Leben als kritische Intellektuelle in der DDR. Sie erzählt von ihrem Schreiben, dem Leben in einem Dorf und dem Alltag mit ihrem pflegebedürftigen Mann.
Poetisch verdichtet, bei aller Schwere des Erzählten heiter und dem Leben zugewandt. Ein schönes Buch.

 

louis-philippe-dalembert-die-blaue-mauerLouis-Philippe Dalembert – Die blaue Mauer

Der Haitianer Louis-Philippe Dalembert wählt drei Frauen als Protagonistinnen seines Romans von der großen Flucht übers Mittelmeer. Nigeria, Eritrea und Syrien sind ihre Heimatländer; Judentum, Christentum und Islam ihre Religionen; sehr unterschiedlich auch ihre Herkunft und ihr Weg. Dalembert lässt sie auf einem Flüchtlingsschiff, das ein reales Vorbild hat, aufeinandertreffen. Die gefährliche Überfahrt, inkl. Sturm und Havarie, haben sie gemeinsam. Das bringt sie sich aber nicht näher.

So richtig konnte mich das Buch nicht überzeugen. Zu stereotyp waren doch die Figuren und viele erzählte Aspekte. Dennoch ein wichtiges Buch, viel zu selten wird von diesen verzweifelten Fluchtbewegungen immer noch literarisch erzählt.

 

Yulia Marfutova -Der Himmel vor hundert Jahren Yulia Marfutova – Der Himmel vor hundert Jahren

Ein origineller Debütroman der 1988 in Moskau geborenen Autorin, die in Deutschland Germanistik studierte und heute in Boston lebt. Ein historischer Plot über das Einbrechen der Moderne in ein kleines russisches Dorf, über Aberglaube und Wissenschaft, eine leicht skurrile Dorfgemeinschaft und die großen historischen Schatten in Form von Krieg, Revolution und Bürgerkrieg. Ein ganz eigener, zeitweise sehr witziger Ton konnte mich überwiegend begeistern. Teilweise ging mir die Geschichte ein wenig zu langsam voran. Es gibt durchaus aktuelle Bezüge und eine sehr gelungene Sprache. Empfehlung!

 

Nadia Bozak - Der JungeNadia Bozak – Der Junge

Bereits im letzten Jahr war der Roman der kanadischen Autorin angekündigt worden. Der Wegfall des Gastlandauftritts Kanadas zur Frankfurter Buchmesse führte zum Verschieben des Veröffentlichungstermins. Ich hoffe, dass der Roman dadurch die verdiente Aufmerksamkeit erhält. Ich fand die Geschichte äußerst eindringlich.

Ort und Zeit des Geschehens sind fiktiv und ein wenig dystopisch, erinnern aber stark an das US-amerikanisch-mexikanische Grenzland. In der Wüste hier versuchen vor allem minderjährige “braune” Jungen, in den verheißungsvollen Norden zu gelangen. Nicht nur eine im Bau befindliche Mauer versperrt ihnen den Weg, sondern auch die heiße, menschenfeindliche Wüste. Schleuser verdienen sich ihr Geld mit den Migrationswilligen, lassen sie nicht selten in der Wüste zurück und schicken sie damit in den sicheren Tod. Kopfgeldjäger jagen diejenigen, denen die Flucht dennoch gelungen ist, misshandeln, quälen sie und kassieren von staatlichen Behörden Prämien. In dieser Szenerie treffen eine Weiße auf der Suche nach ihrer in der Wüste verschwundenen Mutter und ein junger Migrant, der nun auch als Schleuser arbeitet, aufeinander. Dazu kommt die alte Hündin der Mutter, die eine eigene Perspektive erhält. Atmosphärisch stark und spannend!

 

Jacqueline Woodson - Alles glänztJacqueline Woodson – Alles glänzt

Jacqueline Woodson ist vor allem als Kinder- und Jugendbuchautorin bekannt. Ihr erster Roman für ein etwas älteres Publikum war Ein anderes Brooklyn, das mich völlig begeistert hat. Auch in ihrem neuen Buch “Alles glänzt” stehen wieder sehr junge Protagonist:innen im Mittelpunkt. Es geht um Teenagerschwangerschaft, Familie, Schwarze Communities, Rassismus, Klassismus und ist wieder sehr gut erzählt. Jacqueline Woodson schreibt im bekannten sparsamen, poetischen Ton. Die locker bedruckten, im eher unüblichen Flattersatz gesetzten Seiten versprühen wieder eine große Unmittelbarkeit, in die man hineingesogen wird. Das Buch ist mit 202 Seiten etwas umfangreicher als der Vorgänger, für die Fülle der angesprochenen Themen ist es aber dennoch kurz. Diese Verknappung und Verdichtung erhöht die Intensität des Textes, den ich allen unbedingt ans Herz lege. Nicht ganz auf dem Niveau des Vorgängers, aber immer noch ein herausragender Roman

 

Ibrahima Balde/Amets Arzallus – Kleiner Bruder

Ein weiterer Roman über die Flucht von Afrika nach Europa. Es ist die Geschichte von Ibrahima Balde, der von Guinea ins Baskenland gelangt, wo der Journalist Amets Arzallus seine Geschichte aufschreibt. Eine berührende Geschichte von der Suche nach seinem jüngeren Bruder, der sich nach Europa aufmacht, in den berüchtigten libyschen Lagern landet und von dem fortan jede Spur fehlt. Ibrahima folgt seinem Weg und lernt selbst die Gefahren und Härten der Wüstendurchquerung und der verzweifelten Suche nach einer Überfahrtmöglichkeit über das Mittelmeer kennen. Niedergeschrieben wie sie erzählt wurde, hat die Geschichte eine eindringliche Unmittelbarkeit.

 

Sebastian Barry – Annie Dunne

Gelungene Charakterstudien in historischem Setting zeichnen viele Romane des irischen Autors Sebastian Barry aus. Das war schon in Tausend Monde so, das im 19. Jahrhundert in den USA spielte. Annie Dunne erzählt nun ein Frauenschicksal im Irland der 1950er Jahre und ist ein früherer Roman Barrys (2002). Sehr zu begrüßen, dass ihn der Steidl Verlag nun auf Deutsch veröffentlicht. Annie Dunne ist eine ältere, schroffe Frau, die bei ihrer Cousine Sarah untergekommen ist, nachdem sie ihr Schwager nach dem Tod der Schwester vor die Tür gesetzt hat. Mittellos, unverheiratet, unausgebildet wäre ihr sonst vielleicht nur das “Armenhaus” geblieben. Toll, wie der Autor in diese Figur hineinschlüpft.

 

Robin Robertson Wie man langsamer verliert

Robin Robertson-Wie man langsamer verliert

Ein sehr bemerkenswerter Roman, der 2018 auf der Shortlist zum Booker Prize stand und ein Erzählpoem ist. Durchaus fordernd in Stil und Inhalt entwickelt die Geschichte um Walker, einen Kriegsheimkehrer mit traumatischen Erinnerungen, der weder in New York noch in Los Angeles so richtig Fuß fassen kann, einen bezwingenden Sog. Erinnerungsfetzen, Wahrnehmungssplitter der Stadt und ihrer Veränderungen, sozialrealistische Schilderungen aus den Tiefen der US-amerikanischen Gesellschaft werden mit Filmszenen und Musikimpressionen in einem ganz eigenen Rhythmus verbunden. Ein wirklich starkes Stück Literatur für mutige Leser:innen.

 

Das waren meine Bücher für die Lektüre im Mai 2021. Mal schauen, ob uns der Juni mehr Lesestunden unter freiem Himmel mit Wärme und Sonne beschert. Ich wünsche euch so oder so eine schöne Zeit!

 

Richard Wagamese – Der gefrorene Himmel

Auch in diesem Jahr ist ein Gastlandauftritt von Kanada auf der Frankfurter Buchmesse zumindest geplant. Inwieweit die Messe dann tatsächlich stattfinden kann und auch ein Besuch kanadischer Verlage und Autoren möglich sein wird, wagt man im Moment kaum vorherzusagen. Literatur aus Kanada sollte aber unabhängig von den durch die Pandemie diktierten Bedingungen auf jeden Fall in den Fokus rücken. Bereits im letzten Jahr gab es eine ganze Reihe spannender Neuerscheinungen und 2021 steht dem in nichts nach. Eine davon ist Der gefrorene Himmel von Richard Wagamese. Weiterlesen “Richard Wagamese – Der gefrorene Himmel”

Roberto Camurri – Der Name seiner Mutter

Bücher über verlassene Kinder gibt es viele. Sind die Geschichten von abwesenden Vätern vielleicht etwas zahlreicher, so sind diejenigen, in denen die Mutter fehlt, oft verzweifelter. Besonders tragisch ist es meist, wenn nicht geklärt ist, warum die Eltern, der Vater oder eben die Mutter fort sind, was mit ihnen geschah, was vielleicht die Beweggründe für ihr Weggehen waren. Wenn in den Familien Schweigen herrscht. Ein solches Schweigen begleitet auch die Kindheit und Jugend des Protagonisten im neuen Roman von Roberto Camurri, Der Name seiner Mutter. Weiterlesen “Roberto Camurri – Der Name seiner Mutter”

Louis-Philippe Dalembert – Die blaue Mauer

Drei Frauen auf der Flucht in ein neues, besseres Leben. Ihre Herkunft und ihre Leben sind so unterschiedlich, aber sie eint die Hoffnung auf einen neuen Start in Europa. Auf einem illegalen Flüchtlingsboot treffen ihre Schicksale aufeinander. Louis-Philippe Dalembert, französischsprachiger Haitianer, nimmt die wahre Geschichte über die im Juli 2014 vom dänischen Öltanker Torm Lotte vor Lampedusa fast 400 geretteten Migranten zum Ausgangspunkt seiner Geschichte in Mur mediterranée, dt. etwas missverständlich Die blaue Mauer betitelt. Weiterlesen “Louis-Philippe Dalembert – Die blaue Mauer”

Shida Bazyar – Drei Kameradinnen

Es beginnt mit einer Zeitungsmeldung. „Jahrhundertbrand in der Bornemannstraße“. Tote, Verletzte und eine Verdächtige in Polizeigewahrsam. Saya M. aus R., von Radikalisierung ist die Rede, von „Wut als Teil ihrer DNA“, von islamistischem Terror, aber auch von linker Gesinnung. Eindeutig ein populistischer Beitrag. Und: brennen nicht eigentlich immer eher die Häuser, in denen Menschen wie Saya wohnen, als dass diese als Brandstifter auftreten? Andererseits… Die Leserin beginnt, sich Gedanken zu machen. Zum Glück schaltet sich bald, bevor sie sich zu schnell in voreiligen Schlüssen einrichten kann, eine Erzählerin ein. Kasih, Freundin von Saya und eine der Drei Kameradinnen bei Shida Bazyar, will nach eigenem Bekunden „fair bleiben, alle Missverständnisse aus dem Weg räumen.“ Gut. Recht bald kommen jedoch Zweifel in die Zuverlässigkeit dieser Erzählerin auf. Weiterlesen “Shida Bazyar – Drei Kameradinnen”

Helga Schubert – Vom Aufstehen. Ein Leben in Geschichten

Das Buch beginnt und endet mit einem Moment des Glücks. Und damit umarmen quasi die beiden Texte Mein idealer Ort und Vom Aufstehen insgesamt 29 kurze Prosastücke, die vom Leben der Autorin Helga Schubert erzählen. Einem Leben, das mittlerweile 81 Jahre währt und das außer den Momenten des Glücks natürlich auch etliche des Schmerzes kannte. Weiterlesen “Helga Schubert – Vom Aufstehen. Ein Leben in Geschichten”

Aude – Das Wanderkind

Das wunderbare an Gastlandauftritten bei der Frankfurter Buchmesse, ob sie nun stattfinden oder nicht, ist, dass Literatur aus diesen Ländern Beachtung findet, die es ansonsten vielleicht schwer hätte, übersetzt zu werden. In den vergangenen Jahren habe ich dadurch schon zahlreiche literarische Entdeckungen gemacht. 2020 und 2021 stand und steht Kanada im Fokus der Aufmerksamkeit und ich habe mich schon durch einige sehr schöne Romane hindurchgelesen. Ganz neu erschienen ist bei Alfred Kröner ein schmales Buch aus dem Jahr 1998 von der frankokanadischen Schriftstellerin Aude, Das Wanderkind. Weiterlesen “Aude – Das Wanderkind”

Verlagsvorschauen Herbst 2021 – Neuerscheinungen

Dieses Jahr erscheint das übliche Vorschauen-Spiel besonders merkwürdig. Wir sehnen uns gerade nach dem Frühling, der einfach nicht kommen will. Die passende große Bücherschau in Form der Leipziger Buchmesse wurde ganz weit in diesen Frühling hinein verschoben, nur damit sie coronabedingt als Präsenzveranstaltung dann doch abgesagt werden musste. Zwar werden einige Veranstaltungen von Leipzig liest zwischen dem 26. und 30. Mai auch analog vor Ort stattfinden, die meisten davon werden aber wieder ins Netz verlegt. So wie etliche Buchpremieren, Autorengespräche, Bloggerveranstaltungen und Zoom-Lesungen. Einen wirklichen Überblick über die Frühjahrsneuerscheinungen zu bekommen, war dementsprechend schwer und ist vielleicht auch noch nicht ganz gelungen. Dennoch flattern bereits die Herbstvorschauen der Verlage ins Haus und machen auf ein neues Programm neugierig. Darin ähnelt die diesjährige späte LBM dann schon fast der Schwesterveranstaltung in Frankfurt, bei der auch bereits die neuen Programme kursieren, während doch eigentlich die Herbsttitel präsentiert werden. Ich habe mich bereits in die einzelnen Verlagsvorschauen zum Herbst 2021 vertieft und eine wiederum völlig subjektive Auswahl der interessantesten, spannendsten, wichtigsten Neuerscheinungen zusammengestellt. Weiterlesen “Verlagsvorschauen Herbst 2021 – Neuerscheinungen”

Lektüre April 2021

Das Jahr rast voran und das erste Drittel ist bereits vergangen. Während der Frühling uns bisher nur kleine Lichtblicke schenkt, zeichnet sich zumindest in der uns alle belastenden Pandemie ein gewisser Hoffnungsschimmer ab. Im Gegensatz zu den nur zögerlich besser werdenden Nachrichten bleibt der Literaturfrühling bisher auf hohem Niveau. Meine Lektüre im April war auch 2021 sehr gelungen. Eine schwere Enttäuschung und ein Buch, von dem ich schon ahnte, dass es nicht meines sein dürfte (das aber der Lesekreis lesen mochte) waren die Ausnahmen von ansonsten durchweg sehr guten Leseerfahrungen. Weiterlesen “Lektüre April 2021”