Wieder ein wunderbarer Lesemonat – die Lektüre im Februar 2023 war vielseitig, anregend, klug und und einige der gelesenen Bücher, wie Die Verwandelten oder Sibir haben tatsächlich Potential, Jahreshighlights zu werden. Fünf Bücher habe ich, teilweise schon in den Vormonaten, teilweise auch zum zweiten Mal für den Bloggerpreis Das Debüt gelesen. Auch das mit großem Gewinn.
Außerdem begann Ende des Monats für mich die Lesungs-Saison 2023 mit einer Veranstaltung im Hessischen Literaturforum in Frankfurt mit Dinçer Güçyeter und Ralph Tharayil. Weiterlesen “Lektüre Februar 2023”→
Viermal bin ich bisher auf jeweils unterschiedlichen Routen mit dem Zug durch Spanien gefahren. Die sich über Hunderte von Kilometern hinziehenden Ebenen mit wahlweise Sonnenblumen, Olivenbäumen, Weinreben oder auch gar nichts werde ich genauso wenig vergessen wie die Öde der Wüste von Almeria, wo man ganze Wild-West-Dörfer besichtigen kann, in denen einst Italo-Western gedreht wurden. Leeres Spanien, ja das sagt mir etwas, und unterscheidet sich so dramatisch von den Großstädten wie Madrid, Barcelona, Bilbao und den dichtbesiedelten Küstenregionen. Mit seinem erzählenden Sachbuch Leeres Spanien hat Sergio del Molino 2016 dort einen Nerv getroffen und etwas losgetreten. Es wurde ein Riesenerfolg in Spanien und löste breite gesellschaftliche Diskussionen aus, schaffte es sogar in eine Parlamentsdebatte.
Die Landflucht nämlich und die damit einhergehende Verödung und Entvölkerung ganzer Landstriche hat Spanien natürlich nicht exklusiv, aber doch ganz vehement getroffen. Heute leben 75% der Bevölkerung in den Ballungsgebieten. 50% der Fläche Spaniens steht quasi leer, mit einer Bevölkerungsdichte wie in Lappland. Diese demografische Leere, diese überall anzutreffenden Geisterdörfer haben Del Molino als übers Land reisenden Reporter zu diesem Buch inspiriert. Er beleuchtet “das große Trauma”, das vor allem in den Jahren von 1950 bis 1970 unter Diktator Franco, der zwar seine Stimmen bevorzugt aus der verarmten Landbevölkerung bezog, diese aber durch seine rücksichtslose Industrialisierungspolitik und gnadenlose Vertreibungen zum Bau etwa gigantischer Staudammprojekte immer tiefer in Elend und Rückständigkeit trieb, tiefe Spuren in der spanischen Landschaft hinterließ.
Mehr assoziativ als streng wissenschaftlich, leider auch manchmal ein wenig redundant, analysiert Sergio Del Molino dieses Leeres Spanien, auch gern anhand von Bezügen zur Literatur und Film. Den verächtlichen Blick der Stadtbevölkerung auf die vom Land entdeckt er dabei schon bei Miguel de Cervantes. Während man dessen Don Quichote nun meistenteils kennt, sind seine anderen Verweise, wie etwas auf den Film “Furchen” (“Surcos”) von José Antonio Nievos Conde einem deutschen Lesepublikum wahrscheinlich ebenso unbekannt wie geschichtliche Spezialitäten wie die Karlistenkriege. Da zieht sich dieses Langessay ziemlich und man braucht einen langen Atem und zumindest ein starkes Interesse an Spanien.
Ich habe das Buch mit Gewinn gelesen. Aber mir zogen bei der Lektüre eben auch die endlosen Sonnenblumenfelder und die menschenleeren, mit Windmühlen gesprenkelten Ebenen durch den Sinn. Und ich liebe Spanien.
Sergio del Molino – Leeres Spanien. Reise in ein Land, das es nie gab Aus dem Spanischen von Peter Kultzen Wagenbach September 2022, 304 Seiten, Gebunden, 30,– €
Die Schriftstellerin Ulrike Draesner beschäftigt sich schon seit langem – autobiografisch oder biografisch inspiriert – mit den Themen Flucht, Vertreibung und transgenerationelle Weitergabe von Traumata, 2014 erschien Sieben Sprünge vom Rand der Welt, 2020 Schwitters, die zusammen mit dem jüngst veröffentlichten Die Verwandelten eine lockere, inhaltlich nicht voneinander abhängende Trilogie ergeben. Weiterlesen “Ulrike Draesner – Die Verwandelten”→
„Eine allgemeine Einführung in die Welt meiner Mutter, ihre persönlichen und gesamtgesellschaftlichen Krankheiten“ – so umschreibt Tatjana Gromača das erste Kapitel ihres Buchs Die göttlichen Kindchen. Und beginnt es gleich sehr drastisch:
„Es gibt verschiedene Arten von Messern, aber für das Abschlachten von Menschen im Krieg sind am besten etwas längere Exemplare geeignet, so wie Jagdmesser zum Schlachten von Wildschweinen.“
Ein Vater und sein achtjähriger Sohn am unteren Rand der US-amerikanischen Gesellschaft: Henry und Junior leben seit einiger Zeit in ihrem alten Truck im mittleren Westen, nachdem sie aus ihrem Trailer rausgeworfen wurden. Sie waschen sich in öffentlichen Toiletten, essen, was sie sich gerade leisten können, und das ist nicht viel. Trotzdem versucht Henry, das Leben irgendwie wieder in den Griff zu bekommen, fährt den Kleinen täglich zur Schule, versucht eine gewisse Regelmäßigkeit. Wie die Beiden sich durchschlagen und wie es überhaupt so weit hat kommen können, davon erzählt Jakob Guanzon in seinem bewegenden Debütroman Überfluss.Weiterlesen “Jakob Guanzon – Überfluss”→
Eine Auswahl und ein Überblick über wichtige nationale und internationale Literaturpreise der letzten Jahre im Bereich Belletristik.
Aktuell: The International Booker Prize
Literaturpreise gibt es, wie man so schön sagt, wie Sand am Meer. Das ist gut und sehr wichtig für die Literatur und die sie Schaffenden. Sind doch nicht nur einige davon sehr gut dotiert, sondern bringen sie alle die nötige Aufmerksamkeit, die Autoren und Bücher brauchen, um nicht in der Flut der jährlichen Neuerscheinungen unterzugehen.
So lobenswert also die Fülle an Preisen international und national auch ist, ist sie für eine Orientierung natürlich eher hinderlich. Auch wenn einige Titel auf verschiedenen Nominierungslisten gleichzeitig auftauchen, sind es doch insgesamt so viele, dass man als Leser:in doch wieder eine Auswahl treffen muss.
Es ist wirklich erstaunlich, welche Meisterwerke der Exilliteratur heute, achtzig Jahre später, noch neu entdeckt werden, bei denen man sich fragt, wie sie vergessen oder sogar ganz übergangen werden konnten. So wie Planet ohne Visum von Jean Malaquais, das nun, 75 Jahre nach seinem Erscheinen, endlich auf Deutsch veröffentlicht wird. Der Edition Nautilus und vor allem seiner Übersetzerin Nadine Püschel sei Dank! Weiterlesen “Jean Malaquais – Planet ohne Visum”→
Neues Jahr- Neues Leseglück : Lektüre im Januar 2023
Nach einem etwas holprigen Start mit Mohamed Mbougar Sarr wurde der Januar noch ein richtig guter Lesemonat mit einigen wirklichen Lese-Highlights. (Und wie verrückt ist es eigentlich, dass schon wieder ein ganzer Monat in 2023 vorbei ist und ich gefühlt in diesem Jahr noch gar nicht angekommen bin?). Besonders Die Romane von Aroa Moreno Duran und Jakob Guanzon finden meiner Meinung nach (noch) viel zu wenig Beachtung in den Besprechungen, beide Bücher sind richtig gut. Und die Neu/Wiederentdeckung eines großen Exilromans – Planet ohne Visum – müsste auch noch viel mehr gefeiert werden. Einzig Dörte Hansen erfährt aus meiner Lektüre im Januar 2023 die ihr gebührende Aufmerksamkeit – zu Recht. Weiterlesen “Lektüre Januar 2023”→
Kenneth Fearing. Nie gehört? Selbst eingefleischte Krimileser:innen wissen zu dem 1902 in Illinois geborenen und 1961 mit nur 59 Jahren verstorbenen Autor hierzulande wenig oder nichts zu sagen. Denn obwohl er in den USA und in anderen europäischen Ländern mit seiner Lyrik, seinen sieben Romanen und – was nicht unbeträchtlich zu seinem Lebensunterhalt beigetragen hat – seinen Geschichten für Pulp-Magazine durchaus erfolgreich war, wurde keiner seiner Texte bisher auf Deutsch veröffentlicht. Dabei ist zumindest sein vierter Thriller, Die große Uhr, ein Noir-Klassiker, taucht in vielen Bestenlisten auf, wurde zweimal verfilmt und brachte Kenneth Fearing sogar die Bewunderung von Raymond Chandler ein, der ansonsten mit Lob eher geizte. Im Elsinor Verlag ist nun endlich eine deutsche Ausgabe in der Übersetzung von Jakob Vendenberg, herausgegeben von Martin Compart, der auch ein informatives Nachwort beisteuerte, erschienen. Weiterlesen “Kenneth Fearing – Die große Uhr”→
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