Elizabeth Strout – Erzähl mir alles

Ein Roman über das Geschichtenerzählen. Der Titel des neuen Romans von Elizabeth Strout ist Programm – Erzähl mir alles. Es werden von den Protagonist:innen zahllose kleine und größere Geschichten erzählt, die nicht immer wirklich interessant sind. Aber auch das ist Programm. Es geht, wie es immer wieder heißt, darum, „unbeachtete Leben“ in Erinnerung zu rufen. Vergessenen Menschen und ihren Schicksalen durch das Erzählen die Beachtung zu schenken, die ihnen im Alltag oft nicht gewährt wird. Es ist der menschenfreundliche, liebevolle, aber auch klare, schonungslose Blick der Autorin, den wir bereits aus acht vorangegangenen Romanen kennen. Weiterlesen „Elizabeth Strout – Erzähl mir alles“

Colm Tóibín – Die Schwestern – Kurz vorgestellt

Zu Beginn von Colm Tóibíns Erzählung Die Schwestern steckt eine von ihnen, Montse, in ihrem Haus in der argentinischen Kleinstadt Chivilcoy fest. Schon zum zweiten Mal wurde Klebstoff in ihr Türschloss gespritzt, es ist Wochenende und die Schlosser gehen nicht ans Telefon, die Nachbarn können sie nicht leiden und die Polizei nimmt ihren Anruf nicht ernst. Ein merkwürdiges Szenario. Weiterlesen „Colm Tóibín – Die Schwestern – Kurz vorgestellt“

Olivier Guez – Die Welt in ihren Händen

Gertrude Bell war zu ihrer Zeit eine der mächtigsten Frauen des British Empires und zumindest im Nahen Osten äußerst einflussreich. Heute ist die 1868 in Washington Hall im Nordosten Englands in eine sehr angesehene und reiche Familie geborene „Forschungsreisende, Historikerin, Schriftstellerin, Archäologin, Alpinistin, politische Beraterin und Angehörige des britischen Geheimdienstes im Ersten Weltkrieg“ (Wikipedia) nahezu vergessen. Der französische Autor Olivier Guez verwebt in Die Welt in ihren Händen ihre Biografie mit der geopolitischen Geschichte des Zweistromlandes, der  Kulturlandschaft in Vorderasien, die durch die großen Flusssysteme des Euphrat und Tigris geprägt ist und heute den Irak und Teile Nordostsyriens umfasst. Die Geschichte dieser Region und die Gründung des Staates Irak, an der Bell maßgeblich beteiligt war, kommen der Leser:in dabei fast näher als der Mensch Gertrude, weswegen der Originaltitel Mesopotamia für mich passender ist als der leicht pathetische deutsche. Weiterlesen „Olivier Guez – Die Welt in ihren Händen“

Rabih Alameddine – Die wirklich wahre Geschichte von Radscha, dem Gutgläubigen (und seiner Mutter)

Ein queerer Coming-of-age-Roman und eine turbulente Mutter-Sohn-Geschichte: Mit Die wirklich wahre Geschichte von Radscha, dem Gutgläubigen (und seiner Mutter) gewann der libanesische, auf Englisch schreibende Autor Rabih Alameddine 2025 den National Book Award. Weiterlesen „Rabih Alameddine – Die wirklich wahre Geschichte von Radscha, dem Gutgläubigen (und seiner Mutter)“

Helene Bukowski – Wer möchte nicht im Leben bleiben

Musik kann Zuflucht sein, Trost, Glück und Heimat, besonders wenn man sie nicht nur hören, sondern selbst zu machen in der Lage ist. Schon für ganz kleine Kinder ist es faszinierend, wenn aus einem „Ding“ plötzlich ein Ton erschallt, wenn man mit ihm interagiert. Noch betörender, wenn daraus wundervolle Melodien tönen. Musikmachen bedeutet neben Faszination aber auch Arbeit, Disziplin, Fleiß und im besten Fall auch Talent, will man nicht nur ein wenig „klimpern“. Das lernen die kleinen Musikschüler bald. Und nicht wenige schreckt das ab. Die anderen verbindet meist eine lebenslange Liebe zur Musik und „ihrem“ Instrument. Nur sehr selten reicht es zu Profiqualitäten, wird die Liebe zur Profession. Viel zu oft verbirgt sich dahinter ein System aus Disziplin, Drill und Druck. Sehr ausgeprägt war (ist) dies in Fernost und den kommunistischen Ländern. Die Autorin Helene Bukowski hat ein Leben, das daran zerbrochen ist, in den Mittelpunkt ihres neuen, für den Preis der Leipziger Buchmesse 2026 nominierten Roman Wer möchte nicht im Leben bleiben gestellt. Weiterlesen „Helene Bukowski – Wer möchte nicht im Leben bleiben“

Navid Kermani – Sommer 24

Navid Kermanis schmales Buch Sommer 24 ist als Roman etikettiert, was für mich nur sehr entfernt zutrifft. Es ist zudem in meinen Augen ein höchst kontroverser Text und für mich teilweise auch etwas problematisch. Ich habe es dennoch mit Gewinn gelesen, könnte mir aber vorstellen, dass viele Leser:innen es wütend zur Seite legen (falls sie es überhaupt erst zur Hand nehmen, wozu ich unbedingt rate). Weiterlesen „Navid Kermani – Sommer 24“

Lena Gorelik – Alle meine Mütter

Alle meine Mütter – zunächst stutzt man über das „alle“ beim Titel des neuen Romans von Lena Gorelik. Ein Roman über Patchworkfamilien? Liest man ein wenig hinein ins Buch, wird relativ bald klar, um was es der Autorin mit ihm geht und warum er diesen Titel trägt. Lena Gorelik verwebt in vielen Geschichten – beobachtet, imaginiert oder recherchiert – ihre eigene Mutter- und Tochterschaft mit den verschiedensten Ausdrucksformen und Wirklichkeiten des Mutterseins. Sie erzählt von Frauen

„die Mutter sein müssensollendürfenkönnenwollen, und über all jene, die nicht Mutter sein müssensollendürfenkönnenwollen; über uns, die wir Kinder von Müttern sind, selbst wenn wir es vielleicht nicht sein wollen“. Weiterlesen „Lena Gorelik – Alle meine Mütter“

Stewart O`Nan – Abendlied

Es gibt Autor:innen, von denen ich ungesehen jedes Buch lesen möchte. Klappentexte studiere ich eher selten und so kommt es manches Mal auch zu Überraschungen. Wie schön etwa, wenn es unverhofft ein Wiedersehen mit altbekannten Romanfiguren gibt, wie etwa in Abendlied von Stewart O`Nan. Hier im Humpty Dumpty Club Pittsburgh sind ältere (bis ziemlich alte) Damen organisiert, die sich gegenseitig und andere hilfsbedürftige Senioren im Alltag unterstützen. Einkaufen, Arztbesuche, Behördengänge, Organisation von Veranstaltungen (meist Beerdigungen) und Krankenhausbesuche stehen neben Bridgeabenden, gemeinsamen Ausflügen, Haustierbetreuung und Kaffeetrinken auf dem Programm. Weiterlesen „Stewart O`Nan – Abendlied“

Peggy Mädler – Selbstregulierung des Herzens

„Ein Roman über Liebe und Kybernetik“ verspricht der Klappentext und irritiert hoffentlich im besten Sinn und macht neugierig. Kybernetik, was war das noch gleich? Kybernetik beschäftigt sich mit der Regulation von komplexen Systemen. Neben komplizierten Maschinen ist der menschliche Körper ein solches System, aber weiter gedacht auch Gesellschaften, generell Beziehungen zwischen Lebewesen. Meist geschieht diese Regulierung über einen Regelkreis, den Vergleich von Soll- und Ist-Werten und der Aktivierung von Regelmechanismen, wenn diese voneinander abweichen. Das Herz ist eines der Organe, die sich (zumindest in begrenztem Umfang) selbst regulieren können. Aber funktioniert eine solche Selbstregulation auch in Gesellschaften? Der Neoliberalismus würde sagen: Ja. Den Konterpart könnte die sozialistische Planwirtschaft einnehmen, die nicht nur wirtschaftliche Systeme zentral regeln will. Peggy Mädler schaut sich diesen Dualismus in ihrem neuen Roman Selbstregulierung des Herzens genau an. Und das auf hinreißende, gar nicht technokratisch trockene Art und Weise. Weiterlesen „Peggy Mädler – Selbstregulierung des Herzens“