Manuel Vilas – Die Reise nach Ordesa

Bevor das Corona-Virus so ziemlich alles durcheinanderwirbelte, war Spanien als Gastland der Frankfurter Buchmesse 2021 geplant. Nun heißt es ein weiteres Jahr warten, denn die Auftritte der Gastländer wurden um jeweils ein Jahr nach hinten geschoben. Es bleibt zu hoffen, dass bis dahin die Anzahl der Veröffentlichungen aus den spanischen Sprachen (das heißt vor allem aus dem Kastilischen und Katalanischen) deutlich ansteigt. Bisher werden gefühlt noch mehr Romane aus dem südamerikanischen Spanisch übersetzt als aus dem Mutterland selbst. Warum sich der deutsche Buchmarkt mit Literatur aus Spanien so schwer tut, wäre der Untersuchung wert. Einer der 2020 erstmals auf Deutsch erschienenen Romane ist „Die Reise nach Ordesa“ von Manuel Vilas. Um es gleich vorweg zu nehmen: Er hat es der Leserin nicht leicht gemacht. Weiterlesen „Manuel Vilas – Die Reise nach Ordesa“

Annie Ernaux – Scham

Am 1. September wurde die französische Autorin Annie Ernaux 80 Jahre alt. Ihre autobiografischen Texte sind mittlerweile zu großen Teilen auch auf Deutsch erschienen – allerdings in abweichender Reihenfolge. Zuerst erschien aufgrund seiner Popularität das relativ späte Die Jahre (Original 2008). Da Annie Ernaux mit ihren stark soziologisch geprägten, analytischen Texten auch bei uns mittlerweile eine große Leser:innenschaft besitzt, folgten auch andere Texte. Nach ihren Erinnerungen eines Mädchens (2018, Original 2016) waren das die Bücher über ihre Eltern, Der Platz (2019, Original 1983) und Eine Frau (2019, Original 1988), nun erschien Die Scham von 1997. Und auch, wenn man denkt, schon viel über das Leben und vor allem die Jugend von Annie Ernaux gelesen zu haben, packt Die Scham erneut. Weiterlesen „Annie Ernaux – Scham“

Candice Carty-Williams – Queenie

„Ach, Queenie“, nicht nur einmal entfuhr der Leserin des Debütromans von Candice Carty-Williams dieser Stoßseufzer. Queenie, die 25 jährige Protagonistin des bei den British Book Award als Book of the Year ausgezeichneten Erstlings sucht ihren Platz im Leben. Und stellt sich dabei nicht nur äußerst ungeschickt, sondern auch selbstzerstörerisch an. Letzteres verbietet auch eigentlich den von der britischen Presse herangezogenen Vergleich, den einer „Schwarzen Bridget Jones“ nämlich.

Ein paar Komponenten haben Queenie und Bridget tatsächlich gemeinsam – junge Frau, Probleme mit Männern, loyaler Freundeskreis und eine Protagonist:in namens Darcy. Aber da hören die Übereinstimmungen auch schon wieder auf. Während sich nämlich Bridget Jones mehr oder weniger tapsig und privilegiert zwischen zwei Männern, die es mehr oder weniger ehrlich mit ihr meinen und sie mit Respekt behandeln, bewegt, sieht das bei Queenie doch ganz anders aus. Die Männer behandeln sie als Sexobjekt, als exotischen Körper. Viele Frauen nehmen sie nicht richtig ernst. Dabei ist sie eine durchaus taffe junge Frau. Sie ist die erste in ihrer weitverzweigten Britisch-Jamaikanischen Familie, die einen Collegeabschluss und einen Vollzeitjob besitzt. Der Kulturteil der Londoner Zeitung The Daily Read zahlt ihr zwar nicht besonders viel, aber die Arbeit macht Spaß und hier hat sie auch eine ihrer besten Freundinnen gefunden, ihre Kollegin Darcy.

Krise

Im Moment befindet sich Queenie in einer tiefen Krise. Ihr langjähriger Weißer Freund Tom hat sich von ihr getrennt. Und wie das feige Männer gerne machen, diese Trennung zunächst als Auszeit deklariert. Und auch wenn Queenie Knall auf Fall die gemeinsame Wohnung verlassen muss, redet sie sich immer noch ein, dass alles schon wieder in Ordnung käme. Zunächst schlüpft sie bei den Großeltern unter, beides recht eigenwillige Charaktere. Sparsamkeit und Sauberkeit sind ihnen oberstes Gebot. Und ein wenig beginnt die Leserin zu ahnen, woher Queenies Ruppigkeit und ihre Unfähigkeit, sich anderen ganz zu öffnen – beides Dinge, die Tom ihr vorgeworfen hat – kommen könnten. Die Großeltern sind ihr durchaus zugetan, kümmern sich rührend, aber Herzlichkeit, Wärme oder Verständnis sind hier nicht zuhause.

Und von ihren Eltern hat Queenie auch nichts zu erwarten. Ihr Vater ist schon lange über alle Berge und Mutter Sylvie, viel zu jung schwanger geworden, ließ ihre damals erst 11jährige Tochter beeinflusst von einem zwielichtigen Typen, der sie schließlich auch noch um ihr ganzes Geld brachte, ganz allein in der gemeinsamen Wohnung zurück bis die Großeltern sie zu sich nahmen. Von diesem Kindheitstrauma, nicht gewollt zu sein, verstoßen zu werden, rührt Queenies fehlendes Selbstwertgefühl her. Und nun hat sie auch noch Tom verlassen, ihre große Liebe.

Flucht

In der Folge versucht Queenie, die Endgültigkeit der Trennung zu verdrängen, den Kopf hoch zu behalten – sich hängen lassen war im Haus ihrer Großeltern nie eine Option – und trifft eine ganze Reihe von falschen Entscheidungen, vor allem solche, die Männer betreffen. Eine toxische Begegnung folgt der nächsten, alle nach dem gleichen Schema, alle mit Weißen. Queenie redet sich ein, selbst zu bestimmen, den lieblosen Sex zu wollen. Dabei merkt jeder auch nur rudimentär empathische Mensch, dass Queenie eigentlich Nähe und Anerkennung sucht. Und sich mehr und mehr nur noch als Körperöffnung fühlt.

Das alles hat auch Auswirkungen auf ihre Gesundheit und ihre Arbeit. Dort trödelt sie zunehmend und wird abgemahnt, schließlich suspendiert. Zum Glück hat sie gute Freundinnen, die sie im Whatsapp-Chat „Die Corgis“ immer wieder aufbauen.

Witzig und tieftraurig

Der schnodderige Ton, in dem Queenie mit viel Selbstironie von sich erzählt führt zu viel Witz, das Buch ist teilweise wirklich schreiend komisch. Aber das hält nie lang an, dann bleibt der Leserin das Lachen im Halse stecken und sie fragt sich: Was machst du denn jetzt wieder Queenie? Ihre Geschichte ist trotz der Komik tieftraurig, tragisch und bitter. Die Verletzungen der Kindheit und die Kerle, die sie immer nur als exotische Bettgeschichte betrachten prägen ihr Leben, ohne dass sie daraus die richtigen Lehren zieht. Als erfolgreiche Schwarze Britin fühlt sie sich oft zwischen allen Kulturen, gehört nicht mehr ganz zu ihrer Jamaica-Familie, aber schon gar nicht zu den hippen, urbanen Weißen, die ihr altes Viertel Brixton zunehmend gentrifizieren.

Der allgegenwärtige Rassismus dieser vermeintlich Liberalen – ob Toms Familie über die künftigen Kinder phantasiert („deine schöne, glatte Haut, Queenie, aber heller, Toms schmale Nase“), ob ihr wildfremde Frauen ständig in die Haare fassen oder sie permanent auf ihren kurvenreichen, exotischen Körper reduziert wird – ist natürlich „nie so gemeint“, Queenie soll sich doch bitte nicht so anstellen.

Dieses ganze Umfeld, die aufkommende Black Live Matters-Bewegung, Queenies krasser Mangel an Selbstwertgefühl – das unterscheidet das Buch doch ganz deutlich von der viel harmloseren Bridget Jones. Bei Queenie von Candice Carty-Williams geht es in allen Bereichen zur Sache. Das ist politisch, das ist tieftraurig, das macht wütend und ist nicht zuletzt sehr witzig. Eine tolle Mischung. Und am Ende geht es nicht wie bei so vielen ähnlichen Romanen darum, „Mr. Right“ zu finden, sondern sich selbst. Eine große Leseempfehlung!

 

Beitragsbild von pxhere

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Candice Carty-Williams Queenie.

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Candice Carty-Williams – Queenie
Übersetzt von Henriette Zeltner-Shane
Blumenbar August 2020, Gebunden mit ausklappbarem Vorsatz, 544 Seiten, 22,00 €

Thomas Hettche – Herzfaden

„Der Herzfaden lässt uns glauben, sie sei lebendig, denn er ist am Herzen der Zuschauer festgemacht.“ So zitiert Thomas Hettche den Gründer der Augsburger Puppenkiste, Walter Oehmichen, in seinem Roman Herzfaden, der die Geschichte des berühmten Marionettentheaters mit der Familiengeschichte der Oehmichens und einer Mentalitätsgeschichte der jungen BRD verbindet. Weiterlesen „Thomas Hettche – Herzfaden“

Ray Bradbury – Fahrenheit 451

Fahrenheit 451, vom US-amerikanischen Autor Ray Bradbury 1953 in nur neun Tagen zu Papier gebracht und im gleichen Jahr veröffentlicht, zählt schon lange zu den klassischen dystopischen Romanen. Wie seine „großen“ Brüder Schöne neue Welt von Aldous Huxley (1932) und 1984 von George Orwell (1949) zeichnet Fahrenheit 451 eine düstere Zukunftsvision, indem er bestimmte gesellschaftliche Tendenzen und Entwicklungen antizipiert oder auch nur weiterentwickelt. Dabei ist es ihm weniger um technische Errungenschaften als um das Zusammenleben der Menschen auf der Erde und die Organisation ihrer Beziehungen in bestimmten Gesellschaftssystemen zu tun.

Mehr als an vielen anderen Genres nagt der Zahn der Zeit an den Zukunftsszenarien, müssen sie sich einer Überprüfung ihrer Visionen, dem Messen an den tatsächlich eingetretenen Begebenheiten unterwerfen lassen. Das ist bei zeitlich recht nah verorteten Handlungen, wie der von „1984“ natürlich noch heikler als bei weit entfernten wie „Schöne neue Welt“, das im Jahr 2540 spielt. Die großen Dystopien zeichnen sich nun dadurch aus, dass vielleicht das eine oder andere Detail mittlerweile etwas amüsant erscheinen mag, anderes überzogen, dass aber die übergeordnete Vision nicht ihre Strahlkraft und Aktualität eingebüßt hat, dass ihnen also eine gewisse Zeitlosigkeit innewohnt.

kritisches Denken verboten

Gemeinsam ist den meisten Dystopien die Angst vor dem Verlust der Individualität und der Selbstbestimmung des Menschen in der Zukunft. War es bei Huxley die strenge Klassifizierung von in Zuchtanstalten herangezogenen Menschen in Führungspersonal und Arbeitssklaven unterschiedlicher Rangordnung bei gleichzeitiger Konditionierung auf permanente Triebbefriedigung und Drogenkonsum, die den Menschen durch eine Weltregierung jegliches kritisches Denken oder eigenbestimmtes Handeln raubte, war es bei Orwell der totalitäre Überwachungsstaat des „Big Brother“ und die Möglichkeit der Gehirnwäsche im Verein mit Propaganda, die alle Untertanen auf Linie brachte, ist das perfide bei Fahrenheit 451, dass sich die Menschen hier anscheinend weitgehend selbst entmündigen.

Auch hier sind Entertainment, Drogenkonsum und der konsequente Ausschluss aller möglichen negativen Gefühle ein zentrales Element, um die Bevölkerung in einen Zustand der Apathie und Stumpfheit zu versetzen. Die Machthaber bleiben dabei einigermaßen abstrakt, vielmehr scheinen sich die Menschen selbst jeglichen kritischen Denkens und jeglicher Individualität zu berauben. Das geschieht durch permanente Berieselung mit Gameshows, Endlosserien und Reality-TV, das echte Beziehungen weitgehend abgelöst hat. Die Darsteller auf den Rundum-Bildschirmen, den „Wänden“ des heimischen Wohnzimmers, werden zur eigentlichen Familie, Ehe wird zur Zweckgemeinschaft, das Kinderkriegen ist weitgehend aus der Mode (und wenn, dann werden die Sprösslinge irgendwo anders „geparkt“). Neil Postmans 1985 postuliertes „Wir amüsieren uns zu Tode“ wurde da bereits vorweggenommen.

Brennende Bücher
Foto by LearningLark / CC BY via Wikimedia Commons
Feuermänner

Um das System aufrecht zu erhalten, gibt es bestimmte Kontrollinstanzen. Eine davon sind die „Feuermänner“. Diese beseitigen etwas, das als „zum Unglück anstiftend“ gebrandmarkt wird und deshalb strikt verboten ist: die Bücher. Als Hort alles Wissens, als Anleitung zum selbständigen Denken, zum Hinterfragen, aber auch als Speicher der Vergangenheit, die möglichst (wie auch die Zukunft) ausgeblendet gehört, sind sie der bestehenden Ordnung ein Dorn im Auge. Sie aufzuspüren und zu vernichten ist Aufgabe der Firemen – in der neuen, dicht am Originaltext bleibenden Übersetzung von Peter Torberg endlich nicht mehr als „Feuerwehrmänner“, sondern als „Feuermänner“ übersetzt. 451 Fahrenheit, das entspricht 233° Celsius. Die Temperatur, bei der sich Papier selbst entzünden soll. Wobei die Feuermänner gerne mit Kerosin nachhelfen.

Einer dieser Feuermänner ist Guy Montag, der „Held“, den Ray Bradbury für Fahrenheit 451 wählt. Eigentlich ein angepasstes Mitglied der Gesellschaft, der die Sinnhaftigkeit seines Berufs keineswegs anzweifelt, gerät er durch die Begegnung mit einem Nachbarmädchen ins Grübeln. Diese Clarisse McClellan verweigert sich dem Entertainment, liebt die Natur und konfrontiert Guy mit der Frage, ob er denn glücklich sei. Eine Frage, die er sich offensichtlich noch nicht gestellt hat.

Dass das Mädchen kurz nach ihrer Begegnung mitsamt der Familie spurlos verschwindet, bringt ihn genauso ins Straucheln wie ein Einsatz, bei dem seine Einheit nicht nur Bücher und das Haus, in denen sie gefunden wurden, sondern auch die darin lebende Frau verbrennt. Plötzlich schafft er bei seinen Einsätzen Bücher beiseite, versteckt sie bei sich und – liest. Dabei verhält er sich so ungeschickt, dass er sehr bald enttarnt, von seiner Frau denunziert und zunächst von seinem Vorgesetzten Captain Beatty ermahnt, schließlich aber offen verfolgt wird. Er flieht zu den „Außenseitern“, den Hütern des Wissens, die Inhalte von Büchern memorieren, in die Wildnis.

Botschaft

Der Plot und die Charakterisierungen sind, zumindest von heute aus betrachtet, reichlich schlicht. Mir kommt es fast schon wie eine Majestätsbeleidigung vor, das offen auszusprechen. Und doch empfinde ich es so und lege es vielleicht den nur neun Tagen, die Ray Bradbury die Niederschrift von Fahrenheit 451 kostete, zur Last. Seine Bedeutung, die der Roman immer noch hat, schmälert das nur wenig, liegt sie doch eher in der Aussage, in der Mahnung, dass die Unterdrückung von kritischem Denken, die Geringschätzung, gar Verfolgung von Wissen, das Verdrängen jeder Art von Vergangenheit und die permanente Unterhaltung in die Selbstentmündigung des Menschen, in die Nivellierung menschlicher Beziehungen und letztendlich in die Entmenschlichung und Gefühllosigkeit führt. Nicht umsonst tobt im Hintergrund, von der Bevölkerung kaum mehr wahrgenommen, ein beständiger Krieg.

Mit dieser Aussage folgt Ray Bradbury mit Fahrenheit 451 keinem Geringeren als Immanuel Kant, der postulierte: „Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen.“ Das ist heute so aktuell wie 1784 oder 1953 und hat die gelungene Neuübersetzung von Peter Torberg mehr als verdient. Und ebenso seinen Rang als Klassiker.

 

Eine weitere Rezension bei Astrolibrium

Beitragsbild Feuermänner von lecreusois auf Pixabay

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Ray Bradbury - Fahrenheit 451.

Ray Bradbury – Fahrenheit 451
übersetzt von Peter Torberg
Diogenes Juli 2020, Hardcover Leinen, 272 Seiten, € 24,00

 

Jean-Paul Dubois – Jeder von uns bewohnt die Welt auf seine Weise

Jean-Paul Dubois hat 2019 den französischen Prix Goncourt mit einem sehr amerikanischen Roman gewonnen. Der 1950 in Toulouse geborene Dubois war ab 1984 zwanzig Jahre lang Amerikabeobachter für das französische Nachrichtenmagazin Le nouvel observateur und bezeichnet sich selbst als großer Verehrer von amerikanischen Autoren wie Philip Roth und John Updike. Aber nicht nur die stilistische Nähe macht „Jeder von uns bewohnt die Welt auf seine Weise“ zu einem „amerikanischen“ Roman, Jean-Paul Dubois wählt als einen zentralen Handlungsort den nordamerikanischen Kontinent. Dort, im Bordeaux-Gefängnis in Montréal, Québec, Kanada, sitzt sein Ich-Erzähler eine Haftstrafe ab.

Ein Großteil der Spannung des Buchs erwächst daraus, dass dem Leser zu Beginn nur andeutungsweise der Grund für den Gefängnisaufenthalt offenbart wird. Eine schwere Körperverletzung, vielleicht auch versuchte Tötung scheint von Paul Hansen begangen worden zu sein. Auch was es genau mit den „drei Toten“, die er von Anfang an betrauert, auf sich hat und ob sie mit seiner Tat in Verbindung stehen, wird erst nach und nach klar. Wer sie sind, erzählt uns Paul Hansen aber gleich: sein Vater, der aus Dänemark stammende Johanes Hansen, seine indigene kanadische Frau Winona und seine Hündin Nouk. Und die große, überwältigende Trauer, die er über deren Tod empfindet, durchzieht den gesamten Roman.

Dänischer Vater, französische Mutter

Paul Hansen wurde als Sohn des aus dem nördlichsten Zipfel Dänemarks, aus Skagen, stammenden Pastors Johanes und der lebenslustigen französischen Kinobesitzerin Anna Margerit in Toulouse geboren. Die Heimat seines Vaters, die versandete Kirche südwestlich von Skagen und die dänische Verwandtschaft faszinieren den jungen Paul ebenso wie die vielen Fragen, die er sich zu seinen Eltern stellt. Vor allem die eine: wie kommt es, dass zwei so völlig unterschiedliche Menschen zueinander gefunden haben? Dass sie sich voneinander angezogen gefühlt und eine gemeinsame Familie gegründet haben? Paul erzählt ihre Geschichten, aber entschlüsseln kann er dieses Rätsel nicht.

Skagens versunkene Kirche
Skagens versunkene Kirche by Malene Thyssen / CC BY-SA via Wikimedia Commons

Die Ehe scheitert, wenn auch erst spät. 1975, Paul ist da bereits zwanzig Jahre alt, verlässt Johanes Frankreich und Europa und tritt eine Stelle als Pastor einer Kirchengemeinde im französischsprachigen Teil Kanadas, in Thetford Mines, einem kleinen Nest südlich der Stadt Québec, an. Paul folgt ihm dahin kurz darauf. Nach dem Tod des Vaters 1982 zieht Paul nach Montréal und gerät eher zufällig an die Stelle eines Hausmeisters in einer exklusiven Wohnanlage für betuchtere Senioren. Für die Bewohner des Excelsior wird er bald zur guten Seele und „Mädchen für alles“. Doch auch hier ändern sich die Zeiten.

Kanada

2009 ist die Gegenwartsebene des Romans. Paul Hansen sitzt im „Bordeaux“ ein und erinnert sich. Die melancholischen Rückblenden werden durch diese alternierenden Gefängnisszenen humorvoll aufgelockert. Denn so verlassen von allen sich Paul hier auch fühlt, beschreibt er den Alltag in der Strafanstalt doch mit viel Humor. Ein Großteil der Komik rührt vom Zellengenossen Patrick her. Der ist ein Hells Angels Angehöriger und sitzt eine längere Haftstrafe ab. Auch wenn er seine Unschuld beteuert, ist er der Gewalt durchaus nicht abgeneigt und wird verdächtigt, an der Exekution eines „Verräters“ beteiligt gewesen zu sein. Ein Hüne von einem Mann, aber kindlich in der Seele und verrückt nach seiner Harley Davidson. Mit Patrick Horton kommt viel Witz in das Buch, gleichzeitig ist seine Charakterisierung aber auch ein wenig schlicht und vorhersehbar.

Das gilt übrigens auch für Paul und alle anderen Figuren des Romans. Ist Patrick der Typ „außen hart und brutal, innen aber verletzlich und gut“, so sind die anderen Personen alle eigentlich nur Schwarz oder Weiß. Das mag am Ich-Erzähler Paul liegen, macht die ganze Sache aber ein wenig flach. Besonders die geradezu Vergötterung seiner Frau Winona, halb Alonquin Indianerin, halb Irin, einer mutigen Pilotin von Wasserflugzeugen, ist manchmal ein wenig aufdringlich. Auch Paul ist daraufhin angelegt, dass man ihn sofort ins Herz schließen soll.

Etwas zu vorhersehbar

„Jeder von uns bewohnt die Welt auf seine Weise“ von Jean-Paul Dubois ist eine schön erzählte, so melancholische wie humorvolle Geschichte. Auch gesellschaftskritische Aspekte sind durchaus vorhanden, beispielsweise, wenn es um den Umgang der Gesellschaft mit Arbeitnehmern geht, wenn der Profit über allem steht. Dennoch ist die Handlung zu vorhersehbar und auch die Auflösung, was es nun mit den drei Toten auf sich hat, enttäuscht am Ende.

Dass der Roman den Prix Goncourt, schließlich den einflussreichsten französischen Literaturpreis, erhalten hat, überrascht dann doch ein wenig. Besonders, wenn man sich die hochkarätigen Gewinner der letzten Jahre, Nicholas Mathieu „Wie später ihre Kinder“, Éric Vuillard „Die Tagesordnung“ oder auch Mathias Énard „Kompass“ in Erinnerung ruft. „Jeder von uns bewohnt die Welt auf seine Weise“ von Jean-Paul Dubois rangiert da eher auf der Ebene von Paul Lemaitres „Wir sehen uns dort oben“ – gut geschriebene, unterhaltsame Romane.

Constanze von Zeichen und Zeiten besprach den Roman sehr positiv.

 

Beitragsbild: Bordeaux Gefängnis Montréal by Stéphane Batigne / CC BY via Wikimedia Commons

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Jean-Paul Dubois Jeder von uns bewohnt die Welt auf seine Weise.

Jean-Paul Dubois – Jeder von uns bewohnt die Welt auf seine Weise
Aus dem Französischen von Nathalie Mälzer und Uta Rüenauver
dtv Literatur Juli 2020, gebunden, 256 Seiten, € 22,00

Valentin Moritz – Kein Held

Der Badische Landwirtschafts-Verlag veröffentlicht neben der Bauern-Zeitung und dem jährlichen Bauern-Kalender nur eine Handvoll Bücher mit regionalem Bezug, ist mir also (nicht verwunderlich) bisher völlig unbekannt geblieben. Im Frühjahr 2020 erschien ein Roman, der zwar auch im Badischen verortet ist, aber doch weit über das rein Regionale hinausweist und eine schöne, liebevolle Generationengeschichte erzählt: Kein Held von Valentin Moritz.

Der 1987 im südbadischen Niederdrossenbach geborene Autor lebt schon seit langem in Berlin. In jungen Jahren galt es, so bald wie möglich raus aus dem Dorf zu kommen, raus aus der ländlichen Enge. Er studierte in Berlin Literaturwissenschaften und lebt seitdem dort. Der Kontakt zu seiner badischen Heimat riss dadurch aber nicht ab. Regelmäßig traf sich dort die Großfamilie rund um dem Großvater Josef Mutter, dessen neun Kinder, fast vierzig Enkel und mittlerweile auch Urenkel. Großmutter Erna starb bereits 1989, mitten in ihrem Bauerngarten. Auf dem Fest zu seinem 90. Geburtstag sprach Josef seinen schreibenden Enkel an. Er hätte da einige Geschichten, die noch erzählt werden müssten, nicht vergessen werden dürften. Und Valentin kenne sich da doch aus.

Gespräche mit dem Großvater

Das war der Ursprung des vorliegenden Buchs. In vielen Gesprächen mit dem 1922 geborenen Großvater erzählt dieser von seiner dörflichen Kindheit, von den Veränderungen auf dem elterlichen Hof, von der Zeit unter nationalsozialistischer Herrschaft, wie der Vater ihm verbot, sich dem Jungvolk anzuschließen. 1941 wird er zur Wehrmacht eingezogen, übersteht den Krieg vergleichsweise unbeschadet in Frankreich und Tunesien. Bis zu seiner Gefangennahme hat er laut eigener Aussage das große Glück, nie auf jemanden direkt geschossen zu haben. Er sei „Kein Held“ gewesen, erzählt er Valentin Moritz. Die Gefangenschaft verbringt er bis 1946 in den USA. Auch dort hat er das Glück, anständig behandelt zu werden. Dennoch prägt der „gottverreckte Krieg“ seine Haltung.

Nach seiner Rückkehr gründet er mit Erna eine Familie, führt den Hof und einen Holzhandel. Trotz vieler Arbeit, wenig Geld und später einer Krebserkrankung lebt man recht gut und zufrieden, bis Erna stirbt. Der Hof wird von Tochter Johanna zum Reiterhof umgestaltet, Josef bleibt noch länger im Holzhandel aktiv. Und engagiert sich auch zivilgesellschaftlich, kämpft gegen die Abschiebung seines aus dem Kosovo stammenden Mitarbeiters Miftar und für die Umbenennung der Hindenburgschule in Bad Säckingen, denn der „hat die Demokratie von Anfang an zur Sau gemacht.“ Bewundert hat er den französischen Diplomat und Essayist Stéphane Frédéric Hessel und dessen 2010 veröffentlichtes „Empört euch.“ Valentin Moritz wählt deswegen auch ein Zitat von Hessel als Motto für Kein Held:

„Die schlimmste aller Haltungen ist die Gleichgültigkeit.“

Die Aufzeichnungen der Gespräche mit seinem Großvater gibt Moritz in wörtlicher Rede wieder, ganz unmittelbar. Über der Niederschrift kommt er aber ins Nachsinnen über seine eigene Kindheit und Jugend in Niederdrossenbach, eine Feld- und Wiesenkindheit in den irgendwie sorgenfreien 1990er Jahren, wie sie heute im städtischen Raum kaum mehr möglich wäre. Es folgen die rebellischen Jahre, das Schopfheimer Jugendzentrum „Irrlicht“, seine Band. Den Anfang im Buch macht aber die berührende letzte Begegnung mit seinem Großvater 2016, der da bereits im Sterben liegt, zunehmend austrocknet, weil er nichts mehr trinkt. Der aber phasenweise durchaus noch einmal zu alter energischer Entschlossenheit zurückfinden kann.

So ist Kein Held nicht nur zu einem liebevollen Porträt eines widerständigen, eigenwilligen, geliebten Menschen geworden, sondern auch ein Erinnerungsbuch des Autors, ein Nachdenken über Herkunft, Heimat, familiäre Bindungen. Autofiktion, die weit über die südbadische Region hinausweist.

 

Bild von Manfred Antranias Zimmer auf Pixabay

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Valentin Moritz - Kein held.

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Valentin Moritz – Kein Held

Badischer Landwirtschafts-Verlag Mai 2020, 224 Seiten, Hardcover, 18,00 € 

Seweryna Szmaglewska – Die Frauen von Birkenau

Seweryna Szmaglewska war 26 Jahre alt, als sie am 18. Juli 1942 in ihrer Heimatstadt Piotrków Trybunalski verhaftet wurde. Grund dafür war nicht die Untergrundarbeit, die die junge Warschauer Soziologiestudentin für den polnischen Widerstand leistete, sondern die tragische Fehleinschätzung eines deutschen SS-Mannes, der das Geraderücken ihrer Brille in der Öffentlichkeit als ein geheimes Signal interpretierte. Zur Zeit der deutschen Besatzung Anlass genug für eine Internierung. Seweryna Szmaglewska wurde im Oktober nach Auschwitz-Birkenau deportiert und verbrachte dort, bis sie im Januar 1945 bei der Liquidierung des Lagers fliehen konnte, unglaubliche 30 Monate als politische Gefangene. Sie begann sogleich mit der Niederschrift ihrer Erinnerungen, die sie in Polen zu einer bekannten Autorin machten und zu einer der Zeuginnen bei den Nürnberger Prozessen. Übersetzungen in zehn Sprachen folgten, Deutsch war nicht darunter. Erst jetzt, 75 Jahre später, erscheinen die Aufzeichnungen von Seweryna Szmaglewska im Schöffling Verlag unter dem Titel Die Frauen von Birkenau.

Jüdische Frauen in Auschwitz-Birkenau
Jüdische Frauen in Auschwitz-Birkenau 1944, via Wikimedia Commons CC0
Lagerhäftling Nummer 22090

Nichts vom Leben der Autorin vor Auschwitz erfahren wir durch ihren Bericht, nicht vom frühen Tod der Eltern, nichts von der Lehrerin, die zu ihrer geliebten Pflegemutter wird, nichts von ihren schriftstellerischen Ambitionen, der Arbeit für den Polnischen Rundfunk. Als Lagerhäftling Nummer 22090 taucht sie völlig unter in der Menge der Internierten. Lediglich im Vorwort gebraucht sie hin und wieder „ich“, „mein“, „wir“. Der Rest des Buches ist in einem merkwürdig allgemeingültigen, distanzierten Ton verfasst. Nur andeutungsweise ist zu erfahren, dass Seweryna Szmaglewska nicht nur zu den besonders gesunden, widerstandsfähigen Frauen gehört haben muss, die mehrmals Typhus und andere Krankheiten überstand, sondern dass sie sowohl im Lagerteil „Kanada“, der die den Häftlingen bei Einlieferung abgenommenen Besitztümer verwaltete, als auch auf den Feldern gearbeitet haben muss. Auch ihre Bekanntschaft mit dem beim Bautrupp arbeitenden Häftling Witold Wiśnewski, mit dem sie nach dem Krieg eine Familie gründen wird, bleibt unerwähnt. Mehr über die Autorin erfahren wir erst im informativen Nachwort der Übersetzerin Marta Kijowska.

Dieser distanzierte, sachliche Stil, in dem Seweryna Szmaglewska wie in einer Art Selbsttherapie und als Verpflichtung den Opfern gegenüber ihre Zeit in Auschwitz-Birkenau aufgeschrieben hat, und die große zeitliche Nähe zum Erlebten – bereits im Juli 1945 war das Buch abgeschlossen und im Dezember in den Buchhandlungen erhältlich – führten wahrscheinlich dazu, dass es als Beweismittel im Prozess gegen die Hauptverbrecher der Nationalsozialistischen Diktatur vor dem Internationalen Militärgericht in Nürnberg diente. Seweryna Szmaglewska benannte die Täter mit Klarnamen und sagte auch persönlich vor dem Gericht aus.

Seweryna Szmaglewska
Seweryna Szmaglewska via Wikimedia Commons
Allgemeingültigkeit

Der lakonische, kühle Stil der Aufzeichnungen ist aber vielleicht auch mit ein Grund, weshalb es das Buch in Deutschland bisher so schwer hatte. Ein solch nüchterner Stil, gerade auch von einer weiblichen Zeitzeugin! Dabei ist das Buch von großer stilistischer Brillanz und einem stringenten Aufbau, also auch literarisch herausragend. Und trotz oder gerade wegen seiner betont um Allgemeingültigkeit bemühten, distanzierten Erzählweise absolut eindringlich, beispielsweise bei den kleinen Porträts einzelner Frauen. Besonders intensiv wird es durch die vielen Details, mit denen der Lageralltag und die Verrohung unter den Bewachern, aber auch unter den Internierten, geschildert werden. Die ständigen Zählappelle, die sinnlosen Entlausungen, zermürbende Alltäglichkeiten, dazu ersonnen, den Internierten ihre Menschlichkeit zu stehlen. Die strengen Hierarchien, die gebildet wurden. SS-Männer, Kapos, Funktionsgefangene, Lager-, Blog- und Stubenälteste – es gab eine genaue Rangordnung, der sich auch die Gefangenen mehr oder weniger skrupellos bedienten.

Seweryna Szmaglewska schreckt dabei auch nicht zurück, diese Gruppenbildung in Die Frauen von Birkenau genau zu beleuchten. Netzwerke waren dabei manchmal die einzige Möglichkeit, zu überleben. Eine besonders unrühmliche Rolle spielten dabei oft die „Kriminellen“. Auf sie wirft die Autorin einen strengen Blick, ebenso auf die meisten der im Lageralltag bevorzugten deutschen (nichtjüdischen) Insassen, wobei es noch die Unterscheidung Reichdeutsche, Volksdeutsche und die Unterzeichner einer Erklärung zum Deutschtum gab. Am untersten Rand der Rangordnung standen die jüdischen Gefangenen.

Weibliche Gefangene in Birkenau
Weibliche Gefangene in Birkenau Mai 1944, CC0 via Wikimedia Commons
Überfällige deutsche Üersetzung

Bei aller Objektivität, um die Seweryna Szmaglewska bemüht ist, fällt sie aber auch oft harte Urteile gegenüber ihren Mitgefangenen. Ein gewisser Hochmut, etwa gegenüber den inhaftierten „Zigeunern“, schimmert auch durch. Dies ist gewiss der Zeit verhaftet, genau wie manche sachliche Fehlerhaftigkeit, etwa bei der Angabe im Vorwort, dass in Auschwitz ca. 5 Millionen Menschen verbrannt worden seien (in Wirklichkeit um die 1,3 Millionen).

Die Frauen von Birkenau von Seweryna Szmaglewska ist eines der unmittelbarsten Zeugnisse der grauenvollen Zustände im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau und eines der eindringlichsten zum Lageralltag mit besonderem Blick auf die dort gefangenen Frauen. Im Original Dymy nad Birkenau (Rauch über Birkenau) betitelt, musste es nicht nur 75 Jahre auf die deutsche Übersetzung warten, sondern auch noch seinen Titel an die 1997 im Kunstmann Verlag erschienene Erzählungssammlung von Liana Millu abtreten. Dass der Schöffling Verlag diese Versäumnisse nun behebt ist der Anerkennung mehr als wert. Im November erscheint dort dann auch das Buch „Bei uns in Auschwitz“ des polnischen Landmannes Tadeusz Borowski neu.

Zu einem ebenfalls sehr früh 1945 entstandenen Werk, Ich blieb in Auschwitz von Eddy de Wind (Piper), das auch in diesem Jahr zum ersten Mal auf Deutsch erschienen ist, hat Birgit auf Sätze und Schätze eine Besprechung geschrieben.

 

Beitragsbild via Pixabay

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Seweryna Szmaglewska Die Frauen von Birkenau.

Seweryna Szmaglewska – Die Frauen von Birkenau
Aus dem Polnischen und mit einem Nachwort von Marta Kijowska

Schöffling Verlag Juli 2020, 456 Seiten. Mit 16-seitigem Bildteil. Gebunden. € 28,00

Andreas Schäfer – Das Gartenzimmer

Romane, in deren Zentrum ein Haus steht, sind so selten nicht. Ich denke da beispielsweise an das großartige „Heimsuchung“ von Jenny Erpenbeck. Und selbst solche, in denen die Erzählstimme selbst zumindest teilweise von einem Haus übernommen wird, gibt es bereits (u.a. „Heimflug“ von Brittany Sonnenberg). Auch der 1969 geborene Autor Andreas Schäfer wählt für seinen neuen Roman „Das Gartenzimmer“ eine 1909 erbaute Villa im Südosten Berlins, man könnte Dahlem vermuten, als Mittelpunkt. Die Straße, in der sie Schäfer platziert ist genauso fiktiv wie ihr junger Architekt Max Taubert, dessen Erstlingswerk sie ist, und die Bewohner. Aber dennoch gibt es Vorbilder aus der realen Welt. Weiterlesen „Andreas Schäfer – Das Gartenzimmer“