Tommi Kinnunen – Das Licht in deinen Augen

„Das Licht in deinen Augen“ des finnischen Autors Tommi Kinnunen ist die Fortsetzung des auch in Deutschland sehr erfolgreichen Familienromans „Wege, die sich kreuzen.“ Aber auch ohne diesen zu kennen (mir ging es so) kann man das Buch ohne Probleme lesen. Am Ende wird man sich aber wünschen, auch die Vorgeschichte zu kennen. Weiterlesen „Tommi Kinnunen – Das Licht in deinen Augen“

Lars Saabye Christensen – Die Spuren der Stadt

Er zählt in Norwegen zu den wichtigsten Autoren und ist vielfach preisgekrönt. Für mich gehört Lars Saabye Christensen mit seinem Roman „Die Spuren der Stadt“ zu den Entdeckungen der letztjährigen Frankfurter Buchmesse. „Wer Lars Saabye Christensen liest, will nie mehr aufhören damit“ steht als Teaser auf dem Cover. Und da ist tatsächlich was dran. Weiterlesen „Lars Saabye Christensen – Die Spuren der Stadt“

Annie Ernaux – Eine Frau

Zu Annie Ernaux muss man zum Glück nicht mehr viel sagen. Die 1940 geborene Autorin zählt in ihrem Heimatland Frankreich schon lange zu den ganz großen Autor*innen, erklärtes Vorbild für mittelalte bis junge Kollegen, von Didier Eribon bis Edouard Louis. Spätestens seit ihrem autobiografischen Werk „Die Jahre“ genießt sie aber auch in Deutschland eine große Popularität, was den Suhrkamp Verlag zum Glück ermutigt hat, auch ältere Werke von ihr zu veröffentlichen. Im Frühjahr 2019 erschien ein schmales Werk über den Vater, „Der Platz“, nun ist auch das Pendant dazu erschienen, das Buch, das Annie Ernaux über ihre verstorbene Mutter geschrieben hat, „Eine Frau“. Weiterlesen „Annie Ernaux – Eine Frau“

Rachel Cusk – Lebenswerk

Als Rachel Cusk 2001 ihren literarischen autobiografischen Essay „A life´s work“ (deutsch jetzt bei Suhrkamp „Lebenswerk – Über das Mutterwerden“) veröffentlichte, war ihr Projekt noch relativ einzigartig. Es stellt quasi den Urtext eines Genres dar, das in den letzten Jahren zum Beispiel mit Sheila Hetis „Motherhood“ oder der Studie von Orna Donath „Regretting motherhood“ diskutiert wurde. Vieles, das Cusk in Ihrem Text zum ersten Mal zu Papier brachte und für das sie aufs heftigste gerade auch von anderen Frauen kritisiert und angefeindet wurde, ruft mittlerweile keine Empörung mehr hervor. Und doch ist das Buch hochaktuell, gerade durch seine gewisse Zeitlosigkeit. Weiterlesen „Rachel Cusk – Lebenswerk“

Blogparade der Frauenleserin – Autorinnen 2019

Auch dieses Jahr gibt es wieder eine Blogparade der „Frauenleserin“ Kerstin Herbert zum Thema Autorinnen 2019, der ich, wie bereits im vergangenen Jahr, gerne nachkomme.

Zu beantworten sind wieder fünf Fragen, die zum nochmaligen Reflektieren der eigenen Frauen-Lese-Quote animieren sollen.

Auch wenn ich hier auf literarischem Gebiet sehr viel weniger für eine „Quote“ bin als beispielsweise in Politik oder auf  dem Arbeitsmarkt, interessiert mich mein eigener Frauenanteil doch sehr. Außerdem gibt es Zahlen, die belegen, dass Autorinnen sowohl in der Verlagsbranche als auch in der offiziellen Literaturkritik weniger wahrgenommen werden. Also:

  1. Wie hoch ist Deine „Frauenquote“? Wieviele Bücher hast Du in diesem Jahr gelesen und/oder rezensiert? Wieviele davon wurden von Autorinnen verfasst?

In 2019 habe ich unglaubliche 114 Bücher gelesen bzw. gehört (21 Hörbücher). Das ist auch für mich sehr viel. Und auch dieses Jahr ist meine Bilanz ganz ungewollt ziemlich ausgeglichen. 60 der Titel stammen von Autorinnen, das sind 53 Prozent.

2. Welches Buch einer Autorin ist Dein Lesehighlight in 2019? (Warum?)

Hier würde ich „Aus der Dunkelheit strahlendes Licht“ von Petina Gappah nennen.

Die Geschichte der Überführung des Leichnams von David Livingstone aus Chitambo im Dschungel Sambias nach Sansibar im Jahr 1873 durch seine afrikanischen Begleiter hat mich sehr beeindruckt, durch ihre lebendige Art des Erzählens und durch die sehr unterschiedlichen Stimmen darin. Auf einer Lesung hat mir die sympathische Autorin das Buch dann nochmals nähergebracht.

3. Welche Autorin hast Du in 2019 für Dich entdeckt und was macht Sie für Dich so besonders?

Gleich zu Beginn des Jahres habe ich von Alice ZeniterDie Kunst zu verlieren“ gelesen. Von der Autorin kannte ich bislang nichts, es ist das erste Buch, das in deutscher Übersetzung erscheint. Auf Französisch liegen vier weitere Romane vor.

Die 1986 geborene Zeniter, Tochter eines algerischen Vaters und einer französischen Mutter erzählt darin von der Großelterngeneration, die als „Harkis“ im Dienst der französischen Kolonialmacht standen und nach der Unabhängigkeit das Land verlassen mussten, von der Elterngeneration, die zwischen Algerien und Frankreich zerrissen blieben, und von Alice Zeniters eigener Generation, die ihre Wurzeln fast vergessen hat. Sehr berührend und sehr gut geschrieben. Diese Autorin möchte ich im Auge behalten und hoffe, dass noch weitere Bücher von ihr auf Deutsch übersetzt werden.

4. Welche  weibliche Lebensgeschichte bzw. Biografie hat Dich besonders beeindruckt (und warum?)

Immer wieder und immer noch Annie Ernaux. Nach ihren autobiografischen Texten „Die Jahre“ und „Erinnerung eines Mädchens“ sind in 2019 gleich zwei schmale Texte erschienen, die unmittelbar zusammenhängen. „Der Platz“ als Buch über den Vater und unlängst „Eine Frau“, das nach dem Tod ihrer Mutter entstand.

Annie Ernaux schreibt unvergleichlich über ihre Herkunft, ihre Eltern, ihre Entwicklung, ihren sozialen Aufstieg aus einfachen Verhältnissen zu einer der bedeutendsten französischen Autorinnen und Intellektuellen. Wer Annie Ernaux noch nicht kennt, sollte das dringend nachholen.

5. Welches Buch einer Autorin möchtest Du in 2020 unbedingt lesen?

Völlig unmöglich, mich da auf ein Buch zu beschränken. Hier liegen schon einige Neuerscheinungen, darunter von Anna Burns Milchmann und von Liz Moore Long Bright River. Besonders freue ich mich auf ein neues Buch von Elizabeth Strout, die zu meinen Lieblingsautorinnen gehört, Lange Abende. Und schließlich erscheint endlich der dritte Teil der Cromwell Saga von Hilary Mantel – Spiegel und Licht – auf schlappen 1200 Seiten.

Also, der Autorinnen-Nachschub wird mir nicht ausgehen, da bin ich mir sicher.

Habt ihr noch Bücher von Autorinnen, die ihr mir ans Herz legen möchtet oder auf die ihr euch besonders freut? Macht ihr auch mit bei der Blogparade der Frauenleserin und rekapituliert eure Autorinnen 2019 ?

Beitragsbild: Paul Barthel (1862-1933) [Public domain] via Wikimedia Commons

Deniz Utlu – Gegen Morgen

Besitzt das Leben einen abnehmenden Grenznutzen? Das ist eine der Fragen, die sich der Protagonist in  „Gegen Morgen“, dem neuen Roman von Deniz Utlu, stellt.

„Existiert ein Punkt im Leben, an dem ein betrachtetes Individuum das Leben satt hat, weil zusätzliche Lebenseinheiten kaum mehr einen zusätzlichen Nutzen bringen?“

Eigentlich soll Kara, 32, studierter Volkswirt in Berlin, für eine Versicherungsgesellschaft die „erwartbaren Kosten eines Lebens“ berechnen. Gedacht, um Versicherungssummen besser kalkulieren zu können, trifft diese Aufgabe Kara gerade an einem heiklen Punkt seines eigenen Lebens. Er scheint in einer existentiellen Sinnkrise zu stecken, viele wichtige Fragen, die sich in diesem Alter verstärkt stellen, die nach der Familienplanung, die nach der beruflichen Zukunft oder auch nur die des zukünftigen Wohnorts, scheinen für Kara in der Schwebe zu hängen. Weiterlesen „Deniz Utlu – Gegen Morgen“

Nora Bossong – Schutzzone

Mira ist Anfang Dreißig, beruflich erfolgreich, ungebunden, ein wenig einsam, in eine außereheliche Affäre verstrickt. Charakterlich ist sie nicht ganz unangreifbar, öfters zynisch, manchmal verletzlich, aber kämpferisch und sehr reflektiert. Was sie über diese Charakterisierung hinaus, die auf unzählige andere Frauen ihres Alters ebenso zutreffen könnte, für einen Roman interessant macht, ist ihr Arbeitsplatz. Mira Weidner arbeitet an vorderer Front für die Vereinten Nationen. Nora Bossong schreibt in ihrem Roman „Schutzzone“ über sie. Weiterlesen „Nora Bossong – Schutzzone“

„Das Debüt“ – Bloggerpreis für Literatur 2019 – Meine Entscheidung

Bereits zum dritten Mal war ich dieses Jahr Mitglied der Bloggerjury für „Das Debüt“ – Bloggerpreis für Literatur 2019, der, der Name verrät es, ein besonders gelungenes Debütwerk deutscher Sprache auszeichnen möchte.

Ich sage bewusst „ein besonders gelungenes“ Debüt, weil es meiner Meinung nach weder den besten Debütroman noch den besten Roman welcher Kategorie auch immer geben kann. Die Leseerwartungen und -vorlieben sind doch bei allen Leser*innen sehr unterschiedlich und selbst in den herangezogenen „objektiven“ Kriterien unterscheiden sie sich stark. Selbst der Zeitpunkt und die Umstände des Lesens haben meist einen Einfluss darauf, wie sehr uns der eine oder andere Titel anspricht. Weiterlesen „„Das Debüt“ – Bloggerpreis für Literatur 2019 – Meine Entscheidung“

Steffen Kopetzky – Propaganda

in In der US-amerikanischen Geschichtsschreibung nimmt die von Oktober 1944 bis Februar 1945 in der Nordeifel tobende „Schlacht im Hürtgenwald“ eine ganz bedeutende Rolle ein. Das mag daran liegen, dass dieser Waldkampf gegen die sich in versteckten Bunkern verschanzenden Deutschen, die zudem das Gelände weiträumig verminten und mit Sprengfallen versahen, zu den verlustreichsten (24.000 Todesopfer auf beiden Seiten) Operationen der Amerikaner und den misslungensten Militäroperationen der US-Streitkräfte überhaupt gehört. Es mag aber auch eine Rolle spielen, dass ein strategisches Auftrumpfen der Wehrmacht nach dem Mai 1945 nicht angezeigt war. Steffen Kopetzky rückt nun in seinem Roman „Propaganda“ diese in schneidender Kälte, zunächst nicht nachlassendem Regen und schließlich Schneefall geführte Schlacht in den Mittelpunkt. Und entwickelt durchaus eine gewisse Faszination für das Kriegsgeschehen. Weiterlesen „Steffen Kopetzky – Propaganda“

Lektüre Dezember 2019

Meine Lektüre im Dezember 2019: acht Romane plus vier Romane von der Shortlist des Bloggerpreises „Das Debüt“, in dessen Jury ich mitentscheiden darf.

Einen Rückblick auf 2019 werde ich, wenn es die Zeit erlaubt, im Neuen Jahr nachliefern. Einige Titel sind auch noch zu lesen, im Februar geht es dann weiter mit Neuerscheinungen, die teilweise hier schon eingetroffen sind und ein spannendes Lesejahr auch 2020 zu versprechen scheinen.

Euch allen wünsche ich ein schönes, gesundes und glückliches Neues Jahr!

Weiterlesen „Lektüre Dezember 2019“