Tanya Tagaq – Eisfuchs

Wer je den Kehlkopfgesang der Inuit hören konnte (anlässlich der Übergabe der Gastlandrolle der Frankfurter Buchmesse von Norwegen an Kanada hatte ich die Gelegenheit dazu), wird ihn nicht mehr vergessen. Zutiefst fremdartig, hart, drängend, fast ein wenig gewaltvoll, zugleich werbend, lockend und zärtlich ist diese Art des Gesangs ein wenig verstörend und für unsere Ohren ganz sicher eines nicht: schön. All das trifft auch auf den Debütroman der kanadischen Sängerin und Performerin Tanya Tagaq, „Eisfuchs“ zu. Weiterlesen „Tanya Tagaq – Eisfuchs“

Liz Moore – Long Bright River

Ein spannender Krimi, der auch für Nicht-Krimileser einiges zu bieten hat: „Long Bright River“ von Liz Moore.

„Als ich meine Schwester das erste Mal tot auffand, war sie sechzehn“.

Und seitdem fürchtet Michaela Fitzpatrick, genannt Mickey, die als Polizistin in Philadelphia Streife fährt, bei jedem hereinkommenden weiblichen Leichenfund, dass es diesmal tatsächlich die jüngere Schwester Kacey getroffen haben könnte. Diese ist seit ihrer Jugend drogenabhängig und zuletzt als Straßenprostituierte in Mickeys Revier Kensington unterwegs gewesen. Seit einiger Zeit wurde sie aber nicht mehr gesehen, weshalb sich Mickey nun große Sorgen macht, als sie an einen Tatort gerufen wird: weibliche Leiche an den Bahngleisen, vermutlich Überdosis. Weiterlesen „Liz Moore – Long Bright River“

Alix Ohlin – Robin und Lark

Kanada wirft als künftiges Gastland der Frankfurter Buchmesse (so sie denn wie geplant stattfinden kann) zaghaft seine Schatten voraus. In einigen Verlagen erscheinen bereits kanadische Autor*innen mit ihren aktuellen Büchern. Auch wenn das Land sich bisher nicht annähernd so aktiv und mitreißend präsentiert wie das Norwegen im vergangenen Jahr getan hat, habe ich doch einige Titel in den Frühjahrs-Programmen entdeckt. Einer davon stammt von Alix Ohlin, „Robin und Lark“. Weiterlesen „Alix Ohlin – Robin und Lark“

James Baldwin – Giovannis Zimmer

Zum ersten Mal begegnete ich James Baldwin im Radio. Auf SWR2 lief ein Feature über einen afro-amerikanischen Schriftsteller, der Anfang der 1950er Jahre in einem kleinen Dorf im Schweizer Kanton Wallis auftauchte und die dort lebenden Menschen in einiges Staunen versetzte. „Wie ein Schaf in der Wüste: Als Baldwin die Schweiz besuchte“ nannten die Autoren Rolf Hermann und Michael Stauffer ihren Beitrag von 2011. Damals begann die Wiederentdeckung eines der wichtigsten US-amerikanischen Autoren, der in seinem Heimatland zwar ein Klassiker, aber doch ein wenig vergessen war. Nicht zuletzt die Wahl von Barack Obama, der James Baldwin als eine seiner Leitfiguren nannte, aber auch das Wiedererstarken der Bürgerrechtsbewegung in Zuge von „Black lives matter“ verschaffte seinem Werk erneut Aufmerksamkeit. Auch in Deutschland war die auf dem unvollendeten Manuskript „Remember This House“ beruhende filmische Collage von Raoul Peck (2017), in der er dem weißen Rassismus in der amerikanischen Gesellschaft nachspürt, ein großer Erfolg. „I´m not your negro wurde vielfach ausgezeichnet und Oscar nominiert. Seit 2018 erscheinen bei DTV hervorragende Neuübersetzungen der Werke von James Baldwin, zuletzt „Giovannis Zimmer“. Weiterlesen „James Baldwin – Giovannis Zimmer“

Alexandra Riedel – Sonne, Mond, Zinn und Jacqueline Thör – Nenn mich einfach Igel

Zwei schmale Debütromane von deutschen Autorinnen. Die 1980 geborene Alexandra Riedel schreibt über entgangene Elternliebe und Geborgenheit in „Sonne, Mond, Zinn“. Jacqeline Thör wählt als Protagonist einen jungen Hermaphrodit. Weiterlesen „Alexandra Riedel – Sonne, Mond, Zinn und Jacqueline Thör – Nenn mich einfach Igel“

Jasmin Schreiber – Marianengraben

Paula trauert. Paula hat ihren kleinen Bruder verloren. Tim war zehn Jahre alt und ein angehender Meeresforscher, Tiefseeexperte und Wissenschaftler. Nichts liebte er mehr als Fische, Kraken und das Meer. Ausgerechnet in letzterem sollte er dann in einem Sommerurlaub den Tod finden. Paula war nicht mitgereist, ein Rockkonzert war wichtiger. Zu ihrer bodenlosen Trauer um den innig geliebten, viel jüngeren Bruder kommen deshalb Vorwürfe und Schuldgefühle. Hätte sie ihren Bruder vor dem Ertrinken bewahren können? War Tims letzter Gedanke etwa: „Paula, rette mich!“ Jasmin Schreiber lässt in ihrem Debütroman „Marianengraben“ die junge Frau ganz allmählich aus ihrem seelischen Abgrund auftauchen. Kapitel für Kapitel, aus 1100 Metern Tiefe bis an die Oberfläche. Weiterlesen „Jasmin Schreiber – Marianengraben“

Lektüre Februar 2020

Der Februar war ein ganz wunderbarer Lesemonat – nur gute Bücher bildeten meine Lektüre Februar 2020. Ein ziemlich schwaches Hörbuch mal außen vor gelassen, waren das tolle Lesestunden. Ich habe nun auch erst einmal die noch verbleibenden Herbsttitel zur Seite gelegt, da die Frühjahrsbücher nach und nach eingetrudelt sind und Aufmerksamkeit fordern. Aber die Bücher, die 2019 im Februar noch einmal bei mir ins Rennen geschickt hat, waren wirklich sehr stark. „Henry Persönlich“ von Stewart O`Nan ist auf jeden Fall schon als Jahreshighlight gesetzt.

Aber auch die beiden ersten Frühjahrstitel „Giovannis Zimmer“ und „Marianengraben“ haben mir auf  ganz unterschiedliche Weise sehr gut gefallen.

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James Wood – Upstate

Amerikanische Autoren sind Meister im Genre des Familienromans. In immer wieder neuen Ausprägungen wird die kleinste gesellschaftliche Institution beleuchtet, analysiert und beschrieben. Mehr oder (meistens) weniger glücklich, als klassische Vater-Mutter-Kinder-Konstellationen, generationenübergreifend oder mittlerweile auch zunehmend als Patchwork oder queere Familien, aus allen sozialen und gesellschaftlichen Schichten, mit oder ohne biografischen Hintergrund begegnen der Leser*in unzählige Familiengeschichten von US-amerikanischen Schriftstellern. Der bekannte Literaturkritiker James Wood hat diesen mit „Upstate“ eine weitere hinzugefügt. Weiterlesen „James Wood – Upstate“

Stewart O’Nan – Henry persönlich

Die Familie Maxwell, eine ziemlich typische Mittelstandsfamilie. Sie stand bereits zweimal im Mittelpunkt von großartigen Romanen: 2002 erschien „Abschied von Chautauqua“, 2011 folgte „Emily allein“. Warf ersterer multiperspektivisch einen Blick auf alle Familienangehörigen, die sich anlässlich von Verkauf und Ausräumung des Ferienhauses am Lake Chautauqua/New York noch einmal dort versammelt hatten, konzentrierte sich „Emily allein“ eben auf jene, die im ersten Teil gerade ihren Ehemann Henry verloren hatte und jetzt, zehn Jahre später, als nunmehr 80jährige ihren Alltag bestritt. Im nun dritten Teil der Familiengeschichte geht Stewart O’Nan noch einmal in der Zeit zurück und lässt in „Henry persönlich“ den Verstorbenen wieder lebendig werden. Weiterlesen „Stewart O’Nan – Henry persönlich“