Lektüre Januar 2021

Lektüre im Januar 2021: Ein neues Jahr hat begonnen und – schwupps – ist schon wieder mehr als ein Monat ins Land gegangen. Wie bei sicher vielen von euch tritt auch hier der merkwürdige Effekt auf, dass die Zeit, je regelmäßiger und ruhiger das Leben verläuft, umso schneller vergeht. Ja, sie rast. Und Aussicht auf Änderung besteht im Moment eher weniger.

Wieder ist eine Buchmesse gecancelt worden. Mit gutem Grund, und wirklich mit ihr gerechnet hatte ich auch nicht (trotz Hotelbuchung etc.). Veranstaltungen jedweder Art sehe ich auch noch nicht in näherer Zukunft. Auch deswegen habe ich mich in den letzten Tagen verstärkt in die digitale Event-Welt begeben.

Nach einigen Zoom-Konferenzen innerhalb unserer Jury-Gruppe zum Debütpreis 2020, aus denen ein Debütroman-Lesekreis zu entstehen scheint, sind auch einige Verlage aktiv.  geworden. Ein Abend mit Benedict Wells bei Diogenes, einer mit Hildegard Keller bei Eichborn, bei Hanser mit Alem Grabovac und mit Dana Grigoreca bei Penguin – ein direktes Gespräch mit den Autor:innen und viele liebe Bloggerkolleg:innen zumindest in kleinen Zoom-Bildchen zu sehen – das kam dem Messegefühl schon ein ganz klein wenig nahe und bietet den Autor:innen zumindest die Möglichkeit, ihre Neuerscheinungen mal vor Publikum vorzustellen. Vielen Dank an die Verlage für diese wunderbaren Abende, die den Corona-Alltag ein wenig durchbrechen.

Auch andere Veranstalter bieten tolle Angebote, sogar oft kostenlos. Ich war in der letzten Woche allein bei 6 Veranstaltungen “zu Gast”. Das begann beim Literaturtag der Bücherwelten im Waltherhaus mit u.a. Stephan Lohse, Daniel Mellem und Lucia Leidenfrost – alle drei Autoren habe ich in den letzten Wochen gelesen, das passte. Lesungen mit Ronya Othmann, Nora Krug, Anne Weber und Cécile Wajsbrot, Maya Lasker-Wallfish und Christoph Nußbaumeder schlossen sich an. Und in den nächsten Wochen wird noch viel mehr geboten. Eine der wenigen positiven Auswirkungen der Corona-Pandemie. Auch wenn das den echten Leseabend nicht ersetzen kann – bitte beibehalten! Das ermöglicht Menschen, die nicht in den Ballungsgebieten wohnen oder aus verschiedenen Gründen nicht mobil sind, den Zugang zu Literaturveranstaltungen.

Jetzt aber endlich zu meiner Lektüre im Januar 2021.

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Volker Kutscher – OlympiaVolker Kutscher - Olympia

Auch der achte Roman um Gereon Rath von Volker Kutscher kann wieder auf ganzer Linie überzeugen.
Genau recherchiert, atmosphärisch gestaltet, klug aufgebaut: Krimikunst vom Feinsten ohne viel Action oder Grausamkeiten.
Die Kulisse des im Olympiafieber köchelnden Berlin, die Darstellung der sorgsam versteckten brutalen Fratze des nationalsozialistischen Regimes und die aus den vorherigen Romanen bekannten, sorgsam entwickelten Personen sorgen für Lesefreude auf allen Ebenen. Ich bin wirklich immer noch sehr begeistert von dieser Krimiserie. Auf zwei Folgen dürfen wir uns noch freuen.

 

AAli Smith - Winterli Smith – Winter

Ali Smith hat ihr Jahreszeitenquartett im Original bereits komplett veröffentlicht. In Deutschland erscheinen die Bände nun nach und nach, den Jahreszeiten entsprechend.

Winter lässt Ali Smith an Weihnachten spielen. Und A Christmas Carol von Charles Dickens dient auch als einer der vielen literarischen, kunstgeschichtlichen und politischen Bezüge, die das Buch so geistreich, vielschichtig und anregend machen. Die Geschichte selbst ist vielleicht nicht ganz so stark wie im Vorgänger Herbst, lässt aber unbedingt Vorfreude auf Frühling aufkommen.

 

 

Dominique Manotti - Marseille.73Dominique Manotti – Marseille.73

Dass ich ein großer Fan der Kriminalromane von Dominique Manotti bin, ist kein Geheimnis.
Ihre meist an reale Ereignisse der französischen Zeitgeschichte angelehnten, politisch sehr engagierten und sprachlich eher spröden, an Reportagen angelehnten Polizeiromane aus Marseille sind für mich mit das beste, was das Genre so zu bieten hat.
Diesmal sind die rechtspopulistischen Umtriebe und Gewalttaten, die 1973 die südfranzösische Stadt in Atem hielten, Hintergrund. Die Spannungen zwischen aus der ehemaligen Kolonie Algerien nach Ende des Kriegs zurückgekehrten Franzosen, den Pieds-Noirs, die sich in teils gewaltbereiten Organisationen zusammenfanden, den vor Verfolgung geflüchteten algerischen Hilfstruppen, der Harkis, den vor dem wirtschaftlichen Niedergang Algeriens flüchtenden, arbeitssuchenden Nordafrikanern, Gewerkschaften und Alteingesessenen macht die Lage so brisant. Da kommt es zur brutalen Ermordung eines Busfahrers durch einen geistig verwirrten Algerier. Der Funke im Pulverfass….

 

Christoph Peters - Dorfroman

Christoph Peters – Dorfroman

Christoph Peters Dorfroman wurde zu meinem Lesehighlight im Januar. Die Kindheits- und Jugendgeschichte ist geschickt verflochten mit Gedanken über den Umgang mit den nun alten Eltern, über das Vergehen der Zeit, die Veränderung der Welt. Hintergrund der Rückblicke ist der Bau des Schnellen Brüters in Kalkar in den 1970er und 1980er Jahren und der vehemente Protest dagegen. Zeithistorisch interessant, ist der Roman natürlich auch für alle, die wie ich zur gleichen Zeit wie Autor/Erzähler erwachsen wurden, eine Erinnerungsfundgrube. Das Zusammenprallen von konservativ-katholischer Landbevölkerung und den Anfängen ökologischer, linksliberaler Bewegung und die Veränderung des heranwachsenden Erzählers bearbeitet der Autor durch sehr interessante Perspektivwechsel. Stilistisch großartig und mit einer wunderbaren Art von Humor, ist dies eine ganz dicke Leseempfehlung!

 

Steven Price - Der letzte PrinzSteven Price – Der letzte Prinz

Der Kanadier Steven Price schreibt einen Roman über den alternden, von Krankheit gezeichneten Schriftsteller Giuseppe Tomasi di Lampedusa. Der Sizilianer ist der letzte Fürst von Lampedusa. Kinderlos, wird dieser Titel nach seinem Tod verloren gehen. Durch die Adoption des jungen Gioacchino Lanza wählte er seinen Erben. Seine bedeutendste Hinterlassenschaft ist sicher der Roman “Der Leopard“. Zunächst von verschiedenen Verlagen abgelehnt, konnte er erst nach dem Tod des Fürsten erscheinen und gehört seitdem zu den großen italienischen Klassikern. Steven Price erzählt von den letzten Jahren Tomasi di Lampedusas leise, empathisch und stimmungsvoll. Hat mir sehr gefallen.

 

Hanne Orstavik - Roman.MilanoHanne Ørstavik – Roman.Milano

Hanne Ørstaviks Roman habe ich bereits diesen Frühsommer gelesen. Da ich ihn für die Zeitschrift Buchmarkt vorstellen wollte, durfte ich bereits in die pdf-Fahnen hineinschauen. Nun habe ich ihn mit mehr Muße und Ruhe gelesen. Etwas, das dem Buch absolut zugute kommt. Denn auch Hanne Ørstavik lässt sich Zeit für ihre Figur, die junge norwegische Architektin und Illustratorin Val, die zu ihrem älteren Freund Paolo nach Mailand gezogen ist. Hier treibt sie, nur durch gelegentliche Illustrationsaufträge beschäftigt durch die Stadt und ihr Leben. Als Kind sehr früh von den Eltern verlassen und bei der Tante großgeworden, beherrscht sie das Gefühl, nicht gewollt zu werden fast zwanghaft. Auch die Beziehung zum noch verheirateten Paolo leidet darunter. Manche traumhaften Szenen befremden, aber sehr viele poetische Momente, besonders wenn die Protagonistin durch die Straßen Mailands wandert, verzaubern nachhaltig, nicht zuletzt durch Ørstaviks schöne Sprache. Die Protagonistin sucht nach ihrem eigenen, “sicheren” Platz in der Welt und schafft ihn für drei Zufallsbegegnungen in ihrem Kopf auf sehr poetische Weise. Ein Leseerlebnis.

 

Simon Stranger - Vergesst unsere Namen nichtSimon Stranger – Vergesst unsere Namen nicht

Wie Hanne Ørstavik konnte ich auch Simon Stranger 2019 auf der Buchmesse während eines Blogger-Autoren-Treffens kennenlernen. Er erzählte sehr eindrucksvoll, wie das Haus, in dem seine Schwiegermutter Grete aufwuchs, zum Kristallisationskern seines Romans Vergesst unsere Namen nicht wurde. Einst war es das “Bandenkloster”. Hier lebten, folterten und töteten die Männer und Frauen um Henry Rinnan während der deutschen Besatzungszeit. Auch wenn man schon viel Literatur aus und über diese Zeit gelesen hat, kommen immer wieder solche Bücher, die unfassbare, vorher nicht bekannte Dinge erzählen. Die menschliche Grausamkeit kann grenzenlos sein. Der Rinnan-Bande wurde von den Deutschen fast unbegrenzte Machtbefugnisse zugestanden, um Widerstandsorganisationen zu infiltrieren und deren Mitglieder zu foltern, ihnen Informationen und Geständnisse abzupressen und viele schließlich zu töten. Die Villa im Jonsveien 46 war Hauptquartier und Tatort zugleich. Hier in Trondheim ist auch ein Stolperstein für den Großvater von Grete, Hirsch Komisar, verlegt. Der Urgroßvater von Simon Strangers Frau Rikke wurde von hier ins Strafgefangenenlager Falstad deportiert und dort im Rahmen einer Strafaktion erschossen. Seine Frau Marie, die beiden Söhne und die Tochter konnten nach Schweden flüchten. Nach dem Krieg wurde das “Bandenkloster” zum etwas unheimlichen Zuhause der zurückgekehrten Familie Gerson Komisars.

Der formale Aufbau nach Stichworten aus dem Alphabet A-Z überzeugt nicht zur Gänze, auch räumt Simon Stranger der Persönlichkeit von Henry Rinnan für mein Empfinden zu viel Raum ein, psychologisiert hier zu viel. Dennoch ist das Buch eine eindeutige Leseempfehlung, fügt der Geschichte der Shoah eine für mich neue Seite hinzu und ist stellenweise so aufwühlend, dass man seine Lektüre so schnell nicht vergisst.

 

Insgesamt bescherte mir die Lektüre im Januar 2021 einen wunderbaren Lesemonat. So kann das Jahr gerne weitergehen (aber bitte nur lesetechnisch).

Lektüre Dezember 2020

Im Dezember war lesetechnisch einiges los. Meine Lektüre im Dezember 2020 umfasste neun Titel plus fünf Bücher, die ich für den Debütpreis lesen durfte. Die Verlagsvorschauen wurden emsig durchgeblättert und eine Übersicht über die interessantesten Titel veröffentlicht. Dazu kam ein Rückblick auf das vergangene Lesejahr.

Dadurch ist ein kleiner Rezensionsstau entstanden und mein Überblick über die Lektüre im Dezember 2020 erscheint erst jetzt. Einige Titel habe ich zwar schon vor Längerem gelesen und rezensiert, den entsprechenden Beitrag aber noch nicht veröffentlicht.

 

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Claudia Casanova -Albas SommerClaudia Casanova – Albas Sommer

Ein besonders schön gestalteter historischer Roman aus Spanien.
Die junge Alba hat ein ausgeprägtes Herz für die Botanik. Doch im ländlichen Spanien des Jahres 1875 ist der Weg einer jungen Frau vorgezeichnet. Bereits die Mutter hat ihre akademischen Ambitionen für Ehe und Familie aufgegeben. Doch Alba ist entschlossen, ihr Leben der Wissenschaft zu widmen. Zusammen mit dem deutschen Botaniker Heinrich Willkomm streift sie durch die Natur und entdeckt die bislang unbekannte botanische Art Saxifraga alba. Aber sie entdeckt auch die Liebe.
Der schön erzählte Roman ist nicht ganz frei von Kitsch (mein Radar ist da aber auch sehr empfindlich), aber der leidenschaftliche Anspruch, all den unbekannten Wissenschaftlerinnen ein Denkmal zu setzen, ist sehr sympathisch und das Buch ein Lesevergnügen. Und ein schön gestaltetes kleines Buch ist es auch, ideal auch als Geschenk.

 

Daniel Mellem – Die Erfindung des CountdownDaniel Mellem Die Erfindung des Countdowns

Wer kennt Hermann Oberth? Während der andere Raketenpionier der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, Wernher von Braun, den meisten bekannt ist, ist er eher in Vergessenheit geraten.
Das Raketenmodell des berühmten Fritz Lang-Klassiker “Die Frau im Mond” stammt von Hermann Oberth, und Daniel Mellem schreibt ihm in seinem biografischen Debütroman auch die Erfindung des Countdowns zu.
Ein charismatischer Mensch war er nun nicht, seine wissenschaftliche Leidenschaft war ihm Obsession, fand aber wenig Erfüllung. Zwar arbeitete er in Nazideutschland am Rüstungszentrum Peenemünde an der Raketenentwicklung mit und wurde nach Kriegsende auf Betreiben von Wernher von Braun auch zur US-amerikanischen Raketenentwicklung hinzugezogen, er blieb aber stets in zweiter Reihe. Später interessierte er sich verstärkt für die Themen Außerirdisches Leben und Ufos.
Dass er noch 1962 in einer Rede resümierte: „Ich hatte gehofft, eine Raketenwaffe zu finden, die den Schandvertrag von Versailles hätte zerschlagen können. Das ist mir nicht gelungen.“ zeigt, dass er seine bedenklichen politischen Ideale auch nach dem Krieg nicht abgelegt hatte. Diese Seite Oberths hätte in der sehr interessanten und auch durchaus ambivalent gestalteten fiktiven Annäherung vielleicht etwas mehr herausgearbeitet werden können.
Daniel Mellem ist ein gelungener Debütroman über ein Stück Wissenschaftsgeschichte gelungen.

 

Justin Steinfeld – Ein Mann liest ZeitungJustin Steinfeld Ein Mann liest Zeitung

“Ein Mann liest Zeitung”, vom Theaterkritiker und Journalisten Justin Steinfeld im Exil, zunächst in Prag, dann in England und zwischenzeitlich in Australien verfasst. Mit großer analytischer Klarheit undgrimmigem Witz erzählt er von seinem Alter Ego, Leonhard Glanz, der seine Tage im Exil gezwungenermaßen im Kaffeehaus mit der Zeitung verbringt und darüber nachdenkt, wie alles soweit hat kommen können. Eine Romanhandlung gibt es nicht, aber sehr viel Erhellendes. 1984, schon nach Steinfelds Tod zum ersten Mal erschienen, bringt es nun der @schoefflingverlag neu heraus. Aufmerksamkeit wäre ihm zu wünschen.

 

Für die fünf Romane, die ich für den Bloggerpreis Das Debüt gelesen habe, schaut bitte in meinen entsprechenden Beitrag oder direkt in den Rezensionsbeiträgen.

Deniz Ohde Streulicht Deniz Ohde – StreulichtCihan Acar - Hawaii

Cihan Acar – Hawaii

Zwei der Romane – Streulicht und Hawaii haben mir ausgezeichnet gefallen. Wir verlassenen Kinder von Lucia Leidenfrost hat mich überraschend stark gefesselt, obwohl mir dystopische, parabelhafte Texte normalerweise nicht so gut gefallen. In David Mischs Text bin ich nicht wirklich reingekommmen und Elijas Lied war überhaupt nicht meine Buch. Das Ergebnis des Bloggerpreises könnt ihr auf der Website oder in meinem Beitrag nachlesen.

 

David Szalay - Turbulenzen

David Szalnay – Turbulenzen

Ein kleines, feines Buch führt uns rund um den Erdball. Wie in einem Reigen geben sich die Protagonist:innen – allesamt Flugreisende – den Erzählstab weiter und wir gewinnen mit jeder/m von ihnen einen kurzen Einblick in ein Leben. Leicht zu lesen, heiter fast, trotz seiner Nachdenklichkeit. Es ist eine Kunst, dass diese 12 Geschichten nicht nur verleiten, über die Grundfragen unseres Menschseins nachzudenken, sondern gleichzeitig Heiterkeit und ein gewisses Fernweh auslösen, und das nicht nur durch die Wahl von Flughafenabkürzungen als Kapitelüberschriften. Turbulenzen von David Szalnay ist ein schmales, eher unspektakuläres Buch, das sich aber zu einem meiner Jahreshighlights entwickelt hat.

 

Richard Ford - Irische Passagiere

Richard Ford – Irische Passagiere

Richard Ford ist eigentlich einer meiner Lieblingsschriftsteller. Mit seinem neuen Erzählungsband hat er mich aber eher enttäuscht. Alle Geschichten handeln vom gleichen Typ Mann (einmal Frau) in der Mitte des Lebens oder darüber hinaus, gut situiert und doch irgendwie unzufrieden mit dem Leben. Alle haben gescheiterte oder durch den Tod des Partners beendete Beziehungen hinter sich. Alle stehen vor dem Schritt zu einem Neuanfang. Bei den wenigsten gelingt er. Diese Thematik wurde mir diesmal zu wenig variiert. Richard Fords Ton ist immer noch bezwingend, seine melancholische Menschlichkeit einnehmend. In diesen Erzählungen hat mich aber mehr als einmal der Blick auf Frauen irritiert. Und es war für mich nicht klar erkennbar, ob es der Blick eines Protagonisten oder der des Autors war.

 

Brian Moore - Schwarzrock

Brian Moore – Schwarzrock

Kanada im 17. Jahrhundert. Für die Siedler sind die Ureinwohner einfach nur “die Wilden”, für die dorthin abberufenen Jesuitenpater ist jede getaufte Seele ein Schritt näher zum Paradies. Alle meinen, richtig zu handeln. Wie unvereinbar und schlichtweg für die andere Seite unverständlich die dort aufeinanderprallenden Kulturen waren, erzählt Brian Moore in seinem bereits 1985 erschienenen “Schwarzrock”. Die frommen Männer, die asketisch und ohne jede fleischliche Lust auf ein Jenseits hinleben, sind den Algonkin noch unverständlicher als die Hanyel treibenden Weißen, die keinerlei spirituelle Verbindung zur Natur zu besitzen scheinen und diese gnadenlos ausbeuten. Die völlig aufs Diesseits gerichteten, der belebten und unbelebten Natur tief verbundenen Stämme, die völlig mitleidlos und teils noch kanibalistisch mit ihren Feinden umgehen, erscheinen wiederum den Einwanderern barbarisch.
Brian Moores Roman ist schonungslos, manchmal ungeheuer brutal, ergreift aber nie für eine der Seiten Partei. Ein klassischer, spannender Abenteuerschmöker mit Substanz.

 

Santiago Amigorena - Kein Ort ist fern genug

Santiago Amigorena – Kein Ort ist fern genug

Der Argentinier Santiago Amigorena stammt aus einer jüdischen Familie, in der, wie so oft, nach der Shoah das Schweigen herrschte. Und zwar im engsten Sinn.
Der Großvater, der zum Vorbild für den Vicente des Romans diente, war zwar bereits in den Zwanziger Jahren nach Argentinien ausgewandert. Das Grauen und die Selbstvorwürfe, seine Eltern und seinen Bruder mit Familie in Warschau “alleingelassen” zu haben, nicht genügend auf die Ausreise gedrängt zu haben, als diese noch möglich war, lässt ihn regelrecht verstummen. Und dieses Schweigen zerstört und belastet auch seine Familie.
Eindringlich und sehr empfehlenswert.

 

Jane Gardam - Robinsons Tochter

Jane Gardam – Robinsons Tochter

In einem liebevoll-spöttischen Ton erzählt die Autorin die Lebensgeschichte von Polly Flint. Sie umfasst fast ein ganzes Jahrhundert, denn Polly wird 1898 geboren und wir begleiten sie bis weit in ihre Achtziger. Viel englisches Flair weht in der Geschichte, die beginnt, als die sechsjährige Polly nach einigen unerfreulichen Stationen bei wenig liebevollen Pflegeeltern von ihrem Vater zu den Tanten in die nordostenglischen Marschen von Yorkshire gebracht wird. Die Mutter ist früh gestorben, der Vater ist Kapitän zur See und kann sich nicht um seine kleine Tochter kümmern. Das gelbe Haus Oversands, direkt an der Küste gelegen, oft windumpeitscht und im Dauerregen, wird zu Pollys neuem Zuhause und wird es für sie bis ins hohe Alter bleiben. Hier entdeckt sie ihre Liebe zu Büchern, und ganz besonders für eines: Robinson Crusoe. Jane Gardam ist eine genaue Beobachterin und wunderbare Autorin. Liebevoll-lakonisch lässt sie ihre Heldin erzählen. Man begleitet sie gerne und hätte sich vielleicht auch gerne etwas mehr von der erwachsenen und alten Polly Flint erfahren. Vergessen wird man sie so schnell nicht.

 

Ronya Othmann Die SommerRonya Othmann – Die Sommer

Ronya Othmann hat ein bemerkenswertes Debüt geschrieben. Die Ich-Erzählerin Leyla verbringt als Kind jeden Sommer bei ihren Großeltern in Nordsyrien. Es sind Sommer, die im Gedächtnis bleiben, weil sie so anders sind als ihr Leben zuhause in Deutschland. Sommer, nach denen sie sich das ganze Jahr sehnt. Da ist ihre geliebte Großmutter, ihre vielen Cousins und Cousinen, die Weite der Landschaft, die warmen Nächte in den Stockbetten auf dem Dach. Als sich die Lage in Syrien immer weiter zuspitzt, Leylas jesidische Familie immer mehr bedroht ist, treibt sie nicht nur die Angst um, sondern auch der Zorn auf die Menschen um sie herum hier in Deutschland, denen die Lage in Syrien eher gleichgültig ist. Zugleich ist Leyla aber auch eine junge Frau auf der Suche nach ihrem Platz im Leben, hier in Deutschland, an der Universität, in der Liebe. Besonders schön gelingen Ronya Othmann die Passagen, in denen sie von Syrien erzählt. Dagegen verblassen ihre Adoleszenzerfahrungen in Bayern und Leipzig ein wenig. Auf jeden Fall aber ein lesenswerter Erstling, der sich eines wichtigen Themas dringlich und berührend annimmt.

Lesejahr 2020 – Ein Rückblick – Beste Romane 2020

Über das vergangene Jahr möchte ich gar nicht so viele Worte verlieren. Wir alle haben es durchlebt, für einige war es ein wirklich schlimmes Jahr. Doch wie war das Lesejahr 2020?

Für mich hat sich erstaunlich wenig verändert. Natürlich fehlten die Begegnungen, den Urlaub haben wir abgesagt, Vieles konnte nicht so spontan geschehen wie sonst. Und, ja, für uns Buchmenschen war der Ausfall der Leipziger und die völlig veränderte Präsentation der Frankfurter Buchmesse, die nicht stattfindende LiblogConvention und die Absage der meisten Lesungen schon ein herber Schlag. Gerade dort finden die allermeisten persönlichen Begegnungen statt, hier wird genetzwerkt, geredet und diskutiert, gelacht, getrunken und das Gefühl einer großen Buchfamilie gepflegt. Weiterlesen “Lesejahr 2020 – Ein Rückblick – Beste Romane 2020”

Lektüre November 2020

Meine Lektüre im November 2020 war zeitweise mit einem kleinen Anflug von Panik begleitet. Der Bücherstapel mit Frühjahrs/Sommertiteln schmilzt nur langsam (obwohl ich viel, gern und ausdauernd lese) und gleichzeitig trudeln schon wieder die Vorschauen für das Frühjahr 2021 herein (ja, ich lasse mich tatsächlich immer noch durch so etwas leicht stressen – hoffnungsloser Fall 😉 ). Ende des Monats wurden dann auch die fünf Romane bekanntgegeben, die um den diesjährigen Bloggerpreis Das Debüt konkurrieren. Das bedeutet nochmal mehr Lesepensum. Zum Glück waren/sind fast alle Bücher, und das galt auch für die Lektüre im November 2020, des Lesens wert. Mittlerweile schrecke ich aber auch vor dem Abbruch eines Buches (zugegeben nur im Extremfall) nicht zurück. Weiterlesen “Lektüre November 2020”

Lektüre Oktober 2020

Meine Lektüre im Oktober 2020:

Oktober ist natürlich eigentlich der Buchmessemonat – aber 2020 ist alles anders, was aber ein mehr an Zeit für die Lektüre bedeutete. Umfangreiche Beiträge entfielen, fünf lange Messetage und die entsprechende Vor- und Nachbereitung. An drei Tagen war ich dennoch in Frankfurt – und habe euch auf Instagram ein wenig mitgenommen. Einen etwas ausführlicheren Bericht über die fast menschenleere Festhalle, die vielen tollen Lesungen im Rahmen von Openbooks und Literaturbahnhof, die schönen Online-Events der Verlage und die digitale Messe wird es beim Jahresrückblick geben. Weiterlesen “Lektüre Oktober 2020”

Lektüre September 2020

Meine Lektüre im September 2020 war wieder sehr gemischt. Ein sehr gehypter Titel hat mich eher enttäuscht. Aber das war fast vorhersehbar. Gute internationale Kritiken für Sally Rooneys Normale Menschen und eine Longlistplatzierung für den Man Booker Prize haben mich dennoch verleitet, das Buch zu lesen. Ein Ärgernis war es nun gerade nicht, aber doch eher unbedeutend.

Ein bei uns fast unbekannter, in Irland aber fast auf einer Stufe mit dem großen James Joyce stehender Autor wollte von mir entdeckt werden. Ehrlich gesagt, konnte er mich aber kaum erreichen. Auch wenn der Text durchaus Stärken besaß.

Sehr angetan war ich vom Buchpreis-Kandidat Thomas Hettche und auch Queenie konnte mich bezaubern. Ein Roman von Sorj Chalandon und einer von Alexa Hennig von Lange haben mich auch weitgehend überzeugt. Während ein von mir sehr geschätzter Autor hinter meinen Erwartungen zurückblieb.

Aber nun zur Lektüre im September 2020 im Einzelnen: Weiterlesen “Lektüre September 2020”

Lektüre Juli 2020

Ein Sommer ohne Urlaubsreise – bedeutet das nun mehr oder weniger Zeit für die Lektüre im Juli 2020? Keine Ahnung, wieviel ich in einem normalen Familienurlaub geschafft hätte, so wurden es immerhin 2355 Seiten, acht Bücher und ein Hörbuch. Der hochgelobte Roman von Lily King Writers & Lovers war der einzige, der hinter meinen Erwartungen doch ziemlich weit zurückblieb. Ansonsten alles 100% Leseempfehlungen und zwei Highlights, die über den Monat hinausragen: Lejla Kalamujić mit ihrem Roman Nennt mich Esteban und Colum McCann mit Apeirogon. Weiterlesen “Lektüre Juli 2020”