David Grossman – Was Nina wusste

Was für eine Geschichte erzählt uns der israelische Schriftsteller David Grossman da in seinem neuen Roman „Was Nina wusste“! Welch einen weiten Bogen spannt er da vom Kibbuz im gegenwärtigen Israel über die nordkroatische Kleinstadt Čakovec vor und während des Zweiten Weltkriegs zur kargen Felseninsel Goli Otok im adriatischen Meer. Dabei macht er noch Stippvisiten an den Polarkreis ins norwegische Tromsø und den Big Apple New York und spannt dazwischen die dramatische, leidenschaftliche Geschichte dreier Frauen – Großmutter, Mutter und Tochter. Weiterlesen “David Grossman – Was Nina wusste”

Tayari Jones – Das zweitbeste Leben

„Mein Vater, James Witherspoon, ist ein Bigamist.“ So lässt Tayari Jones ihren etwas ungewöhnlichen Familienroman Das zweitbeste Leben beginnen. Sie gibt Dana Yarboro die Stimme, einer der beiden Töchter, die James Witherspoon mit seinen beiden Ehefrauen hat. Denn Dana weiß seitdem sie klein ist, dass sie und ihre Mummy „ein Geheimnis“ sind. Jeden Mittwochabend isst der Vater mit seiner kleinen Zweitfamilie, oft begleitet von seinem Freund und Quasi-Bruder Raleigh. Er möchte zu seiner Tochter und deren Mutter stehen, Verantwortung übernehmen. Auch wenn dies in der Regel durch Geld geschieht, mit dem er den Lohn der Krankenschwester aufbessert, die Ausbildung Danas und kleine Extraausgaben bezahlt. Weiterlesen “Tayari Jones – Das zweitbeste Leben”

Maggie O´Farrell – Judith und Hamnet

Hamlet ist sicher eines der bekanntesten Dramen William Shakespeares. Darin geht es zentral auch um eine Vater-Sohn-Beziehung. Über seinen Verfasser ist trotz vielfältiger Forschung erstaunlich wenig Gesichertes bekannt. Tatsache ist, dass er einen Sohn hatte, der Hamnet hieß und 1596 gerade elfjährig starb. Die britisch-irische Autorin Maggie O´Farrell macht ihn in ihrem mit dem Women´s Prize for Fiction 2020 prämierten Roman Judith und Hamnet zum Namensgeber des 1601 entstandenen Dramas und erzählt die berührende Geschichte seines Lebens und Sterbens. Weiterlesen “Maggie O´Farrell – Judith und Hamnet”

Brit Bennett – Die verschwindende Hälfte

Die 1990 in Kalifornien geborene Brit Bennett gilt nach ihrem vielbeachteten Essay „I don’t know what to do with good white people“ und ihrem erfolgreichen Debütroman „Die Mütter“ als eine der vielversprechendsten jungen Schriftstellerinnen der USA. Mit ihrem neu erschienenen Buch Die verschwindende Hälfte scheint Brit Bennett einen Roman zur Stunde, einen Beitrag zur Black Lives Matter-Bewegung geschaffen zu haben. In Amerika erschien „The vanishing half“ eine Woche nachdem George Floyd von einem Polizisten getötet wurde. Weiterlesen “Brit Bennett – Die verschwindende Hälfte”

Hilmar Klute – Oberkampf

Auch wenn sich die westliche Welt seit den verheerenden Anschlägen des 11. September in den USA der allgegenwärtigen Gefahr von Terrorattacken bewusst geworden ist, gibt es doch bestimmte Ereignisse, Daten, Orte, die diese Fragilität der Gesellschaft noch einmal mit besonderer Wucht ins Gedächtnis holen, die die Menschen auf ganz besondere Weise erschüttern und sich deshalb ins kollektive Gedächtnis hineinbohren. Dazu zählen sicher die Zuganschläge von Madrid 2004, die Selbstmordanschläge im öffentlichen Nahverkehr von London 2005 und der LKW-Anschlag in Nizza 2016. Für Deutschland kommt noch der Anschlag auf den Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz 2016 hinzu. Orte des öffentlichen Lebens, in dem man sich doch gemeinhin recht sicher wähnte. 2015 erschütterten die Anschläge in Paris – im Januar auf die Redaktion des Satire-Magazins Charlie Hebdo, im November auf die Konzerthalle Bataclan und umliegende Restaurants – die Welt. Waren dies doch Anschläge, die gegen die gesamte westliche Lebensauffassung, ihre Ideen von Meinungsfreiheit und persönlicher Freiheit gerichtet waren. Hilmar Klute siedelt in ihrem Umfeld seinen Roman Oberkampf an. Weiterlesen “Hilmar Klute – Oberkampf”

Margaret Laurence – Der steinerne Engel

Eine 90jährige – am Ende ihres Lebens. Das könnte eine Geschichte voller Wehmut werden, ein Roman vom Abschied, ein Rückblick auf ein erfülltes Leben oder eines voller Enttäuschungen und verpasster Chancen – melancholisch, traurig oder auch versöhnlich. Wenn, ja wenn Margaret Laurence in Der steinerne Engel nicht Hagar Shipley zur Hauptfigur gemacht hätte. Denn Hagar ist, hier passt der altmodische Ausdruck perfekt, eine richtige Kratzbürste. Weiterlesen “Margaret Laurence – Der steinerne Engel”

Minka Pradelski – Es wird wieder Tag

Die Frankfurter Soziologin Minka Pradelski wurde 1947 im Lager für Displaced Persons in Zeilsheim geboren, in ihrem neuen Roman Es wird wieder Tag fügt sie der großen Geschichte der Shoah ein weiteres, persönliches Mosaiksteinchen hinzu. Sie erzählt von Überlebenden, deren Leidensweg weit über die Befreiung der Lager hinausgeht, die ihre Traumata in die Nachkriegszeit mitnehmen und an die Nachfolgegenerationen weitervererben. Gerade weil sie diese davor schützen wollen. Durch Schweigen. Weiterlesen “Minka Pradelski – Es wird wieder Tag”

Sarah Leipciger – Das Geschenk des Lebens

Das Geschenk des Lebens – um seine Fragilität drehen sich die drei Handlungsstränge im neuen Roman der Kanadierin Sarah Leipciger, der erste der mit ihrer Familie in London lebenden Autorin, der auf Deutsch vorliegt.

Drei Geschichten, drei Protagonist:innen, drei ganz unterschiedliche Handlungszeiten, Handlungsorte und Erzählperspektiven. Und viele Verknüpfungspunkte. So geht es in allen drei Geschichten um das, was das Geschenk des Lebens erst möglich macht, um das Atmen, das Luftholen, aber auch um das Gegenteil, das Ersticken, das Ertrinken und im Zusammenhang damit um das Element Wasser, in dem ein Atmen für uns nicht möglich ist. Coming up for air – so der englische Originaltitel. Weiterlesen “Sarah Leipciger – Das Geschenk des Lebens”

Sally Rooney – Normale Menschen

Die irische Autorin Sally Rooney ist ein Phänomen. Schon ihr Erstling Gespräche mit Freunden, der 2017 erschien, war ein sensationeller Erfolg für die 1991 geborene damalige Studentin am Trinity College in Dublin. Verlage überboten sich schon im Vorfeld, der renommierte Faber&Faber erhielt schließlich den Zuschlag, die britische Literaturkritik überschlug sich, diverse Zeitungen machten das Buch zum Book of the year und der Verkaufserfolg blieb nicht aus. Ich habe das Buch durchaus gern gelesen, der Hype erschloss sich mir aber nicht. Der 2018 erschienene zweite Roman von Sally Rooney, Normal people, jetzt als Normale Menschen auch auf Deutsch erschienen, versprach noch phänomenaler zu werden. Longlist des Man Booker Prize, Gewinn zweier British Book Awards und des Costa Awards – ein Wahnsinnserfolg für das zweite Buch einer so jungen Autorin. Weiterlesen “Sally Rooney – Normale Menschen”