Der Gastlandauftritt bei der Frankfurter Buchmesse bietet einem Land immer die Möglichkeitt, seine Literatur intensiv zu bewerben. Eine Rekordmenge an Titeln wird neu übersetzt und veröffentlicht, Autor:innen werden präsentiert und Veranstaltungen angeboten. Für uns deutsche Lese:innen öffnet sich jedes Jahr eine Buch-Wunderkammer. Schon lange gehört deshalb der Ehrengastauftritt in jedem Jahr zu einem meiner Höhepunkte der Messe. Weiterlesen „Tschechische Literatur – Neuerscheinungen“
Kategorie: Rezensionen
Tschechische Literatur – Klassiker
Wer ist der/die berühmteste tschechische Klassiker? Spontan würden (zumindest hierzulande) sicher die meisten „Franz Kafka“ antworten. Das liegt wahrscheinlich daran, dass viele bzw. alle Schüler:innen im Deutschunterricht mit Werken Kafkas zu tun bekommen haben. Und da liegt natürlich aber auch der Haken: Zwar schmückt sich z.B. Prag mit dem berühmten, 1883 dort geborenen Schriftsteller, fast überall stößt man hier auf ihn. Aber Franz Kafka schrieb auf Deutsch. Er gehörte zu der
deutschsprachigen Bevölkerung in Böhmen, die ca. 1/3 der Gesamtpopulation ausmachte, und wird deshalb wegen deren Zugehörigkeit zu Österreich-Ungarn auch gerne als Österreicher vereinnahmt. Nach Zerfall der Habsburgermonarchie 1918 bis zu seinem Tod 1924 war er aber dann tatsächlich sechs Jahre lang tschechoslowakischer Staatsbürger. Während der kommunistischen Ära galt er allerdings als verboten, stand auf einer schwarzen Liste. Wie Rainer Maria Rilke, Max Brod, Franz Werfel und Egon Erwin Kisch aus dem sogenannten „Prager Kreis“ zählt Franz Kafka als „deutschsprachiger Autor aus Prag“.
Aber natürlich gibt es auch die “echten“ tschechischen Klassikern, die auch auf Tschechisch verfasst wurden. Weiterlesen „Tschechische Literatur – Klassiker“
Tschechien – Gastland der Frankfurter Buchmesse 2026
Gastland der Frankfurter Buchmesse 2026
In genau einer Woche, vom 7. bis 11. Oktober 2026 findet die Frankfurter Buchmesse statt und hochgeschätzte Tradition ist wie seit 1988 jedes Jahr der Gastlandauftritt. Nachdem Italien eine ausgesprochen enttäuschende Vorstellung ihrer Literaturlandschaft geboten hat und die philippinische Literatur im vergangenen Jahr zwar mit viel Leidenschaft und ausgesprochener Herzlichkeit vorgestellt wurde, mir aber leider nur wenig Anknüpfungspunkte bot, ist in diesem Jahr ein Land Mittelpunkt der Messe, das sich nicht nur bereits 2019 in Leipzig auf ganz wundervolle Art präsentiert hat, sondern das auch aktuell eine Fülle an spannender, neugierig machender Texte anzubieten hat. Weiterlesen „Tschechien – Gastland der Frankfurter Buchmesse 2026“
Eva Menasse – Alleinruhelage
Ein Haus in Alleinruhelage – ein Traum von Idylle oder doch nur eine Umschreibung für „irgendwo im Nirgendwo“. Gelegen an einem kleinen See, der aber immer mehr verlanded, von Schilf überwuchert wird und modrigem Grund aufweist. Gelegen ist das Ganze in der ostdeutschen Provinz – inklusive überwiegend unfreundlicher, misstrauischer und abweisender Nachbarn unklarer (mittlerweile leider allzu klarer) politischer Neigungen. Die Alleinruhelage, die vor zwanzig Jahren für die Berliner Intellektuellenfamilie mit drei Kindern ein traumhafter Rückzugsort vom Großstadtleben war, wird für die nun alleinlebende Erzählerin, die große Ähnlichkeit mit ihrer Autorin Eva Menasse besitzt, zunehmend zur Belastung. Gleich im ersten Satz beschließt sie: „ Haus, ich verkaufe dich.“ Weiterlesen „Eva Menasse – Alleinruhelage“
Sven Regener – Frankie und Freddie
Die hohe Kunst des Laberns – niemand beherrscht sie wohl so gut wie Frank Lehmann, sein Bruder Freddie und all die Typen, die Sven Regener seit seinem ersten Roman der Reihe (Herr Lehmann 2001) im West-Berliner Kiez rund um die Wiener Straße – meist ein wenig hyperaktiv – auftreten lässt. Sieben Bücher sind es mittlerweile, erschienen im Abstand von jeweils vier bis fünf Jahren. Und das Faszinierende an ihnen ist, dass die Figuren bei jedem neuen Bad gleich wieder so vertraut sind. Weiterlesen „Sven Regener – Frankie und Freddie“
Jaroslav Rudiš – Wo die Toten sprechen
Sie fahren in einem weißen Sarg durch Mitteleuropa und besuchen die Gräber verstorbener Dichter. Das klingt schräg und ist es auch ein wenig. Aber der neue Roman von Jaroslav Rudiš Wo die Toten sprechen ist nicht nur ein komisches Buch, sondern auch ein melancholischer Roadtrip, ein Blick in die oft düstere Geschichte Mitteleuropas und ein Plädoyer für: „Mehr Liebe. Oder nichts.“ Und es ist ein Text voller literarischer Verweise, schließlich besuchen die drei Protagonist:innen nicht einfach nur berühmte Friedhöfe, sondern sie übernachten dort, oft auf den Grabstellen der Verstorbenen, reden mit ihnen – und hören ihnen zu. Denn das ist etwas, das die drei Protagonist:innen eint: sie hören die Toten sprechen. Weiterlesen „Jaroslav Rudiš – Wo die Toten sprechen“
Lektüre August 2026
Der August startete wunderbar mit der Lektüre des Romans Pulver. Ein weitgespanntes, multiperspektivisches Panorama von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis in die Nachkriegszeit. Ein ähnlich breites Panorama aus dem Riesengebirge/Böhmen war mein erstes Buch zum diesjährigen Gastland der Frankfurter Buchmesse Tschechien: Geteiltes Haus von Alice Haoracková. Gleich ein absolutes Highlight! Im September will ich mich ganz der Lektüre tschechischer Literatur widmen, mit Emma Kausc und Dora Kaprálová habe ich im August schon zwei andere Texte dazu gelesen.
Enttäuscht hat mich tatsächlich eines der am höchsten gehandelten Bücher dieses Leseherbstes, nominiert für den Deutschen Buchpreis, jetzt auch für die Shortlist, aber einfach nicht meins: Anton und Alma. Vielleicht auch meinem immer sehr kritischen Blick auf Liebesgeschichten geschuldet. Wer weiß. Die Stimmen zum Buch sind vorwiegend begeistert.
Lukas Rietzschel – Sanditz
Einer der am häufigsten (und kontrovers) diskutierten Romane des Frühjahrs 2026 und ein heißer Kandidat für den Deutschen Buchpreis – Lukas Rietzschel hat mit seinem Roman Sanditz ziemlich viel Aufmerksamkeit bekommen. „Ein großes Bild der deutschen Gesellschaft von der DDR bis in die jüngste Gegenwart“ verspricht der Klappentext und von den meisten Rezensenten wird er als der „ersehnte Wenderoman“ gelesen. Weiterlesen „Lukas Rietzschel – Sanditz“
Corinna Krenzer – Eine einfache Wahrheit
Eine komplexe DDR-Geschichte, eine Familiengeschichte, die sich um Schuld und Schweigen dreht und um die Rückkehr an den Ort der Kindheit: Corinna Krenzer hat mit Eine einfache Wahrheit einen Debütroman geschrieben, den ich sehr gern gelesen habe. Und doch hat mich etwas irritiert, was ich zunächst nicht näher benennen konnte. Dann habe ich gelesen, dass der Roman eigentlich einen männlichen Protagonisten hatte und dass die Autorin dann auf Anraten ihres Verlegers daraus kurzfristig Janna machte, Schriftstellerin Mitte 40, verheiratet mit ihrem Literaturagenten Hannes und in eine heimliche Affäre mit Marie verstrickt. Seitdem überlege ich, ob diese Änderung – die nicht wirklich spürbar und professionell umgesetzt ist – diese Irritation auslöste. Weiterlesen „Corinna Krenzer – Eine einfache Wahrheit“
Miriam Carbe – Unerwünschte Töchter
Miriam Carbe wurde 1967 als Tochter einer deutschen Mutter und eines nigerianischen Studenten geboren. Gewiss keine leichte Situation für ihre 22-jährige Mutter Monika, zumal sowohl der Vater des Kindes als auch ihre Mutter sie zu einer Abtreibung drängten. Unverheiratet und dem Rassismus einer deutschen Gesellschaft ausgesetzt, die die während des Nationalsozialismus „erlernten“ Einstellungen nur sehr zögerlich ablegte (wenn überhaupt), muss eine Zukunft mit diesem Kind für sie unvorstellbar gewesen sein. Obwohl sie einer Abtreibung zunächst zustimmte, entschied sich Marion schließlich aber doch für das Kind. Miriam Carbe wird damit eine weitere „unerwünschte Töchter“ ihrer Familie. In ihrem autofiktionalen Debütroman erzählt die arte-Redakteurin von gleich drei ihr vorangegangenen Frauengenerationen, die immer wieder an den gesellschaftlichen Erwartungen und Hindernissen zu scheitern drohten, sich aber tapfer dagegen stemmten. Weiterlesen „Miriam Carbe – Unerwünschte Töchter“









