Ein Blick in die Verlagsvorschauen Frühjahr 2020

Wie Weihnachten kommen jedes Jahr „völlig überraschend“ die Verlagsvorschauen des nächsten Jahres hereingetrudelt. Der Buchmessentrubel ist einigermaßen verarbeitet, die trotz eiserner Vorsätze doch wieder mitgenommenen Bücher ins Regal einsortiert und der immer noch umfangreiche Stapel noch zu lesender und zu besprechender oder zumindest anzulesender Herbsttitel steht erwartungsvoll neben dem Sessel. Und dann das – wieder Unmengen an vielversprechenden, verlockenden Romanen, von den Verlagen attraktiv und ansprechend in Szene gesetzt, mit neugierig machenden Texten und je nachdem sympathischen oder rätselhaft-unergründlichen Fotos der Autoren versehen. Und alle schreien – lies mich! Wie die Auswahl treffen? Stark genug, um zu sagen: Ich setze mal eine Saison aus, habe eh noch Lesestoff für mehrere Jahre, bin ich natürlich nicht. Und so mischt sich wie jeden Herbst und jeden Frühling ein kindlich-aufgeregtes, vor Neugier und Erwartungsfreude ganz hibbeliges mit einem entsetzt raunenden Ich: Nicht zuviel, das kannst du gar nicht alles lesen, selektiere, schau genauer hin. Und heraus kommt, wie auch jedes Jahr im Herbst und Frühling: Ein Blick in die Verlagsvorschauen Frühjahr 2020!

Lasst euch inspirieren, verlocken, neugierig machen auf die Titel der Frühjahrsproduktion 2020. Wie immer ganz subjektiv und nach Verlagen sortiert.

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Nicolas Mathieu – Wie später ihre Kinder

Heillange heißt der kleine fiktive Ort in der nordfranzösischen Provinz, den Nicolas Mathieu in seinem 2018 mit dem Prix Goncourt ausgezeichneten Roman „Wie später ihre Kinder“ zum Mittelpunkt eines Gesellschaftsporträts macht. Nur unschwer lässt er sich als das lothringische Hayange in der deutsch-luxemburgischen Grenzregion identifizieren, das seit dem 18. Jahrhundert von der Eisen- und Stahlproduktion geprägt war und in dem etliche Betriebe in den 1980er Jahren schließen mussten. Seitdem vollzieht sich der sogenannte „Strukturwandel“ dort nur schleppend, entwickelten sich keine „blühenden“ Landschaften, wie sie nicht nur in Deutschland versprochen wurden, sondern grassieren Arbeitslosigkeit und Verarmung. Die Gegend wurde zur Hochburg des Front national, der seit 2014 den dortigen Bürgermeister stellt. Weiterlesen „Nicolas Mathieu – Wie später ihre Kinder“

Ocean Vuong – Auf Erden sind wir kurz grandios

Gleich mit seinem Debütroman gelang dem 1988 geborenen US-Amerikaner ein fulminanter Erfolg. Seine Autofiktion, die vom Heranwachsen, dem schwierigen Verhältnis zu seiner Mutter und seinem Comingout erzählt, ist nach einem der Gedichte in seinem jüngsten Lyrikband benannt: Ocean Vuong „Auf Erden sind wir kurz grandios“. Weiterlesen „Ocean Vuong – Auf Erden sind wir kurz grandios“

Samuel Selvon – Eine hellere Sonne

Als Samuel Selvons erfolgreichster Roman „The lonely Londoners“ 2017 zum ersten Mal nach seinem Erscheinen 1956 in deutscher Übersetzung unter dem Titel „Die Taugenichtse“ erschien, war das eine kleine Sensation und wurde von Feuilleton und Lesern gleichermaßen begeistert aufgenommen. Der aufgrund seiner Verwendung von kreolischem Straßenslang eigentlich als unübersetzbar geltende Text wurde von Miriam Mandelkow, die auch die Neuausgaben von James Baldwin grandios bearbeitet, in ein originelles Deutsch übertragen. Nun ist ebenfalls bei dtv Samuel der Debütroman von Samuel Selvon „Eine hellere Sonne“ erschienen – und ebenfalls sehr gelungen. Weiterlesen „Samuel Selvon – Eine hellere Sonne“

Edgar Rai – Im Licht der Zeit

Ein Buch über Marlene Dietrich. Ein Buch über die Entstehung des legendären Films „Der blaue Engel“. Eine Entstehungsgeschichte, die selbst ganz großes Kino ist. Berlin, Babelsberg und die späten 1920er Jahre, die auch die goldenen genannt werden. Edgar Rai hat sie versucht, in seinem Roman „Im Licht der Zeit“ festzuhalten.

Es ist das Jahr 1929, das unlängst auch durch die opulente Verfilmung der Volker Kutscher Romane, durch „Babylon Berlin“, die Fernsehzuschauer fasziniert hat, das Edgar Rai tief in die Archive hat abtauchen lassen. Dabei interessiert ihn vor allem die unglaubliche Vorgeschichte des späteren Kultfilms „Der blaue Engel“, der so viele Widerstände überwinden musste, dass es fast einem Wunder gleicht, dass er überhaupt verwirklicht werden konnte. Weiterlesen „Edgar Rai – Im Licht der Zeit“

Steve Sem-Sandberg – Der Sturm

Es sind keine Naturgewalten, die über die Bewohner der Insel hereinbrechen im Roman Der Sturm von Steve Sem-Sandberg. Worauf der Titel vielmehr anspielt ist das gleichnamige Stück von William Shakespeare. Hierzu gibt es viele Bezüge, was sich schon im vorangestellten Motto andeutet, auch wenn das Ganze kein Remake etwa im Sinne des „Hogarth-Shakespeare Project“ ist. Weiterlesen „Steve Sem-Sandberg – Der Sturm“

Jamel Brinkley – Unverschämtes Glück

Die neun Geschichten von Jamel Brinkley , die 2018 auf der Longlist der National Book Awards standen und nun auf Deutsch unter dem Titel „Unverschämtes Glück“ erschienen sind, scheinen ein Kontrapunkt zur gegenwärtigen Stimmung zu sein. Die ungleich größere Aufmerksamkeit, die männlichen Autoren geschenkt wird, männliche Vorherrschaft in Chefetagen sowohl wie an den Schaltstellen der Meinungsindustrie, #metoo, mangelnde Sensibilität und Aufmerksamkeit für sexualisierte Gewalt und Alltagssexismus und generell die Genderdebatte sind hochaktuell. Gerade weil sich das Rad der Entwicklungen in diesen Bereichen zurückzudrehen scheint oder doch gehörig stockt. Weiterlesen „Jamel Brinkley – Unverschämtes Glück“

Horst Krüger – Das zerbrochene Haus. Eine Jugend in Deutschland

Zum 100. Geburtstag des 1999 verstorbenen Schriftstellers und Journalisten Horst Krüger veröffentlicht der Schöffling Verlag dessen Erinnerungsbuch Das zerbrochene Haus. Eine Jugend in Deutschland, das 1966 erstmals erschien und leider lange Zeit vergriffen war, mit einem informativen Nachwort von Martin Mosebach neu. Was für ein Glücksfall! Weiterlesen „Horst Krüger – Das zerbrochene Haus. Eine Jugend in Deutschland“

Hideo Yokoyama – 2

Hideo Yokoyama legt mit 2, zwei schmalen Kriminalerzählungen rund um das Polizeipräsidium der japanischen Präfektur D, eine Art Prequel zu seinem starken Roman 64 vor.

Im vergangenen Jahr erschien ein dickleibiger Roman aus Japan, der einiges an Aufsehen erregte. Thriller war er betitelt, entsprach aber so gar nicht dem, was man gemeinhin von diesem Genre erwartet. Es ging um ein verschwundenes Mädchen, es ging auch um Mord und natürlich auch um Polizeiarbeit. Im Zentrum des Interesses standen aber weder die Verbrechen selbst, noch Täter, Opfer oder sonstige handelnde Personen. Selbst die Ermittlungen und Ermittler waren eher Beiwerk, auch wenn es einen Hauptprotagonisten, Yoshinobu Mikami, seines Zeichens Pressedirektor der Polizei, gab. Dieser war persönlich in den Fall verstrickt, aber er war eben nur Pressedirektor und kein im eigentlichen Sinn ermittelnder Beamter. Weiterlesen „Hideo Yokoyama – 2“

Christoph W. Bauer – Niemandskinder 

Christoph W. Bauer schreibt in Niemandskinder über ein verdrängtes Kapitel österreichischer Geschichte, eine vergangene Liebe und ein durch Terror erschüttertes Paris.

Ein Mann kehrt nach vielen Jahren zurück nach Paris. Es ist eine völlig veränderte Stadt, direkt nach den Novemberanschlägen 2015. Einst war sie die Stadt seiner großen Liebe, der Liebe zu Samira. Samira, die freiheitsdurstige Tochter marokkanischer Eltern, Kind der Banlieu, der die Jugendsprache Verlan genauso leicht über die Lippen kommt wie das Französische. Die Liebe scheiterte, vielleicht an der Ziellosigkeit und dem Zaudern des jungen Studenten, dem das Schreiben wichtiger war als das Geldverdienen. Vielleicht auch an der zu unterschiedlichen Herkunft. Weiterlesen „Christoph W. Bauer – Niemandskinder „