Stewart O’Nan – Henry persönlich

Die Familie Maxwell, eine ziemlich typische Mittelstandsfamilie. Sie stand bereits zweimal im Mittelpunkt von großartigen Romanen: 2002 erschien „Abschied von Chautauqua“, 2011 folgte „Emily allein“. Warf ersterer multiperspektivisch einen Blick auf alle Familienangehörigen, die sich anlässlich von Verkauf und Ausräumung des Ferienhauses am Lake Chautauqua/New York noch einmal dort versammelt hatten, konzentrierte sich „Emily allein“ eben auf jene, die im ersten Teil gerade ihren Ehemann Henry verloren hatte und jetzt, zehn Jahre später, als nunmehr 80jährige ihren Alltag bestritt. Im nun dritten Teil der Familiengeschichte geht Stewart O’Nan noch einmal in der Zeit zurück und lässt in „Henry persönlich“ den Verstorbenen wieder lebendig werden. Weiterlesen „Stewart O’Nan – Henry persönlich“

Eugen Ruge – Metropol

Im Zentrum Moskaus, nicht weit vom Roten Platz und in direkter Nachbarschaft zum Bolschoi-Theater steht ein prächtiger Jugendstilbau, das 1905 eröffnete Luxushotel Metropol. 1917 bereits wurde es von den in der Revolution siegreichen Bolschewisten übernommen. Es diente seitdem sowohl der Unterbringung hochrangiger ausländischer Gäste als auch als Wohnort sowohl von Funktionären als auch auf ihren Prozess wartenden politischer Gefangenen. In Sichtweite befindet sich das berüchtigte Gefängnis des russischen Geheimdienstes Lubjanka. Im Roman „Metropol“ von Eugen Ruge bildet es den zentralen Handlungsort. Weiterlesen „Eugen Ruge – Metropol“

Cora Sandel – Café Krane

Die 1880 als Sara Cecilie Margarete Gørvell Fabricius in Christiania geborene und in Tromsø aufgewachsene Schriftstellerin Cora Sandel kennt kaum eine Leser*in hier in Deutschland. In ihrem Heimatland gehört sie allerdings zu den ganz großen Autorinnen, den Klassikern. Auf Deutsch wurde in den 1960er Jahren im Schweizer Rascher Verlag ihre als Hauptwerk geltende Alberte-Trilogie veröffentlicht. Anlässlich des Gastlandauftritts Norwegens zur Frankfurter Buchmesse 2019 erschien nun ein anderes Werk von Cora Sandel: Café Krane. Weiterlesen „Cora Sandel – Café Krane“

Jeanne Benameur – Das Gesicht der neuen Tage

Kriegsfotograf Étienne ist seit langem weltweit im Einsatz, ein alter Hase. Und doch wird er eines Tages in einem Moment der Unaufmerksamkeit von Banditen entführt und befindet sich monatelang in Geiselhaft. Dabei geht es der französischen Autorin Jeanne Benameur in „Das Gesicht der neuen Tage“ weniger um die Umstände der Entführung. Weder das Land wird benannt, noch die kriegerische Auseinandersetzung oder die terroristische Gruppe, die dafür verantwortlich ist oder deren Ziele. Die Situation hat heute, wo es auf der Welt so viele Krisenherde gibt, etwas allgemein Gültiges. Weiterlesen „Jeanne Benameur – Das Gesicht der neuen Tage“

Lektüre Januar 2020

Das neue Blog-Jahr beginnt mit einer ordentlichen Verspätung beim Lesemonat, meiner Lektüre Januar 2020 . Es haben sich jede Menge Rezensionen aus der Herbst/Winter-Produktion angesammelt, die erst einmal bearbeitet und veröffentlicht werden wollten. Deshalb erscheint also die Zusammenfassung meiner Januarlektüre diesmal zur Monatsmitte. Weiterlesen „Lektüre Januar 2020“

Giuseppe Tomasi di Lampedusa – Der Leopard

Ein italienischer Klassiker, ja als „Jahrhundertroman“ gilt das 1958, ein Jahr nach dem Tod des Autors erschienene erste und einzige Buch von Giuseppe Tomasi di Lampedusa, „Der Leopard“. Und das, obwohl es zuvor von den bedeutenden Verlagshäusern Italiens abgelehnt wurde und erst der Schriftsteller und damalige Lektor von Feltrinelli Giorgio Bassani seinen Wert erkannte.

Es waren die tief im 19. Jahrhundert verankerte Thematik und Erzählweise, die zu einer Zeit, in der man eher von der Avantgarde fasziniert war, von der Moderne, dem Experimentellen, wenig Interesse weckte. Beim Publikum wurde der Roman allerdings gleich ein großer Erfolg und 1963 von Luchini Visconti legendär mit Burt Lancaster, Claudia Cardinale und Alain Delon verfilmt. Weiterlesen „Giuseppe Tomasi di Lampedusa – Der Leopard“

Nadine Schneider – Drei Kilometer

Nadine Schneider gewinnt mit „Drei Kilometer“ den Bloggerpreis für Literatur „Das Debüt“ 2019. Und das völlig zu Recht. In ihrem schmalen Roman erzählt sie leise, poetisch und völlig unsentimental eine berührende Geschichte. Weiterlesen „Nadine Schneider – Drei Kilometer“

Norbert Scheuer – Winterbienen

Winterbienen stammen aus der letzten im Herbst aufgezogenen Brut. Ihre Aufgabe besteht darin zu überwintern und im Frühjahr erneut mit der Brutpflege zu beginnen. Dafür futtern sie sich im Herbst einen ordentlichen Eiweißvorrat an. Im Vergleich mit ihren Sommerkolleginnen leben sie deutlich länger, nämlich neun bis zehn Monate anstatt nur 45 Tage. In diesen Monaten kontrollieren sie die Temperatur im Bienenstock und produzieren gegebenenfalls Wärme durch starke Muskelbewegungen. So schützen sie Königin und Brut vor dem Auskühlen. Nach getaner Arbeit werden sie im Frühjahr aus dem Volk ausgestoßen und/oder getötet. Was zählt, das macht Norbert Scheuer in seinem großartigen Roman „Winterbienen“ deutlich, ist allein die Aufgabe, die die einzelne Biene für ihr Volk erfüllt. Weiterlesen „Norbert Scheuer – Winterbienen“

Miku Sophie Kühmel – Kintsugi

2019 war ein Erfolgsjahr für die Debütantin Miku Sophie Kühmel: für ihren Roman „Kintsugi“ erhielt sie den Förderpreis der Jürgen Ponto Stiftung, den Aspekte Literaturpreis und einen Platz auf der Shortlist des Deutschen Buchpreis. Was machte das Buch trotz recht verhaltener Kritiken im Literaturfeuilleton so attraktiv für die Juroren? Weiterlesen „Miku Sophie Kühmel – Kintsugi“

Katerina Poladjan – Hier sind Löwen

Das Szenario ist nicht neu und bereits unzählige Male Ausgangspunkt und/oder Sujet von Romanen gewesen: eine nicht mehr ganz junge Frau, so um die Dreißig (wahlweise auch ein junger Mann), ist im Leben noch nicht so ganz angekommen, beruflich leicht prekär, aber gut ausgebildet, Beziehungsstatus noch nicht wirklich geklärt, genauso offen wie die Zukunftspläne, kommt an einen Punkt, der mittlerweile sogar einen Namen besitzt, die „Quarterlife-Crisis. Oft stecken irgendwelche familiären, gern verdrängten und nicht gleich offensichtlichen Probleme hinter dem Dilemma. Und oft dient eine Reise zu den familiären Wurzeln als Anstoß, sich darüber Klarheit zu verschaffen. Das ist auch bei der Protagonistin von Katerina Poladjan in ihrem 2019 für den Deutschen Buchpreis nominierten Roman „Hier sind Löwen“ so.

Das Besondere dieses Buchs liegt in der Familiengeschichte und in der Profession der Protagonistin. Weiterlesen „Katerina Poladjan – Hier sind Löwen“