LiteraturReich https://literaturreich.de/ Ein Literaturblog Fri, 12 Apr 2024 05:06:53 +0000 de-DE hourly 1 https://wordpress.org/?v=6.5.2 https://literaturreich.de/wp-content/uploads/2017/03/cropped-screenshot-05-03-2017-16_17_25-2-32x32.png LiteraturReich https://literaturreich.de/ 32 32 164610390 Alem Grabovac – Die Gemeinheit der Diebe https://literaturreich.de/2024/04/08/alem-grabovac-die-gemeinheit-der-diebe/ https://literaturreich.de/2024/04/08/alem-grabovac-die-gemeinheit-der-diebe/#respond Mon, 08 Apr 2024 08:25:08 +0000 https://literaturreich.de/?p=18223 Mit Die Gemeinheit der Diebe erzählt der Berliner Autor Alem Grabovac die Geschichte seines Debütromans Das achte Kind erneut, verlagert den Fokus ein wenig und schreitet zeitlich weiter voran, bis an die Entstehungszeit eben dieses… Mehr

Der Beitrag Alem Grabovac – Die Gemeinheit der Diebe erschien zuerst auf LiteraturReich.

]]>
Mit Die Gemeinheit der Diebe erzählt der Berliner Autor Alem Grabovac die Geschichte seines Debütromans Das achte Kind erneut, verlagert den Fokus ein wenig und schreitet zeitlich weiter voran, bis an die Entstehungszeit eben dieses Vorläuferromans. Es ist seine eigene Geschichte und die seiner Familie, die uns hier nur leicht fiktionalisiert begegnet. Und wieder vermag der Autor mit seiner sachlich-nüchternen Erzählweise tief zu berühren.

Lag der Schwerpunkt der Geschichte in Das achte Kind auf der sehr besonderen Kindheit des Erzählers, der als Sohn eines bosnischen Kleinkriminellen und einer schwer arbeitenden „Gastarbeiterin“ aus Kroatien in Würzburg geboren wurde und der mangels Betreuungsmöglichkeiten für seine alsbald alleinstehende, auf ihre Lohnarbeit angewiesene Mutter in einer deutschen Pflegefamilie als achtes Kind (daher der Name des Debütromans) aufwuchs, so verschiebt sich das im neuen Roman in Richtung Smilja, der Mutter.

Smilja

Ihre Abstammung aus ärmsten Verhältnissen, ihr Streben nach einem besseren Leben, das sie sich vom Anwerbeverfahren der Bundesrepublik für ausländische Arbeitskräfte erhoffte, und ihr Hang zu den stets falschen Männern stehen diesmal im Mittelpunkt. Die falschen Männer, das waren vor allem der Bosnier Emir, Alems Vater, den Smilja in einem Tanzlokal in Deutschland kennenlernte und der sein Geld durch Taschendiebstähle verdiente. Das wurde Smilja erst später klar und sie trennte sich von ihm. Das war aber auch Dušan, der zwar ein fleißiger Arbeiter, aber auch ein ebenso fleißiger Trinker war und dann regelmäßig gewalttätig wurde. Gegenüber Smilja, aber auch gegenüber von Alem, der seine Mutter weiterhin oft an den Wochenenden in Frankfurt besuchte, nachdem sie wegen besserer Arbeitsaussichten dorthin gezogen war.

Das schwierige Verhältnis von Alem und Dušan, bei dem Smilja selten die Partei ihres Sohnes ergriff, was diesen nachhaltig verletzte, stand auch im Mittelpunkt des Debütromans. In Die Gemeinheit der Diebe erfahren wir, dass sich Dušan durchaus verändern konnte, zum Guten. Trotz allem war er der Mutter eine Stütze. Nach seinem Tod bricht für Smilja eine Welt zusammen. Das Buch begleitet sie darüber hinaus. Sie wird etwas wunderlich, hört ihren verstorbenen Partner im Kleiderschrank klopfen, kann kaum noch schlafen und sucht Hilfe bei einem zwielichtigen Wunderheiler. Der Sohn vermutet eine Depression. Seine Erfolge als Schriftsteller trösten die Mutter ein wenig.

Lakonisch und berührend

Wieder in einem nüchtern-lakonischen Stil erzählt, vermag Die Gemeinheit der Diebe trotzdem oder vielleicht gerade deswegen sehr zu berühren. Die Ambivalenz des Erzählers seiner leiblichen Mutter gegenüber, die er liebt und wegen ihrer Resilienz und ihrem Streben nach etwas Besserem im Leben bewundert, der er aber die Abwesenheit in seiner Kindheit – auch wenn er ihre Bedingungen versteht – und vor allem das Im-Stich-Lassen bei den Gewalttätigkeiten von Dušan vorwirft, wird trotz der Reduziertheit sehr deutlich und greifbar.

Das Leben einer Migrantin, die von der deutschen Gesellschaft nur als Gastarbeiterin gedacht wurde und die in Deutschland trotz aller Widrigkeiten dauerhaft blieb, für die aber das Haus in der alten Heimat und auch der Grabplatz dort stets ein Trost blieb, Zeichen dafür, dass von einem wirklichen Ankommen, von neuer Heimat keine Rede sein kann, ist so beispielhaft für viele Migran:innen dieser ersten Generation. Lange Zeit gab es dazu kaum Stimmen. Emine Sevgi Özdamar schrieb darüber 1998 in Die Brücke vom Goldenen Horn, im letzten Jahr gewann Dinçer Güçyeter mit Unser Deutschlandmärchen den Preis der Leipziger Buchmesse. Gut, dass es diese Stimmen und Geschichten nun gibt.

 

Beitragsbild: Bundesarchiv, B 145 Bild-F013093-0001 / Unterberg, Rolf / CC-BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons

_____________________________________________________

*Werbung*

alem-grabovac-die-gemeinheit-der-diebe.

.

Alem Grabovac – Die Gemeinheit der Diebe
hanserblau Februar 2024, 240 Seiten, Hardcover, 24,00 € 

Der Beitrag Alem Grabovac – Die Gemeinheit der Diebe erschien zuerst auf LiteraturReich.

]]>
https://literaturreich.de/2024/04/08/alem-grabovac-die-gemeinheit-der-diebe/feed/ 0 18223
Mirrianne Mahn – Issa https://literaturreich.de/2024/04/07/mirrianne-mahn-issa/ https://literaturreich.de/2024/04/07/mirrianne-mahn-issa/#respond Sun, 07 Apr 2024 17:22:12 +0000 https://literaturreich.de/?p=18227 Mirrianne Mahn ist Theaterfrau, Aktivistin und Stadtverordnete in Frankfurt am Main, nun hat sie mit Issa ihren Debütroman vorgelegt. Die in Kamerun geborene, im Hunsrück aufgewachsene und nun in Frankfurt lebende Mahn engagiert sich für… Mehr

Der Beitrag Mirrianne Mahn – Issa erschien zuerst auf LiteraturReich.

]]>
Mirrianne Mahn ist Theaterfrau, Aktivistin und Stadtverordnete in Frankfurt am Main, nun hat sie mit Issa ihren Debütroman vorgelegt. Die in Kamerun geborene, im Hunsrück aufgewachsene und nun in Frankfurt lebende Mahn engagiert sich für Diversität und gegen Rassismus, ist meinungsstark und laut. Ihr Roman über fünf Frauen einer Familie, die ihre Wurzeln in Westafrika haben, deren jüngere Vertreterinnen aber Deutsche sind, auch wenn sie immer wieder das Gefühl vermittelt bekommen, nicht so richtig dazuzugehören, ist eher leise, zutiefst berührend, lustig, erkenntnisreich.

Im Mittelpunkt steht Issa, wie ihre Autorin eine moderne, in Deutschland lebende Frau. Sie ist die Ich-Erzählerin des Gegenwartsstrangs in 2006. Issa ist schwanger von ihrem deutschen Freund. Mit der Beziehung zu ihm steht es nicht zum Besten, von der Schwangerschaft ist er nicht gerade begeistert. Ihre Mutter Ayudele rät ihr gar zu einer Abtreibung. Auf keinen Fall soll sie in die alte Falle tappen, die das Patriarchat den Frauen nicht nur ihrer Familie seit Jahrhunderten stellt. Da Issa das Kind aber auf jeden Fall behalten möchte, überredet sie ihre Tochter, zumindest für die traditionellen Rituale nach Kamerun zu fahren und diese unter der Leitung ihrer beiden Omas durchzuführen.

Zwischen Kamerun und Deutschland

Issa kam mit fünf Jahren mit ihrer Mutter und ihrem deutschen Stiefvater Jürgen nach Deutschland und ist modern und westlich sozialisiert. Dennoch unterwirft sie sich dem Willen der dominanten Ayudele und willigt zu den traditionellen Ritualen ein, die Mutter und Kind beschützen und vor bösen Einflüssen schützen sollen. Sie sollen eine spirituelle Verbindung zu den weiblichen Ahnen schaffen, die dem alten Glauben nach in den Seelen der Neugeborenen wiedergeboren werden und die man sich bei Laune halten muss. Bei ihren beiden Omas – der Urgroßmutter Marijoh, der „Mbambah“, und der Großmutter Namando – und dem Heiler William ist sie da in besten Händen.

Dieser Gegenwartsteil ist witzig und locker. Es macht viel Spaß, Issa bei ihrer Identitätssuche, dem Alltag in Kamerun und den verschiedenen etwas obskuren Ritualen zu begleiten. In Deutschland immer „die Schwarze“, in Kamerun zu Deutsch, treibt sie im Land ihrer Vorfahren dahin, beobachtet das ihr nur von Besuchen bekannte Leben, verortet sich, bestaunt die ihr fremden Traditionen.

„Normalerweise hätte ich mich für jedes Ritual mindestens drei Wochen zurückziehen und ein sogenanntes angemessenes weibliches Verhalten lernen müssen, dazu gehören zum Beispiel Körperpflege, häusliche Fertigkeiten, Tanz und natürlich Verführungskünste. Mein langsam größer werdender Bauch ist aber der lebende Beweis dafür, dass ich in Sachen Verführungskünste keine Hilfe mehr brauche, und zusammen mit meinen Omas und William haben wir entschieden, dass ich diesen Prozess, der normalerweise sechs bis sieben Jahre dauert, in ein paar Wochen abschließen muss.“

Bismarkbrunnen in Buea, Kamerun
Bismarck-Brunnen in Buea, Kamerun by Daina, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons

Fünf Frauengenerationen

Issa lernt in der Zeit in Kamerun nicht nur sich selbst und ihre Wurzeln, sondern auch ihre „Omas“ und deren Lebensgeschichten besser kennen.

Ein zweiter Erzählstrang, der 1903 beginnt und mit der Ur-Urgroßmutter Enanga beginnt, ist deutlich ernster gehalten, bedrückender und gewaltvoller. Er erzählt von der kolonialen Vergangenheit Kameruns, das die Deutschen von 1884 bis 1919 als ihr „Schutzgebiet“ ansahen und das sie mit harter Hand unterdrückten und ausbeuteten. Enanga wird mit elf Jahren zum ersten Mal vom Plantagenbesitzer vergewaltigt und dann immer wieder. Als sie sein Kind gebiert, wird sie vom Vater verstoßen und flieht zu ihrer Cousine nach Buea. Dort heiratet sie einen ungeliebten Mann und setzt alles in die Ausbildung ihrer Tochter. Doch auch Marijoh wird viel zu früh an einen viel älteren Mann, der bereits zwei Frauen hat, quasi verkauft. Mit einer der zwei Frauen freundet sie sich an, das macht ihr das Leben erträglich.

Doch auch in Kamerun kommt der Erste Weltkrieg an und bringt wie alle Kriege Leid und Elend. Marijoh verliert ihre Mutter, kann sich aber als eine Art Krankenschwester bewähren und heiratet ein zweites Mal. Die Tochter Namando wird in den 1960er Jahren die 18. Frau eines Clan-Chefs, trennt sich insgesamt neunmal von ihm, verlässt schließlich ihn und ihre kleine Tochter Ayudele. Die Geschichten von Marijoh, Namondo und Ayudele werden deutlich kürzer erzählt als die von Enanga, fast ein wenig überstürzt. Das ist schade, zumal sich nun auch ein wenig Pathos und hin und wieder leichter Kitsch in die Geschichte einschleicht. Zum Glück werden diese Passagen aber auch immer wieder vom Issa-Strang unterbrochen.

Hoffnung durch Solidarität

Trotz der Härte und Grausamkeit, die in den historischen Passagen auftauchen, sind auch diese immer voller Hoffnung. Die Resilienz der Frauen, ihre Stärke, die sie all ihre Traumata überstehen lassen, gründen auch in der großen Solidarität untereinander. Mit großem Pragmatismus und Behauptungswillen überstehen sie Kolonialherrschaft, Krieg und Patriarchat. Mirrianne Mahn erzählt davon unaufgeregt und sehr empathisch.

„In unseren eigenen Geschichten sind wir keine Opfer. Issa, du hast lesen und schreiben gelernt, aber das Denken kann dir niemand beibringen, das musst du selbst erlernen. Denn dann kannst du deine Geschichte selbst schreiben. Du musst in die Vergangenheit schauen, um die Gegenwart zu verstehen, damit du deine Zukunft gestalten kannst.“

Dieses Motto nimmt Issa von ihrer Mbambah aus Kamerun mit. Und es ist auch das, was Mirrianne Mahn uns mit Issa ans Herz legen will. Ohne ein Bewusstsein für die Vergangenheit können wir aus der Gegenwart keine selbstbestimmte, verantwortungsvolle Zukunft erwachsen lassen. Nicht in Kamerun und nicht in Europa.

 

Beitragsbild: Buea, Kamerun by pjt56 (CC BY 3.0 Deed) via wikimedia commons

_____________________________________________________

*Werbung*

Mirrianne Mahn - Issa.

.

Mirrianne Mahn – Issa
Rowohlt Buchverlag März 2024, gebunden, 304 Seiten, € 24,00

 

 

 

 

 

Der Beitrag Mirrianne Mahn – Issa erschien zuerst auf LiteraturReich.

]]>
https://literaturreich.de/2024/04/07/mirrianne-mahn-issa/feed/ 0 18227
Elizabeth Graver – Kantika https://literaturreich.de/2024/04/04/elizabeth-graver-kantika/ https://literaturreich.de/2024/04/04/elizabeth-graver-kantika/#respond Thu, 04 Apr 2024 15:44:28 +0000 https://literaturreich.de/?p=18213 Der Titel Kantika – in Ladino, der Sprache der sephardischen Juden, das Lied bezeichnend – verrät schon einiges über den neuen Roman der US-amerikanischen Schriftstellerin Elizabeth Graver, deren Roman Der Sommer der Porters (mare, 2016)… Mehr

Der Beitrag Elizabeth Graver – Kantika erschien zuerst auf LiteraturReich.

]]>
Der Titel Kantika – in Ladino, der Sprache der sephardischen Juden, das Lied bezeichnend – verrät schon einiges über den neuen Roman der US-amerikanischen Schriftstellerin Elizabeth Graver, deren Roman Der Sommer der Porters (mare, 2016) mich bereits sehr begeistern konnte. Die 1964 in Los Angeles geborene Autorin erzählt darin die nur leicht fiktionalisierte Geschichte ihrer eigenen Familie mütterlicherseits, und davon besonders ihrer 1902 geborenen Großmutter Rebecca Cohen Baruch Levy, die ihre Wurzeln im osmanischen Reich hat. Dorthin flohen Ende des 15. Jahrhundert in Folge der Reconquista viele von der iberischen Halbinsel vertriebene Juden und wurden sesshaft.

Im kosmopolitischen, mehrsprachigen und multireligiösen Konstantinopel kam die Familie zu einigem Wohlstand. Der Ur-Großvater Alberto, ein Textilfabrikant, besaß aber relativ wenig Geschäftstüchtigkeit, so dass es um seine Fabrik bereits vor dem Ersten Weltkrieg nicht zum Besten stand. Zwar wurden in der modernen Familie auch die Töchter noch auf exklusive, teure katholische Privatschulen geschickt, konnte man sich ein Sommerhaus in Büyükdere und Personal leisten, aber lieber als den Geschäften ging Alberto dem Glücksspiel, Alkoholkonsum und zahlreichen Affären nach. Oder er widmete sich seinem üppigen, sehr geliebten Garten.

Sepharisches Leben in der Türkei

Nach den Einschränkungen durch den Ersten Weltkrieg und dem Untergang des von Elizabeth Graver in Kantika vielleicht etwas idealisierten Osmanischen Reichs verschärfen sich unter den nationalistischen Jungtürken die Lebensbedingungen gerade auch der jüdischen Bevölkerung. Der Vater wird enteignet und entschließt sich 1925, nach Spanien, sozusagen die „sehr alte Heimat“, auszuwandern. Das ändert die Lage für die Familie fundamental. Der Vater findet lediglich eine Stelle als eine Art Hausmeister an einer Synagoge in Barcelona. Auch Ehefrau Sultana und Tochter Rebecca müssen fortan zum Lebensunterhalt beitragen. Rebecca gelingt es durch ihr Talent als Schneiderin bald einen gutgehenden Modeladen aufzubauen, muss aber vor der teils sehr antisemitischen Bevölkerung Barcelonas ihre jüdische Herkunft verbergen. Der Vater hingegen verarbeitet den gesellschaftlichen Abstieg weniger gut und fasst nie so richtig Fuß in der neuen Heimat.

1926 bereits heiratet Rebecca einen anderen exilierten sephardischen Juden, Luis. Ein wenig durchdachter Schritt, weiß sie von ihrem Mann doch recht wenig, zum Beispiel auch nichts von den psychischen und physischen Folgeschäden, die dieser von der Teilnahme am Ersten Weltkrieg davongetragen hat. Die beiden bekommen zwei Söhne, Berto und David. Luis ist oft in undurchsichtigen Geschäften unterwegs und irgendwann ganz verschollen. Rebecca macht sich daraufhin mit den Söhnen auf die Reise zu seinem letzten Aufenthaltsort, dem Herkunftsort von Luis, Adrianopel in der Osttürkei. Dort teilt ihm seine Familie allerdings mit, dass Luis vor Kurzem verstorben ist.

Der Schritt in die neue Welt

Rebecca hält fortan nichts mehr in Barcelona und sie folgt dem Drängen ihrer älteren Schwester Corinne, die bereits vor Längerem mit ihrem Ehemann zunächst nach Kuba und dann in die USA ausgewandert ist, ihr zu folgen. 1934 geht sie eine von der Schwester arrangierte Ehe mit dem in New York lebenden Sam ein. Sam ist der Witwer ihrer Kindheitsfreundin Lika, die bereits in den 1920ern mit ihrer Familie in die USA ausgewandert war und bei der Geburt ihrer Tochter Luna starb. Luna, die nun sechs Jahre alt ist, leidet an Zerebralparese. Gegen den Widerstand der überbehütenden Schwiegermutter kümmert sich Rebecca fortan rührend um das bis dahin stark eingeschränkte Kind. Ihre beiden Söhne kann sie erst Jahre später in die USA nachholen. Mit Sam bekommt sie noch drei weitere Kinder, u.a. Gravers Mutter Suzanne.

Elizabeth Graver spannt in Kantika den großen epischen Bogen über das gesamte 20. Jahrhundert. Sie schöpft aus Tonbandaufzeichnungen ihrer Großmutter Rebecca aus dem Jahr 1985, aus Gesprächen und ausgiebigen Recherchen. Lyrisch, sanft und ruhig erzählt sie von den Generationen ihrer Familie, von der Resilienz der Frauen, den zeithistorischen Veränderungen, vom Fortgehen und Ankommen. Sie schafft dabei starke, durchaus ambivalente Charaktere, schildert sehr sinnlich und musikalisch, ganz gemäß dem Titel Kantika, einen ganzen Kosmos sephardischen Lebens, von dem doch vergleichsweise selten erzählt wird. Ein sehr empfehlenswertes Buch.

 

Beitragsbild: Jüdisches Viertel in Barcelona via pxhere

____________________________________________________

*Werbung*

Elizaneth Graver - Kantika.

Elizabeth Graver – Kantika
Aus dem amerikanischen Englisch von Juliane Zaubitzer
Mare Februar 2024, gebunden, 368 Seiten, € 25,00

 

 

 

 

Der Beitrag Elizabeth Graver – Kantika erschien zuerst auf LiteraturReich.

]]>
https://literaturreich.de/2024/04/04/elizabeth-graver-kantika/feed/ 0 18213
Lektüre März 2024 https://literaturreich.de/2024/03/30/lektuere-maerz-2024/ https://literaturreich.de/2024/03/30/lektuere-maerz-2024/#respond Sat, 30 Mar 2024 08:53:38 +0000 https://literaturreich.de/?p=18128 Mein Lesemonat März 2024 war voll mit schönen Lektüre-Erfahrungen, obwohl die Buchmessenzeit meist eine mit wenig Lesezeit ist. Durch die langen Zugfahrten und eine frühzeitige Messeplanung kamen aber auch im März viele Lesestunden zustande. Allein… Mehr

Der Beitrag Lektüre März 2024 erschien zuerst auf LiteraturReich.

]]>
Mein Lesemonat März 2024 war voll mit schönen Lektüre-Erfahrungen, obwohl die Buchmessenzeit meist eine mit wenig Lesezeit ist. Durch die langen Zugfahrten und eine frühzeitige Messeplanung kamen aber auch im März viele Lesestunden zustande. Allein vier deutschsprachige Debüts habe ich gelesen. Mein Lieblingsdebüt war dabei von Simone Kucher Die lichten Sommer.

Matthias Jügler-MaifliegenzeitMATTHIAS JÜGLER – MAIFLIEGENZEIT

Es ist eine ganz unglaubliche Geschichte, die Matthias Jügler in seinem neuen Roman Maifliegenzeit erzählt. Und doch ist sie wohl tausendfach so passiert. Direkt vor unserer Haustür, in der ehemaligen DDR. Dass darüber so wenig bekannt ist, ist fast genauso unglaublich wie die Vorgänge selbst.

Der fünfundsechzigjährige Ich-Erzähler Hans lebt mit Anne im thüringischen Unstruttal. Seine Leidenschaft gilt dem Angeln, was auch den Titel des Romans erklärt. Maifliegen sind Eintagsfliegen, die gern als Köder zum Fliegenfischen verwendet werden.

„Daniel hat angerufen.“ So die lapidare Nachricht, als Hans eines Tages vom Fischen nach Hause kommt. „Daniel, mein einziges Kind, das seit vierzig Jahren tot ist.“ Damals in den 1970er Jahren war Hans mit Katrin verheiratet. 1978 kam ihr Sohn Daniel in einer Klinik in der DDR auf die Welt. Nach der Geburt wurde Katrin und Hans allerdings mitgeteilt, dass das Neugeborene, das der Mutter direkt nach der Geburt weggenommen wurde, schwerkrank in eine Kinderklinik gebracht werden musste und auf der Fahrt im Rettungswagen verstorben sei. Die Leiche durften die Eltern vor der Beerdigung nicht sehen, die Krankenakten blieben unter Verschluss. Katrin hatte sofort Zweifel an der Richtigkeit dieser Aussagen. Aber auch Hans wollte von ihren Vermutungen und ihrem Beharren darauf, dass Daniel noch lebt, nichts wissen. Er vergrub sich lieber im Schmerz. Die Ehe scheiterte.

In seinem leisen, nachdenklichen Roman macht der Autor dieses dunklre Kapitel der DDR bekannt. Das Fischen ist für Hans Trost und Erinnerung an seinen verstorbenen Vater, immer wieder nimmt er dorthin Zuflucht. Auch der Autor ist ein passionierter Angler. Für die Geschichte und die doch vermutlich eher weniger angelbegeisterten Leser:innen nimmt es ein wenig zu viel Raum ein. Das ist ein kleiner Wermutstropfen in einem ansonsten wunderbaren Buch.

 

vigdis-hjorth-ein-falsches-wortVigdis Hjorth -Ein falsches Wort

Erschienen ist das Buch in Norwegen als Arv og miljø bereits 2016 und zählt zu den am besten verkauften und am meisten diskutierten Romanen der letzten Jahre. Auch auf Deutsch wurde das Buch bereits 2017 unter dem Titel Bergljots Familie in einem anderen Verlag veröffentlicht.

Die Ich-Erzählerin Bergljot, um die 50, geschieden, drei erwachsene Kinder und in einer festen Beziehung lebend, wird in heftige Turbulenzen ihrer Familie hineingezogen. Einer Familie, der sie schon länger den Rücken gekehrt hat, zu der sie bis auf sehr seltene Telefonate mit ihrer Schwester Astrid jeden Kontakt abbrach. Nun verständigt einer dieser Anrufe sie über den missglückten Selbstmordversuch der Mutter. Es gibt in der Familie Streitigkeiten über die gerechte Aufteilung des Erbes auf alle vier Kinder. Bergljot will sich eigentlich nicht in diese Streitigkeiten hineinziehen lassen, sie will Abstand zur Familie, und das bereits seit 23 Jahren. Damals brach bei ihr etwas lang Verdrängtes plötzlich hervor.

Vigdis Hjorth stieß mit der Veröffentlichung des Romans 2016 eine schon bekannte Debatte erneut an: gewisse biographische Parallelen, Briefe, ein Gedicht der Mutter und der Ablauf der Beerdigung des Vaters wiesen auf nur wenig verhülltes autobiographisches Material hin. Hjorth wurde der Vorwurf gemacht, die Privatsphäre ihrer Familie zu verletzen. Ein falsches Wort hat diesen Skandal gar nicht nötig, um als überraschendes, spannendes literarisches Werk zu bestehen.

 

Alina Herbing Tiere, vor denen man Angst haben mussAlina Herbing – Tiere, vor denen man Angst haben muss

Eine Familie, die Eltern beide engagiert und eigentlich auch gut situiert, zieht nach der Wende mit ihren vier Kindern von Lübeck kurz hinter die nun nicht mehr bestehende Grenze nach Mecklenburg auf einen alten Hof. Das Haus ist baufällig, der Garten verwildert, es gibt keine Heizung und auch nur ein Plumpsklo, aber es war schon lange ein Traum der Mutter, aufs Land zu ziehen, bewusster und naturnaher zu leben. Außerdem war die DDR für sie sowieso das „bessere Deutschland“. Den kapitalistischen Lebensstil lehnt vor allem die Mutter ab.
Statt ihrem alten Beruf als Krankenschwester widmet sich die Mutter nun einer Tierauffangstation, die sie ehrenamtlich betreut und die ihre ganze Aufmerksamkeit einfordert. Für Heim und Kinder bleibt da kaum Platz und der Vater setzt sich auch alsbald wieder Richtung Lübeck ab. Armut zieht ein, das Haus verwahrlost, die Mädchen haben oft Hunger und das prägende Gefühl, das auch die Leserin im Verlauf des Romans selten verlässt ist Kälte. Eisige Kälte, weil die Mutter wieder mal kein Holz und keine Kohlen gekauft hat. Dafür aber palettenweise Katzenfutter.
Eine große Stärke des Romans ist, diese Sinneseindrücke sehr bildstark an die Lesenden weiterzugeben. Es ist kalt, klamm, das Haus modert vor sich hin, durch das marode Dach und Risse im Mauerwerk zieht der Wind, Mäuse rascheln, die Urinpfützen diverse Tiere müffeln, der Rauch von schlecht ziehenden Öfen beißt in den Augen.
Diese gelungene Geschichte ist völlig fern von jeder naturnahen, idyllischen Kindheit. Und endet leicht surreal mit das Haus eroberndem Efeu, einem zusammengebrochenen Dach und einem inmitten des Chaos thronenden Schwan.

 

"</aJulia Linhof – Krummes Holz

„Krummes Holz“ so heißt die Zufahrt zum väterlichen Bauernhof in der Soester Börde, einer Landschaft zwischen Münster- und Sauerland und dem Ruhrgebiet, in der auch die 1991 geborene Autorin Julia Linhof aufgewachsen ist. Der Titel ist aber auch einem Zitat von Immanuel Kant entnommen, „Aus so krummem Holze, als woraus der Mensch gemacht ist, kann nichts ganz Gerades gezimmert werden.“ Alle Protagonist:innen des Romans sind aus solchem krummen Holz geschnitzt. Sie alle tragen Kindheitsverletzungen und -traumata mit sich herum und wissen nicht recht, damit umzugehen. Schweigen ist üblich, Verhärtung, die zu emotionaler Kälte führt.

Die Geschwister Malene und Georg, genannt Jirka, sind mit ihr aufgewachsen. Die Mutter ist früh in die Psychiatrie gekommen, dort gestorben, als sie noch Kinder waren. Der Vater Georg ist verbittert und gewalttätig, die Großmutter Agnes hart, kalt, abweisend, und doch der einzige Mutterersatz. Schon früh fliehen die Kinder, Malene in eine Ausbildung, der 14-jährige Ich-Erzähler Jirka in ein Internat. Als die Großmutter dement wird, muss Malene zurückkehren, um sich zu kümmern.

„Malene steht am Buffet un kämpft. Es ist ein Kämpfen, das schon lange anhält, das ich ihre ganze Jugend hindurch bezeuge und das sie aufreibt. So sehr, dass sie beginnt, ihren verletzten Kern mit einer harten Schutzschicht zu ummanteln, die von Jahr zu Jahr fester wird. (…)sie ringt um Verständnis, darum gehört zu werden, darum, verstanden zu werden. (…) Die Not, die Einsamkeit, das Gefühl, im Stich gelassen zu werden. Und ich sehe meine Großmutter lachen.“

1987 – Jirka hat das Internat abgeschlossen, ist nun 19 und muss zur Musterung bei der Bundeswehr zum ersten Mal wieder heimkehren. Auf Hilfegesuche seiner Schwester, mit der ihn einst eine enge Beziehung verband, ist Jirka zuvor nicht eingegangen. Nun reagiert Malene sehr ablehnend auf seine Widerkehr. Der Vater ist verschwunden und taucht auch nach Tagen nicht auf. Der einst erfolgreiche Hof ist mittlerweile ziemlich heruntergewirtschaftet. Der Sohn des letzten Verwalters, Leander, kümmert sich noch ab und an. Zu ihm hat sich Jirka schon als Jugendlicher mehr als freundschaftlich hingezogen gefühlt. Auch jetzt überwältigen ihn widerstrebende Gefühle.

Im flirrend heißen Sommer kommen alte Traumata hervor, aber auch wiederauferstandene Gefühle und eine alte Solidarität. Das ist sehr atmosphärisch, manchmal aber eine wenig zu detailliert erzählt, worunter die Spannung des Textes ein wenig leidet. Insgesamt aber ein durchaus beachtliches Debüt.

 

"</aDilek Güngör – A wie Ada

Dilek Güngör ist eine Meisterin der Verknappung. Ihre beiden Romane Ich bin Özlem und Mein Vater und ich, letzterer für den Deutschen Buchpreis 2022 nominiert, sind beide nur jeweils gut 100 Seiten lang und lassen doch nie das Gefühl aufkommen, da fehle was. Güngör schafft es, in knappen Episoden sowohl das Leben einer Heranwachsenden als auch eine wunderbare Vater-Tochter-Beziehung enstehen zu lassen. In ihrem neuen Roman A wie Ada hat sie ihr Erzählprinzip tatsächlich nochmal reduziert und in 71 kurzen und kürzesten Miniaturen – wenige sind mehr als eine luftig gefüllte Seite, manche nur wenige Zeilen lang – ein sehr persönliches Porträt des Mädchens, der Frau, der Mutter Ada zu zeichnen. Es geht um das schwierige Unterfangen einer Identitätsfindung und -bestimmung.

Ada – im Türkischen die Insel. Und auch wenn Ada weiß, dass frei nach John Donne „niemand eine Insel“ ist, fühlt sie sich doch manchmal so. Hin und her gerissen zwischen den Wünschen zu sein wie „die anderen“ und aber auch einzigartig zu sein, nur sie selbst, sich abgrenzen zu können. Das sind zwei Pole, zwischen denen sich wohl alle jungen Menschen verorten müssen.

„Ada muss die Psychotests im Mädchen-Heft ausfüllen und in der Bravo-Girl, wenn sie wissen will, wer sie ist. die anderen wissen so, wer sie sind, sie haben Eltern, die wissen, wwer sie sind. die können sie fragen. Ada braucht Mutter und Vater gar nicht zu fragen, sie fragt sie trotzdem, und mutter sagt, du bist mein Ein und Alles.“

Ada fällt es vielleicht besonders schwer, denn sie fühlt sich „anders“, weil ihre Eltern aus der Türkei stammen. Und ihr Umfeld sie das stets spüren lässt. Vielleicht hat sie auch besonders empfindliche Antennen, stets gleicht sie sich ab mit ihren „Freundinnen“, die sehr oft Erwähnung finden. Das reicht von Episoden aus dem Kindergarten bis in ihr eigenes Muttersein. Dabei schert sich Dilek Güngör nicht um Chronologie oder eine irgendwie erkennbare Reihung der Episoden. Die Autorin geht damit sehr frei um, die Zeiten fließen ineinander, sie switcht von einer in die andere, nur selten gibt es zumindest eine Andeutung, beispielsweise durch eine in einer bestimmten Zeit verortete Reklame.

Zart, flüchtig, mit feinem Humor und einer ordentlichen Portion Ironie lässt Dilek Güngör so das Porträt von Ada aufscheinen.

„Eine andere Mutter sagt, dein Vater sieht nicht aus wie ein Türke. Sie kann Ada nicht sagen, wie der Vater aussieht. Er sieht nicht aus wie ein Deutscher, er sieht nicht aus wie ein Türke. Ist der Vater Inder?, fragt jemand. Ada könnte antworten, ja, er ist Inder. Meine Mutter ist Deutsche und mein Vater ist Inder. Ich bin die einzige Türkin in der Familie.“

Leider verblasst es auch fast genauso schnell. Vielleicht ist es ein vermessener Wunsch der Leserin, die Protagonistin irgendwie fassen zu können. Vielleicht ist aber auch die Verknappung hier ein Stück zu weit getrieben worden. Ich werde mir die feinen, treffenden Abschnitt sicher nochmal vornehmen.

 

Simone Kucher - Die lichten SommerSimone Kucher – Die lichten Sommer

Drei Frauengenerationen stehen im Mittelpunkt, die Erzählerin ist quasi die vierte.
Nach dem Krieg muss die deutschsprachige Familie den kleinen Ort Zeletice in Tschechien und gehört fortan zu den ungeliebten „Vertriebenen“ in Deutschland. Hier müssen sie in eilig errichteten Barackensiedlungen leben und hier kommt auch Liz zur Welt. Schon als Kind spürte sie die Ablehnung der Einwohner, die sie immer ihr „Anderssein“ spüren lassen. Aber auch als die Eltern zu etwas Wohlstand kommen und eine Gastwirtschaft eröffnen, fühlt sich die junge Frau eingesperrt. Sie hilft in der Kneipe, der Vater verbietet ihr den ersehnten Ausbildungsvertrag. Warum verliert sich die Mutter Nevenka immer mehr in ihren Erinnerungen und tritt nicht für sie ein?
Nevenka wuchs während der deutschen Besatzung in Zeletice auf, immer wieder wandern ihre Gedanken zurück zu ihrer ihre Mutter und der Kindheitsfreundin Zena. Diese kam in den 1940er Jahren mit ihrer Mutter aus Prag nach Zeletice, der Vater ist politischer Gefangener in der Festung Spielberg in Brünn.
Die Freundschaft der beiden Mädchen wird zart und poetisch geschildert, endet aber sehr dramatisch. Nur noch ein Foto des Mädchens mit dem kinnkurzen Haar ist geblieben.
Nevenka spricht nicht oder sehr wenig über diese Vergangenheit. Sie zieht sich in sich zurück, erduldet die häufige Trunkenheit des Vaters. Liz aber möchte mehr vom Leben. Sie heiratet früh und und merkt, dass sie die Bevormundung des Vaters nur für die Bevormundung durch den Ehemann eingetauscht hat.
Still, poetisch, facettenreich und unprätentiös erzählt Simone Kucher von Freundschaft, lichten Kindheitssommern und dunklen Zeiten, vom Verlust der Heimat und dem Schweigen der Familien, von eingeengten Frauenleben, Generationenkonflikten und Resilienz. Das ist oft bedrückend und traurig, manchmal aber auch so zart und licht wie besagte Sommer. Ein zauberhaftes Debüt!

 

Elizaneth Graver - KantikaElizabeth Graver – Kantika

Elizabeth Graver erzählt in ihrem Roman Kantika die nur leicht fiktionalisierte Geschichte ihrer eigenen Familie mütterlicherseits, besonders die ihrer Großmutter Rebecca. Unterstrichen wird das durch ein Nachwort und schöne Fotos aus dem Privatbestand der Autorin.

Die sephardisch-jüdische Familie stammt aus der Türkei, aus der sie wegen der zunehmend restriktiven Politik der Republik gegenüber der jüdischen Minderheit nach dem Ersten Weltkrieg nach Barcelona emigrierten. Der einst wohlhabende Textilfabrikant Alberto Cohen arbeitete dort fortan als eine Art Hausmeister der Synagoge, ein Abstieg für die Familie. Tochter Rebecca konnte sich durch ihr Talent als Schneiderin einen gut gehenden Modeladen aufbauen, musst aber auch ihr Judentum möglichst verheimlichen, da auch die spanische Gesellschaft ziemlich antisemitisch war. Eine unglückliche Ehe endete mit dem Tod ihres ersten Ehemannes. Sie stand fortan allein mit zwei Söhnen da und ergriff die Chance einer arrangierten Ehe nach den USA.

Episch und poetisch, sinnlich und ruhig erzählt Elizabeth Graver ihre Familiengeschichte, die sich über das ganze 20. Jahrhundert erstreckt und mir ähnlich wie der frühere Roman Die Sommer der Porters sehr gefallen hat. Mein Monatshighlight.

 

Mirrianne Mahn - IssaMirrianne Mahn – Issa

Ein Messehighlight war das Rowohlt-Frühstück, bei dem die Autorin, Politikerin und Aktivistin Mirrianne Mahn dabei war, die ihren Debütroman Issa vorstellte und verriet, wieviel autobiografisches Material in ihre Geschichte der jungen Issa eingeflossen ist, die zu Verwandten nach Kamerun fliegt, um bestimmte Rituale zu befolgen, die das in ihr wachsende Baby beschützen und die bevorstehende Geburt erleichtern sollen. Selbst recht skeptisch diesem Aberglauben gegenüber, stimmt sie ihrer Mutter, Großmutter und Urgroßmutter zuliebe der Reise zu, vielleicht auch, weil es in der Beziehung zum deutschen Vater ihres Kindes gerade ein wenig kriselt. Rückblicke in ihre Kindheit, das nicht ganz einfache Verhältnis zur Mutter und ihrem deutschen Vater bis in die deutsche Kolonialzeit in Kamerun werden mit den in eher heiter-amüsant-ironischem Ton verfassten Reiseerlebnissen zu einem sehr unterhaltsamen, aber auch erhellenden Roman vermixt. Gegen Ende wird das Ganze kurz etwas pathetisch, was die Lesefreude aber nur wenig schmälert.

 

alem-grabovac-die-gemeinheit-der-diebeAlem Grabovac – Die Gemeinheit der Diebe

2021 erschien Das achte Kind von Alem Grabovac. Darin erzählte der Autor nur wenig fiktionalisiert von seiner sehr speziellen Kindheit als achtes Kind einer deutschen Pflegefamilie mit bosnisch-kroatischen leiblichen Eltern. Der Vater ein Kleinkrimineller, der sich alsbald absetzt, die Mutter eine hart arbeitende „Gastarbeiterin“ mit einem fatalen Hang zu den falschen Männern. Die deutsche Familie liebevoll, bürgerlich mit pragmatischer Mutter und Alt-Nazi-Vater. Eine tolle Geschichte, die mit Die Gemeinheit der Diebe eine Art Fortsetzung erhält. In der Kindheitsgeschichte wird der Fokus etwas fort von der Pflegefamilie mehr hin zur leiblichen Mutter Smilja verlagert und das Geschehen um Mutter und Sohn bis in die Gegenwart fortgeführt. Der Sohn hat seinen autobiografisch gefärbten Roman zum Stolz der Mutter und dem Ärger seiner Pflege-Geschwister veröffentlicht und die Mutter wird von psychischen Problemen geplagt.

Wieder genauso nüchtern-lakonisch geschrieben wie Das achte Kind, schafft es Alem Grabovac dennoch oder vielleicht gerade deshalb, sehr zu berühren. Trotz der Sachlichkeit werden die ambivalenten Gefühle des Sohnes zwischen Liebe, Mitleid, Bewunderung und Verletztheit sehr greifbar, genauso wie Smiljas Zerrissenheit und Leid.

 

 

 

Der Beitrag Lektüre März 2024 erschien zuerst auf LiteraturReich.

]]>
https://literaturreich.de/2024/03/30/lektuere-maerz-2024/feed/ 0 18128
Matthias Jügler – Maifliegenzeit https://literaturreich.de/2024/03/29/matthias-juegler-maifliegenzeit/ https://literaturreich.de/2024/03/29/matthias-juegler-maifliegenzeit/#comments Fri, 29 Mar 2024 13:56:35 +0000 https://literaturreich.de/?p=18191 Es ist eine ganz unglaubliche Geschichte, die Matthias Jügler in seinem neuen Roman Maifliegenzeit erzählt. Und doch ist sie wohl tausendfach so passiert. Direkt vor unserer Haustür, in der ehemaligen DDR. Dass darüber so wenig… Mehr

Der Beitrag Matthias Jügler – Maifliegenzeit erschien zuerst auf LiteraturReich.

]]>
Es ist eine ganz unglaubliche Geschichte, die Matthias Jügler in seinem neuen Roman Maifliegenzeit erzählt. Und doch ist sie wohl tausendfach so passiert. Direkt vor unserer Haustür, in der ehemaligen DDR. Dass darüber so wenig bekannt ist, ist fast genauso unglaublich wie die Vorgänge selbst.

Der fünfundsechzigjährige Ich-Erzähler Hans lebt mit Anne im thüringischen Unstruttal. Seine Leidenschaft gilt dem Angeln, was auch den Titel des Romans erklärt. Maifliegen sind Eintagsfliegen, die gern als Köder zum Fliegenfischen verwendet werden. Dem kurzen Leben der Insekten im geflügelten Stadium geht ein mehrjähriges Larvenstadium im Wasser voraus. Sie besiedeln den Grund stehender und langsam fließender Gewässer und lassen sich, wenn schlupfreif, vom Grund an die Wasseroberfläche treiben und häuten sich an der Oberfläche, wovon sie dann direkt auffliegen. Die Paarung erfolgt dann im Flug und das Weibchen legt die befruchteten Eier auch im Flug ab, wobei es im Zick-Zack-Flug zur Wasseroberfläche hinabstößt. Dabei bilden sie eine ideale Beute für Fische.

Abgesehen davon, dass Hans ein passionierter Angler ist, den diese Tätigkeit immer sehr stark an die Zeit mit seinem Vater erinnert, birgt der Titel Maifliegenzeit auch anderen Symbolgehalt. Denn auch in Hans Leben kommt etwas aus der Tiefe an die Oberfläche, fischt er nach Informationen und Erinnerungen im Trüben, muss etwas die vermeintlich stille Oberfläche durchbrechen.

Daniel hat angerufen

Auslöser ist ein Anruf, den Anne entgegennimmt. „Daniel hat angerufen.“ So die lapidare Nachricht, als Hans eines Tages vom Fischen nach Hause kommt.

„Daniel, mein einziges Kind, das seit vierzig Jahren tot ist.“

Damals in den 1970er Jahren war Hans mit Katrin verheiratet. 1978 kam ihr Sohn Daniel in einer Klinik in der DDR auf die Welt. Nach der Geburt wurde Katrin und Hans allerdings mitgeteilt, dass das Neugeborene, das der Mutter direkt nach der Geburt weggenommen wurde, schwerkrank in eine Kinderklinik gebracht werden musste und auf der Fahrt im Rettungswagen verstorben sei. Die Leiche durften die Eltern vor der Beerdigung nicht sehen, die Krankenakten blieben unter Verschluss. Katrin hatte sofort Zweifel an der Richtigkeit dieser Aussagen. Neben dem tiefen Schmerz über den Verlust ihres Kindes quälte sie die Ungewissheit, was mit Daniel geschehen war und zusätzlich der Unglaube ihrer Umgebung. Auch Hans wollte von ihren Vermutungen und ihrem Beharren darauf, dass Daniel noch lebt, nichts wissen. Er vergrub sich lieber im Schmerz. Die Ehe scheiterte.

1987 starb Katrin an Krebs. Bis zuletzt hat sie daran festgehalten, dass ihr Sohn lebt. Vor der Geburt gab es keinerlei Anzeichen, nach der Geburt hörte sie ihn kräftig schreien. Nachforschungen durch Hans nach der Wende offenbarten Ungereimtheiten. So war in den größtenteils geschwärzten Akten, die nun eingesehen werden konnten, ein hoher Apgar-Wert verzeichnet, der für ein gesundes Kind sprach. Aber auch nach dem Zusammenbruch der DDR wurden solche Dinge häufig verschleiert. Hans zeigte sich wenig hartnäckig.

Spätes Happy End?

Und nun der Anruf durch Daniel, der eher zufällig darauf gestoßen ist, dass er einst adoptiert wurde. Der Hans über eine Internet-Plattform gefunden hat und diesen nun kennenlernen will. Was wie ein spätes Happy End klingt, ist aber fern von der Erfüllung eines Traums, denn Daniel will die Geschichte von Hans und Katja nicht glauben, unterstellt, dass sie ihn „nicht hatten haben wollen“.

Die Geschichte ist wirklich unglaublich, allein, wie in dem Krankenhaus mit den Gebärenden und nachher mit den trauernden Eltern umgegangen wurde. Dass es vermutlich bis zu 2000 solcher Fälle gab, in denen Totgeburten vorgetäuscht wurden und die Neugeborenen dann an systemrelevante Eltern „vermittelt“ wurden, ist schwer fassbar. Matthias Jügler stieß darauf durch den Kontakt zu einer Frau, Karin S. aus Wippra, die immer noch nach ihrem Kind sucht und die Inspiration für Maifliegenzeit war. Andere haben ihre totgeglaubten Kinder mittlerweile gefunden. Das Buch erzählt von einem dunklen Kapitel der DDR, das mit bislang nicht bekannt war.

In seinem leisen, nachdenklichen Roman macht der Autor dieses dankenswerterweise bekannt. Das Fischen ist für Hans Trost und Erinnerung an seinen verstorbenen Vater, immer wieder nimmt er dorthin Zuflucht. Auch der Autor ist ein passionierter Angler. Für die Geschichte und die doch vermutlich eher weniger angelbegeisterten Leser:innen nimmt es ein wenig zu viel Raum ein. Das ist ein kleiner Wermutstropfen in einem ansonsten wunderbaren Buch.

 

Bietragsbild: Andrea Janitzki (CC BY-NC-SA 2.0 Deed) via flickr

____________________________________________________

*Werbung*

Matthias Jügler-Maifliegenzeit.
.
.
Matthias Jügler – Maifliegenzeit
Penguin März 2024, Hardcover, 160 Seiten, € 22,00

 

Der Beitrag Matthias Jügler – Maifliegenzeit erschien zuerst auf LiteraturReich.

]]>
https://literaturreich.de/2024/03/29/matthias-juegler-maifliegenzeit/feed/ 1 18191
Vigdis Hjorth – Ein falsches Wort https://literaturreich.de/2024/03/26/vigdis-hjorth-ein-falsches-wort/ https://literaturreich.de/2024/03/26/vigdis-hjorth-ein-falsches-wort/#respond Tue, 26 Mar 2024 13:28:56 +0000 https://literaturreich.de/?p=18182 Über 100 norwegische Autoren waren bei der Frankfurter Buchmesse 2019 im Rahmen des Gastlandauftritts anwesend und haben mit viel Leidenschaft ihre Bücher und die Literatur ihres Landes einem sehr interessierten Publikum vorgestellt. Das Medienecho war… Mehr

Der Beitrag Vigdis Hjorth – Ein falsches Wort erschien zuerst auf LiteraturReich.

]]>
Über 100 norwegische Autoren waren bei der Frankfurter Buchmesse 2019 im Rahmen des Gastlandauftritts anwesend und haben mit viel Leidenschaft ihre Bücher und die Literatur ihres Landes einem sehr interessierten Publikum vorgestellt. Das Medienecho war groß. Und doch haben einige Bücher nicht die Aufmerksamkeit erhalten, die sie verdienen oder die man erwarten konnte. Vigdis Hjorth ist mit ihrem Roman Bergljots Familie ein solches Beispiel. Wie wunderbar, dass der S.Fischer Verlag mit der Veröffentlichung des neuesten Hjorth-Romans Vigdis Hjorth – Die Wahrheiten meiner Mutter auch die Veröffentlichung älterer Werke der Autorin in Angriff genommen hat. Unter dem Titel Ein falsches Wort erscheint nun auch der Roman über Bergljots Familie, die sich über Erbstreitigkeiten völlig verliert.Erschienen ist das Buch bereits 2017 auf Deutsch und war kein besonders großer Erfolg. Im englischsprachigen Raum hingegen sorgte es unter dem Titel Will and testament für einige Furore und stand auf der Longlist zum National Book Award 2019 für übersetzte Bücher. In Norwegen erschien es als Arv og miljø bereits 2016 und zählt zu den am besten verkauften und am meisten diskutierten Romanen der letzten Jahre. Vigdis Hjorth erhielt dafür sowohl den Buchhandels- als auch den Kritikerpreis.

Die Ich-Erzählerin Bergljot, um die 50, geschieden, drei erwachsene Kinder und in einer festen Beziehung lebend, wird in heftige Turbulenzen ihrer Familie hineingezogen. Einer Familie, der sie schon länger den Rücken gekehrt hat, zu der sie bis auf sehr seltene Telefonate mit ihrer Schwester Astrid jeden Kontakt abbrach. Nun verständigt einer dieser Anrufe sie über den missglückten Selbstmordversuch der Mutter. Im Rahmen der Nachlassregelung der vermögenden Eltern, haben diese den beiden jüngeren Schwestern Astrid und Åsa zwei Ferienhütten überschrieben und den Bruder Bård mit einem viel zu niedrig angesetzten Verkaufswert ausbezahlen wollen. Diesem, der im Gegensatz zu Astrid und Åsa auch nur wenig Kontakt mit den Eltern pflegt, geht das sehr gegen den Strich und er fordert eine gerechte Aufteilung der Hütten auf alle vier Kinder. Der Eklat, der darauf folgte, trieb die Mutter anscheinend zu ihrem dramatischen Schritt.

Vigdis Hjorth FBM 2023
Vigdis Hjorth auf der FBM 2023

Bergljot will sich eigentlich nicht in diese Familienstreitigkeiten hineinziehen lassen, sie will Abstand zur Familie, und das bereits seit 23 Jahren. Damals, Bergljot war noch mit ihrer Dissertation über das moderne deutsche Drama beschäftigt, hatte schon Kinder, einen „lieben“ Mann und ein renovierungsbedürftiges Haus, brach etwas lang Verdrängtes sich plötzlich Bahn. Als Bergljot ein kleines Mädchen war, missbrauchte ihr Vater sie sexuell. Wie konnte das so lange bei ihr verschüttet bleiben? Bergljot erleidet einen Zusammenbruch, nimmt psychotherapeutische Hilfe in Anspruch. Ihre Familie – der Vater, die Mutter, die Schwestern – alle leugnen, glauben ihr nicht, bezeichnen sie gar als „Psychopathin“. Lediglich der Bruder, der selbst unter dem Vater litt, verhält sich neutral. Bergljot bricht daraufhin mit ihrer Familie, lässt sich scheiden, hat eine Affäre mit einem verheirateten Professor, bemüht sich, zu vergessen.

Nun versuchen die Geschwister, Bergljot in der Hüttenfrage auf ihre jeweilige Seite zu ziehen. Und plötzlich sind die alten Kränkungen wieder da, die Erinnerungen, die Verleugnungen, die zerbrochene Loyalität. Und Bergljot versucht, endlich wieder die Deutungshoheit über ihre eigene Geschichte zurückzuerlangen, sich der Vergangenheit zu stellen. Auch und gerade, als der Vater überraschend stirbt.

Geschrieben ist das schnörkellos und klar, ausschließlich auf Bergljots Perspektive beschränkt, die immer wieder zurückblendet, sich mit ihren Freunden Klara, Karen und Bo, mit ihrem Lebenspartner Lars und ihren drei Kindern austauscht, über Briefe, E-Mails, SMS und Telefonate. Es wird viel getrunken und wir werden tief in die Familie hineingezogen, in das Leiden der Ich-Erzählerin, die ihre Ecken und Kanten hat.

Vigdis Hjorth nimmt Bezug auf die Psychoanalyse Freuds und vor allem C.G.Jungs und auf den dänischen Film „Das Fest“ von Thomas Vinterberg (1998), der ein ähnliches Thema verhandelt. Auch schweift die Erzählerin immer wieder mal in abstrakte Betrachtungen ab. Eine gewisse Redundanz ist dem hohen Leidensdruck Bergljots zuzuschreiben, dabei bleibt sie aber stets hochreflektiert. Es geht ihr um Gerechtigkeit und um das gehört werden. Der Familie geht es um ihre blanke Existenz, die wohlgehüteten Lebenslügen.

Vigdis Hjorth stieß mit der Veröffentlichung des Romans 2016 eine schon bekannte Debatte erneut an: gewisse biographische Parallelen, Briefe, ein Gedicht der Mutter und der Ablauf der Beerdigung des Vaters wiesen auf nur wenig verhülltes autobiographisches Material hin. Hjorth wurde der Vorwurf gemacht, die Privatsphäre ihrer Familie zu verletzen. Ihre Schwester Helga „antwortete“ sogar mit einem Gegenroman, der vor allem auch die Missbrauchsvorwürfe vehement zurückwies. Die Debatte, was Autofiktion darf, ist ja spätestens seit Karl Ôve Knausgård prominentes Thema, nicht nur in Norwegen. Ein falsches Wort hat diesen Skandal gar nicht nötig, um als überraschendes, spannendes literarisches Werk zu bestehen.

 

Beitragsbild: Asmaløy, Hvaler by jorn_pettersen (CC BY-NC 2.0) via Flickr

_____________________________________________________

*Werbung*

vigdis-hjorth-ein-falsches-wort.

Vigdis Hjorth – Ein falsches Wort
Aus dem Norwegischen von Gabriele Haefs
Osburg Verlag März 2024, 397 Seiten, gebunden, 25,00 €

Der Beitrag Vigdis Hjorth – Ein falsches Wort erschien zuerst auf LiteraturReich.

]]>
https://literaturreich.de/2024/03/26/vigdis-hjorth-ein-falsches-wort/feed/ 0 18182
Alina Herbing – Tiere vor denen man Angst haben muss https://literaturreich.de/2024/03/20/alina-herbing-tiere-vor-denen-man-angst-haben-muss/ https://literaturreich.de/2024/03/20/alina-herbing-tiere-vor-denen-man-angst-haben-muss/#respond Wed, 20 Mar 2024 10:20:01 +0000 https://literaturreich.de/?p=18161 Selten war ich so wütend auf eine Protagonistin wie auf die Mutter im neuen Roman von Alina Herbing, Tiere, vor denen man Angst haben muss. Denn natürlich ist es eher die Mutter, vor denen sich… Mehr

Der Beitrag Alina Herbing – Tiere vor denen man Angst haben muss erschien zuerst auf LiteraturReich.

]]>
Selten war ich so wütend auf eine Protagonistin wie auf die Mutter im neuen Roman von Alina Herbing, Tiere, vor denen man Angst haben muss. Denn natürlich ist es eher die Mutter, vor denen sich die beiden Töchter Madeleine und Ronja fürchten müssen. Nicht weil diese sie direkt misshandeln würde, nicht weil sie ihre Kinder nicht liebt, sondern weil sie völlig schräg ist, in ihrer ganz eigenen Welt lebt, maximal egozentrisch ist und ihre Kinder deshalb sträflich vernachlässigt. Vom Vater gar nicht zu reden.

Dabei hat alles doch so gut begonnen. Die Eltern, beide engagiert, auch politisch bei den Grünen, und eigentlich auch gut situiert, ziehen nach der Wende mit ihren Kindern Madeleine, Ronja, Lasse und Helge von Lübeck kurz hinter die nun nicht mehr bestehende Grenze nach Mecklenburg auf einen alten Hof. Das Haus ist baufällig, der Garten verwildert, es gibt keine Heizung und auch nur ein Plumpsklo, aber es war schon lange ein Traum der Mutter, aufs Land zu ziehen, bewusster und naturnaher zu leben. Außerdem war die DDR für sie sowieso das „bessere Deutschland“. Den kapitalistischen Lebensstil lehnt vor allem die Mutter ab. So wird der Jeep gegen einen alten, hellblauen Trabi ausgetauscht und zum Rasenmähen werden Ziegen angeschafft.

Allerlei Getier

Zu den Ziegen gesellen sich bald allerlei andere Tiere, u.a. die Wildschweine Hänsel und Gretel, mehr oder weniger bissige Hunde und jede Menge Katzen. Statt ihrem alten Beruf als Krankenschwester widmet sich die Mutter nun einer Tierauffangstation, die sie ehrenamtlich betreut und die ihre ganze Aufmerksamkeit einfordert. Für Heim und Kinder bleibt da kaum Platz und der Vater setzt sich auch alsbald ab, wieder Richtung Lübeck. Eingespannt werden dafür die Kinder, vor allem die beiden Mädchen, denn auch die Brüder verlassen den Hof sobald sie können. Der jüngere Lasse zieht zum Vater und seiner neuen Partnerin.

Madeleine und Ronja gehen noch zur Schule, müssen sich aber auch um die wachsende Zahl Tiere kümmern, Tiere, vor denen man Angst haben muss. Denn diese haben auf Mutters Hof nicht nur Narrenfreiheit, sondern sind zum Teil so bedrohlich, dass die Mädchen sich nicht trauen, ihre Zimmer zu verlassen, sei es wegen der knurrenden Hunde oder der herumhuschenden Ratten. Armut zieht bei ihnen ein, denn die Mutter geht keiner Lohnarbeit nach, der Vater kümmert sich kaum. Das Haus verwahrlost, die Mädchen haben oft Hunger – trockene Brötchen scheinen das Standardgericht – und das prägende Gefühl, das auch die Leserin im Verlauf des Romans selten verlässt ist Kälte. Eisige Kälte, weil die Mutter wieder mal kein Holz und keine Kohlen gekauft hat. Dafür aber palettenweise Katzenfutter.

Starke Sinneseindrücke

Eine große Stärke des Romans ist, diese Sinneseindrücke sehr bildstark an die Lesenden weiterzugeben. Es ist kalt, klamm, das Haus modert vor sich hin, durch das marode Dach und Risse im Mauerwerk zieht der Wind, Mäuse rascheln, die Urinpfützen diverse Tiere müffeln, der Rauch von schlecht ziehenden Öfen beißt in den Augen. Es ist grauenhaft. Und darin zwei heranwachsende Mädchen – die Ich-Erzählerin Madeleine ist 16 -, die unglaublich solidarisch, wenn auch nicht unkritisch mit ihrer Mutter und vor allem untereinander sind. Wie einsam müssen sie sein und man möchte die Mutter gern kräftig durchschütteln. Deren Motto ist „Die Tiere gehen immer vor!“

Was geht in einer Mutter vor, die ihre Kinder völlig vernachlässigt, um ihr Leben ganz den „armen, unschuldigen Tieren“ zu widmen (rauchen und perfektes Makeup gehen aber noch)? Was in einem Vater, der das ganze Elend sieht, aber nichts unternimmt?

Alina Herbing hat diese Anti-Idylle vielleicht (hoffentlich) ein wenig überzeichnet. Es gab einen autobiografischen Ansatz, denn auch ihre Familie zog nach dem Mauerfall von Lübeck nach Mecklenburg. Ich hoffe sehr, dass das die einzige reale Begebenheit des Buchs ist. Denn diese Erzählung ist völlig fern von jeder naturnahen, idyllischen Kindheit. Und endet leicht surreal mit das Haus eroberndem Efeu, einem zusammengebrochenen Dach und einem inmitten des Chaos thronenden Schwan.

 

Beitragsbild: conticum CC BY-SA 2.0 Deed via Flickr

_____________________________________________________

*Werbung*

Alina Herbing Tiere, vor denen man Angst haben muss.

.

Alina Herbing – Tiere vor denen man Angst haben muss
Arche Verlag Februar 2024, 256 Seiten, gebunden, 23 €

 

 

 

 

Der Beitrag Alina Herbing – Tiere vor denen man Angst haben muss erschien zuerst auf LiteraturReich.

]]>
https://literaturreich.de/2024/03/20/alina-herbing-tiere-vor-denen-man-angst-haben-muss/feed/ 0 18161
Simone Kucher – Die lichten Sommer https://literaturreich.de/2024/03/16/simone-kucher-die-lichten-sommer/ https://literaturreich.de/2024/03/16/simone-kucher-die-lichten-sommer/#respond Sat, 16 Mar 2024 15:21:48 +0000 https://literaturreich.de/?p=18151 Die Transgenerationale Weitergabe von Traumata, Erfahrungen, Verhaltensweisen ist ein weites und in der neueren Literatur eifrig beackertes Feld. Gerade die Erfahrungen von Frauen in und um den Zweiten Weltkrieg sind häufiges Thema. Dass man ihm… Mehr

Der Beitrag Simone Kucher – Die lichten Sommer erschien zuerst auf LiteraturReich.

]]>
Die Transgenerationale Weitergabe von Traumata, Erfahrungen, Verhaltensweisen ist ein weites und in der neueren Literatur eifrig beackertes Feld. Gerade die Erfahrungen von Frauen in und um den Zweiten Weltkrieg sind häufiges Thema. Dass man ihm immer noch neue Aspekte abgewinnen und herausragende Prosa daraus erschaffen kann, beweist die Theater- und Hörspielautorin Simone Kucher in ihrem Debütroman Die lichten Sommer.

Drei Frauengenerationen stehen im Mittelpunkt, die Erzählerin ist quasi die vierte, der Autorin altersmäßig ähnelnde. Inspiriert sind sie von Simone Kuchers eigener Familie, die über die Großmutter aus Tschechien stammt. Nach dem Krieg muss die deutschsprachige Familie den kleinen Ort Zeletice, südöstlich von Brünn verlassen und gehört fortan zu den ungeliebten „Vertriebenen“ in Deutschland. Hier müssen sie in eilig errichteten Barackensiedlungen leben und hier kommt auch Liz zur Welt. Schon als Kind spürte sie die Ablehnung der Einwohner, die sie immer ihr „Anderssein“ spüren lassen. Aber auch als die Eltern zu etwas Wohlstand kommen und eine Gastwirtschaft eröffnen, fühlt sich die junge Frau eingesperrt. Sie hilft in der Kneipe, der Vater verbietet ihr den ersehnten Ausbildungsvertrag, den sie in der Batteriefabrik, in der sie für kleines Geld zusätzlich arbeitet, erhalten könnte. Warum verliert sich die Mutter Nevenka immer mehr in ihren Erinnerungen und tritt nicht für sie ein?

Nevenka und Olina

Nevenka wuchs während der deutschen Besatzung und des Zweiten Weltkriegs in Zeletice auf. Ihre Mutter Olina ist die dritte Frauengeneration, von der Simone Kucher in Die lichten Sommer erzählt. Immer wieder wandern Nevenkas Gedanken zurück zu ihrer Kindheitsfreundschaft mit Zena. Diese kommt in den 1940er Jahren aus Prag nach Zeletice. Zenas Mutter, die Kinderbuchautorin Anezka, will näher an ihrem in der Festung Spielberg in Brünn inhaftierten Mann Pavel leben, der wegen eines verweigerten nationalsozialistischen Gruß von den Deutschen verhaftet wurde. Die Freundschaft der beiden Mädchen wird sehr zart und poetisch geschildert, endet aber sehr dramatisch. Nur noch ein Foto des Mädchens mit dem kinnkurzen Haar ist geblieben.

Nevenka spricht nicht oder sehr wenig über die Vergangenheit. Sie zieht sich in sich zurück, erduldet die häufige Trunkenheit des Vaters. Liz aber möchte mehr vom Leben. Da kommt der attraktive Robert gerade recht. Gegen den Willen des Vaters heiraten sie und Liz ist wie ihre Mutter und Großmutter gerade mal 18 Jahre alt, als sie zum ersten Mal Mutter wird. Dann kommen das zweite und das dritte Kind und sie merkt, dass sie die Bevormundung des Vaters nur für die Bevormundung durch den Ehemann eingetauscht hat.

Still, poetisch, facettenreich und unprätentiös erzählt Simone Kucher in ihrem beeindruckenden Debütroman Die lichten Sommer von Freundschaft, lichten Kindheitssommern und dunklen Zeiten, vom Verlust der Heimat und dem Schweigen der Familien, von eingeengten Frauenleben, Generationenkonflikten und Resilienz. Das ist oft bedrückend und traurig, manchmal aber auch so zart und licht wie besagte Sommer. Ein gelungenes Debüt!

Von einem zum anderen Tag

Simone Kucher hat über das gleiche Thema auch das Hörspiel Von einem zum anderen Tag geschaffen, das man in der WDR-Mediathek anhören kann.

Dort sind sich Mutter und Tochter nicht einig über den Umgang mit der Vergangenheit:

„Trotzdem ist es gut, dass wir sprechen. Man muss es einfach.“ „Das machen vielleicht die Leute deiner Generation zur Genüge.  Man muss das nicht. Man muss nicht über alles sprechen.“ „Man muss Dinge benennen und darüber sprechen, was wirklich war. Es einordnen und daraus lernen.“ „Was war, war. Man muss damit leben.“ „Aber wie?“

https://www1.wdr.de/radio/wdr5/sendungen/hoerspiel-am-sonntag/krieg-vertreibung-tschechien-100.html

 

Beitragsbild: Daniel Bohrer, CC BY 4.0, via Wikimedia Commons

_____________________________________________________

*Werbung*

Simone Kucher - Die lichten Sommer.

.

Simone Kucher – Die lichten Sommer
Kjona Februar 2024, 240 Seiten, Gebunden, € 23,00

 

 

 

 

Der Beitrag Simone Kucher – Die lichten Sommer erschien zuerst auf LiteraturReich.

]]>
https://literaturreich.de/2024/03/16/simone-kucher-die-lichten-sommer/feed/ 0 18151
Willa Cather – Lucy Gayheart https://literaturreich.de/2024/03/12/willa-cather-lucy-gayheart/ https://literaturreich.de/2024/03/12/willa-cather-lucy-gayheart/#respond Tue, 12 Mar 2024 11:52:00 +0000 https://literaturreich.de/?p=18137 2024 ist ein Jahr der großen Jubiläen in der Literaturgeschichte. Franz Kafkas Todestag jährt sich zum 100. Mal, Vladimir Nabokov wäre im März 125, James Baldwin im August 100 Jahre alt geworden. Unlängst konnte man… Mehr

Der Beitrag Willa Cather – Lucy Gayheart erschien zuerst auf LiteraturReich.

]]>
2024 ist ein Jahr der großen Jubiläen in der Literaturgeschichte. Franz Kafkas Todestag jährt sich zum 100. Mal, Vladimir Nabokov wäre im März 125, James Baldwin im August 100 Jahre alt geworden. Unlängst konnte man den 125. Geburtstag von Erich Kästner feiern, der genauso wie Immanuel Kant in diesem Jahr auch einen runden Todestag, den 50. hat (bei Kant handelt es sich um den 300. Geburts- und 220. Todestag). Dazu kommen noch große Jubiläen von Caspar David Friedrich (250. Geburtstag), Marco Polo (700. Todestag) und Anton Bruckner (200. Geburtstag). Bei so einer gesammelten Flut an anstehenden Feierlichkeiten ist im Dezember 2023 ein 150. Geburtstag mehr oder weniger untergegangen. Mit einer Neuausgabe des Spätwerks Lucy Gayheart hat der Manesse Verlag in seiner schönen, kleinformatigen Klassikerbibliothek der amerikanischen Schriftstellerin Willa Cather gedacht.

Ich muss zugeben, dass ich bisher keine der zahlreichen Übersetzungen der 1947 verstorbenen Autorin, die als eine der bedeutendsten Schriftstellerinnen Amerikas gilt, gelesen hatte. 1922 erhielt sie den Pulitzerpreis für „One of ours“ und obwohl viele ihrer Romane im ländlichen Amerika verortet sind, war Willa Cather eine sehr moderne, unabhängige, in gleichgeschlechtlichen Beziehungen lebende Frau. Von ihrer (leider bei uns auch viel zu unbekannten) Mentorin Sarah Orne Jewett erschien 2022 im Mareverlag der schöne Roman „Deephaven“.

Eine lebenshungrige junge Frau

Auch die Protagonistin im 1935, fast 40 Jahre nach Beginn ihrer Schriftstellerkarriere entstandenen und um die vorletzte Jahrhundertwende spielenden Roman Lucy Gayheart ist wie ihre Autorin Willa Cather eine unabhängige, lebenshungrige junge Frau. Wie diese wächst Lucy in einer kleinen Präriestadt in Nebraska auf. Ihr Vater ist Uhrmacher, außerdem aber auch ein großer Musikfreund und Kapellmeister des Ortes. Von ihm erfährt die junge Frau stets Unterstützung und Förderung, auch ihres großen Talents am Piano. Anders als ihre ältere Schwester zieht es die hübsche, charmante und umschwärmte Lucy fort vom provinziellen Haverford, hinaus in die Welt. Auch wenn die Familie eher wenig begütert ist, darf sie in Chicago bei einem Professor Auerbach Studien am Klavier aufnehmen. Sie lebt dort, sehr untypisch für junge Frauen vom Land, sehr unabhängig in einer Pension und verdient sich Geld mit Klavierunterricht.

Zuhause, wohin Lucy in den Ferien zurückreist, entdeckt ihr alter Schulfreund, der vermögende Harry Gordon, dass er mehr als nur Freundschaft für sie empfindet und macht ihr einen Antrag. Lucy, die mitten im Aufbruch ist, das Leben in der Stadt genießt und Gefühle für einen fast doppelt so alten, zudem verheirateten und sehr bekannten Bariton, den sie bei Proben auf dem Piano begleitet, entwickelt hat, lehnt schroff ab. Dieser Sänger, Clement Sebastian, steckt selbst ein wenig in einer Lebenskrise. Dass er die melancholischen Schubertlieder der Winterreise einübt, ist für die Stimmung des Romans bezeichnend. Lucy aber schwebt im siebenten Himmel.

Großartige Wiederentdeckung

Der Plot von Lucy Gayheart ist nicht wirklich ungewöhnlich, in der feinen psychologischen Entwicklung ihrer Figuren erinnert Willa Cather sehr wohltuend an ihren Kollegen Henry James. Insgesamt ist das einfühlsame Werk aber eher zurückhaltend, bodenständig, schnörkellos. Konventionell in der Erzählweise, großartig in der Sprache erschafft sie sehr lebendige Protagonisten, poetische Landschaftsbeschreibungen und viel von der gesellschaftlichen Atmosphäre der Zeit. Für mich ist Willa Cather eine große Entdeckung und ich hoffe, die Neuauflage von Lucy Gayheart war nicht nur ein Geschenk zum 150. Geburtstag. Wie sehr Autorinnen, die lange Zeit als „Frauenliteratur“ gerade auch in der Übersetzung abgetan wurden, der (Neu)Entdeckung harren, ist zum Glück mittlerweile ein vielbeachtetes Thema. Vielen tollen Schriftstellerinnen ist in den letzten Jahren so wieder zu Aufmerksamkeit verholfen worden. Hoffentlich gehört auch Willa Cather dazu.

 

Beitragsbild: The Cather Project, University of Nebraska

_____________________________________________________

*Werbung*

Willa Cather - Lucy Gayheart.

Willa Cather – Lucy Gayheart
Übersetzt von Elisabeth Schnack, mit einem Nachwort von Alexa Hennig von Lange
Manesse Bibliothek (Band 31), Hardcover, 304 Seiten, € 26,00

 

 

 

 

Der Beitrag Willa Cather – Lucy Gayheart erschien zuerst auf LiteraturReich.

]]>
https://literaturreich.de/2024/03/12/willa-cather-lucy-gayheart/feed/ 0 18137
Sarah Jäger – Und die Welt sie fliegt hoch https://literaturreich.de/2024/03/10/sarah-jaeger-und-die-welt-sie-fliegt-hoch/ https://literaturreich.de/2024/03/10/sarah-jaeger-und-die-welt-sie-fliegt-hoch/#respond Sun, 10 Mar 2024 09:29:46 +0000 https://literaturreich.de/?p=18121 Der neue Kinder- und Jugendroman von Sarah Jäger, üppig und auf jeder Seite fein illustriert von Sarah Maus, ist ein Buch, das das Herz leichter macht. Und das, obwohl es sehr weit weg ist von… Mehr

Der Beitrag Sarah Jäger – Und die Welt sie fliegt hoch erschien zuerst auf LiteraturReich.

]]>
Der neue Kinder- und Jugendroman von Sarah Jäger, üppig und auf jeder Seite fein illustriert von Sarah Maus, ist ein Buch, das das Herz leichter macht. Und das, obwohl es sehr weit weg ist von allem Heile-Welt-Tralala und eigentlich eher melancholisch, wenn nicht gar traurig ist. Auch die schönen, empathischen Zeichnungen von Sarah Maus sind in Schwarz-Weiß gehalten und verbreiten stellenweise einen dunkel-düsteren Nebel rund um die Worte von Sarah Jäger in Und die Welt sie fliegt hoch“. Und doch macht dieses Buch glücklich. Ein klein wenig zumindest. Und das über alle Altersschranken hinweg.

Ava und Juri waren einst in der gleichen Grundschulklasse. Nun sind sie 14 und Ava schickt Juri ganz plötzlich, nach Jahren der Funkstille eine Textnachricht.

 

Hallo?

Ist da jemand?

Ava hier.

Wir kennen uns, oder?

 

Woher hast du meine Handynummer?

 

Während Ava gleich auf mehr oder weniger umfangreiche Sprachnachrichten wechselt, scheint Juri zunächst nicht so wirklich begeistert von der Kontaktaufnahme. Zumindest erinnert er sich daran, dass Ava in der dritten Klasse als „Komischer Vogel“ auf einem Kostümfest erschien. Juri hingegen war Astronaut. Und als einen solchen in seinen Raumfahranzug eingekapselten, wie in einer fernen Galaxie schwebenden Astronauten hat Sarah Maus Juri durchgehend dargestellt. Zurückgezogen, fast ein wenig abweisend erscheint er zunächst in seinen knappen Textnachrichten, während der komische Vogel Ava schon bald sehr umfangreiche, fröhlich dahinplappernde Sprachnachrichten versendet.

Der Text des ganzen Buchs besteht aus den Nachrichten der Beiden, die jeweils auf einer der gegenüberliegenden Seiten platziert sind, so dass man abwechselnd links und rechts liest. Jede Doppelseite ist mit den Zeichnungen von Sarah Maus versehen, die auch für sich alleine ganz zauberhaft sind.

Es sind Sommerferien und Ava hat Hausarrest, während all ihre Freunde vermutlich im Freibad sind. Warum dann nicht ein wenig quatschen mit Juri, der anscheinend freiwillig ganz allein in seinem Zimmer sitzt? Über die Grundschule/“früher“, Geburtstagsfeiern, Dinge, die man mag oder eben nicht, die eigenen Zimmer, die Eltern, die sich getrennt haben und über den „Endgegner“ Angst. Denn Angst ist furchtbar präsent in Juris Leben.

Hast du auch manchmal das Gefühl

dass bald alles hochfliegt

Alles?

Einfach alles

Die Welt

Alles fliegt hoch

 

Als ob es explodiert?

Als ob ich den Halt verliere

 

Es gibt keine Punkte, keine Satzzeichen auf Juris Seite. Es ist, als ob sein Text selbst den Halt verloren hat.

Und dann denke ich an die Kriege überall

und an die Kinder

die nicht zur Schule können

und an mich

der sich an manchen Tagen nicht auf die Straße traut

und ich

schäme mich so sehr für meine Angst.

 

Aber die unbekümmerte, forsche Art von Ava lässt ihn langsam auftauen, die Beiden kommen sich über ihre Nachrichten näher und auch in Avas Leben ist natürlich nicht alles nur eitel Sonnenschein. Manchmal hat auch sie Angst, Angst, dass „die ganze Packung Ava“ den Eltern zu viel werden könnte. Und dass sie zwei Zuhause besitzt, ist auch nicht immer von Vorteil.

„Vielleicht ist das auch manchmal ein bisschen anstrengend für mich, so quasi in zwei Leben rumzuflattern – immer mit dem Gefühl: Du musst jetzt genau in die Lücke passen. Aber das kann ich nur flüstern. Kann das nur sagen, weil es dunkel ist. Und ich lösche die Nachricht auch gleich wieder, sobald du sie gehört hast.“

Irgendwann traut sich auch Juri an Sprachnachrichten heran. Und vielleicht geht er sogar mit Ava zur Sommerabschlussparty, wenn ihr Hausarrest vorbei ist…

Sarah Jäger wäre nicht Sarah Jäger, wenn sich nun alles in ein Heile-Welt-Happy-End auflösen würde. Ihre Figuren sind immer ungemein ambivalent. Es gibt wenige Bücher, die so tröstlich, warmherzig und Hoffnung machend vom Leben erzählen, das manchmal schön ist, aber manchmal auch ganz schön hart. Gerade eben für 14-Jährige. Aber eigentlich gilt das genauso auch für 58-Jährige und jedes Lebensalter. Ich werde im Sommer also erst einmal eine Arschbombe vom Beckenrand machen. Glaubst du?

Oder vielleicht bleibe ich doch lieber bei Joghurteis mit Himbeersoße. Da wäre ich auf jeden Fall dabei.

 

Beitragsbild via pxhere

 

__________________________________________________

*Werbung*

Sarah Jaeger-maus-und-die-welt-sie-fliegt-hoch.

Sarah Jäger – Und die Welt sie fliegt hoch
Illustriert von: Sarah Maus
Rotfuchs Februar 2024, fester Einband, 272 Seiten, € 20,00
empfohlenes Alter: ab 12 Jahre

 

 

Der Beitrag Sarah Jäger – Und die Welt sie fliegt hoch erschien zuerst auf LiteraturReich.

]]>
https://literaturreich.de/2024/03/10/sarah-jaeger-und-die-welt-sie-fliegt-hoch/feed/ 0 18121