LiteraturReich https://literaturreich.de/ Ein Literaturblog Sat, 04 Feb 2023 10:54:10 +0000 de-DE hourly 1 https://wordpress.org/?v=6.1.1 https://literaturreich.de/wp-content/uploads/2017/03/cropped-screenshot-05-03-2017-16_17_25-2-32x32.png LiteraturReich https://literaturreich.de/ 32 32 164610390 Lektüre Januar 2023 https://literaturreich.de/2023/02/04/lektuere-januar-2023/ https://literaturreich.de/2023/02/04/lektuere-januar-2023/#respond Sat, 04 Feb 2023 10:54:10 +0000 https://literaturreich.de/?p=15879 Neues Jahr- Neues Leseglück : Lektüre im Januar 2023 Nach einem etwas holprigen Start mit Mohamed Mbougar Sarr wurde der Januar noch ein richtig guter Lesemonat mit einigen wirklichen Lese-Highlights. (Und wie verrückt ist es eigentlich,… Mehr

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Neues Jahr- Neues Leseglück : Lektüre im Januar 2023

Nach einem etwas holprigen Start mit Mohamed Mbougar Sarr wurde der Januar noch ein richtig guter Lesemonat mit einigen wirklichen Lese-Highlights. (Und wie verrückt ist es eigentlich, dass schon wieder ein ganzer Monat in 2023 vorbei ist und ich gefühlt in diesem Jahr noch gar nicht angekommen bin?). Besonders Die Romane von Aroa Moreno Duran und Jakob Guanzon finden meiner Meinung nach (noch) viel zu wenig Beachtung in den Besprechungen, beide Bücher sind richtig gut. Und die Neu/Wiederentdeckung eines großen Exilromans – Planet ohne Visum – müsste auch noch viel mehr gefeiert werden. Einzig Dörte Hansen erfährt aus meiner Lektüre im Januar 2023 die ihr gebührende Aufmerksamkeit – zu Recht.

Dörte Hansen - Zur SeeDörte Hansen – Zur See

Dörte Hansen ist ein Phänomen. Ihre in der norddeutschen Provinz spielenden Romane begeistern die Literaturkritik genauso wie das breite Publikum. Auf den Bestsellerlisten ist sie Stammgast. Ihr neuester Roman führt auf eine nicht benannte Nordseeinsel und erzählt in diesem Mikrokosmos von unvergesslichen Charakteren und von universellen Dingen wie Familie, Einsamkeit, Sehnsucht, Verlust und Verbundenheit. Wir begleiten die alteingesessene Familie Sander, die auf 300 Jahre Kapitänstradition zurückblickt. Die Vorfahren waren Grönlandfahrer und Walfänger, das schönste und prächtigste Inselhaus ist das ihre. Doch schon lange leben auf der Insel nur noch die Drenthe-Brüder vom Fischfang, Umsatz wird heute mit dem Tourismus gemacht und die Familie ist schon lange nicht mehr intakt. Vater Jens, einst als Kapitän auf hoher See, hat sich als Vogelwart in die Einsamkeit zurückgezogen. Mutter Hanne hält den Laden am Laufen, sorgt seit Kurzem wieder für ihren 40jährigen Sohn Ryckmer, weil der dem Alkohol verfallen ist. Tochter Eske ist Altenpflegerin und Heavy-Metal-Fan und der jüngste Sohn Henrik lebt als Treibgutkünstler. Und auch der Inselpastor hadert mit seinem Leben und seinem Glauben. Sie alle in ihrer Komplexität zu schildern, gelingt Dörte Hansen durch wechselnde, oft auch divergierende Erzählperspektiven. Sie erzählt ruhig und gelassen, eindringlich und atmosphärisch dicht. Ihre Sprache ist höchst musikalisch. Kleine Referenzen zu Klassikern wie Theodor Storm oder Herman Melville baut sie unaufdringlich ein. So ist ihr wieder ein ganz wunderbares, zutiefst menschliches Buch gelungen.

 

nicolas-mathieu-connemaraNicolas Mathieu – Connemara

Es ist das Leben in der Provinz – die in Frankreich fast alles, was nicht Paris ist, umfasst – die Nicolas Mathieu in seinen psychologisch genauen Romanen ins Visier nimmt. Mit Wie später ihre Kinder  gewann er damit 2018 den Prix Goncourt, ihm ist damit ein wirklich sehr guter, breiter Gesellschaftsroman gelungen.

Connemara beschäftigt sich nun vorwiegend mit zwei Protagonist:innen, siedelt ihre Geschichte aber in einem ähnlichen Umfeld an. Die kleine fiktive Kleinstadt Cornécourt liegt in der Nähe von Nancy und Épinal. Hier sind Christophe und Hélène aufgewachsen, zur Schule gegangen. Während Christophe, damals umschwärmter Eishockeystar, nie von Cornécourt fortgezogen ist und dort ein sehr mittelmäßiges Leben führt, hatte es Hélène eigentlich geschafft, ihren kleinbürgerlichen Verhältnissen und der tristen Provinz zu entkommen. Sie hat in Paris an einer Eliteuniversität studiert, ist in ihrem Job bei einer Consulting Firma sehr erfolgreich gewesen, hat einen attraktiven, erfolgreichen Mann geheiratet und zwei niedliche Töchter bekommen. Aber nach einem Burnout, hält es Hélène in der Hauptstadt nicht mehr aus. Zusammen mit ihrem Mann Philippe bezieht sie ein hübsches Haus außerhalb von Nancy, fängt einen neuen Job an. Abert in Hélènes Leben und Ehe kriselt es. Die Wiederbegegnung mit Christophe ist der Beginn oder die Wiederaufnahme einer leidenschaftlichen Affäre.

Nicolas Mathieu gelingt es wieder, sehr tief in die Psyche seiner Figuren einzudringen und ein authentisches Bild zu zeichnen. Im Buch steht Frankreich kurz vor der ersten Wahl von Emmanuel Macron. Das Land ist tief gespalten ist. Paris-Provinz, Reich-Arm, Elite – Normalbürger. Die Aufstiegschancen sind gering. Der Autor ist hier ganz dicht am Thema Klassenschranken und ganz nah an Kolleg:innen wie Annie Ernaux, Didier Eribon und Éduard Luis, vielleicht ein wenig epischer, ein wenig milder, weniger autofiktional.

Für meinen Geschmack erzählt Nicolas Mathieu in Connemara oft zu detailliert, gibt seinen psychologischen Grabungen zu viel Raum. Das ist teilweise ein wenig ermüdend. Dabei bleiben gerade die Hauptprotagonist:innen trotzdem ziemlich fern. Ein etwas strafferer Rahmen hätte der Geschichte gut getan. Es gibt allerdings auch wunderbare Szenen, beispielsweise eine ziemlich aus dem Ruder laufende Hochzeitsfeier gegen Ende. Hier erfahren wir auch, warum das Buch Connemara heißt, denn mit der so heißenden westirischen, seenreichen Landschaft hat Nicolas Mathieus Roman nichts zu tun. Der Titel ist vielmehr vom Chanson “Les lacs de Connemara” aus den 1980er Jahren inspiriert, das man hierzulande eher nicht kennt, das in Frankreich aber anscheinend ein Evergreen, besonders gern auf größeren Festen gespielt, ist. Ein ganz so großer Wurf wie Wie später ihre Kinder ist Connemara vielleicht nicht, aber dennoch lesenswert.

 

Olga Benario PrestesAnita Leocádia Prestes – Olga Benario Prestes
Eine biografische Annäherung

Während Olga Benario Prestes in Brasilien, dem Heimatland des Vaters ihrer Tochter Anita und vielleicht Ehemanns (Nachweise der Eheschließung fehlen bis heute) Luiz Carlos Prestes sehr bekannt ist, sie auch in der DDR vielfach geehrt wurde, ist sie in der Bundesrepublik fast vergessen. (Im November 2022 wurde im Rahmen des Projekts Erinnerungszeichen für Opfer des NS-Regimes in München an ihrer ehemaligen Schule in München eine Gedenktafel für sie angebracht.) Als Tochter eines jüdischen, sozialdemokratischen Anwalts schloss sich die 1908 geborene Olga früh den Kommunisten an, arbeitete in der kommunistischen Jugendorganisation, durchlief eine militärische Ausbildung und wurde mehrfach verhaftet. 1934 lernte sie den brasilianischen Hauptmann Luiz Carlos Prestes kennen und ging mit ihm im Auftrag der KPD nach Südamerika, wo Prestes einen Aufstand junger Militärs gegen die herrschende Oligarchie und die damalige Regierung anführen sollte. Aus der Arbeitsbeziehung wurde Liebe. Nach dem Scheitern des Putsches wurden Prestes und Olga 1936 verhaftet. Olga war da bereits mit Anita schwanger, wurde aber trotz gegenteiliger Vereinbarungen an das Deutsche Reich ausgeliefert. Im Frauengefängnis Barnimstraße in Berlin gebar sie ihr Kind, das mit vierzehn Monaten zur brasilianischen Großmutter gegeben werden durfte. Diese setzte sich sehr für ihre Schwiegertochter ein, bewirkte Protestaktionen auch aus dem Ausland und mobilisierte einflussreiche Fürsprecher. Es nützte alles nichts. Als Volljüdin und “besonders hartnäckige und gerissene Kommunistin” wurde ihr die mögliche Ausreise verweigert. Über die Zwischenstationen Lichtenburg und Ravensbrück wurde sie 1942 in der Tötungsanstalt Bernburg in der Gaskammer ermordet.

Mir war Olga Benario Prestes zuvor unbekannt. Es gibt zwei ältere Biografien über sie, einen deutschen Dokumentarfilm, eine neuere Biografie mit Schwerpunkt auf Dokumenten aus bisher nicht zugänglichen Akten des Deutschen Reiches aus russischen Archiven und eine Veröffentlichung des Briefwechsels von Olga und Luiz Carlos Prestes. Die Tochter Anita hat sich nun im vorliegenden Buch auf 75 Seiten besonders der Zeit in deutscher Haft, ihrer eigenen Geburt und der Ermordung ihrer Mutter genähert. Sie tut das als Historikerin und Wissenschaftlerin völlig nüchtern, spricht von sich bis auf die letzten beiden Sätze in der 3. Person, niemals von “Mutter”. Wie auch, sie durfte sie niemals wirklich kennenlernen. Von ihrem Vater ist kaum die Rede. Er saß in Brasilien im Gefängnis, dennoch ist seine Nichtexistenz in der Annäherung verwunderlich. Gut ist deshalb die Entscheidung des Verbrecher Verlags, dem Text von Anita Leocádia Prestes noch ausgewählte Briefe des Paares und ein Interview mit der Autorin beizufügen.

 

Mohamed Mbougar Sarr - Die geheimste Erinnerung der MenschenMohamed Mbougar Sarr –  Die geheimste Erinnerung der Menschen

Es war vielleicht das Buch, auf das ich mich am meisten gefreut habe und von dem ich mir eigentlich sicher war, dass es mich begeistern könnte. Doch enthusiastische Kritiken sind nicht immer eine Garantie. Und so konnte mich   nicht für sich gewinnen. Tatsächlich war mir die Lektüre eher Qual als Freude. Nicht, dass einzelne Teile mir nicht durchaus gefallen haben. Wer als Literaturliebhaber:in liest nicht gern über die Macht des Geschriebenen, den Zauber von Literatur? Und wie Mohamed Mbougar Sarr die verschiedenen Ebenen seines Romans verschränkt, ohne Absatz und Übergang den senegalesischen Schriftsteller Diégane Latyr Faye sich von der Schriftstellerin Siga D. in Paris erzählen lässt, was diese sich Jahrzehnte zuvor von einer haitianischen Schriftstellerin in Argentinien und einer französichen Literaturkritikerin über den afrikanischen Schriftsteller T.C. Elimane, der seit den Plagiatsvorwürfen zu seinem erfolgreichen Roman von 1938 verschwunden ist, berichten ließ, lässt schwindeln und liest sich doch so flüssig, dass man wirklich von großer Kunst sprechen muss. Und von einer gewissen Kühnheit.

Die Auswirkungen von Kolonialismus und Rassismus im Literaturbetrieb  – darauf wirft Sarr einen ironischen, bitteren Blick. Eine seneglesiche Familiengeschichte (die von Elimane), afrikanische Studenten und Kunstschaffende in Europa, Studentenunruhen in Dakar – für mich gab das alles keine runde Geschichte, die ich gern gelesen hätte, zu verkopft, zu sehr um Bedeutung bemüht, nicht mein Buch. Der Lobeshymnen gibt es hingegen viele. Die Leser:innen schwärmen von der Vielfalt der Bedeutungsebenen, dem Stil, der Originalität. 2021 erhielt Die geheimste Erinnerung der Menschen den Prix Goncourt.

 

Helene Bukowski - Die KriegerinHelene Bukowski – Die Kriegerin

Lisbeth leidet seit ihrer Kindheit an einer schweren Neurodermitis. Zu dünnhäutig, zu durchlässig für innere und äußere Einflüsse scheint sie zu sein. Als Mädchen hat sie sich bereits abgesondert, niemanden wirklich nah an sich herangelassen, die Verheerungen auf ihrer Haut, die sie sich durch Kratzen zum Teil selbst zufügt, sorgsam verbergend. Nun ist ihr alles zu viel, die Ehe mit Malik, die Ansprüche ihres kleinen Sohns, der Job als Floristin, das eigentlich schöne Zuhause – zu eng.
Lisbeth bricht aus. Die Ostsee war schon in ihrer Kindheit ein Fluchtpunkt, die Sonne, das Salz tun der Haut gut. Der Bungalow, in dem sie mit ihrer Familie die Sommerferien verbracht hat, ist auch jetzt ihr Ziel. Vielleicht bringt er auch jetzt Heilung, kann Lisbeth Körper und Seele genesen lassen, so wie damals zum ersten Mal.
Hier trifft Lisbeth auf „die Kriegerin“, die erst spät im Buch ihren Namen erhält: Florentine. Die beiden Frauen haben vor Jahren zusammen bei der Bundeswehr die Grundausbildung abgeschlossen. Wegen eines traumatischen Erlebnisses, verlässt Lisbeth die Bundeswehr und kehrt zurück nach Jena und zur Gärtnerei ihres Vaters.
Dem Verhältnis und der Geschichte von Lisbeth und Florentine nähert sich das Buch nur langsam. In Rückblenden und Briefen erfahren wir mehr. Erfahren davon, wie Florentine bei der Bundeswehr als Fallschirmjägerin gefährliche Auslandseinsätze absolviert, während Lisbeth auf einem Kreuzfahrtschiff als Floristin anheuert und für viele Jahre aus dem Leben von Mann und Kind verschwindet. Langsam beginnt die Geschichte an zu flirren. Lisbeth und Florentine treffen sich jedes Jahr einmal im Bungalow. Immer wieder träumt die eine die Träume der anderen, scheint eine fast übernatürliche Verbindung zwischen den beiden zu bestehen. Und mir wurde langsam klar, dass sich Lisbeth und Florentine womöglich viel näher sind als man das zu Beginn annahm.
Ein Roman über Frauen bei der Bundeswehr, PTBS, über von Neurodermitis geplagte Menschen, Bindungsunfähigkeit oder sexuelle Gewalt – aber nicht nur. Bildreich erzählt Helene Bukowski von einer Frau, die tief traumatisiert ist und erst allmählich lernen muss, keine Schuld daran zu haben.  Mir ist schon lange nicht mehr ein so vielschichtiges, eindringliches und tief bewegendes Buch begegnet.

 

Aroa Moreno Durán – Die Tochter des KommunistenAroa Moreno Durán Die Tochter des Kommunisten

Die junge spanische Autorin Aroa Moreno Durán erzählt in ihrem Debütroman die Geschichte von Katia, die in den 1950er Jahren mit ihrer Schwester Martina in Ostberlin inmitten des Kalten Krieges aufwächst. Der Vater der Mädchen flüchtete als Mitglied der kommunistischen Partei und Kämpfer auf der Seite der Republik bereits 1938 vor dem faschistischen Franco-Regime in die Sowjetunion und nach Kriegsende in die DDR. Dorthin holte er seine Frau nach und gründete eine Familie. Der Vater ist überzeugter Kommunist, die Mutter hat Heimweh und trauert vor allem um die abgerissenen Bande zu ihrer Familie. Als sich Katja eines Tages Hals über Kopf in einen jungen Mann aus dem Westen verliebt, gibt sie dessen Drängen eher unbedacht und spontan nach und begeht Republikflucht über die Tschechoslowakei nach Österreich. Katia bereut ihren Entschluss fast sofort, dennoch führt sie fast zwanzig Jahre eine mittelprächtige Ehe mit Johannes in dessen Heimatort Backnang in Schwaben. Aroa Moreno Durán erzählt ihre Geschichte auf nur 170 Seiten in datierten Episoden. Ihr gelingt dabei ein authentisch anmutender, genauer Blick sowohl auf die Nachkriegs-DDR als auch auf die „Bleierne Zeit“ der 1970er und 80er Jahre in der BRD. Prägnant, eindringlich und spannend vermeidet sie dabei jegliche Klischees und fängt doch die Atmosphäre erstaunlich bestechend ein.

 

Kenneth Fearing - Die große UhrKenneth Fearing – Die große Uhr

Der 1946 erschienene Thriller Die große Uhr zählt als Noir-Klassiker, ist in Deutschland bisher aber leider nicht sehr bekannt. George Stroud, Redakteur eines True-Crime-Magazins im riesigen Medienimperium von Earl Janoth, beobachtet zufällig, wie dieser mit seiner Geliebten Paulin Delos deren Apartmenthaus betritt. Kurze Zeit später ist die schöne Blondine tot. Wir Leser:innen wissen sowohl, dass Janoth tatsächlich der Mörder ist, als auch dass George in den Tagen davor eine heftige Affäre mit der Freundin seines Chefs gehabt hat und dieser ihn am Abend der Tat vor dem Apartmenthaus gesehen, aber nicht erkannt hat. Da Janoth aber befürchtet, dass der „Unbekannte“ seinerseits ihn identifizieren und bei der Polizei melden könnte, setzt er „seine“ Medienleute darauf an, diesen zu finden. Die Leitung dieser Sache überträgt er keinem anderen als George Stroud. Der muss nun gegen sich selbst ermitteln und natürlich diese Ermittlungen möglichst verschleppen und manipulieren. Die Leser:innen sind stets im Wissensvorsprung vor den Protagonisten, da Fearing unterschiedliche Personen chronologisch fortschreitend erzählen lässt. Ein Roman mit Nachkriegsatmosphäre. Auch wenn der Krieg überhaupt nicht erwähnt wird, es ist dieses Existenzialistische, Düstere, an keine Moral mehr Glaubende, diese grundlegende Verunsicherung der Menschen nach dem großen Morden in Europa, dem Börsenkrach, der Großen Depression die den Grundton des Thrillers bilden.

 

Annie Ernaux - Das andere MädchenAnnie Ernaux – Das andere Mädchen

Das Foto wurde nicht versteckt, aber lange Zeit dachte Annie Ernaux, dass es sie mit ihren Eltern und ihrer Cousine zeige und nicht Das andere Mädchen, jene verschwiegene Schwester, die vor Annies Geburt sechsjährig an Diphtherie verstarb. Erst mit 10 Jahren hörte sie zufällig die Mutter mit der Nachbarin über diese “Doppelgängerin” sprechen. Und auch nur, weil Eltern zu oft glauben, “Kinder hätten keine Ohren”. Wie sehr es das Mädchen verletzt und verstört haben muss, auf diese Weise von einer Schwester zu erfahren, besonders, weil die Mutter noch hinzufügen musst, dass diese “viel lieber als die da” gewesen sein, lässt sich ahnen und versucht die Autorin in ihrem schmalen Buch auf die ihr eigene verknappte, soziologisch durchdringende Weise zu analysieren. Die Klasse in der Gesellschaft ist Annie Ernauxs großes Thema und auch in diesem so persönlichen Text fokussiert sie sich darauf. Die Eltern waren arm. Mehr als ein Kind konnten sie sich schwer leisten, das wird Annie bald klar. Lebt sie also nur, weil ihre Schwester zuvor gestorben ist. War sie also eine Art “Ersatz”?

“Ich wurde geboren, weil du gestorben warst, ich habe dich ersetzt.”

Sehr bald kommt sie dann darauf:

“Ich schreibe nicht, weil du gestorben bist. Du bist gestorben, damit ich schreibe, das ist ein großer Unterschied.”

“2010 schrieb Annie Ernaux Das andere Mädchen”, da war sie bereits 70 Jahre alt. Lange Zeit war die Existenz ihrer Schwester aus ihrem Leben verbannt, erst nach ihrem autobiografischen Text über den Vater, Der Platz, kam sie ihr wieder in den Sinn. Warum war das so und warum haben ihre Eltern sie zeitlebends totgeschwiegen? Was bedeutet diese verstorbene Schwester für Annie und was für das stets schwierige Verhältnis zur Mutter? Annie Ernaux nähert sich diesen Fragestellungen in einer Art Brief an die Schwester und bleibt ihrem kühl analysierenden, extrem verdichteten Stil einmal mehr treu.

 

Jakob Guanzon - ÜberflussJakob Guanzon – Überfluss

Noch viel zu selten stehen Menschen am unteren Ende der sozialen Leiter im Zentrum von Romanen, das gilt für die deutschsprachige Literatur genauso wie für die US-amerikanische. Jakob Guanzon hat mit seinem Roman Überfluss genau das getan und mich restlos überzeugt. Er erzählt von einem alleinerziehenden Vater, der mit seinem Sohn in einem alten Ford Pickup haust, nachdem die drogensüchtige Mutter – Henry wurde gewalttätig gegen sie – abgehauen ist und sie den gemeinsam bewohnten Trailer verlassen mussten. Einen Job zu finden ist für den vorbestraften Henry schwierig, aber morgen hat er ein vielversprechendes Vorstellungsgespräch. Zunächst einmal will er den achten Geburtstag von Junior gebührend feiern – soweit das sein sehr beschränktes Finanzkonto erlaubt. Denn Henrys und Juniors Leben wird vom Geld bestimmt, von den wenigen Dollars, die ihnen am Tagesende bleiben. Folgerichtig sind die Kapitel auch mit dem entsprechenden Finanzstand überschrieben. Eingeschoben in die Kapitel, die von den zwei gegenwärtigen Tagen erzählen, sind solche, die in die Vergangenheit zurückgehen, in die Kindheit von Henry, der als Sohn eines von den Philippinen stammenden, strengen Vaters und einer früh verstorbenen Mutter aufwächst, als Jugendlicher auf die schiefe Bahn gerät; vom Kenenlernen von Henry und Michelle, ihrer kleinen, stets gefährdeten Familie, Henrys Gefängnisaufenthalt. Die Erzählung bleibt immer nah an Henry dran, der dadurch aber keineswegs wirklich sympathisch wird. Er bemüht sich, das kann man ihm nicht absprechen, aber manchmal würde man ihn gern auch mal durchschütteln. Bei allen gesellschaftlichen Schranken, an die er immer wieder stößt, trägt er einen Großteil der Schuld an seiner Misere doch auch selbst. Wie schwer das Ganze für den kleinen Jungen ist, bricht der Leserin das Herz. Jakob Guanzon schreibt darüber auf sehr bewegende, klare, direkte Art. Er ist so empathisch-mitfühlend wie schonungslos realistisch. Eines meiner Januar-Highlights.

 

Jean Malaquais - PLANET OHNE VISUMJean Malquais – Planet ohne Visum

Erstaunlich, welche Perlen manchmal erst Jahrzehnte nach der Erstveröffentlichung auf den Buchmarkt kommen. So auch der 1947 erschienene Exilroman des aus Polen stammenden und seit 1926 in Frankreich lebenden Jean Malaquais, der eigene Erfahrungen zu einem großen Zeitpanorama des Jahres 1942 in Marseille verarbeitet. Vor der Besetzung durch die Deutschen war die südfranzösische Hafenstadt eine der lezten Anlaufstellen für Menschen, die vor der Naziherrschaft fliehen mussten. Hier gab es vielleicht noch letzte Visa, hier abeitete der ERC (Emergency Rescue Committee) unter Varian Fry, hier gelang tatsächlich Vielen (vor allem Prominenten) in allerletzter Minute die Flucht nach Übersee. Ein ganz breites Figurenensemble, vielfältige stilistische Mittel und ein großes Erzähltalent – ein ganz außerordentlicher Exilroman, den es jetzt endlich zu entdecken gilt. Ganz große Leseempfehlung!

 

 

 

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Kenneth Fearing – Die große Uhr https://literaturreich.de/2023/02/01/kenneth-fearing-die-grosse-uhr/ https://literaturreich.de/2023/02/01/kenneth-fearing-die-grosse-uhr/#comments Wed, 01 Feb 2023 11:15:07 +0000 https://literaturreich.de/?p=15951 Kenneth Fearing. Nie gehört? Selbst eingefleischte Krimileser:innen wissen zu dem 1902 in Illinois geborenen und 1961 mit nur 59 Jahren verstorbenen Autor hierzulande wenig oder nichts zu sagen. Denn obwohl er in den USA und… Mehr

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Kenneth Fearing. Nie gehört? Selbst eingefleischte Krimileser:innen wissen zu dem 1902 in Illinois geborenen und 1961 mit nur 59 Jahren verstorbenen Autor hierzulande wenig oder nichts zu sagen. Denn obwohl er in den USA und in anderen europäischen Ländern mit seiner Lyrik, seinen sieben Romanen und – was nicht unbeträchtlich zu seinem Lebensunterhalt beigetragen hat – seinen Geschichten für Pulp-Magazine durchaus erfolgreich war, wurde keiner seiner Texte bisher auf Deutsch veröffentlicht. Dabei ist zumindest sein vierter Thriller, Die große Uhr, ein Noir-Klassiker, taucht in vielen Bestenlisten auf, wurde zweimal verfilmt und brachte Kenneth Fearing sogar die Bewunderung von Raymond Chandler ein, der ansonsten mit Lob eher geizte. Im Elsinor Verlag ist nun endlich eine deutsche Ausgabe in der Übersetzung von Jakob Vendenberg, herausgegeben von Martin Compart, der auch ein informatives Nachwort beisteuerte, erschienen.

Die Story ist eine für einen Noir-Thriller recht typische. George Stroud, Redakteur eines True-Crime-Magazins im riesigen Medienimperium von Earl Janoth, beobachtet zufällig, wie dieser mit seiner Geliebten Paulin Delos deren Apartmenthaus betritt. Kurze Zeit später ist die schöne Blondine tot. Wir Leser:innen wissen sowohl, dass Janoth tatsächlich der Mörder ist, als auch dass George in den Tagen davor eine heftige Affäre mit der Freundin seines Chefs gehabt hat und dieser ihn am Abend der Tat vor dem Apartmenthaus gesehen, aber nicht erkannt hat. Da Janoth aber befürchtet, dass der „Unbekannte“ seinerseits ihn identifizieren und bei der Polizei melden könnte, setzt er „seine“ Medienleute darauf an, diesen zu finden. Die Leitung dieser Sache überträgt er keinem anderen als George Stroud. Der muss nun gegen sich selbst ermitteln und natürlich diese Ermittlungen möglichst verschleppen und manipulieren.

Verfolgungsjagd

Die Leser:innen sind stets im Wissensvorsprung vor den Protagonisten, da Fearing unterschiedliche Personen chronologisch fortschreitend erzählen lässt. Die wichtigste davon ist George Stroud, als Ehebrecher, Säufer und windiger Journalist einerseits kein wirklicher Sympathieträger, andererseits aber auch liebevoller Vater, Kunstliebhaber und loyaler Kollege. Fearing zeichnet all sein Personal sehr ambivalent und interessant. Neben Stroud erhalten noch Earl Janoth, dessen Kompagnon, zwei „ermittelnde“ Journalisten, Georges Frau und eine Malerin, deren Bild eine Rolle spielt, eine Stimme. Dieses Bild, das George Stroud zusammen mit Pauline Delos in einem Antiquitätenladen am Abend vor ihrer Ermordung gekauft hat, ist eine der heißen Spuren, die zu ihm führen, neben den gemeinsamen Besuchen in Gil´s Bar und einem Hotel. Bald schon sind die Verfolger ganz nah.

Existenzialistisch

Wem dieser Plot bekannt erscheint, hat vielleicht ein ähnliches Buch gelesen (sie sind gar nicht so selten) oder aber den Film „No way out“ (1987) gesehen, der – ziemlich verfremdet – Die große Uhr von Kenneth Fearing als Vorlage hat. Hier fehlt aber das, was das 1946 erschienene Original so besonders macht: die Nachkriegsatmosphäre. Auch wenn der Krieg überhaupt nicht erwähnt wird, es ist dieses Existenzialistische, Düstere, an keine Moral mehr Glaubende, diese grundlegende Verunsicherung der Menschen nach dem großen Morden in Europa, dem Börsenkrach, der Großen Depression die den Grundton des Thrillers bilden.

Die große Uhr, die dem Roman den Namen gibt, war für Kenneth Fearing nicht nur die unerbittlich verrinnende Zeit, sondern auch die Mechanik einer Gesellschaft, in der der Einzelne nur noch ein kleines Rädchen im Getriebe ist. (Einst unvergleichlich dargestellt in Charlie Chaplins Film Modern Times.) Gegen diese Gesellschaft, aber auch gegen die aufstrebende Medienindustrie, ihre Einverleibung und Manipulation der Menschen, ihre Skrupellosigkeit und Verlogenheit – etliche Romane und Filme dieser Zeit spielen im Verlags- und Zeitungsmilieu -, richtet sich auch Fearings implizierte Kritik. Das, die Atmosphäre und die Multiperspektivität lässt Die große Uhr neben dem geschickten Plot aus der Masse der Noir-Thriller hervorstechen.

 

Beitragsbild: everettovrk Adobe-Stock #104459494

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Kenneth Fearing - Die große Uhr.

Kenneth Fearing – Die große Uhr
übersetzt von Jakob Vandenberg
Mit einem Nachwort herausgegeben von Martin Compart
Elsinor Herbst 2022, 200 Seiten, Klappenbroschur, 20,00 Euro

 

 

 

 

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Aroa Moreno Durán – Die Tochter des Kommunisten https://literaturreich.de/2023/01/27/aroa-moreno-duran-die-tochter-des-kommunisten/ https://literaturreich.de/2023/01/27/aroa-moreno-duran-die-tochter-des-kommunisten/#respond Fri, 27 Jan 2023 12:57:15 +0000 https://literaturreich.de/?p=15948 Die junge spanische Autorin Aroa Moreno Durán, Jahrgang 1981, greift mit ihrem schmalen Debütroman Die Tochter des Kommunisten ein eher ungewöhnliches Thema auf und – das will ich gleich verraten – hat mich damit vollkommen… Mehr

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Die junge spanische Autorin Aroa Moreno Durán, Jahrgang 1981, greift mit ihrem schmalen Debütroman Die Tochter des Kommunisten ein eher ungewöhnliches Thema auf und – das will ich gleich verraten – hat mich damit vollkommen überzeugt. Dabei schreibt sie nicht, wie viele Debütant:innen eine autobiografisch gefärbte Erzählung, sondern nimmt sich ein weniger bekanntes Kapitel der europäischen Geschichte des 20. Jahrhunderts vor. 2017 gewann sie damit den Premio Ojo Critico.

Es ist die Geschichte von Katia, die in den 1950er Jahren in Ostberlin aufwächst. Der kalte Krieg zwischen den Westmächten und der Sowjetunion spitzt sich zu, im Osten herrscht Mangel, Planwirtschaft, Rationierung. 1961 erlebt die kleine Katia auf ihrer üblichen Einkauftour in den Westsektor wie die Mauer errichtet wird. Was bei dieser typische erscheinenden Ostberliner Kindheit besonders ist, ist die spanische Herkunft und Geschichte der Eltern von Katia und ihrer jüngeren Schwester Martina, die beide in der DDR geboren wurden. Der Vater der Mädchen flüchtete als Mitglied der kommunistischen Partei und Kämpfer auf der Seite der Republik bereits 1938 vor dem faschistischen Franco-Regime in die Sowjetunion und nach Kriegsende in die DDR. Dorthin holte er seine Frau nach und gründete eine Familie.

DDR

Es ist ein etwas karges, ein wenig langweiliges Leben, das die Familie in einem Plattenbau am Bersarinplatz in Berlin Friedrichhain führt. Der Vater ist überzeugter Kommunist, predigt den kindern Dankbarkeit für das Land, das ihn aufnahm und vor der Verfolgung schützte. Die Mutter ist deutlich weniger glücklich mit der Lage, weniger integriert, hat Heimweh und trauert vor allem um die abgerissenen Bande zu ihrer Familie. Kontakt zwischen dem sowjetischen Bruderland und dem bis zu Francos Tod 1975 faschistischen Spanien waren unmöglich, eine Rückkehr sowieso. Manchmal kommt auf verschwiegenen, konspirativen Wegen ein Brief der Schwester bis nach Berlin. Für Martina und Katia hingegen ist ihr Leben normal, sie fühlen sich als DDR-Bürgerinnen.

Flucht

Während des Studiums fühlt Katia dann mehr und mehr die Fremdbestimmtheit ihres Lebens in der DDR. Als sie sich eines Tages Hals über Kopf in einen jungen Mann aus dem Westen verliebt, gibt sie dessen Drängen eher unbedacht und spontan nach und begeht Republikflucht. Die von Johannes organisierte Flucht erfolgt im November 1971 über die Tschechoslowakei nach Österreich. Katia bereut ihren Entschluss fast sofort, dennoch führt sie fast zwanzig Jahre eine mittelprächtige Ehe mit Johannes in dessen Heimatort Backnang in Schwaben, bekommt zwei Töchter. Mit den Eltern und der Schwester hat sie keinerlei Kontakt, bis auf einen kurzen Anruf von Martina 1979, der den Tod des Vaters mitteilt. Eine von Johannes organisierte Spanienreise in den Heimatort der Eltern, Dos Aguas in der Nähe von Valencia, rettet weder die Ehe noch bringt sie Katia das Land ihrer Eltern näher. Katia gleitet immer mehr in eine Depression.

Gelungenes Debüt

Aroa Moreno Durán erzählt ihre Geschichte auf nur 170 Seiten in datierten Episoden. Ihr gelingt dabei ein authentisch anmutender, genauer Blick sowohl auf die Nachkriegs-DDR als auch auf die „Bleierne Zeit“ der 1970er und 80er Jahre in der BRD. Prägnant, eindringlich und spannend vermeidet sie dabei jegliche Klischees und fängt doch die Atmosphäre erstaunlich bestechend ein, gerade für eine so junge Autorin, die zudem keinerlei eigene Erfahrungen mit DDR, BRD oder Spaniern im Exil besitzt, sondern nur sorgfältig recherchiert hat. Die Entwurzelung der Mutter, die Reue und Resignation von Katia, die Trauer über eine endgültig verlorene Heimat und die Suche nach einer passenden Identität sind sehr gut eingefangen.

Am Ende kehrt Katia doch noch einmal an den Bersarinplatz zurück. Die Mauer ist gefallen, die Mutter dement und an den Rollstuhl gefesselt. Die verbitterte Martina schließt die Tür endgültig hinter ihr. Und überlässt ihr einen Pappkoffer mit Erinnerungsstücken, Briefen und alten Stasi-Akten. Auch eine Vergangenheit, die man selbst nicht gelebt hat, kann äußerst schmerzhaft sein.

Die Tochter des Kommunisten von Aroa Moreno Durán ist für mich eine sehr lesenswerte Entdeckung und ganz sicher eines der besten Bücher, die ich im Rahmen des Gastlandauftritts Spaniens zur Frankfurter Buchmesse 2022 gelesen habe.

 

Beitragsbild: Berlin Friedrichshain 1971 by Jörg Blobelt, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

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Aroa Moreno Durán Die Tochter des Kommunisten.

Aroa Moreno Durán – Die Tochter des Kommunisten
Aus dem Spanischen von Marianne Gareis
Originalverlag: Editorial Caballo de Troya
btb September 2022, Hardcover mit Schutzumschlag, 176 Seiten, € 22,00

 

 

 

 

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Helene Bukowski – Die Kriegerin https://literaturreich.de/2023/01/22/helene-bukowski-die-kriegerin/ https://literaturreich.de/2023/01/22/helene-bukowski-die-kriegerin/#respond Sun, 22 Jan 2023 13:22:11 +0000 https://literaturreich.de/?p=15934 Lisbeth leidet seit ihrer Kindheit an einer schweren Neurodermitis. Zu dünnhäutig, zu durchlässig für innere und äußere Einflüsse scheint sie zu sein. Als Mädchen hat sie sich bereits abgesondert, niemanden wirklich nah an sich herangelassen,… Mehr

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Lisbeth leidet seit ihrer Kindheit an einer schweren Neurodermitis. Zu dünnhäutig, zu durchlässig für innere und äußere Einflüsse scheint sie zu sein. Als Mädchen hat sie sich bereits abgesondert, niemanden wirklich nah an sich herangelassen, die Verheerungen auf ihrer Haut, die sie sich durch Kratzen zum Teil selbst zufügt, sorgsam verbergend. Nun ist ihr alles zu viel, die Ehe mit Malik, die Ansprüche ihres kleinen Sohns, der Job als Floristin, das eigentlich schöne Zuhause – zu eng. Helene Bukowski hat über Lisbeth einen erstaunlichen Roman geschrieben – Die Kriegerin.

Lisbeth bricht aus. Die Ostsee war schon in ihrer Kindheit ein Fluchtpunkt, die Sonne, das Salz tun der Haut gut. Der Bungalow, in dem sie mit ihrer Familie die Sommerferien verbracht hat, ist auch jetzt ihr Ziel. Vielleicht bringt er auch jetzt Heilung, kann Lisbeth Körper und Seele genesen lassen, so wie damals zum ersten Mal.

Die Kriegerin

Hier trifft Lisbeth auf „die Kriegerin“, die erst spät im Buch ihren Namen erhält: Florentine. Diesen so an den Beruf Lisbeths erinnernden Namen. Die beiden Frauen haben vor Jahren zusammen bei der Bundeswehr die Grundausbildung abgeschlossen. Wegen eines traumatischen Erlebnisses (ich spoilere hier ein bisschen, weil schon relativ früh im Roman klar wird, was geschah), einer Vergewaltigung durch einen Soldaten der Kaserne, verlässt Lisbeth die Bundeswehr und kehrt zurück nach Jena und zur Gärtnerei ihres Vaters. Wie die Ostsee ist die Beschäftigung mit Pflanzen, mit Blumen, das stete Herumwerkeln, die harte Arbeit, die der Beruf erfordert, immer gut für Lisbeth, und damit für den Zustand ihrer Haut und Psyche gewesen.

Dem Verhältnis und der Geschichte von Lisbeth und Florentine nähert sich das Buch nur langsam. In Rückblenden und Briefen erfahren wir mehr. Erfahren davon, wie Florentine bei der Bundeswehr arbeitet, als Fallschirmjägerin gefährliche Auslandseinsätze hat, Kosovo, Mali, Afghanistan. Helene Bukowski hat für Die Kriegerin viel recherchiert, bei Soldat:innen, beim Bund Deutscher EinsatzVeteranen, in wissenschaftlichen Werken über Posttraumatische Belastungsstörungen. Für viele der Soldatinnen erscheint es wichtig, sich und ihrer Umwelt beweisen zu können, dass sie genauso leistungsfähig sind wie ihre männlichen Kollegen, Herausforderungen genauso gewachsen. Für Lisbeth und Florentine ist daneben offensichtlich bedeutsam, sich mit dieser bestimmten Tätigkeit einen Panzer zuzulegen, sich unverletzbar zu machen, durch harte Arbeit, körperliche Anstrengung, Extremsituationen. Florentine hat diesen Wunsch, man könnte fast sagen Zwang, durch ihre Großmutter eingetrichtert bekommen. Diese hatte nach Kriegsende traumatische Fluchterfahrungen gemacht, transgenerationale Vererbung sozusagen.

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Irritationen

Die Flucht an die Ostsee genügt Lisbeth diesmal nicht. Sie heuert auf einem Kreuzfahrtschiff als Floristin an, verschwindet für viele Jahre aus dem Leben von Mann und Kind. Hier habe ich das erste Mal richtig gestutzt (davor war schon die zufällige und sehr beiläufig geschilderte Begegnung von Lisbeth und Florentine nach Jahren ein wenig irritierend). Weniger, weil das Tabu der die Kinder verlassenden Mutter gebrochen wurde, als die Selbstverständlichkeit und Unbedingtheit, mit der das geschieht und von Malik auch akzeptiert wird. Solche Momente der Irritation werden dann immer häufiger, die Geschichte beginnt zu flirren.

Lisbeth und Florentine treffen sich jedes Jahr einmal im Bungalow. Immer wieder träumt die eine die Träume der anderen, scheint eine fast übernatürliche Verbindung zwischen den beiden zu bestehen. Lisbeth steht im Traum immer wieder auf einer öden Ebene, die vielleicht an die Landschaft Afghanistans erinnert, sie sammelt fast zwanghaft Steine, es erscheint immer wieder ein Hund. Alpträume, Halluzinationen, Flashbacks häufen sich. Und mir wurde langsam klar, dass sich Lisbeth und Florentine womöglich viel näher sind als man das zu Beginn annahm.

Vielschichtigkeit

Einige Rezensionen zum Roman, die nicht den gleichen Interpretationsansatz wie ich verfolgen (und den ich hier unter Vermeidung von allzu großen Spoilern auch nicht verraten mag), bemängeln die Unglaubwürdigkeit bestimmter Passagen, merkwürdige Zufälle, sogar Kitsch. Das wäre vielleicht angebracht, wenn Helene Bukowski mit Die Kriegerin nur einen Roman über Frauen bei der Bundeswehr, PTBS, über von Neurodermitis geplagte Menschen, Bindungsunfähigkeit oder sexuelle Gewalt hätte schreiben wollen. All das steckt auf eindringliche und überzeugende Weise auch drin. Ihr Buch ist aber so sorgfältig gebaut, so voller Motive und Bilder, dass man sich unweigerlich auf die Suche nach einer tieferen Ebene hinter dem Düster-Mysteriösen begibt. Die Motive der Blumen und Steine, der sich quasi auflösenden Schutzschicht der Haut und des Zwangs, sich selbst zu verletzen, die Gemeinsamkeiten von Armee und Kreuzfahrtschiff (Uniformen, Drill, schwere körperliche Arbeit), die Mädchenbande, die rosa Vögel und die Stare etc.

Hier ist ein Mensch tief traumatisiert und muss erst allmählich lernen, keine Schuld daran zu haben. Auch wenn der Ozean mit seinem heilenden Wasser und Salz noch so weit entfernt ist, „eigentlich war überall schon mal Meer.“ Mir ist schon lange nicht mehr ein so vielschichtiges, eindringliches und tief bewegendes Buch begegnet.

 

Weitere Besprechungen beim Bookster HRO und bei booksnotdead

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Helene Bukowski - Die Kriegerin.

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Helene Bukowski – Die Kriegerin
Blumenbar September 2022, Hardcover mit Klappen, 256 Seiten, € 23,00

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Mohamed Mbougar Sarr – Die geheimste Erinnerung der Menschen https://literaturreich.de/2023/01/17/mohamed-mbougar-sarr-die-geheimste-erinnerung-der-menschen/ https://literaturreich.de/2023/01/17/mohamed-mbougar-sarr-die-geheimste-erinnerung-der-menschen/#comments Tue, 17 Jan 2023 12:19:43 +0000 https://literaturreich.de/?p=15895 Diese Besprechung von Die geheimste Erinnerung der Menschen von Mohamed Mbougar Sarr ist vielleicht die subjektivste Rezension, die ich je geschrieben habe. Ich meide sonst zu viele „für mich“, „ich finde/denke“, „meiner Meinung nach“. Aber… Mehr

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Diese Besprechung von Die geheimste Erinnerung der Menschen von Mohamed Mbougar Sarr ist vielleicht die subjektivste Rezension, die ich je geschrieben habe. Ich meide sonst zu viele „für mich“, „ich finde/denke“, „meiner Meinung nach“. Aber was schreiben über einen von seinen Leser:innen fast durchweg geliebten und bewunderten Roman, in dessen Besprechungen am häufigsten die Worte „groß“, „überwältigend“ und „funkelnd“ zu finden sind und der von Anlage und Themen (Kolonialismus, Migration, Literatur(betrieb), eine Kontinente umspannende Suche) her eigentlich genau passen müsste – und der mich dennoch als Ganzes kaum erreicht hat.

Nicht, dass einzelne Teile mir nicht durchaus gefallen haben. Wer als Literaturliebhaber:in liest nicht gern über die Macht des Geschriebenen, den Zauber von Literatur? Wie Mohamed Mbougar Sarr die verschiedenen Ebenen seines Romans verschränkt, ohne Absatz und Übergang den senegalesischen Schriftsteller Diégane Latyr Faye sich von der Schriftstellerin Siga D. in Paris erzählen lässt, was diese sich Jahrzehnte zuvor von einer haitianischen Schriftstellerin in Argentinien und einer französichen Literaturkritikerin über den afrikanischen Schriftsteller T.C. Elimane, der seit den Plagiatsvorwürfen zu seinem erfolgreichen Roman von 1938 verschwunden ist, berichten ließ, lässt schwindeln und liest sich doch so flüssig, dass man wirklich von großer (hier ist wieder dieses Adjektiv) Kunst sprechen muss. Und von einer gewissen Kühnheit.

„Je mehr wir über einen kleinen Teil der Welt erfahren, desto eher erkennen wir, wie unermesslich das Unbekannte und unsere Unwissenheit sind; diese Gleichung würde meine Gefühle gegenüber Elimane jedoch nur unvollständig wiedergeben. Hinsichtlich der Möglichkeit, eine menschliche Seele überhaupt zu kennen, erfordert sein Fall eine radikalere, das heißt pessimistischere Formel. Seine Seele ähnelt einem dunklen Stern, der alles, was sich ihm nähert, anzieht und verschlingt.“

Ein Buch als Obsession

Diégane folgt dem verschollenen Elimane und seinem Buch „Das Labyrinth des Unmenschlichen“ mit Obsession. Worum es in diesem „grundlegenden“ Buch geht, wird nur kurz skizziert: ein brutaler, nach absoluter Macht gierender afrikanischer König lässt seine Widersacher verbrennen, düngt mit ihrer Asche die Bäume auf seinem Land, die dadurch zu einem großen, machtvollen Wald heranwachsen. Eine Geschichte, die nach ihrem Erscheinen 1938 in Frankreich gefeiert, ihr Autor als „der Schwarze Rimbaud“ bejubelt und dann von verschiedenen Seiten vehement angegriffen wurde. Es handle sich um ein Plagiat einer alten Volkserzählung hieß es. Die Vorwürfe stellten sich später als falsch heraus, aber da ist T.C. Elimane bereits verunglimpft und abgetaucht, der ausbrechende Zweite Weltkrieg tut sein Übriges, um seine Spuren zu verwischen.

In einem modernen „Handbuch der schwarzafrikanischen Literatur“ stößt der junge Diégane zum ersten Mal auf den Autor, der später zu seiner Obsession werden sollte. Dort steht:

„Sein Buch war zu pessimistisch und nährte die koloniale Ansicht eines finsteren Afrikas, eines Afrikas der Gewalt und der Barbarei. Ein Kontinent, der schon so sehr gelitten hatte und immer noch litt und weiter leiden würde, durfte von seinen Schriftstellern zu Recht erwarten, dass sie ein positiveres Bild von ihm zeichnen.“

Kritischer Blick auf den Literaturbetrieb

So lautet das mit einer gewissen Ironie zitierte moderne Urteil über „Das Labyrinth des Unmenschlichen“. Damals wie heute verfemt. Die Auswirkungen von Kolonialismus und Rassismus auf den Literaturbetrieb und die Literaturkritik sind es dann auch, die Mohamed Mbougar Sarr in Die geheimste Erinnerung der Menschen in den Blick nimmt. Er lässt dort gegen Journalisten, Kritiker und Autor:innen wettern,

„die Bücher nicht mehr bewerteten, sondern sie nur noch nacherzählten, weil sie die Idee begrüßten, dass alle Bücher gleich gut seien, dass subjektive Geschmacksurteile das einzige Unterscheidungskriterium bildeten und es daher keine schlechten Bücher gebe, nur Bücher, die man nicht möge; und die Schriftsteller, die jeglichen Anspruch an Sprache oder Schöpfungskraft aus ihrer Arbeit verbannt hatten und sich mit einem platten Abklatsch der Wirklichkeit begnügten, der von der omnipotenten und tyrannischen Abstraktion, die sich „Der Leser“ nennt, keine eingehendere Anstrengung verlangt“

Das ist natürlich elitärer Quatsch, genauso wie das Geraune von dem einen „grundlegenden Buch“, oder folgende Behauptung:

„Ein bedeutendes Buch erzählt immer nur von nichts, und doch steckt alles in ihm. (…) In Wahrheit, Diégane, handelt nur ein mittelmäßiges, schlechtes oder banales Buch von etwas. Ein bedeutendes Buch hat kein Thema und spricht von nichts (…)“

Ein grundlegendes Buch?

Ironie, Arroganz oder Größenwahn?  Das wird mir nicht so ganz klar. Gefühlt steckt in jeder Zeile von Die geheimste Erinnerung der Menschen der Wunsch des Erzählers Diégane (oder des Autors Mohamed Mbougar Sarrs?), ein solches „bedeutendes“ Buch zu schreiben. Und wie steht es mit T.C. Elimanes Auffassung, dass man

„als Schriftsteller zudem alles tun muss, um niemals ganz verstanden zu werden.“?

Dem kommt Die geheimste Erinnerung der Menschen zumindest ziemlich nahe. Mir, die nicht dieser Auffassung ist, raubt das zumindest einen großen Teil des Lesevergnügens. Vielleicht um noch mehr Bedeutung auf die Geschichte zu legen, wird ein jüdischer Verleger Elimanes eingebaut, der während der Besatzung Frankreichs durch die Deutschen verraten wird. Was auch zum Vergessen des Autors beigetragen habe und im Buch zu einer wenig überzeugenden Verfolgungsjagd über die Kontinente führt.

Interessanter ist für mich die Auseinandersetzung mit der Rezeption französischsprachiger schwarzafrikanischer Autor:innen. Der „Ritterschlag durch die französische Literaturszene“, den diese – und sei es nur wegen des größeren Absatzmarkts – erstreben und den ein befreundeter weißer Übersetzer abtut:

„Natürlich kann es vorkommen, dass das bourgeoise Frankreich für sein gutes Gewissen einen von euch krönt, und bisweilen trifft man auf einen Afrikaner, der Erfolg hat oder zum Vorbild erhoben wird. Doch glaub mir, was auch immer eure Werke wert sein mögen, ihr seid und bleibt Fremde.“

Ob nun „Das Labyrinth des Unmenschlichen“ Plagiat war, zu westlich oder aber „nicht negrid genug“ um von einem Afrikaner zu stammen – die Anerkennung und Würdigung bleibt aus. Gewidmet ist das Buch Yambo Ouologuem, der 1968 mit seinem Roman Das Gebot der Gewalt einem ähnlichen Vorwurf und Schicksal wie der fiktive T.C. Elimane ausgesetzt war.

Zufall ist immer nur ein Schicksal, das man nicht kennt

Schicksal. Ein zentraler Satz im Buch ist

„Zufall ist immer nur ein Schicksal, das man nicht kennt, ein Schicksal, dessen Schrift unsichtbar ist.“

Auch in Die geheimste Erinnerung der Menschen häufen sich die Zufälle. So entpuppt sich die Schriftstellerin Siga D., die Diégane zufällig in einer Bar trifft und die zur Freundin und Geliebten wird, nicht nur als Besitzerin eines der verschollenen Exemplare von „Das Labyrinth des Unmenschlichen“, sondern auch als Cousine (oder aber Schwester) von Elimane. Was eine detaillierte (und durchaus gelungene) Nacherzählung von dessen Familiengeschichte nach sich zieht. Siga D.s Freundin, „die haitische Dichterin“, wiederum kennt Elimane aus ihrer Zeit in Argentinien persönlich. Zufälle, ach nein, Schicksal, und ein bisschen afrikanische Magie. Für meinen Geschmack zu viel davon.

Am Ende wird es dann unerwartet politisch. Eine Aktivistin verbrennt sich in Dakar, revolutionäre Studentenunruhen flammen auf, Diégane gerät in eine aktivistische Gruppe und trifft eine verflossene Liebe wieder. So recht passt dieser letzte Teil, der von Diéganes Rückkehr in den Senegal handelt, nicht. Und so enthält für mich das ganze Buch zwar eine Fülle interessanter Themen und Denkanstöße und der Autor vermag die vielen Ebenen meistenteils gekonnt zu verweben. Irgendwie wird aus all dem aber keine runde Geschichte, soll es vielleicht auch nicht. Mir ist alles zu verkopft (besonders am Beginn häufen sich Unmengen an Begriffen, die gegoogelt werden müssten, wollte man sie unbedingt verstehen; das hört zum Glück irgendwann auf, als hätte dort ein kluger Lektor zu Mäßigung geraten), zu sehr um Bedeutung bemüht, vielleicht aber auch nur voller mir sich nicht gänzlich erschließender Ironie.

Mir hat das Buch zumindest keine Freude bereitet, ich musste mich regelrecht durchquälen. Und ein „formensprengender Roman“, eine völlige Innovation ist es irgendwie auch nicht. Es gab schon etliche Romane, die Rückblicke, Monologe, Briefe, Zeitungsausschnitte etc. kombiniert haben, labyrinthisch angelegt waren. Auch die afrikanischen Kindheitsgeschichten habe ich so ähnlich schon gelesen, ebenso wie die Studentengeschichten, Migrationsgeschichten, detaillierte (gänzlich belanglose) Sexszenen. Die gegenwärtige Situation im Senegal, da wo es unerwartet politisch und relevant wird, wird dagegen viel zu kurz abgehandelt. Aber das ist, siehe oben, nur meine ganz subjektive Meinung.

Der Lobeshymnen gibt es hingegen viele. Die Leser:innen schwärmen von der Vielfalt der Bedeutungsebenen, dem Stil, der Originalität. 2021 erhielt Die geheimste Erinnerung der Menschen den Prix Goncourt. So war es wohl einfach für mich nicht das richtige Buch. Es ist eines, das man für sich ausprobieren muss.

 

Auch ein wenig kritisch besprochen hat das Buch Alexander @Schreibgewitter

 

Beitragsbild via Pixabay

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Mohamed Mbougar Sarr - Die geheimste Erinnerung der Menschen.

Mohamed Mbougar Sarr – Die geheimste Erinnerung der Menschen
übersetzt aus dem Französischen von Holger Fock, Sabine Müller
Hanser Verlag November 2022, 448 Seiten, Fester Einband, 27,00 €

 

 

 

 

 

 

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Tara June Winch – Wie rote Erde https://literaturreich.de/2023/01/12/tara-june-winch-wie-rote-erde/ https://literaturreich.de/2023/01/12/tara-june-winch-wie-rote-erde/#respond Thu, 12 Jan 2023 12:37:33 +0000 https://literaturreich.de/?p=15852 So fern sich die Länder und Kontinente auch sind, so erschreckend ähnlich waren doch die Mechanismen und Praktiken, mit denen die Weißen Kolonisatoren indigene Völker missachteten, diskriminierten, unterdrückten und teilweise vernichteten. Habe ich die entsetzlichen… Mehr

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So fern sich die Länder und Kontinente auch sind, so erschreckend ähnlich waren doch die Mechanismen und Praktiken, mit denen die Weißen Kolonisatoren indigene Völker missachteten, diskriminierten, unterdrückten und teilweise vernichteten. Habe ich die entsetzlichen Vorgänge in den kanadischen Residential Schools zum überwiegenden Teil erst in den letzten beiden Jahren durch die Beschäftigung mit Literatur mit First Nations Autor:innen erfahren, hat mir nun die 1983 geborene und in Paris lebende Wiradjuri-Autorin Tara June Winch mit ihrem Roman Wie rote Erde gezeigt, dass mit den Aboriginal Australiens (auch das habe ich gelernt: „Aborigines“ gilt als eher abwertender Begriff) ähnlich, aber noch viel grausamer – falls man ein solches „Ranking“ aufmachen darf oder will – umgegangen wurde.

Rückkehr nach Massacre Plains

Die Ausgangsituation des Romans ist eine bekannte: Die junge August, die schon früh aus ihrem Heimatort Massacre Plains, einem gottverlassenen Ort irgendwo in New South Wales am Ufer des Murrumby (die Orte sind fiktiv), nach London geflohen ist, wo sie sich aber als Tellerwäscherin nur gerade so über Wasser hält, ist zur Beerdigung ihres Großvaters Albert zurückgekehrt. Hier lebt die Großfamilie Gondiwindi seit Generationen auf dem Gelände der ehemaligen Missionsstation Prosperous. Die Zeiten sind hart und werden immer härter. Durch anhaltende Dürren sind die Farmer häufig verschuldet, die Arbeitslosigkeit ist hoch und viele Menschen dem Alkohol verfallen. Die Jungen ziehen weg oder treten in die Army ein.

Augusts Mutter Jelene ist seit langem drogenabhängig und sitzt im Gefängnis. August und ihre ältere Schwester Jedda sind bei den Großeltern aufgewachsen. Zu diesen haben sie beide ein liebevolles Verhältnis, vor den sie umgebenden Gefahren können die sie aber nicht wirklich schützen. Jedda verschwindet als Teenager und jede Spur verliert sich. Das ist eine Leerstelle, die immer noch schmerzt. Nun droht eine neue Gefahr: auf dem Prosperous-Gebiet und im benachbarte Southerly soll eine Zinnmine errichtet, die Bewohner enteignet und vertrieben werden. Ihrer Nana Elsie beizustehen, sieht August als neue Aufgabe, die sie bleiben lässt. Zusammen mit ihre Tante Missy und dem Cousin Jeremy suchen sie nach Aufzeichnungen, die der Großvater in den letzten Monaten vor seinem Tod verfasst hat, und die zeigen könnten, dass die Gondiwindis mit Prosperous kulturell verbunden sind, was wohl die Vertreibung erschweren würde. Doch die Bagger rollen bereits an.

Ein Wörterbuch der Wiradjuri-Sprache

In einer zweiten Erzählebene lesen wir diese verschollenen Aufzeichnungen, bei denen es sich um ein Wörterbuch der vom Aussterben bedrohten Wiradjuri-Sprache handelt. Die Begriffe werden nicht nur übersetzt, sondern mit kleinen Geschichten verbunden, mit Schilderungen von Tieren und Pflanzen, alten Mythen. Es zeigt, wie schwer die Übersetzung einer Sprache in eine andere ist, wenn die Lebenswelten so weit auseinanderklaffen wie die der First Australiens und der modernen Bevölkerung. Und die Aufzeichnungen geben uns Auskunft über das Schicksal von Jedda.

Die dritte Erzählebene umfasst einen langen Brief des deutschstämmigen Missionars Ferdinand Greenleaf von 1915, der sich über die grausame Behandlung der indigenen Bevölkerung, die wirklich sprachlos macht, den Entzug der Kinder ähnlich wie bei den kanadischen Residential Schools mit dem Ziel, die Traditionen und Verbindungen zu zerstören, vor allem aber auch über sein eigenes Schicksal beklagt. Als aus Deutschland stammender Einwanderer wird er nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs als Feind behandelt und seinerseits diskriminiert. Dieser Missionar Greenleaf ist eine interessante Gestalt, meint er es mit seiner Fürsorge für die Indigenen wohl wirklich ernst und gut, überdenkt er aber seinen eigenen Status als Kolonialist und privilegierter Weißer doch zu keinem Moment kritisch.

Aus allen drei Erzählebenen ist Tara June Winch mit Wie rote Erde ein so kraftvolles wie poetisches Buch gelungen, bei dem man gut und spannend unterhalten wird und nebenbei so einiges Berührendes über das Schicksal der Aboriginal Australiens erfährt. Das in seiner Kritik und Anklage so deutlich und zugleich so subtil ist, dass man niemals eine moralische Keule spürt und doch tief betroffen ist. Leseempfehlung!

 

Beitragsbild by 10ixta02 (CC BY-SA 2.0) via Flickr

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Tara June Winch - Wie rote Erde.

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Tara June Winch – Wie rote Erde
übersetzt von Juliane Lochner
Haymon Oktober 2022, 376 Seiten, gebunden, € 22,90

 

 

 

 

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Nathan Harris – Die Süße von Wasser https://literaturreich.de/2023/01/09/nathan-harris-die-suesse-von-wasser/ https://literaturreich.de/2023/01/09/nathan-harris-die-suesse-von-wasser/#respond Mon, 09 Jan 2023 11:19:34 +0000 https://literaturreich.de/?p=15850 1865. Die Konföderierten Südstaaten sind den in der Union verbliebenen Nordstaaten von Amerika endgültig unterlegen. Die Sklaverei wird auch auf den großen Plantagen des Südens abgeschafft, Unionstruppen kontrollieren die Freilassung der Sklav:innen. Dass sich der… Mehr

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1865. Die Konföderierten Südstaaten sind den in der Union verbliebenen Nordstaaten von Amerika endgültig unterlegen. Die Sklaverei wird auch auf den großen Plantagen des Südens abgeschafft, Unionstruppen kontrollieren die Freilassung der Sklav:innen. Dass sich der große Konflikt, der 1861 zu einer Spaltung der Vereinigten Staaten geführt hat und die Bevölkerung ideologisch tief trennt, nach vier Jahren brutaler Kriegsführung mit geschätzt 600.000 Toten so einfach auflöst, ist unmöglich. Zu fest sind rassistische Ansichten und wirtschaftliche Abhängigkeiten von der Sklavenhaltung in der Südstaatenbevölkerung zementiert. Und was soll eigentlich mit den Millionen Freigelassenen passieren? Nathan Harris hat diesen speziellen historischen Moment für seinen 2021 auf der Longlist des Booker Prize platzierten Roman Die Süße von Wasser gewählt.

Auch in Georgia ist die Sklavenbefreiung angekommen. Der zurückgezogen lebende Weiße Farmer George Walker, in der Nachbarstadt Old Ox als verschroben verschrien, aber wegen seines Vermögens durchaus geachtet, trifft auf seinem Land auf zwei junge Schwarze, die zuvor dem brutalen Nachbarn Ted Morton „gehörten“. Die bekannten Grauen wie früh verstorbener Vater, verkaufter Mutter, brutale Auspeitschungen und harte Arbeit finden sich auch in den Geschichten der Brüder Landry und Prentiss. Landry ist aufgrund der Misshandlungen stumm geworden.

Sklaven auf Baumwollfeld
CC0 via picryl
Ein moment der ruhe

Walker bietet den Beiden an, in seiner Scheune zu bleiben und ihm gegen Bezahlung bei der Anlage eines Erdnussfeldes zu helfen. Ihn und seine Frau Isabelle hat kurz zuvor die tragische Nachricht erreicht, dass ihr einziger Sohn Caleb als Soldat im Bürgerkrieg gefallen ist. Schon lange haben sich die Eheleute auseinandergelebt, was vor allem an Georges Zurückgezogenheit und Schweigsamkeit gelegen zu haben scheint. Viel näher kommen sich die Beiden auch nicht, als plötzlich Caleb vor der Tür steht. Sein Tod war eine Falschmeldung, er ist zu den feindlichen Truppen der Union übergelaufen, die dies dem „Deserteur“, dem „Verräter“, aber nicht dankten.

Auf der Walker-Farm bildet sich eine fast utopische Gemeinschaft zwischen Weiß und Schwarz, ein friedliches, tolerantes Miteinander. Aber die Umgebung ist noch nicht soweit, die Mitmenschen noch dem Rassismus fest verschrieben, die Walker-Farm wird argwöhnisch beobachtet. Als Calebs geheim gehaltene Romanze mit seinem Jugendfreund August, Sohn eines der Stadthonoratioren, von Landry entdeckt wird, eskaliert die Situation und führt Old Ox schließlich in eine Katastrophe.

Fulminantes Debüt

Nathan Harris ist mit Die Süße von Wasser ein fulminantes Debüt gelungen. In unterschiedlichen Perspektiven, sowohl Weißen als auch Schwarzen, erzählt er durchaus konventionell, aber packend, psychologisch feinfühlig und in wunderbarer Sprache, die von Tobias Schnettler gelungen übertragen wurde. Der historische Moment der Emanzipationsproklamation, als man glaubte, das Problem der Sklaverei durch Befreiung der Schwarzen zu lösen, ohne sich um deren Verbleib und Zukunft zu kümmern und ohne das Problem des tief verinnerlichten Rassismus anzugehen, ist klug gewählt. Unter den Folgen dieses Versäumnisses musste und muss die Schwarze Bevölkerung bis heute leiden.

 

Beitragsbild: Portrait of Brig. Gen. Napoleon B. McLaughlin, Civil war photographs, 1861-1865 compiled by Hirst D. Milhollen and Donald H. Mugridge, Washington, D.C. : Library of Congress, 1977. No. 0948, CC0 via Picrylam

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Nathan Harris - DIE SÜSSE VON WASSER.

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Nathan Harris – Die Süße von Wasser
Übersetzt von Tobias Schnettler
Eichborn Verlag Oktober 2022, 448 Seiten, € 25,00

 

 

 

 

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Tillie Olsen – Ich steh hier und bügle https://literaturreich.de/2023/01/06/tillie-olsen-ich-steh-hier-und-buegle/ https://literaturreich.de/2023/01/06/tillie-olsen-ich-steh-hier-und-buegle/#respond Fri, 06 Jan 2023 16:01:50 +0000 https://literaturreich.de/?p=15848 Seit einiger Zeit werden erfreulicherweise immer wieder Texte von Autorinnen veröffentlicht, die bereits vor Jahrzehnten geschrieben und meist im Original auch als Buch veröffentlicht wurden, es aber nicht zur Übersetzung ins Deutsche kam oder aber… Mehr

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Seit einiger Zeit werden erfreulicherweise immer wieder Texte von Autorinnen veröffentlicht, die bereits vor Jahrzehnten geschrieben und meist im Original auch als Buch veröffentlicht wurden, es aber nicht zur Übersetzung ins Deutsche kam oder aber diese Übersetzung es im deutschen Buchmarkt nicht zu (bleibender) Aufmerksamkeit geschafft hat und deshalb seit langem vergriffen ist. Warum dieses Schicksal vor allem Texten aus weiblichen Händen beschieden ist, kann man nachlesen, nicht zuletzt in einem parallel zu Ich steh hier und bügle erschienenen Essayband von Tillie Olsen: Was fehlt. Unterdrückte Stimmen in der Literatur. Hier wird auch und vor allem auf das Fehlen wichtiger weiblicher Stimmen im Literaturkanon hingewiesen. Es vermag nicht zu verwundern, dass auch dieser Band erstmals nach seiner Veröffentlichung 1978 auf Deutsch erscheint.

Die Sammlung von vier Storys von Tillie Olsen, die nun unter dem Namen Ich steh hier und bügle erscheinen, ist sogar noch älter und wurde unter dem Titel Tell me a riddle bereits 1961 veröffentlicht. Warum Tillie Olsens schriftstellerisches Werk so schmal ist, lässt sich weitgehend aus ihrer persönlichen Geschichte erklären. 1912 in Nebraska als Kind russisch-jüdischer Einwanderer, die vor dem zaristischen Regime wegen ihrer kommunistischen Überzeugungen geflohen waren, geboren, herrschte in ihrer Kindheit und Jugend steter Mangel. Früh engagierte sich Tillie in der kommunistischen Jugend und bei den Gewerkschaften, brach die Highschool ab, hatte mehrere schlecht bezahlte Jobs und wurde wegen der Organisation eines Arbeiterstreiks verurteilt. Früh heiratete sie einen deutlich älteren kommunistischen Aktivisten, bekam mit 20 ihr erstes Kind, trennte sich und hatte mit ihrem zweiten Mann Jack Olsen drei weitere Töchter.

Wenig Schreibzeit

Tillie Olsen musste stets hinzuverdienen, vier Kinder großziehen und besaß eine angeschlagene Gesundheit – äußerst schwierige Schreibbedingungen.

»Ich bin eine Überlebenskämpferin. Jede Frau, die schreibt, ist eine Überlebenskämpferin.«

Ein schmales Werk, aber nicht unbeachtet, wurden Olsens Essays und Stories für viele Kolleg:innen zur Inspiration. Ihre Themen – Mutterschaft, Frausein, Armut und Klassenschranken, politisches und gesellschaftliches Engagement und Diskriminierung von Gesellschaftsgruppen – sind heute noch genauso aktuell wie ihre moderne Art zu schreiben. Die vier kurzen Geschichten von Tillie Olsen, die im Band Ich steh hier und bügle versammelt sind, sind formal eigenwillig, dicht, intensiv und zeugen von einer mutigen literarischen Selbstermächtigung. Von der im inneren Monolog gehaltenen ersten Story reichen die literarischen Mittel von häufigen Perspektiv- und Zeitenwechseln über Stimmenvielfalt bis zu einem besonderen Schriftbild – etwa durch Einrückungen, Kursivschreibweise, Unterstrichen, Auslassungen.

Die vier Geschichten erzählen, sehr lose zusammenhängend – als Leser:in erkennt man den Zusammenhang erst allmählich durch wieder auftauchende Personen – von drei Generationen einer Familie. In der ersten, titelgebenden, hören wir dem inneren Monolog einer Mutter zu. Auslöser ihrer Selbstbefragung, zaghaften sowohl Selbstanklage als auch Rechtfertigung ist der Anruf einer nicht näher bezeichneten Person, die um ein Gespräch über die neunzehnjährige Tochter Emily bittet:

„Sie ist eine Jugendliche, die Hilfe braucht, und mir liegt sehr daran, ihr zu helfen.“

 

Tillie Olsen
Tillie Olsen 1984 by Julieoe, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons
Rückblick einer Mutter

Selbst im gleichen Alter, hatte die Ich- Person Emily zur Welt gebracht, musste sie früh in den Kindergarten geben, da sie alleinerziehend arbeiten musste. Später kam eine Erkrankung des Kindes hinzu und eine längere Trennung durch einen Aufenthalt im Erholungsheim. Manches sicher nicht ganz glückliche Verhalten der Mutter, vor allem aber die Gründung einer neuen Familie mit weiteren, auch optisch so gar nicht ähnlichen Kindern, führten zur Entfremdung zwischen ihr und Emily. Besonders die Konkurrenz zur so ganz anderen Schwester Susan, prägte deren Kindheit. Hätte man etwas anders machen können? Sicher, fragt sich nur wie, damals in den Zeiten der Depression in den 1930 er Jahren.

„Lasst sie in Ruhe. Alles was in ihr stecken mag, wird also nicht erblühen – aber bei wie vielen gelingt das schon? Es bleibt noch genug, um davon zu leben. Nur helft ihr zu erkennen – macht dabei mit, dass es Grund für sie gibt zu erkennen -, dass sie mehr ist als dieses Kleid auf dem Bügelbrett, hilflos dem Bügeleisen ausgeliefert.“

He, Seemann, wohin die Fahrt

Die zweite Geschichte ist deutlich weniger zugänglich und fragmentierter, vielleicht aber auch noch besser.  „He, Seemann, wohin die Fahrt“ erzählt von einer Familie, die immer wieder einen befreundeten Seemann bei sich aufnimmt, obwohl dieser immer mehr dem Alkohol verfällt und sozial absteigt. Es sind der Krieg und Enttäuschungen, die Whitey gebrochen haben. Während die Eltern zu ihm halten, wenn auch eher aus Nostalgie, wenden sich die Kinder von ihm ab, demütigen ihn.

In der dritten Geschichte wird vom Bruch der Freundschaft zwischen zwei Mädchen erzählt, die in der Kindheit unzertrennlich waren. Die eine Weiß, die andere Schwarz – die Gesellschaft treibt sie unweigerlich auseinander.

In der letzten und längsten Geschichte geht es um die Ehe von Eva und David. Die beiden haben sich nach langer Ehe und dem Erwachsenwerden von sieben Kindern auseinandergelebt. Es ist die Rede von „gewohnheitsmäßiger Grausamkeit“. Etwas, das vielen langjährigen Ehen nicht unbekannt ist. Als Eva schwer erkrankt, verreisen sie noch einmal zusammen, kommen sich auch wieder näher. Wie in allen vier Erzählungen ist das sehr berührend erzählt, aber ohne jegliche Sentimentalität. Knapp und lakonisch.

Es ist ein großes Glück, dass Tillie Olsen und ihre Geschichten in Ich steh hier und bügle endlich hierzulande entdeckt, übersetzt und veröffentlicht wurden. Eine großartige Stimme, die in Zukunft, auch wenn sie physisch bereits seit 2017 verstummt ist, nicht mehr unterdrückt und hoffentlich zahlreich gehört und gelesen wird.

 

Beitragsbild: Bundesarchiv, B 145 Bild-F001163-0012 / Unterberg, Rolf / CC-BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons

 

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Tillie Olsen - Ich steh hier und bügle.

Tillie Olsen – Ich steh hier und bügle
Storys
Übersetzer:innen: Adelheid Dormagen, Jürgen Dormagen
Aufbau Verlag Oktober 2o22, gebunden, 160 Seiten, 22,00 €

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Lektüre Dezember 2022 https://literaturreich.de/2023/01/03/lektuere-dezember-2022/ https://literaturreich.de/2023/01/03/lektuere-dezember-2022/#respond Tue, 03 Jan 2023 15:06:26 +0000 https://literaturreich.de/?p=15686 Ein intensives Lesejahr 2022 endet mit einer schönen Lektüre im Dezember: Volker Kutscher – Transatlantik Der mittlerweile neunte Gereon Rath-Roman von Volker Kutscher ist wieder großes Kino. Es ist mittlerweile 1937 in Berlin, die Olympiade… Mehr

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Ein intensives Lesejahr 2022 endet mit einer schönen Lektüre im Dezember:

Volker Kutscher - TransatlantikVolker Kutscher – Transatlantik

Der mittlerweile neunte Gereon Rath-Roman von Volker Kutscher ist wieder großes Kino.

Es ist mittlerweile 1937 in Berlin, die Olympiade und damit die mühevoll aufgestellte Fassade eines modernen, offenen Deutschen Reichs sind vorbei. Gereon Rath ist dem Mordkomplott seines Widersachers Sebastian Tornow entkommen und untergetaucht. Charly muss mit der Ungewissheit über sein Schicksal leben und sich gleichzeitig um die Zukunft ihres ehemaligen Pflegesohns Fritze sorgen. Als wäre das nicht schon genug, verschwindet ihre Freundin Greta und wird bald als Hauptverdächtige im Mordfall am SS-Mann Klaus von Rekowski, ihres ehemaligen Liebhabers, gesucht.
Gewohnt komplex und eher nicht für einen Neueinstieg in die Serie geeignet, spannend, detailreich und historisch erhellend, lässt die Krimiserie auch bei Band 9 – der vorletzte – nicht nach.

 

Anuk Arudpragasam - Nach NordenAnuk Aradpragasam – Nach Norden

Eine Zugfahrt von Colombo in den Norden von Sri Lanka nutzt der junge Protagonist Krishan, um über seine vergangene Liebe zur Aktivistin Anjum, die sich vor Kurzem per E-Mail bei ihm gemeldet hat, über seine Kindheit und Jugend in einem von Bürgerkrieg zerrissenen Land, die Wunden, die dieser zurückgelassen hat und seine Familie nachzudenken. Dabei beobachtet er aber auch seine Mitreisenden und die sich verändernde Landschaft. Ziel ist die Beerdigung von Rani, der ehemaligen Pflegerin von Krishans Großmutter, die beim Sturz in einen Brunnen ums Leben gekommen ist. Rani war nach dem Verlust beider Söhne durch den Krieg schwer traumatisiert und depressiv. Aradpragasam nimmt sich viel Zeit fürs Erzählen. Nach Norden ist ein langsames, ein hoch reflektiertes, manchmal sogar philosophisches Buch. Es thematisiert einen wenig beachteten Konflikt, verknüpft ihn mit einer ungewöhnlichen Liebesgeschichte und ist von großer sprachlicher Schönheit. 2021 stand es völlig verdient auf der Shortlist zum Booker Prize.

 

Leïla Slimani - Schaut, wie wir tanzenLeïla Slimani – Schaut, wie wir tanzen

Der zweite Teil der autobiografischen Trilogie von Leïla Slimani schließt locker an Das Land der Anderen an. Die Tochter Aïcha studiert nun Medizin im Elsass, es sind die späten 1960er Jahre und auch in Marokko verlangt die Jugend nach mehr Freiheiten, nach dem Lösen alter Fesseln und einem neuen Zusammenleben der Geschlechter. Zumindest die gebildete Elite, die Studenten, die sich an den Westen und die alte Kolonialmacht Frankreich orientierenden Bevölkerungskreise. Sowohl die häufig noch bitterarme, traditionell orientierte Landbevölerung als auch das autoritäre Regime unter König Hassan II sehen das mit Argwohn. In ein Land unterdrückter Proteste, in das aber Hippies aus aller Welt auf der Suche nach freiem Leben pilgern, kehrt Aïcha zurück, zu ihren Eltern, die sich weitgehend entfremdet haben, zu ihrem orientierungslosen Bruder Selim, zu ihrer sich prostituierenden Tante Selma und dem beim Geheimdienst arbeitenden Onkel Omar. Eine zerrissene Welt. Leïla Slimani gelingt wieder ein atmosphärisch dichtes, mitreißendes Porträt ihrer Familie und des Landes. Unbedingt lesenswert!

 

Mathijs Deen - Der HolländerMathijs Deen – Der Holländer

Mathijs Deen wählt einen eher ungewöhnlichen Ort für seinen Kriminalroman – das Wattenmeer. Hier im deutsch-niederländischen Grenzgebiet wird ein in Fachkreisen sehr bekannter Wattwanderer tot auf einer Sandbank aufgefunden. Der niederländische Grenzschutz, genauer die kurz vor der Pension stehende Geeske Dobbenga, findet den Leichnam und relativ bald kommen Steitigkeiten zwischen den niederländischen und deutschen Behörden auf, wer für den Toten zuständig ist. Die deutsche Polizei hat dafür den idealen Beamten: Liewe Cupido, zweisprachig auf Texel aufgewachsen, übernimmt den Fall, bei dem zunächst von einem tragischen Unfall ausgegangen wird. Klaus Smyrna war mit seinem Kollegen Peter Lattewitz vom ostfriesischen Festland aus auf dem Weg durchs Watt nach Borkum. Eine äußerst schwierige, fast unmögliche Wanderung, für die ganz bestimmte Bedingungen wie Nipptide, strammer Ostwind und ein spezieller Luftdruck herrschen müssen. Und die dennoch gefährlich ist. Der sonst meist Dritte im Wanderbunde, Aron Reinhold, befand sich gerade mit seiner Frau Maria in England und konnte deshalb an dieser spektakulären Wanderung nicht teilnehmen.

Laut Aussage von Peter verschwand Klaus plötzlich bei der Durchquerung eines Priels und wurde von der Strömung mitgerissen. Aber der Fundort der Leiche passt nicht zu den Strömungsverhältnissen dieses Teils der Nordsee. Außerdem weist Klaus eine Wunde am Kopf auf. Als die Obduktion schließlich ergibt, dass der Tote nicht ertrunken sondern erstickt ist, vermutet man zunächst einen akuten Asthmaanfall. Aber der nach dem tragischen Tod seiner Frau Helen bei einem Segelausflug zu psychotischen Schüben neigende Peter macht sich verdächtig, hatte bei der Wanderung merkwürdige Erscheinungen. Liewe Cupido ermittelt ruhig und unaufgeregt. Er ist wortkarg, aber auch empathisch und nähert sich beharrlich der dann doch etwas sehr konstruierten Auflösung. Dennoch ist Der Holländer wegen seiner atmosphärisch stark geschilderten Kulisse und dem sehr ruhigen, fast entschleunigenden Tempo eine Empfehlung für einen etwas anderen Kriminalroman.

 

Daniela Dröscher - Lügen über meine MutterDaniela Dröscher – Lügen über meine Mutter

Ich habe den Klappentext und eine Leseprobe dieses für den Deutschen Buchpreis 2022 auf der Shortlist platzierten Romans gelesen und auf verschiedenen Veranstaltungen eine sehr sympathische Autorin Daniela Dröscher erlebt. Ich war mir sicher, dass ich dieses Buch lieben würde. Und doch fällt mein Fazit leider nicht so ganz positiv aus. Die Geschichte einer recht unglücklichen Kindheit in einer dysfunktionalen Familie der 1980er Jahre, eines mit einer toxischen Männlichkeit gesegneten Vaters, der das Übergewicht seiner Frau nicht nur nicht akzeptiert, sondern es zum Grund für seine berufliche Mittelmäßigkeit und sein gesellschaftliches Scheitern macht, und eine Mutter, die zwar sehr darunter leidet, aber nicht zerbricht, ist nicht nur sehr autobiografisch gefärbt, sondern von der Konstellation her sehr interessant. Der fast manische Aufstiegswillen des Bauernsohns, der durch Hausbau, Tennisverein und schickes Auto Anschluss an die gehobenen Kreise sucht, dessen völlig danebengehende Selbsteinschätzung und herablassende Verachtung seiner Frau und deren aus Schlesien stammender Familie – das hätte genauso spannend sein können wie der Konflikt der zu Beginn sechs, später zehn Jahre alten Tochter, die ihre Mutter zwar liebt, aber sich wegen deren (vom Vater vielleicht nur eingeredeten) Leibesfülle schämt. Leider entsteht daraus kein wirklich packender Roman.

Das Erzählte bleibt trotz aller Tragik seltsam oberflächlich, oft redundant und vor allem die Figuren sind bedauernswert eindimensional gezeichnet. Besonders der Vater erscheint oft wie ein Abziehbild. Das Ganze wird durch die Hörbuchfassung, die ich überwiegend gehört habe, womöglich intensiviert. Die Sprecherin Sandra Voss, die den Figuren einen eigenen Klang geben will und damit deren Schablonenhaftigkeit extrem unterstreicht – Vater pausenlos aggressiv, Tochter kleinlaut, Mutter unterdrückt etc. – , tut dem Text damit keinen Gefallen. Schade, in der Geschichte stecken viele spannende Themen. Die Umsetzung konnte mich leider nicht richtig abholen. Auch die zwischengeschobenen essayistischen Abschnitte, in denen die Erzählerin von heute analysierend zurückblickt, empfand ich als eher banal und störend. Es gibt dennoch eine Lese-, aber keine Hörempfehlung.

 

Nathan Harris - DIE SÜSSE VON WASSERNathan Harris – Die Süße des Wassers

Dies ist eine der Buchüberraschungen des Jahres für mich. Ein historischer Roman aus der Zeit der Sklavenbefreiung nach der Niederlage der Konföderierten 1865, der Debütroman eines jungen texanischen Autors (Jahrgang 1991), der zwar in den USA viel beachtet wurde (Longlist Booker Prize und Dylan Thomas Prize, New York Times Bestsellerliste), hier in Deutschland bisher aber unter dem Radar der meisten Feuilletons und des breiten Publikums blieb, entwickelte sich zu einem der von mir am liebsten gelesenen Bücher 2022. Wie der “Observer” so schön schrieb, “Ein herausragender, poetischer Roman, der einer vermeintlich auserzählten geschichtlichen Epoche neues Leben verleiht.”

Die Geschichte von zwei freigelassenen jungen Schwarzen in den Wirren des endenden amerikanischen Bürgerkriegs, eines Weißen Farmers in Georgia, der diese bei sich arbeiten lässt, und wie nicht nur Rassenhass, sondern auch Homophobie und toxische Männlichkeit einem im historischen Zusammenhang fast utopistisch anmutenden Lebensentwurf den Garaus machen, ist nicht nur ungemein erhellend, sondern auch eine ganz besondere Lesefreude. Eine dem Buch vorangestellte Rechtfertigung des Verlags zu verwendeten diskriminierenden und eindeutig rassistischen Begriffen und Szenen erscheint mir im Zusammenhang mit dem Thema völlig überflüssig, muss aber anscheinend mittlerweile so sein und hält hoffentlich nicht von der Lektüre des Buches ab. Der Rassenhass in den USA hat eine ganz spezifische Geschichte, jenseits des Fremdenhasses, der leider überall tobt. Sie sich noch einmal zu vergegenwärtigen, bietet Die Süße des Wassers eine gute Gelegenheit.

 

Tillie Olsen - Ich steh hier und bügleTillie Olsen – Ich steh hier und bügle

Vier schmale Erzählungen sind neben dem großen essayistischen Werk Was fehlt. Unterdrückte Stimmen in der Literatur von der 1912 geborenen und 2007 gestorbenen US-Amerikanerin Tillie Olsen nun auf Deutsch veröffentlicht. Schon sehr früh politisch und gewerkschaftlich engagiert und mit Texten über Arbeiterleben und soziale Gerechtigkeit erfolgreich, kam der jungen Schriftstellerin, wie man so schön sagt, das Leben in die Quere. Zwei Ehen, vier Töchter, der Zwang, schlecht bezahlte Jobs anzunehmen, führten dazu, das Olsen lange Zeit nicht schriftellerisch tätig war und ihr Werk recht überschaubar ist. In ihren Stories Ich steh hier und bügle, erzählt sie von Mutterschaft und Frausein, über Ehe, Enttäuschungen und Altern, Diskriminierung und Unterdrückung. Sie macht das formal so originell und vielseitig und so modern, dass die Lektüre der 1961 zuerst veröffentlichten Erzählungen immer noch sehr aktuell anmutet.

 

Tara June Winch - Wie rote ErdeTara June Winch – Wie rote Erde

Tara June Winch ist eine Aboriginal Wiradjuri-Autorin, die in Paris lebt und mit Wie rote Erde ein Buch (auch) über die Sprache und Traditionen der Wiradjuri geschrieben hat. Die in London jobbende August kehrt zur Beerdigung ihres Großvaters in ihr kleines Heimadorf Massacre Plains in New South Wales zurück, um ihrer Großmutter beizustehen. Sie und ihre Schwester sind bei den Großeltern aufgewachsen, die Mutter war damals schon drogenabhängig und sitzt nun im Gefängnis. Die Rückkehr und der Versuch, die Vertreibung der Großmutter aus ihrem Haus durch eine Zinnminengesellschaft zu verhindern, bilden die eine Erzählebene. In einer zweiten Ebene werden Wörter der Wiradjuri-Sprache übersetzt und mit kurzen Geschichten und Beschreibungen der Landschaft, Tier- und Pflanzenwelt ergänzt. Eine dritte Ebene bildet der lange Brief eines Missionars von 1915, der den brutalen Umgang der Kolonialmächte mit den Aboriginal Australiens anprangerte, ohne seine eigene Position tiefer zu durchdenken. Das Verschwinden von Augusts Schwester als Jugendliche ist ein Familiengeheimnis, das schließlich auch aufgedeckt wird. Wie rote Erde ist ein aufschlussreiches, spannendes Buch, das ich sehr gern gelesen habe.

 

Dörte Hansen - Zur SeeDörte Hansen – Zur See

Schließlich habe ich noch Dörte Hansens Bestseller Zur See im Dezember gelesen. Ihr zutiefst menschliches Buch über die Menschen auf einer kleinen Nordseeinsel ist melancholischer als ihre beiden Bestseller Altes Land und Mittagsstunde, weniger lustig. Sehr gern gelesen habe ich es aber trotzdem. Es hat leisen Humor, unvergessliche Figuren und viele Einsichten. Ich werde es demnächst ausführlich vorstellen.

 

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Schließen möchte ich meinen Überblick zur Lektüre im Dezember 2022 mit einem kleinen  Blick auf die Statistik. Ich habe insgesamt 110 Bücher überwiegend gelesen, hin und wieder gehört, gerne auch in Kombination. 65 davon stammen von Autor:innen, gut ein Drittel davon haben mir sehr gut bis hervorragend gefallen. Totalausfälle waren wenige dabei, nur ein Buch habe ich abgebrochen. Die allermeisten Titel haben es zu einer Rezension hier auf dem Blog geschafft.

Neben zwei Buchmessen und der Literaturtagung in Lech habe ich zwanzig Lesungen, überwiegend in Frankfurt am Main besucht, mir etliche Bücher signieren lassen, nette Gespräche mit Autor:innen geführt und viele, viele Büchermenschen getroffen. Es war ein anregendes, bereicherndes, ausfüllendes Bücherjahr 2022. Vielen Dank dafür!

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Nun wünsche ich euch ein tolles neues Jahr mit ganz viel guter Lektüre und auch sonst vielen schönen Momenten. Schön, dass ihr da seid!

 

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Leïla Slimani – Schaut wie wir tanzen https://literaturreich.de/2022/12/23/leila-slimani-schaut-wie-wir-tanzen/ https://literaturreich.de/2022/12/23/leila-slimani-schaut-wie-wir-tanzen/#respond Fri, 23 Dec 2022 12:25:57 +0000 https://literaturreich.de/?p=15823 Schaut wie wir tanzen ist der zweite Teil einer autobiografischen Trilogie, in der die französische Bestsellerautorin Leïla Slimani angelehnt an ihre eigene marokkanisch-französische Familie einen großen Bogen von der Nachkriegszeit bis in die Gegenwart schlägt.… Mehr

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Schaut wie wir tanzen ist der zweite Teil einer autobiografischen Trilogie, in der die französische Bestsellerautorin Leïla Slimani angelehnt an ihre eigene marokkanisch-französische Familie einen großen Bogen von der Nachkriegszeit bis in die Gegenwart schlägt. Anders als in ihren frühen, eher knappen, lakonischen Romanen, erzählt sie hier eher konventionell, auktorial und episch. Das ist aber auf seine Weise ebenso mitreißend und spannend.

Im ersten Teil der Trilogie, Das Land der Anderen, dreht sich das Erzählte hauptsächlich um die Großeltern, die Elsässerin Mathilde und den im französischen Kriegsdienst stehende Marokkaner Amine Belhaj, die sich in Frankreich kennenlernen, verlieben und heiraten. Was für die junge, lebenslustige Frau als großes Abenteuer beginnt, nämlich mit ihrem Mann nach Marokko zu gehen, um dort eine Farm zu führen, zeigt sich bald als schwieriges Unterfangen. Sind die Mentalitäten doch so verschieden, dass sie zur Belastung der Ehe werden, muss sich Mathilde doch immer wieder gegen die patriarchalen Strukturen durchsetzen. Aber auch wenn Amine seine Frau bald betrügt, oft nicht versteht und ihr so manche Hindernisse in den Weg gestellt werden – die Liebe trägt.

Die Beiden bekommen zwei Kinder, die aufgeweckte Aïcha und den verwöhnten Selim, die nun im zweiten Teil Schaut wie wir tanzen von Leïla Slimani in den Mittelpunkt gerückt werden. Das Buch beginnt 1968, dem schon legendären Jahr des Aufbruchs. Nicht nur in den europäischen Metropolen streben die jungen Menschen nach mehr Freiheit, weniger Konventionen, mehr Mitbestimmung, konsumieren sie Drogen und suchen neue Formen des Zusammenlebens. Während sich vor allem die marokkanische Elite diesem neuen Zeitgeist hingibt, Feste feiert, Alkohol trinkt, sich europäisch kleidet und ihren Wohlstand zur Schau stellt, sind große Teile der Bevölkerung vor allem auf dem Land bitterarm und den alten Traditionen verhaftet. Aber auch das Regime unter König Hassan II sieht diese Freiheitsbestrebungen mit Argwohn. Bereits 1965 ließ er Studentenproteste blutig niederschlagen. Und äußerte den auch von Leïla Slimani in Schaut wie wir tanzen zitierten Satz:

“Gestatten Sie mir, Ihnen zu sagen, dass es für den Staat keine größere Gefahr gibt als einen sogenannten Intellektuellen. Es wäre besser gewesen, wenn Sie alle Analphabeten wären.”

Marokko Landwirtschaft
Landwirtschaft Marokko by Christophe Guilloux / CC BY-SA 3.0 via Flickr
Neue Freiheit

1968 beendet Aïcha gerade ihr Medizinstudium in Straßburg und kehrt nach Marokko zurück. Sie verbringt viel Zeit mit ihren liberalen Freunden Monette und Henri. Über sie lernt sie auch den Wirtschaftsstudenten Mehdi kennen, wegen seines großen Ernstes und Eifers Karl Marx genannt. Die beiden verlieben sich und werden später heiraten. Sie sind die Alter Egos von Slimanis eigenen Eltern. Mit der Geburt ihrer kleinen Tochter endet das Buch. Und hier kommen sich auch Mathilde und Amine wieder näher.

Zuvor werden wir Zeug:innen ständiger Konflikte zwischen den beiden. Das beginnt in der Eingangsszene, als Amine endlich dem Drängen seiner Frau nachgibt und einen Swimmingpool bauen lässt. Trotz ausgedehnter Ländereien wählt er dafür aber Mathildes geliebten, üppigen Garten. Den Baumaßnahmen fällt auch der Zitrangenbaum zum Opfer, im ersten Teil der Trilogie Symbol für das Gefühl, nirgends hundertprozentig dazuzugehören. Amines subtile Rache für die dekadente Verschwendung, die ein Pool in seinen Augen darstellt. Und gleichzeitig auch ein Symbol für die Spannungen, die auch im Land herrschen zwischen westlich orientierten Liberalen und dem Islam verbundenen Bevölkerungskreisen. Moderne kontra Tradition, Demokratiebestrebungen kontra Monarchie. 1969 bekommt natürlich auch die Mondlandung einen Platz.

Dichtes Sittenbild

Leïla Slimani zeichnet mit Schaut wie wir tanzen ein atmosphärisch dichtes Sittenbild. Besonders die jungen Leute streben nach Selbstbestimmung, wollen die Fesseln ihrer Eltern lösen, eine eigene Identität finden. Gerade die Frauen stoßen dabei immer wieder an Grenzen. Und auch Aïcha erfährt das Dilemma, als Gynäkologin und Ehefrau, später Mutter, immer in einem auch heute noch aktuellen Dilemma zu stecken. So schnell stürzt man nicht das Patriarchat.

Auch wenn der Fokus auf der Generation von Aïcha liegt – ihr Bruder Selim erhält deutlich weniger Platz, sein „Ausflug“ mit westlichen Hippies, die zuhauf in Marokko einfallen und vor allem im südwestlichen Küstenort Essaouira eine richtige Kolonie errichten, und seine Drogenerfahrungen seziert Slimani mit einer gehörigen Portion Spott -, begegnen wir auch anderen, aus Das Land der Anderen bekannten Figuren. Zum Beispiel dem Bruder Amines, Omar, der sich dem marokkanischen Geheimdienst verschrieben hat, seiner Schwester Selma, die ihre Freiheit als Edelprostituierte sucht, und vielen anderen. Am Beginn von Schaut wie wir tanzen hat Leïla Slimani ein ausführliches Personenverzeichnis beigefügt.

Dicht und lebendig, in klarer Sprache und trotz der Fülle leichthändig verknüpft die Autorin eine ganz persönliche Familiengeschichte mit politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen. Auf den dritten Teil freue ich mich schon heute.

 

Weitere Besprechungen bei Sandra Falke und Bücheratlas

 

Beitragsbild: Rabat by Heesham Tahoune, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

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Leïla Slimani - Schaut, wie wir tanzen.

Leïla Slimani – Schaut wie wir tanzen
Aus dem Französischen von Amelie Thoma
Hardcover mit Schutzumschlag, 384 Seiten, € 22,00

 

 

 

 

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