Jean-Paul Dubois – Jeder von uns bewohnt die Welt auf seine Weise

Jean-Paul Dubois hat 2019 den französischen Prix Goncourt mit einem sehr amerikanischen Roman gewonnen. Der 1950 in Toulouse geborene Dubois war ab 1984 zwanzig Jahre lang Amerikabeobachter für das französische Nachrichtenmagazin Le nouvel observateur und bezeichnet sich selbst als großer Verehrer von amerikanischen Autoren wie Philip Roth und John Updike. Aber nicht nur die stilistische Nähe macht „Jeder von uns bewohnt die Welt auf seine Weise“ zu einem „amerikanischen“ Roman, Jean-Paul Dubois wählt als einen zentralen Handlungsort den nordamerikanischen Kontinent. Dort, im Bordeaux-Gefängnis in Montréal, Québec, Kanada, sitzt sein Ich-Erzähler eine Haftstrafe ab. Weiterlesen „Jean-Paul Dubois – Jeder von uns bewohnt die Welt auf seine Weise“

Valentin Moritz – Kein Held

Der Badische Landwirtschafts-Verlag veröffentlicht neben der Bauern-Zeitung und dem jährlichen Bauern-Kalender nur eine Handvoll Bücher mit regionalem Bezug, ist mir also (nicht verwunderlich) bisher völlig unbekannt geblieben. Im Frühjahr 2020 erschien ein Roman, der zwar auch im Badischen verortet ist, aber doch weit über das rein Regionale hinausweist und eine schöne, liebevolle Generationengeschichte erzählt: Kein Held von Valentin Moritz.

Der 1987 im südbadischen Niederdrossenbach geborene Autor lebt schon seit langem in Berlin. In jungen Jahren galt es, so bald wie möglich raus aus dem Dorf zu kommen, raus aus der ländlichen Enge. Er studierte in Berlin Literaturwissenschaften und lebt seitdem dort. Der Kontakt zu seiner badischen Heimat riss dadurch aber nicht ab. Regelmäßig traf sich dort die Großfamilie rund um dem Großvater Josef Mutter, dessen neun Kinder, fast vierzig Enkel und mittlerweile auch Urenkel. Großmutter Erna starb bereits 1989, mitten in ihrem Bauerngarten. Auf dem Fest zu seinem 90. Geburtstag sprach Josef seinen schreibenden Enkel an. Er hätte da einige Geschichten, die noch erzählt werden müssten, nicht vergessen werden dürften. Und Valentin kenne sich da doch aus. Weiterlesen „Valentin Moritz – Kein Held“

Seweryna Szmaglewska – Die Frauen von Birkenau

Seweryna Szmaglewska war 26 Jahre alt, als sie am 18. Juli 1942 in ihrer Heimatstadt Piotrków Trybunalski verhaftet wurde. Grund dafür war nicht die Untergrundarbeit, die die junge Warschauer Soziologiestudentin für den polnischen Widerstand leistete, sondern die tragische Fehleinschätzung eines deutschen SS-Mannes, der das Geraderücken ihrer Brille in der Öffentlichkeit als ein geheimes Signal interpretierte. Zur Zeit der deutschen Besatzung Anlass genug für eine Internierung. Seweryna Szmaglewska wurde im Oktober nach Auschwitz-Birkenau deportiert und verbrachte dort, bis sie im Januar 1945 bei der Liquidierung des Lagers fliehen konnte, unglaubliche 30 Monate als politische Gefangene. Sie begann sogleich mit der Niederschrift ihrer Erinnerungen, die sie in Polen zu einer bekannten Autorin machten und zu einer der Zeuginnen bei den Nürnberger Prozessen. Übersetzungen in zehn Sprachen folgten, Deutsch war nicht darunter. Erst jetzt, 75 Jahre später, erscheinen die Aufzeichnungen von Seweryna Szmaglewska im Schöffling Verlag unter dem Titel Die Frauen von Birkenau. Weiterlesen „Seweryna Szmaglewska – Die Frauen von Birkenau“

Andreas Schäfer – Das Gartenzimmer

Romane, in deren Zentrum ein Haus steht, sind so selten nicht. Ich denke da beispielsweise an das großartige „Heimsuchung“ von Jenny Erpenbeck. Und selbst solche, in denen die Erzählstimme selbst zumindest teilweise von einem Haus übernommen wird, gibt es bereits (u.a. „Heimflug“ von Brittany Sonnenberg). Auch der 1969 geborene Autor Andreas Schäfer wählt für seinen neuen Roman „Das Gartenzimmer“ eine 1909 erbaute Villa im Südosten Berlins, man könnte Dahlem vermuten, als Mittelpunkt. Die Straße, in der sie Schäfer platziert ist genauso fiktiv wie ihr junger Architekt Max Taubert, dessen Erstlingswerk sie ist, und die Bewohner. Aber dennoch gibt es Vorbilder aus der realen Welt. Weiterlesen „Andreas Schäfer – Das Gartenzimmer“

Colum McCann – Apeirogon

Apeirogon – der Titel des neuen Romans von Colum McCann bezeichnet eine geometrische Figur, die eine zählbar unendliche Menge an Seiten besitzt. Dies ist aber nicht die einzige mathematische Metapher, die der Autor verwendet, so kommen verschiedene Male auch die „befreundeten Zahlen“ vor, die jeweils gleich der Summe der echten Teiler der anderen Zahl sind (z.B. 220 und 284), das Apeirogon ist aber Programm. Weiterlesen „Colum McCann – Apeirogon“

Lily King – Writers & Lovers

Darf man einer Autorin vorwerfen, offensichtlich alles richtig gemacht zu haben? Ist es kritikwürdig, dass im neuen Roman von Lily King alles zu gut passt, er den Leserinnen zu sehr aus der Seele spricht, zu sehr gewisse Erwartungen erfüllt? Writers & Lovers ist nach eigener Aussage der „Roman, den ich als Zwanzig- und Dreißigjährige so schmerzlich vermisst hatte“, den Lily King vor dreißig Jahren selbst gerne gelesen hätte. Und da sich die Zeiten in manchen Dingen leider so wenig geändert haben, ist es wohl auch der Roman, den heute viele (nicht nur Zwanzig- und Dreißigjährige) gerne lesen möchten. Weiterlesen „Lily King – Writers & Lovers“

Lektüre Juli 2020

Ein Sommer ohne Urlaubsreise – bedeutet das nun mehr oder weniger Zeit für die Lektüre im Juli 2020? Keine Ahnung, wieviel ich in einem normalen Familienurlaub geschafft hätte, so wurden es immerhin 2355 Seiten, acht Bücher und ein Hörbuch. Der hochgelobte Roman von Lily King Writers & Lovers war der einzige, der hinter meinen Erwartungen doch ziemlich weit zurückblieb. Ansonsten alles 100% Leseempfehlungen und zwei Highlights, die über den Monat hinausragen: Lejla Kalamujić mit ihrem Roman Nennt mich Esteban und Colum McCann mit Apeirogon. Weiterlesen „Lektüre Juli 2020“

Zora del Buono – Die Marschallin

Zora del Buono schreibt über Zora Del Buono. Dabei ist die Groß- bzw. Kleinschreibung in der Mitte des Namens von Bedeutung. Denn die Großmutter Zora Del Buono, deren Lebensgeschichte die Schweizer Autorin des gleichen Namens vor ihrem Lesepublikum ausbreitet, die titelgebende „Marschallin“, ist überzeugte Kommunistin und jeder Adelsdünkel ihr, zumindest offiziell, ein Gräuel.

Nach einem kurzen Prolog beginnt der Roman 1919 in einem kleinen Dorf im Nordwesten Sloweniens, Bovec. Hier am Grenzfluss Isonzo ((italienisch), Soča (slowenisch), Sontig (deutsch), Lusinç (friaulisch) – je nach aktuellem Besatzer), fand die letzte von insgesamt zwölf Isonzoschlachten im Ersten Weltkrieg statt. Dank Einsatz von Giftgas konnten die Österreicher mit Unterstützung der Deutschen die Italienischen Truppen zurückdrängen. Die Schlachten forderten Hunderttausende an Toten und formten dieses Grenzgebiet nachhaltig. Weiterlesen „Zora del Buono – Die Marschallin“

Common Ground – Literatur aus Südosteuropa

Literatur aus Südosteuropa ist für viele Leser*innen, unter anderem auch für mich, relatives Neuland. Eine Handvoll Autor*innen fallen einem da vielleicht ein, Ismail Kadare aus Albanien; der in Bosnien-Herzegowina geborene und in Serbien verstorbene Literaturnobelpreisträger Ivo Andrić oder Danilo Kiš. In jüngerer Zeit haben der Rumäne Mircea Cărtărescu,  Drago Jančar aus Slowenien oder Ivana Sajko aus Kroatien mit Veröffentlichungen in Deutschland auf sich aufmerksam gemacht. In meinem Bücherregal stehen noch Aleksandar Tišma, Jurica Pavičić und Miljenko Jergović, letzterer ein bosnischer Autor, der aber auf Kroatisch schreibt. 14 Länder, 10 Sprachen – das Projekt Common Ground möchte die Literatur aus Südosteuropa für deutsche Leser*innen zugänglicher machen. Weiterlesen „Common Ground – Literatur aus Südosteuropa“

Petina Gappah – Im Herzen des Goldenen Dreiecks

Im vergangenen Jahr gehörte der neue Roman von Petina Gappah, Aus der Dunkelheit strahlendes Licht, der von Tod und Überführung des Afrikaforsches David Livingston erzählte, zu meinen Lese-Highlights, jetzt veröffentlicht der Arche Verlag den Erstling der Autorin von 2009, den Erzählungsband Im Herzen des Goldenen Dreiecks. Weiterlesen „Petina Gappah – Im Herzen des Goldenen Dreiecks“